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Das Hocharabische muss sich gegen diverse Dialekte behaupten. Von Mohamed Aharrou

Arabisch? Los mit lustig!

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(iz). In Zeiten des angeblichen Kampfes der Kulturen bleibt der Humor oftmals auf der Strecke. Doch nicht nur bei dem einen oder anderen Europäer, sondern auch bei so manchem Araber scheinen sich die Gesichtszüge zu versteinern, wenn man mit ihm Arabisch spricht. Bloße Einbildung? Keineswegs. Denn gemeint ist hier das sogenannte „Hocharabisch“, das sich nach einem grandiosen geografisch-historischen Siegeszug so weit aus dem Alltag der arabophonen Völker zurückgezogen hat, dass der durchschnittliche Araber es fast nur noch mit dem verbindet, wofür es heutzutage zumeist benutzt wird: politische Reden, Freitagspredigten, wissenschaftliche Aufsätze, TV-Nachrichten, die bekanntlich meistens Unerfreuliches oder zumindest Bierernstes berichten, und dergleichen mehr. Zu allem Überfluss bedienen sich Extremisten in ihren Botschaften besonders gerne dieser Sprache, um demonstrativ einen intellektuellen Anspruch zu erheben – und in arabischen Spielfilmen ist der Bösewicht oder der fiese Beamte von der polizeilichen Behörde oftmals der einzige, der Hocharabisch spricht.

So ist die Akzeptanz des lebendig gesprochenen Hocharabischen außerhalb offizieller Anlässe in der arabischen Welt ganz unterschiedlich, ja sogar in ein- und demselben Land können gravierende Unterschiede deutlich werden, wie sich am Beispiel Ägyptens zeigen lässt: Während man in Kairo als Arabischlernender Bewunderung erntet, wenn man sich mit jemandem auf Hocharabisch zu unterhalten versucht, wird einem in Hurghada oder Sharm El-Sheikh schon mal nahegelegt, gefälligst „Ägyptisch“ zu sprechen. „Die haben sich immer wieder taub gestellt, wenn ich sie auf Hocharabisch angesprochen habe“, erzählt Christine Kunz, eine ansonsten begeisterte Hurghada-Urlauberin. „Einmal sagten sie zu mir: ‚Where is the camel?’“

Gemeint war mit der ironischen Frage nach dem Kamel wohl, dass Hocharabisch der Meinung jener Einheimischen nach ins Zeitalter der Kamele und nicht der Flugzeuge und Hochgeschwindigkeitszüge gehört. Die Annahme, dass die Sympathie zum Hocharabischen in manchen Teilen Ägyptens besonders niedrig ist, weil man dort um den Status des heutigen Ägyptisch als infolge der Filmproduktion meistverstandenem Dialekt fürchtet, entbehrt jedenfalls nicht einer gewissen Plausibilität. Andererseits ist die Sehnsucht vieler Araber nach einem hocharabischen Alltag sehr groß, wenn auch nur wenige sich trauen, mit Leuten des gleichen Dialekts in der Freizeit konsequent „richtiges“ Arabisch zu sprechen. „Mich auf Hocharabisch zu unterhalten, ist für mich ein Traum“, sagt Kamal Barakat, ein 28-jähriger Araber aus Syrien, der sich gefreut hat, auf seiner Pilgerfahrt in einer Gruppe von Pilgerern unterschiedlicher Herkunft das originale Arabisch täglich in Unterhaltungen anwenden zu dürfen.

