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Das Fasten entfesselt die Seele!

Muslimisches Denken und die Praxis: ­Antworten auf aktuelle Fragen und ­Heraus­forderungen. Von Abu Bakr Carberry

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Foto: The Eye in Islam

„Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen! Wenn die (Stunde) eintrifft, die eintreffen wird, gibt es niemanden, der ihr Eintreffen leugnen wird. Sie wird (manches) niedrig machen und (manches) erhöhen. Wenn die Erde heftig hin und her geschüttelt wird und die Berge völlig zermalmt werden und dann zu verstreutem Staub werden und ihr drei Arten (aufgeteilt) werdet: Die Gefährten von der rechten Seite – was sind die Gefährten von der rechten Seite? Und die Gefährten von der unheilvollen Seite – was sind die Gefährten von der unheilvollen Seite? Und die Vorausgeeilten, ja die Vorausgeeilten…“ (Al-Waqi’a, 1-11)

(iz). Ramadan ist das Entfesseln einer Seele voller Licht, die in der beschränkten Masse unseres Körpers gefangen ist, eingesperrt durch die Unterwerfung gegenüber dem täglichen Tun, bis irgendwann der Horizont unseres gewaltigen Lichts immer mehr vor unseren Augen verschwindet, durch Aktivität um Aktivität, Ablenkung um Ablenkung. Und so verschlingt uns der tägliche Strudel des Lebens und so sendet Allah in Seiner Gnade das Fasten zu uns herab, welches uns vorgeschrieben ist wie jenen, die vor uns waren. Es trifft uns wie ein Blitz oder ein Erdbeben, erschüttert dabei den Anschein der Stabilität und befreit somit die Seele, so wie es irgendwann der Tod ebenfalls schaffen wird. Es erlaubt unserer erhellten inneren Realität, sich zu intensivieren und es zerbricht und erschüttert die Stabilität unserer Selbst, sodass das Licht hindurchstrahlt. Ramadan macht all dies mit uns, jedoch wie?

Das Fasten und die ­soziale Verantwortung
Islam bedeutet Unterwerfung, und entstammt dem Imperativ. Er ist ein Name, der aus einer Verbform herrührt, die von uns verlangt, uns zu unterwerfen. Islam ist kein System. Er ist eine Weisheit, die mit Hingabe, Harmonie und Reinigung einhergeht, auf unserer Reise durch die Welt. Das Fasten ist ein Kernbestandteil dieser Lebensart. Im Murschid al Mu’in sagt Ibn ’Aschir, möge Allah zufrieden mit ihm sein: „Das Fasten ist verpflichtend im Monat Ramadan.“

Sodann fährt er damit fort, die Arten des Fastens, die in der Sunna festgelegt sind, zu benennen. Fasten ist die Enthaltsamkeit von Essen, Trinken und sexueller Aktivitäten. Um uns in richtiger Art und Weise zu enthalten, müssen wir zunächst das Gegenteil dessen beherrschen. Wir müssen also erst einmal wissen, wie man richtig isst, trinkt und Sexualität auslebt (in einem Zeitalter der weiterverbreiteten Pornographie ist Letzteres von enormer Bedeutung).

Essen hat subtile Eigenschaften – seine innewohnende Baraka, seine Erlaubtheit (halal) oder Verbotenheit (haram) durch die Art seiner Beschaffung sowie seine Nahrhaftigkeit. Das Essen und Trinken von Lebensmitteln stellt eine Lehre für sich dar: Vom Kauen hin zum Kombinieren bestimmter Lebensmittel; dem Wissen darum, wann und wie welche Dinge am besten verzehrt und wie sie zubereitet werden sollten, um Gesundheit und Geschmack zu maximieren. Sexuelle Aktivität basiert auf einem Verständnis der Verschiedenartigkeit der Natur von Männern und Frauen und der gegenseitigen sexuellen Erregung, ohne die man keine erfüllenden Beziehungen führen kann. Das Fasten ist die gewollte neunundzwanzig- oder dreißigtägige Enthaltsamkeit dieser Dinge vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung.

Die Gesundheit von Gemeinschaften war etwas, dem der Prophet Muhammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm, viel Zeit und Hinwendung schenkte. Daher gehört es zur Sunna, uns ebenso damit zu beschäftigen. Halal und Tayyib – also Vollwertigkeit – werden im Qur’an gemeinsam genannt und wir haben individuelle sowie gemeinsame Verantwortung als Gemeinschaften, die Gesundheit unserer Kinder, unserer Älteren und unsere eigene zu schützen.

