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Das Ende der ­Republik

Anmerkungen zu Shakespeares „Julius Cäsar“: Auch heute bleiben seine politischen Dramen relevant. Von Hajj Abdallah Luongo

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Foto: Michael Vadon, via flickr | Lizenz: CC BY 2.0

„Bis zur Vollführung einer furchtbar’n Tat. Vom ersten Antrieb, ist die Zwischenzeit. Wie ein Phantom, ein grauenvoller Traum.“ (Brutus, „Julius Cäsar“)

(iz). Wir hören Brutus, wie er persönlich den bevorstehenden Mord Cäsars bedenkt; in dem, was als ein Präventivschlag gegen einen Möchtegerntyrannen erkennbar. Cäsar ist de facto – bis auf den Namen – ein König. Und doch erfahren wir, dass er „drei Mal die Krone verweigerte“.

Für Brutus handelt es sich beim Handeln gegen Caesar nicht um einen Fall, in dem jemand das Tun einer Sache rechtfertigen muss. Er ist eindeutig von seinem ideologischen und moralischen Rang überzeugt.

Anders als Hamlet – der zweideutig spricht, während die vor ihm stehende Aufgabe die Grenzen des für ihn Erträglichen erreicht – steht Brutus vor keinem vergleichbaren Dilemma. Er steht ­vielmehr vor einem unnachgiebigen Stolz, in der öffentlichen Person eines Verteidigers der Römischen Republik zu sein. Das sind erhabene und edle Ideale, für die andere sterben müssen. Er ist ein möchtegernstoischer und in jedem Teil ein moderner Mann der politischen ­Klasse. Und so ist es überhaupt nicht überraschend, dass Robespierre, Frankreichs berühmter erster Bürger, so eingenommen von diesem gefeierten Charakter war.

Markus Antonius war Julius Cäsars freund und steht im Widerspruch, während er Brutus um die Erlaubnis zu sprechen erbittet. In der schlagkräftigsten und wirksamsten politischen Rede wendet er die Welle der Unterstützung für die „Befreier“ gegen diese. Antonius wurde beschuldigt, ein ehrgeiziger Machiavellist zu sein, der die Begräbnisrede über Cäsar nutzt, um „des Krieges Hund‘“ zu entfesseln (Akt III, Szene 1), während er die Trommel des explosiven Leitmotivs schlägt: „Und Brutus ist ein Ehrenmann.“ (Akt III, Szene 2) Solange, bis die Bevölkerung zur Wut gegen Brutus und seiner Mitverschwörer angestachelt wird, die sie noch bis vor wenigen ­Minuten feierte.

Mit Robespierre haben wir die Schlüsselfigur der Französischen Revolution. Er sah sich selbst in der führenden Rolle des bekannten römischen Patriziers. War er nicht auch ein züchtiger Ehrenmann – prinzipientreu und tugendhaft? Und nahm er sich nicht der unangreifbaren Prinzipien von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit an, auf denen die Französische Republik steht? Er tat das mit solch einer leidenschaftlichen Verehrung, dass abertausende Franzosen für das ­sterben mussten, an was er glaubte.

Brutus war – wie Richard II. – ein Spiegel-Gucker. Richard gefiel nicht, was er darin sah. Denn in der berühmten Aneignungs-Szene, als er einen Spiegel verlangte, sah er noch wie ein König aus: „Oh, schmeichelhaftes Glas!“ (Richard II., Akt IV, Szene 1) Darin erkannte er, dass es vollkommen falsch war, und zerschlug den Spiegel. Er wurde entthront; zuerst von Bollingbroke, und dann durch seinen eigenen Willen, als er gewaltsam „die beiden Körper des Königs“ teilte, indem er die öffentliche Gestalt des ­Monarchen in tausend Glasscherben zersplittern ließ.

Brutus – andererseits – gefiel, was er sah. Daher, wenn Cassius „sagt, Brutus, könnt Ihr Euer Antlitz sehn?“ (Akt 1, Szene 2) fragt, beantwortet Brutus seine Frage, indem er festhält, dass man sich nur in seiner eigenen Reflexion erkennen könne. Cassius hat ihn – während die anderen Verschwörer einfach versichert waren, Handelskonzessionen zu sichern und politische Gefälligkeiten zu wahren. Brutus wird von seiner tief verwurzelten Rechtschaffenheit, die von den hoch gesinnten demokratischen Prinzipien der Republik unterstützt werden, festgehalten.

Brutus blickt in den metaphorischen Spiegel, der ihm von Cassius vorgehalten wird, während letzter spricht: „Ich, Euer Spiegel, Euch bescheidentlich Von Euch entdecken, was Ihr noch nicht wißt.“ Ihm (anders als Richard II.) gefällt, was er sieht. Man kann spüren, dass Brutus sich selbst im Privaten beschaut, um sein einwandfreies öffentliches Bild zu sehen.

Der berühmte politische Philosoph und Journalist Marat legte die pragmatischen Modalitäten der Revolution an den Tag. Seine nur kaum verhüllte Verachtung des Bürgers, den er in seinen Schriften glorreich feiert, macht klar, dass die Leute einfach nicht in der Lage sind, für so etwas wie ihre eigene Freiheit die Verantwortung zu übernehmen. Die Freiheit „des Volkes“ muss um jeden Preis verteidigt werden.

