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Das Fasten ist ein Heilmittel gegen den Konsum

Der Mensch hat die Möglichkeit, sich über die materielle hin zur geistigen Welt zu erheben

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Foto: AU UN IST PHOTO / ILYAS A. ABUKAR

„Was ist der Mensch, wenn seiner Zeit Gewinn, sein höchstes Gut nur Schlaf und Essen ist? Ein Vieh, nichts weiter.“ Shakespeare

(iz). Während Millionen Menschen von Stress, Sorgen und Ängsten geplagt werden, wäre es ein Verbrechen an der Menschlichkeit, das Mittel zu verbergen, welches zur Befreiung dieser Zustände führt. Ein Arzt, der im Flugzeug seine Kenntnisse verbirgt, aus Angst davor, für einen Betrüger gehalten und beleidigt zu werden, macht sich strafbar. Während eines Gespräches während der Aktion „Gestatten, Muslim“ stellte ein Bürger einem Muslim die folgende Frage: „Wo wart ihr so lange?“

Und ja, wir Muslime müssen uns diese Frage stellen. Wo waren wir so lange? Warum unsere Mitmenschen immer noch nicht, warum wir beispielsweise fasten, welche Wirkungen es auf den Menschen hat und welchen Mehrwert es der Gesellschaft bringen würde, täten es mehr? Einer der Gründe könnte sein, dass wir Muslime es selbst nicht wissen. Ich fragte im Grundschulalter nach den Gründen  und bekam als Antwort, dass wir dadurch Mitgefühl mit Menschen entwickeln würden, die weniger hätten als wir. Diese Antwort als Wahrheit akzeptierend begann ich, an meinen Fingernägeln zu kauen und mit offenem Mund gen Himmel schauend im Regen zu stehen, da auch ein Bedürftigerer dazu in der Lage ist, und wurde dafür gescholten. Mir wurde zwar gesagt, dass ich so jung noch nicht fasten solle, doch es zog mich magisch an und ich wollte beweisen, dass ich es schaffen kann.

Wenn ich nicht mit dem Denken an Essen und Trinken beschäftigt bin, wohin schweifen meine Gedanken stattdessen? Wie nutze ich meine Pausen, wenn ich nicht esse und trinke? Wofür lebe ich eigentlich? Diese Fragen stellte ich mir. In der Pubertät kam dann ein weiterer Aspekt hinzu. Wenn ich meine Aufmerksamkeit nicht auf das Essen, Trinken und auf das andere Geschlecht, wem oder was gilt sie stattdessen? Wenn meine Gedanken sich nicht auf Genüsse fokussieren, worauf dann? Ich lernte, dass es drei Arten des Fastens gibt:

Das Fasten der Masse – Dieses besteht darin, dass ich lerne, welche Handlungen das Fasten ungültig machen (wie etwa zu essen, Geschlechtsverkehr).

Das Fasten der Aufrichtigen – Dieses besteht darin, dass ich zusätzlich zum körperlichen Fasten meine Organe für schöne Dinge verwende, also meine Ohren dazu, Weisheit anzuhören; meine Augen dazu, zu lesen, die Natur anzusehen, mein Augenmerk auf die schönen Handlungen anderer zu richten; die Zunge dazu, weise und schöne Worte zu sprechen; meine Hände dafür, Gutes zu tun; meine Beine dafür, an schöne Orte zu gehen; kurz: meine Organe für Gutes zu nutzen.

Auch am Abend essen die Aufrichtigen nicht übermäßig viel und halten sich an die Handlungsweise des Propheten (Sunna) und füllen den Magen allerhöchstens zu einem Drittel mit Nahrung, einem Drittel mit Getränken und lassen das letzte Drittel für Luft. Avicenna sagt, dass in diesem Ratschlag das Geheimnis der körperlichen Gesundheit verborgen liegt. Nach dem Essen fragen sich die Aufrichtigen, ob das Fasten angenommen wurde – sie befinden sich zwischen Hoffnung und Furcht.