Ibn ’Umar sagte, dass er den Gesandten Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden schenken, sagen hörte: „Ihr alle seid Hirten und jeder von euch ist verantwortlich für seine Herde. Ein Imam ist ein Hirte und er ist verantwortlich für jene, die in seiner Fürsorge stehen. Ein man ist ein Hirte im Bezug auf seine Familie und ist verantwortlich für jene, die in seiner Obhut sind. Die Frau ist eine Hirtin bezüglich des Hauses ihres Ehemanns und steht in Verantwortung zu jenen, um die sie sich kümmert. Der Diener ist ein Hirte im Bezug auf das Eigentum seines Herren und ist verantwortlich für das, was in seiner Obhut liegt. Ihr alle seid Hirten und jeder von euch ist verantwortlich für seine Herde.“ (Rijad al-Salihin, Imam Nawawi)

Ohne korrekte Führung wird das Streben nach Gesundheit in der muslimischen Gemeinschaft nie organisiert und beständig vollzogen werden können, somit ist dieses Versagen selbst ein Zeichen der Krankheit der Gemeinschaft. Eben diese Dinge anzugehen ist ein klarer Weg hin zu unabhängigen und gesunden Ökonomien innerhalb von Gemeinden und ein Mittel für die Muslime, weiteren Communities gesunde Dienstleistungen anzubieten. Die Absicht, etwas gegen diese Missstände zu tun ist in sich ’Ibada, Anbetung; sie zu diskutieren ist eine noch höhere Form dieser und sie konkret anzugehen erzielt die Belohnung für die ’Ibada all derer, die davon Nutzen ziehen. Es ist ein steiler Weg hin zu Allahs Wohlgefallen. Wir können jedoch nicht erhoffen, auf gesunde Weise einen feinen Grad an Spiritualität zu erreichen, ohne dabei den Feldweg, auf dem wir in dieser Welt schreiten, zu heilen.

„Ramadan wird durch die Sichtung des Mondes oder durch das Zählen von dreißig Tagen im vorangehenden Monat, noch vor seiner Beendigung, bestätigt. Die Verpflichtungen des Fastens sind, die Absicht in der Nacht zuvor zu fassen (in der malikitischen Madhab wird dabei die Absicht für den Ramadan vor dem Morgengrauen des ersten Tages gemacht, und dies für den gesamten Monat), das Unterlassen des Geschlechtsverkehrs, des Essens und Trinkens, das Vermeiden des absichtlichen sich Übergebens und die Vermeidung, dass irgend etwas den Magen erreicht, sei es durch Ohren, Augen oder Nase. Diese Regeln müssen vom Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang befolgt werden. Wer zu Beginn des Ramadan bei Verstand ist (nicht geisteskrank ist), ist verpflichtet, zu fasten. Wer Fastentage versäumt, muss sie nachholen. Die Menstruation der Frau verhindert ihr Fasten und die dadurch nicht gefasteten Tage müssen nachgeholt werden.“ (Murschid al-Mu’in, Ibn ’Aschir)

Die Sichtung des Mondes oder das Zählen der Tage des Scha’ban liegen in der Verantwortung der Gemeinschaft, wo auch immer sie sich befindet. Das Sichten und der Bericht darüber von vertrauenswürdigen Zeugen werden dann von der Führerschaft der Gemeinschaft bestätigt, sodann wird der Beginn des Ramadan verkündet. Ohne Führung können demnach die Sichtungen nicht beständig organisiert werden, noch können sie auf korrekte Weise bestätigt werden und der Beginn sowie das Ende des Monats so durchgeführt werden, wie es uns in der Sunna überliefert ist. Wie wir sehen, können weder Lebensmittel noch der Verzehr noch das Fasten gesund umgesetzt werden, wenn es keine Führung gibt.

Als Muslime tragen wir eine kollektive wie auch individuelle Verantwortung dafür, diese Themen anzusprechen. Unsere jährliche Diskussion um das genaue Datum des Ramadananfangs und des ’Eid verdeutlichen wie tiefgehend unsere Krankheit ist. Vielleicht können wir uns künftig, inscha’Allah, weiterentwickeln und darüber streiten, wie wir richtige Führung und gemeinschaftliche Verantwortung etablieren können. Der Mensch streitet, doch die Umsetzung von Tasawwuf ist die Unterlassung von Streitigkeiten durch die Unterwerfung unter jenes, was durch die Sunna klar definiert ist, ob es uns gefällt oder nicht. Diejenigen, die dazu in der Lage sind, sie sind die wahren Sufis.

