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Das Jahr 2009 – ein ganz kurzer Jahresrückblick. Von Khalil Breuer

Ein Jahr mit viel "auf und ab"

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(iz). Das islamische Jahr beginnt zwar zu einem anderen Zeitpunkt, dennoch sollte man den offiziellen Jahreswechsel durchaus für einem kurzen Jahresrückblick verwenden. Nutzen wir den Moment, um die wichtigsten Ereignisse und Sensationen noch einmal kurz Revue passieren zu lassen. Ein Blick zurück lohnt sich, denn das Jahr 2009 war wieder ein Jahr turbulenter Ereignisse, vieler, mehr oder minder aussagefähigen Statistiken und groß inszenierter Konferenzen. Keine Frage: In Europa und anderswo löst der Islam nach wie vor zentrale Fragestellungen aus. Anders gesagt: Soviel Werbung für und gegen den Islam hätte auch 2009 kein Mensch bezahlen können.

Nicht ganz untypisch ist dabei, dass viele breit reflektierte Ereignisse und Debatten, die sich mit dem Islam beschäftigen, noch eher negativ toniert sind. Oft sind auch Muslime sichtbar auf der Straße, wenn es um negative Ereignisse geht. Weniger Präsenz zeigen sie bisweilen bei der positiven Mobilisierung. Bei regelmäßige Islamwochen an den Universitäten, wie im Mai, versuchen muslimische Aktivisten mit bescheidenen Mitteln, die negativen Bilder in den Köpfen der Deutschen zu korrigieren.

Überhaupt öffnen sich im ganzen Jahr – erfreulicherweise in zahlreichen muslimischen Gemeinden – die Türen für die Nachbarschaft. Es finden in vielen Städten kleine und große Veranstaltungen statt. Herzen werden auf der Straße, nicht hinter Fernsehkameras gewonnen. Muslime üben sich in Öffentlichkeitsarbeit, schenken Tee aus, erklären offen die Geheimnisse ihres Alltags und sind so nun in vielen Orten als Mitbürger endgültig angenommen. Keine leichte Sache, denn oft mussten dabei deutsche Muslime nicht nur die komplizierten Ereignisse hierzulande, sondern auch gleich alle Tatsachen der ganzen islamischen Welt erklären.

Diese Welt wird heute als explosiv wahrgenommen. Es sind Bilder von Anschlägen und Bürgerkriegen, von Raubzügen und Verteilungskämpfen, mit denen wir auch 2009 beinahe täglich konfrontiert werden. Es geht um die Schatten der Vergangenheit, Armut, Nationalismen, Kulturen – auch um Religion. Beinahe ein Klassiker der ungelösten politischen Konflikte sind die angespannten Verhältnisse im Nahen Osten.

Schon zu Jahresbeginn war die Welt von den brutalen Vergeltungsmaßnahmen der israelischen Armee gegen die Palästinenser schockiert. Weltweit gingen daraufhin nicht nur Muslime solidarisch auf die Straßen.

Natürlich finden Selbstmordattentate oder die ideologische Kriegsführung der Hamaz und der Hiszbollah in Deutschland weiter weder Zustimmung, noch große Sympathie. Das “Terrorismusproblem” prägt aber nach wie vor für viele Nicht-Muslime die Wahrnehmung des Islam und gerne wird dabei vergessen, dass die größte Zahl der globalen Opfer des Terrors die Muslime zu beklagen haben. Die Differenzierung ist in Deutschland anno 2009 eine eher unpopuläre Wissenschaft. Die publikumswirksame Assoziation des Islam mit extremen Einzelfällen ist auch in diesem Jahr die beliebteste Technik, den Islam zu diskreditieren.

In Deutschland prägte im Superwahljahr der Alarmismus vor dem unsichtbaren Feind das innenpolitische Klima. Kritiker sehen im alltäglich zelebrierten Ausnahmezustand eine Art Paranoia; die Befürworter die wehrhafte Demokratie am Werk. Der Schuss über das Ziel hat dabei Methode: Anlassunabhängige Moscheekontrollen gelten auch in diesem Jahr als Beispiel für offene Diskriminierung; mit Kopftuch gibt es, außer beim Putzen, immer öfters Berufsverbot und wenn der Mann “Ali” heißt, keine Wohnung.

Beim so genannten “Sauerland-Prozess”, der im Mai begann, fanden die geplanten Attentate und Gewaltphantasien einiger schräger Muslime viel Beachtung in den Medien. Daneben wurde aber auch in Fachkreisen die Frage diskutiert, inwieweit diverse Geheimdienste selbst mit Tatbeiträgen an dem unguten Spektakel beteiligt waren.

Im Juli dann ein Tiefpunkt: Eine Muslima wird im Dresdner Landgericht von einem Islam-Hasser niedergestochen, der sie vorher bedroht und beleidigt hatte. Ein Polizist schießt in einer Art Pawlowschen Reaktion auf den zur Hilfe eilenden, bärtigen Ehemann.

Die Tat wird zu Recht in Beziehung zur Stimmung und den Stimmungsmachern gegen den Islam gesetzt. Die Regierung braucht lange, um Anteilnahme zu zeigen. Die Kanzlerin schweigt sogar über den symbolischen Vorfall, den Millionen Muslime in Deutschland und der Welt nicht gerade zufällig fanden.