Trotz allem erfährt das Hocharabische derzeit einen großen Aufschwung, auch aufgrund des fortschreitenden Globalisierungsprozesses, der eine häufigere Nutzung des Standardarabischen als Dachsprache zur Folge hat. Denn durch das Schrumpfen des globalen Dorfs hat sich die Häufigkeit der Begegnung unter Arabern aus Regionen miteinander wenig kompatibler Dialekte vervielfacht – bezieht man auch virtuelle Begegnungen ein, wirkt natürlich sogar der Ausdruck „vervielfacht“ geradezu untertrieben. Hinzu kommt die große Menge nicht-arabischer Muslime sowie die steigende Anzahl der Menschen, die den Islam erstmals annehmen: unter beiden Gruppen ist die Tendenz festzustellen, demjenigen Arabisch, das schon der Prophet des Islam sprach, den Vorzug gegenüber jeglichem dialektalen Abkömmling zu geben. „Hocharabisch – das will ich haben!“, sagt der im Ruhrgebiet lebende Mohammed Ali aus Guinea, halb scherzend Kinder nachahmend, die ihrem Weihnachtswunsch Ausdruck verleihen.

Bis sich allerdings das Hocharabische auch in jedermanns Alltag in einer Art Comeback etabliert, wird es wohl noch eine Weile dauern, jedenfalls solange dies nicht von staatlicher Seite ähnlich konsequent gefördert wird wie das Comeback des Hebräischen in Israel vor wenigen Jahrzehnten. Denn zu sehr wird das „eigentliche“ Arabisch noch immer von einer Aura des Ernsten, des Künstlichen und des Hochgestochenen umhüllt. „Daran ist aber nicht so sehr das Arabische selbst schuld“, meint ein Dozent und Gründer von «arabisch.tv». „Eher haben die arabischen Völker im Laufe der Jahrhunderte verlernt, ein vom schriftlichen klar unterscheidbares mündliches Hocharabisch zu sprechen. Sieht man sich hocharabisch synchronisierte Spielfilme an, sagt einem oft sogleich das Gefühl, dass der gewählte Sprachstil nicht mit dem im Film beschriebenen Alltag harmoniert, sondern eher mit einer sozialwissenschaftlichen Vorlesung. Liest man jedoch Hadithe und andere frühislamische Überlieferungen, die Unterhaltungen zwischen einfachen Menschen wiedergeben, stellt man fest, dass alltagstaugliches Hocharabisch durchaus problemlos möglich ist.“

Demzufolge wäre häufigeres Lesen und Hören frühislamischer Überlieferungen eine Art Geheimrezept für die arabischen Völker. Es bliebe dann allerdings noch das Problem, dass auch in den Überlieferungen meist ernste Themen angesprochen werden und sich damit allein ein unverkrampfter Umgang mit dem Hocharabischen noch nicht unbedingt einstellt. Eine Ergänzung des „Geheimtipps“ könnte das derzeitige Konzept des öffentlichen Live-Arabischunterrichts bei «arabisch.tv» sein: Der Dozent wählt bei Fortgeschrittenen bevorzugt Texte und Themen humoristischer Natur und trainiert seinen Lernenden unter Anderem die Fähigkeit an, eine Sorte von Darstellungen zu verstehen und selbstständig vorzunehmen, die heutzutage höchst selten auf Hocharabisch anzutreffen ist: Lachgeschichten.

Durchaus möglich, dass damit gleich mehr als zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden: Abgesehen davon, dass auf diese Weise die Lernmotivation an den Spaßfaktor gekoppelt wird, soll auf diese Weise die Aneignung eines praxistauglichen Wortschatzes und eines ebensolchen Sprechstils ermöglicht werden, zumal geschmackvoll pointierte Narreteien gerne alltägliche und somit praxisnahe Ausgangsszenarien wählen. Und sollte das Beispiel von «arabisch.tv» auf breiterer Ebene Schule machen, wäre das für seine Schönheit und Wohlstrukturiertheit vielbewunderte Hocharabisch wegen des humorvollen Gegengewichts zur ständigen Assoziierung der Sprache mit bitterernsten Themen auf einem guten Weg, wesentlich entspannteren Gesichtszügen zu begegnen.

Weitere Infos: http://www.arabisch.tv

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Mohamed Aharrou

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