An dritter Stelle steht die höchste Form des Fastens: das Fasten der besonders Aufrichtigen. Besonders deshalb, weil diejenigen auf dieser Stufe sich sogar von ihren negativen Gefühlen und Gedanken, also von allem, was sie vom Wahren entfernt, trennen. Die Propheten und Gelehrte wie der ehrenwerte Ibn Arabi praktizierten dies. So sagt dieser, dass er nicht nur Tagebuch über seine Taten, sondern auch über seine Gedanken führte, gemäß dem Ratschlag seines obersten Lehrmeisters, Muhammad, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden: „Zieht euch selbst zur Rechenschaft, bevor ihr zur Rechenschaft gezogen werdet.“

Der Ramadan wird von Unkundigen als Monat der Schwierigkeiten und der unnötigen Umstände angesehen, doch gerade diese Zeit ist es, die davor bewahrt, Nichtigkeiten zu viel Wert beizumessen. Wir sorgen uns darüber, was andere Menschen von uns denken, wenn unsere Kleidung nicht gefällig ist. Wir haben das Gefühl, regelmäßig ein neues Smartphone, ein neues Auto erwerben zu müssen, um nicht im Ruf zu stehen, dem Fortschritt abgeneigt zu sein. Wir müssen nicht in ein Entwicklungsland reisen, fragt einen Fastenden nach einem Tag anstrengender Arbeit am Arbeitsplatz, an der Uni, in der Schule oder ­Zuhause, was sein sehnlichster Wunsch ist, und Ihr werdet feststellen, dass die Luxusgüter, die uns beständig im Fernsehen, im Internet und in Zeitungen schöngeredet werden, völlig bedeutungslos sind. Fragen wir einen Kranken, wem das höchste Gehalt zustehe, so werden wir als Antwort nicht Banker, Politiker oder Berater hören. Die Antwort wird sein: ÄrztInnen, Krankenschwestern und Krankenpfleger

Doch wie schaffen wir es, belanglose und unnütze Themen auszublenden und unsere Aufmerksamkeit den wirklich essentiellen Fragen unserer Gesellschaft zu widmen? Wie schaffen wir es, den Zustand zu erreichen, den Schiller „Geistesfreiheit“ nennt? Als Antwort dienen uns die folgenden Aussagen: Luqman, der Weise, sagte zu seinem Sohn: „Wenn dein Magen gefüllt ist, schläft deine Ideenwelt, die Zunge der Weisheit wird stumm und deine Organe bleiben hinter den Diensten für Allah zurück.“ Und der Sufimeister, der vom ehrenwerten Ahmad ibn Hanbal aufgesucht wurde, Bischr Hafi, sagte: „Hunger bereinigt das Herz, tötet die Lüste und bringt feines und geheimnisvolles Wissen hervor.“ Und der ehrenwerte Suhrawardi sagt in seinem Werk Awarifu’l-Maarif: „Dein Magen ist die diesseitige Welt. So genügsam wie du bezüglich deines Magens bist, so genügsam bist du bezüglich dieser Welt.“ Um einen praktischen Bezug dieses Wissens für unseren Alltag herzustellen, schauen wir uns das Wesen und die Bestandteile des Schöpfers und der Geschöpfe an:

Der deutsche Aufklärer Immanuel Kant hat Gott als reinen Intellekt definiert. Keine Triebe, keine Bedürfnisse, Besitzer aller möglichen Perspektiven, Er ist die absolute Wahrheit. Doch wie ist es möglich, sich dieser anzunähern und warum sollten wir es überhaupt in Angriff nehmen, uns ihr annähern zu wollen? Dazu müssen wir uns den Menschen anschauen. Wir bestehen sowohl aus Intellekt als auch aus Begierde, Trieben, Neigungen, kurz: unserem körperlichen Selbst. Dieses hält uns ab, mit unserem Intellekt die Wahrheiterkennen leicht zu können. Engel beispielsweise können dies, denn sie bestehen nur aus Intellekt. Der Unterschied der Engel zu Allah, Dem über alles Erhabenen, besteht darin, dass Er im Besitz der absoluten und sie nur im Besitz teilweiser Wahrheit sind.