Sie wurde zu einer Frage der nationalen Sicherheit. Marat versicherte den Bürgern, dass die Gefahr überall war – ein virtueller „Alarmzustand“ –, und dass Konterrevolutionäre überall in jeder Ecke versteckt waren. Angeblich lauerten sie in den Schatten der Gesellschaft. Und, mehr noch, dass die einzige Gewährleistung des Schutzes von Freiheit die Säuberung des Staates von ihren Feinden sei. Wenn der Staatskörper infiziert war, dann bestand die Therapie darin, ihn ausbluten zu lassen.

Diese Feinde waren keine Bürger unter dem Schutz des Rechts, sondern Nicht-Bürger – entmenschlichte und geheime Feinde, deren bloße Existenz die Sicherheit der Nation gefährdeten. Jeder musste wachsam sein. Nachlässigkeit war gleichbedeutend mit Verrat. Verdacht warf seinen harten, kalten Blick auf jeden, der in seinen Blick geriet. Sie waren Gesetzlose, außerhalb des Rechts.

Daher funktionierte die Art und Weise des Umgangs mit ihnen unter der Regel des Ausnahmezustands. Sie hatten keinen Zugang zu einem rechtsstaatlichen Verfahren. Hier galten ihre, ansonsten unveräußerlichen Rechte, die bürgerlichen Freiheiten, nicht. Dieser Vorgang bricht nicht das Recht, vielmehr funktioniert er außerhalb von ihm im Rahmen des Ausnahmezustands. Der Terror der Französischen Revolution trieb die Maschinerie des modernen demokratischen Staates an. Dieser unterschrieb die Folter und Hinrichtung vieler tausend Franzosen im Namen der Freiheit.

Während wir wissen, dass Robespierre Brutus bewunderte, haben wir keinen solchen Beweis, dass Marat, der unerbittliche Flugblatt-Propagandist (das Massenmedium des achtzehnten Jahrhunderts) so vom knochigen Cassius begeistert war.

Shakespeares „Julius Cäsar“ bleibt ein wichtiges Stück, dass sehr relevant für die heutige Zeit ist. Cäsar stellt eine ­potenzielle Bedrohung für die eigentlichen Fundamente der Römischen ­Republik dar. Würde er König werden, würde dies „ihm einen Stachel“ verleihen, gegen den kein freier römischer Bürger gewappnet wäre. „Nicht, weil ich Cäsar weniger liebte, sondern weil ich Rom mehr liebte“ (Akt III, Szene 2) ist die Grundlage für Brutus’ Argument, als er akribisch dem Volk erklärt, warum es um dessentwillen, um des Gemeinwohls willen, geschah, dass Cäsar getötet werden musste. ­Genauer gesagt, spricht er von „geopfert“. „Wolltet ihr lieber, Cäsar lebte und ihr stürbet alle als Sklaven, als daß Cäsar tot ist, damit ihr alle lebet wie freie Männer?“

An einer früheren Stelle des Dramas (Akt II, Szene 1) hören wir Brutus, nachdem er sich geneigter zeigte, als Cassius ursprünglich dachte, über seine anstehende Handlung nachdenken: „Es muß durch seinen Tod geschehn. Ich habe für mein Teil keinen Grund, ihn wegzustoßen, als fürs gemeine Wohl. Er wünscht gekrönt zu sein: Wie seinen Sinn das ändern möchte, fragt sich.“ Am Ende des gleichen Nachdenkens schließt Brutus mit den Worten: „Drum achtet ihn gleich einem Schlangenei, das, ausgebrütet, giftig würde werden wie sein Geschlecht, und würgt ihn in der Schale!“

Cassius, besiegt von Antonius fähiger Armee, befielt seinem Sklaven, ihn zu ­erstechen, während er ausruft: „Cäsar, du bist gerächt, und mit demselben Schwert, das dich getötet.“ Brutus hat andererseits die Kräfte von Octavius besiegt, Julius Cäsars Großneffen und Erben, der nach Rom zurückkehrt, nachdem er von der Ermordung seines Onkels hörte. Als ­Brutus Cassius aber tot und dessen Armee verloren vorfindet, verliert er ebenfalls den Mut und stürzt sich in das Schwert seines Dieners Volumnius.

Als Markus Antonius den Leichnam von Brutus findet, kommentiert er die Szene: „Dies war der beste Römer unter allen: Denn jeder der Verschwornen, bis auf ihn, tat, was er tat, aus Mißgunst gegen Cäsar.“ (Akt V, Szene 5) Der junge Octavius (er war noch ein Teenager) behielt die Bestattung des Leichnams „mit allen Ehren und Riten“ und erklärte die Schlacht für beendet.

Nur die Gebildetsten unter Shakes­peares Publikum waren halbwegs mit der republikanischen Regierungsform – oder ihren viel früheren griechischen Vorläufern – vertraut. Für sie war Cäsars Mord ein Königsmord. Kein moderner Zuhörer (nach den Revolutionen in Amerika und Frankreich im späten 18. Jahrhundert) hat Brutus anders als in einem ­heroischen Licht gesehen – mit Cäsar als dem gefährlichen Diktator. Bemerkenswert daran ist, dass Shakespeare mit ­diesem politischen Drama ein Zeitalter vorgezeichnet hat, dessen Zeit noch nicht gekommen war.

Der Schlüssel zum Reichtum seiner Stücke ist die Sprache selbst, denn sie öffnet all die unzähligen Bedeutungen. Sein bemerkenswerter Genius besteht ­darin, wie er die Bühne vorbereitet und sich dann zurückhält, der Handlung eine demagogische oder ideologische Bedeutung aufzuzwingen. Infolgedessen entstehen immer neue thematische Ein­sichten und Charakterinterpretationen in jedem Zeitalter. Dies ist auch heute wahr, da wir uns dem Ende des Zeitalters der Republik nähern.

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