Die gesundheitlichen Aspekte des Fastens
Das Fasten löst Entgiftung aus und gibt dem Verdauungssystem die Möglichkeit, sich selbst zu reparieren, vorausgesetzt wir stopfen und zum Iftar und Suhur nicht voll. Übermäßiges Essen stört die Entgiftung und hindert den Körper daran, seine Kanäle zu reinigen. Wegen der langen Tage ist der wichtigste Nährstoff Wasser. Wir müssen unseren Wassergehalt sicherstellen, damit der Körper sich reinigen kann. Ohne genügend Wasser hält der Darm an Fäkalien fest, um so viel Flüssigkeit aus ihnen herauszuholen, wie er kann. Deshalb ist Wasser auch oft die beste Lösung gegen Verstopfung.

Kopfschmerzen und Übelkeit zu Beginn des Ramadan sind ein Zeichen des Entgiftungsprozesses und damit dieser sich vollenden kann, müssen wir genügend Wasser trinken. Basilikumsamen, die über mindestens 12 Stunden in Wasser oder Apfelsaft eingeweicht werden, gemischt mit Zitrone und Honig, stellen ein hervorragendes, hydratisierendes Getränk für das Suhur dar. Sich vor und nach dem Essen ein wenig Meer- oder Steinsalz unter die Zunge zu legen ist gesundheitsfördernd und eine Sunna. Es in das Essen zu mischen ist ein gutes Mittel, um Krämpfe während des Fastens zu verhindern. Islam ist der Weg der Mitte – also sollte man weder zu viel noch zu wenig essen. Gemäß der Sunna sollten wir aufhören, bevor wir satt sind.

Der Liebesbeweis an den Propheten
Die Tage sind lang und die Nächte kurz, und somit ist das Fasten lang und die Erholung kurz. Dies macht das Fasten für unsere Körper schwieriger als wir es sonst erwarten würden. Wir sind verpflichtet, in einer solchen Zeit mit uns selbst sanft umzugehen, denn unser Körper ist ein anvertrautes Gut, er ist nicht unser Eigentum, mit dem wir tun und lassen können, was wir wollen. Was wir mit unserem Körper tun, oder ihm antun – wir werden dafür zur Rechenschaft gezogen. Deshalb sollte der Kranke besonders behutsam sein und sicherstellen, ob er diesem anvertrauten Gut durch das Fasten noch mehr Schaden zufügt, so sollte er medizinischen Rat suchen und diesen auch befolgen. Der Kranke und der Verrückte sind nicht verpflichtet, zu fasten. Und der Kranke, der dennoch fastet, obwohl er dadurch seine Gesundheit noch mehr gefährdet, ist Allah gegenüber ungehorsam. Frauen sind durch die Gnade Allahs während ihrer Menstruation vom Fasten befreit und es gibt keine Notwendigkeit, die Blutung zu manipulieren, um alle Tage fasten zu können.

Den Menschen die Dinge absichtlich zu erschweren ist ein Akt der Rebellion gegen die Sunna. Und uns selbst sowie anderen Schwierigkeiten aufzuerlegen und sie der Erleichterung vorzuziehen ist ein deutliches Zeichen für den Verlust von Weisheit.

„Zu euch ist nunmehr ein Gesandter aus euren eigenen Reihen gekommen. Bedrückend ist es für ihn, wenn ihr in Bedrängnis seid, (er ist) eifrig um euch bestrebt, zu den Gläubigen gnadenvoll und barmherzig. Wenn sie sich aber abkehren, dann sag: Meine Genüge ist Allah. Es gibt keinen Gott außer Ihm. Auf Ihn verlasse ich mich, und Er ist der Herr des gewaltigen Thrones.“ (At-Tauba, 128-129)

Ob spirituelle Erhöhung erreicht wird, liegt nun im Entschluss, welchen Weg man anzustreben gedenkt: den Weg der Gefährten von der rechten Seite; den Weg der Gefährten von der unheilvollen Seite; oder jenen der Vorausgeeilten, der Vorausgeeilten!

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