Der Mensch kann sich den Engeln und damit auch dem Ewigen nähern, indem er versucht, sich ihre Eigenschaften anzueignen. Er versucht, sich unabhängig von seinem Körper zu machen, sodass er sich für unabhängig von Nahrung und Getränken erklärt. Engel und Der über alles Erhabene und Lebendige, sind unabhängig, der Mensch ist es nicht. Denn er wurde abhängig erschaffen. Sich dies einzugestehen und Denjenigen anzuerkennen, von Dem er abhängt, ist der Sinn und Zweck des menschlichen Lebens. Um aber den Verstand und das Herz von körperlichen Einflüssen zu befreien und rein zu machen, bedarf es des Fastens. Es entzieht dem Selbst die Kraft, den Verstand und das Herz zu täuschen. Der Ewige fragte das Selbst, als er es erschuf: „Wer bist du und wer bin Ich?“ Das Selbst antwortete: „Ich bin ich und Du bist Du.“ Daraufhin bestrafte Gott das Selbst, indem Er es für lange Jahre ins Feuer warf, doch es antwortete weiterhin auf diese respektlose Art und Weise. Dies ging einige Mal so fort. Nachdem das Selbst erneut mit „Ich bin ich und Du bist Du“ geantwortet hat, warf Gott es nicht ins Feuer, sondern sperrte es für drei Tage in ein Gefängnis, enthielt ihm Essen und Trinken vor und fragte erneut: „Wer bist du und wer bin Ich?“ Dieses Mal antwortete das Selbst: „Du bist mein Herr und ich bin Dein bedürftiges Geschöpf.“

Zu dieser Selbsterkenntnis gelangt jedoch nur einer, der dem Selbst seine Kraft raubt, indem er ihm den Zugang zur Quelle abschneidet. So sind die Worte des ehrenwerten Rumi zu verstehen, der in seinem unsterblichen Mathnawi spricht: „Solange du von den Sinnen (körperlichen Genüssen) berauscht bist, so lange bist du weit von jenem Rausch (dem Rausch der Erkenntnisse) entfernt.“ Und er sagt: „Oh, Sklave, du hast ‘Brot’ verstanden, nicht ‘Weisheit’, als Allah zu dir gesagt hat: ‘Esset von Seiner Versorgung’. Wenn du deinen körperlichen Mund geschlossen hast, wird ein anderer Mund sich öffnen, der die Happen der Geheimnisse isst.“

Das zeitweilige Verzichten auf körperliche Genüsse und der Versuch, unabhängig zu sein, lässt den Menschen selbst erkennen, wie abhängig und beschränkt er ist, auf dass er die Unvergleichlichkeit und Erhabenheit Allahs anerkennen möge. Dadurch erreicht der Mensch eine Stufe, die den Engeln nicht nur gleicht, sondern diese sogar übertrifft. Denn sie gehorchen Allah, weil ihnen kein Wille gegeben wurde. Der Mensch, der sein Selbst überwindet, und sich bewusst dafür entscheidet, der Wahrheit zu Diensten zu sein, steht deshalb höher, da er eine Hürde zu überwinden hat – seinen Willen. Dies hebt ihn über die Ebene eines Tieres hinaus. So sagte auch Shakespeare: „Was ist der Mensch, wenn seiner Zeit Gewinn, sein höchstes Gut nur Schlaf und Essen ist? Ein Vieh, nichts weiter.“

Wie kann dies nun die Gesellschaft und unser aller Wohl bereichern? Einen gesamten Monat tagsüber zu hungern kann den Menschen zu Beschäftigungen und Erkenntnissen führen, die nicht nur ihm, sondern die gesamte Gesellschaft nützen. Doch dazu bedarf es auch, abends seinen Magen nicht übermäßig zu füllen, was die Seele und den Körper gesund hält. Das abendliche Zusammenkommen und der Austausch mit seinen Mitmenschen macht glücklich, es löscht das Gefühl der Einsamkeit, von dem viele in unserer Gesellschaft betroffen sind, aus. Doch wenn wir das Fasten als bloße körperliche Anstrengung und Entbehrung ansehen, so entgehen uns all die positiven Aspekte, die genannt wurden.

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Ahmet Aydin

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