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Das nötige Wissen

Eine Erinnerung an jene Kulturtechniken, die für die Bewahrung von Freiheit gebraucht werden. Essay von Schaikh Hamza Yusuf

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Foto: Klassik Stiftung Weimar

(Renovatio). Freiheit der Rede, weltweit so sehr geschätzt, dass sie als Menschenrecht in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verewigt wurde, leitet sich ab von der Gedankenfreiheit. Die Tragödie unserer Zeit besteht darin, dass das gegenwärtige Denken nicht wirklich frei ist. Überall liegt es in Ketten; insbesondere in jenen, die von einem Mangel an Bildung geschaffen wurden.

Gedankenfreiheit, wenn sie wirklich verwirklicht werden soll, verlangt Anstrengungen im Lernen und Disziplin im Denken. Die Standardeinstellungen eines ungeschulten Verstands hindern ihn am Denken. Daher ist sein Ausdruck überhaupt nicht frei. Er enthält alles Gift eines nachlässigen Geistes: Gemeinheit und Vorurteil, erhebliche Übertreibungen und hastige Verallgemeinerungen, fehlerhafte Schlussfolgerungen und ­falsche Gewissheit. Diese selbst auferlegten, geistigen Beschränkungen beschränken unsere Freiheit zum freien und ­einfallsreichen Denken. Meinungsfreiheit hat nur geringe Bedeutung, wenn sie nicht durch Gedankenfreiheit bestimmt ist.

Die Fähigkeit zum freien Denken ist die Folge eines Geistes, der in den Künsten des qualitativen Denkens geschult ist. Es kann durch quantitative Schlussfolgerungen unterstützt werden, aber im Wesentlichen geht es um die Qualität. Das sind die freien Künste; eine Formel, die in ihrer Wurzel die Künste der ­Freiheit meint. Die drei grundlegenden, das klassische Trivium, sind Grammatik, Logik und Rhetorik.

Der jetzt sichtbare Schaden an unserem zivilgesellschaftlichen Leben entstand durch den Verlust dieser „Kommunikationskünste“ und wurde bereits vor über einem halben Jahrhundert durch Mortimer Adler beschrieben: „Wo es Menschen an den Künsten der Kommunikation mangelt, muss die intelligente Diskussion dahinsiechen. Wo es keine Beherrschung des Mediums zum Austausch von Ideen gibt, spielen diese keine Rolle mehr im menschlichen ­Leben. Geschieht das, sind Männer kaum mehr als die Biester, die sie durch Zwang oder List dominieren. Und bald werden sie versuchen, sich auf die gleiche Weise zu beherrschen.“

Grobheit kennzeichnet heute unser öffentliches Gespräch, während intelli­gente Diskussionen wichtiger Ideen nur geringe Resonanz finden. Wollen wir eine zivile Gesellschaft bleiben, die der Vernunft, Debatte und Überzeugung verpflichtet ist, sind die Künste der ­Freiheit wichtiger denn je. Wir dürfen die Mittel nicht mit ihrem Zweck verwechseln.

Diese Künste, auch wenn sie wegen ihres eigenen Wertes studiert werden, sind Werkzeuge zur Wahrnehmung von Wirklichkeit. Sie befreien unseren Geist, disziplinieren unseren Verstand, den Willen und die Leidenschaften. Unsere Regierungsform, die auf Konsens gebaut sein sollte (und wenn nicht, dann auf Kompromiss), hängt von der Fähigkeit zur Verständigung und ihren notwendigen Fähigkeiten ab. Diese Künste sind notwendige Kenntnisse.

Den Verstand üben
Moralphilosophen haben verschiedene Sorten Freiheit kategorisiert. Dazu gehören politische (Freiheit vor Zwang oder Unterdrückung durch Herrschaft), religiöse oder moralische (Befreiung von der Knechtschaft der Laster) sowie ­ökonomische (eine, den Umständen entsprechende Freiheit, die es Menschen ermöglicht, ungehindert durch einen Mangel an Mitteln zu handeln). Die Essenz von Unabhängigkeit in vormodernen Zeiten, die Leibeigenschaft erlaubten, war politisch. Ein „freier“ Mensch wurde im Gegensatz zu „einem Sklaven“ definiert.