Zuvor – im Juni – wurde mit alkoholfreiem Sekt der Abschluss der Berliner Islamkonferenz noch als Meilenstein des Zusammenlebens gefeiert. Die Konferenz gilt, trotz der verordneten Zusammensetzung “von oben”, als Erfolg des damaligen Bundesinnenministers Schäuble und rückt den politischen Islam in Deutschland immer wieder für einige Tage medial in den Mittelpunkt.

Konkrete Fortschritte gibt es weniger. Nicht einmal ein VertreterIn in die Rundfunkräte dürfen Muslime bis heute senden. Im nächsten Jahr soll sich die bunt zusammengewürfelte “Talkshow” weiter entwickeln und auch Taten ins Visier nehmen.

Nebenbei bemerkt gibt es – leider – parallel zu der offiziellen Veranstaltung, auch 2009 keine interne Islam-Konferenz der Muslime – fehlt es doch bei vielen Themen an einiger Koordination zwischen den Muslimen. Der groß angekündigte KRM publiziert über das Jahr ein Dutzend Presseerklärungen, vereinheitlicht immerhin den Beginn wichtiger Feiertage, investiert aber sonst keinen müden Euro in eine wirksamere Präsenz der Muslime in Berlin. Eine Adresse der neuen Zentralbewegung gibt es noch nicht einmal im Internet.

Die Idee koordinierter Aktionen der Muslime in Deutschland wird wohl ein weiteres Jahr der – ironischerweise typisch deutschen – Vereinsmeierei geopfert. Es fehlt so an übergreifenden Visionen, Konzepten und Pilotprojekten für einen gesellschaftlichen Beitrag des Islam in Deutschland. Das dies auch anders geht zeigen die muslimische Frauen: Sie gründen im November ein “Aktionsbündnis, übrigens ausdrücklich jenseits der einschränkenden Zugehörigkeit zu einer Ethnie oder der Mitgliedschaft in einem egozentrischen Verband.

Inmitten der Wucht der globalen Finanzkrise wurde 2009 notgedrungen ein anderes großes Thema entdeckt: die islamische Ökonomie. Die islamische Konzeption der Begrenzung ökonomischer Macht und die Aufklärung über das Zinsverbot bestimmt heute die Debatte über die Exzesse der “Blasenwirtschaft” mit.

Die Globalisierung treibt seltsame Blüten. Im konservativen, sonst eher islamkritischen und in Islamfragen zuverlässig wachsamen Baden-Württemberg übernahmen in diesem Jahr nicht nur islamische Emirate Teile der lokalen Schlüsselindustrien im Ländle, sondern ein prominenter CDU-Abgeordneter lobte sogar, unter dem Eindruck wilder Geschäfte der staatlichen Landesbank, gleich die “islamische Scharia” im Finanzbereich.

Auch einige weitere positive Meldungen für die Muslime konnten über das Jahr amtlich vermeldet werden. Im September errangen couragierte muslimische KandidatenInnen in Nordrhein-Westfalen erstmals einige Sitze in Kommunalparlamenten. Mitten im Ramadan wurde dem deutschen Muslim Dr. Murad Hofman, von deutschen Medien peinlich ignoriert, eine wichtige, hochdotierte internationale Auszeichung zu Teil: In Dubai wurde der ehemalige Botschafter “Personality of the year”.

Den 5. Tag der offenen Moschee im Oktober nutzten schließlich viele Deutsche, um sich ein eigenes Bild von ihren muslimischen Nachbarn zu machen.

Im November wurde auch endlich die Grundsteinlegung der prestigeträchtigen Kölner Moschee vollzogen. In einem architektonisch eher tristen Umfeld wird die neue Moschee ein anspruchvolles städtebauliches Zeichen setzen. Einige Rassisten gönnen es den emsigen Bauherren noch immer nicht, dass sie ihr Vorhaben Richtung Innenstadt, statt Richtung Gewerbegebiet rückt.

Wie bestellt schwappt im Dezember die aus der beschaulichen Schweiz importierte “Minarettdebatte” in die Gazetten im Bundesgebiet. Das gemeine Verbot des Baus von Minaretten, so stellt die deutsche Politik klar, ist jenseits der Alpen nicht denkbar. Erstaunlicherweise sorgen sich viele Muslime mehr über das Minarett, als um die städtebauliche Lage der Moschee, die sozialen Möglichkeiten der Anlagen oder das Platzangebot für Frauen in den Gebetsräumen.

Wichtig ist aber auch 2009 – neben den Steinen – die Ausbildung von Muslimen und Imamen. Der “weltanschaulich neutrale” Staat will bei der Frage irgendwie ein wichtiges Wort mitreden. Im April begann in Berlin eine nicht-staatliche Ausbildung von Imamen, im September wurde an der Universität Osnabrück für 2010 ein entsprechender Studiengang angekündigt. Die Muslime werden wohl auch im nächsten Jahr über die Freiheit der islamischen Lehre vor staatlicher Bevormundung diskutieren.

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