Solche eine Begriffsbestimmung ­beinhaltete einen moralischen Aspekt. Denn von freien Personen wurde erwartet, dass sie sich moralischer Schwäche enthalten. Wirkliche Freiheit war Unabhängigkeit von niedrigen Instinkten und Leidenschaften. Das arabische Wort dafür ist „hurrija“. Es leitet sich aus der Wurzel „hurr“ ab, das in seinem negativen Sinne „kein Sklave“ bedeutet. Die antiken Araber kannten ein bekanntes Sprichwort: „Ein Sklave ist ein freier Mann, wenn er frei von Leidenschaften ist. Ein freier Mann ist ein Sklave im Feuer der Leidenschaften.“

Die freien Künste (oder „Künste der freien Menschen“) unterschieden sich von den unterwürfigen Künsten der Sklaven oder damaliger, niederer Stände. Im frühen Englischen erschien der ­Begriff im späten 14. Jahrhundert als eine Übersetzung der mittelalterlich-­lateinischen Floskel artes liberales. Im frühen 19. Jahrhundert bezog sich liberal auf jemanden, der konstitutionelle ­Reformen wollte. Entlehnt wurde es dem französischen Wort des 18. Jahrhunderts libéral, das eine Person beschrieb, die politische Freiheiten ­forderte.

Die erfolgreichste Methodologie der Erziehung in der Menschheitsgeschichte verlangte ein umfassendes Verständnis dieser Künste. Alle sieben (es gab weitere vier neben dem Trivium) haben eine Grundlage in den jüdischen, christlichen und islamischen Zivilisationen sowie ­ihren Gegenstücken der indischen und asiatischen Kulturen weiter östlich in Asien. In seinem Buch „Über die christliche Bildung“ betonte St. Augustin die Notwendigkeit dieser Künste, um die Offenbarung zu begreifen. Sie wurden auch ein Eckstein der islamischen Erziehung. Die Idee der Hochschule als ein Trainingszentrum für dieses Wissen im Dienste der Religion ist wohl eine muslimische Idee.

In jüngerer Zeit formulierte John ­Walbridge in seinem Buch „God and Logic im Islam“ nicht nur den schlüs­sigen Beweis, dass diese Künste tausend Jahre lang der Kern der islamischen Zivilisation waren. Er meinte auch, dass ihr Niedergang und ihre Erosion direkt mit dem Fall dieser Zivilisation und dem Aufstieg des Extremismus zusammenhängen.

Ein vermeintlicher Gegensatz ist, dass diese Kenntnisse einerseits die Grundlage des Lernens bilden. Andererseits aber die Essenz unserer höchsten Ziele als Menschen ausmachen. Wir beginnen mit dem Studium der freien Künste auf der Grundschulstufe und setzen die Ausbildung für den Rest unseres Lebens fort, weil sie uns helfen, zu erkennen, was real ist und was nicht. Die Fähigkeit zum Umgang mit Abstraktionen gilt ­traditionell als eines der offenkundigsten Zeichen für Intelligenz. Die drei Wissenszweige Grammatik, Logik und Rhetorik schulen den Geist in der Abstraktion von Qualität; verkörpert in Sprache und Vernunft. Bei den abrahamitischen Religionen galten sie als spirituell. Die anderen vier Künste (Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie) fördern unser Denken in Mengen – eine Abstraktion von Materie. Und beide – Geist und Materie – bilden die Summe der Realität. So erreichen wir das wahre Potenzial der freien Künste: Nicht weniger als die Realität selbst ist Gegenstand ihrer Untersuchung. Durch sie können wir die metaphysischen Folgerungen von Sprache und Denken verstehen.

Werkzeuge gegen ­Tyrannei
Wir verlieren unsere Sprache und ­damit uns selbst. Wir reden, aber können Begriffe nicht bestimmen. Wir ­haben keine gemeinsame Kultur und Erziehung mehr gemeinsam, die uns ein Verständnis der benutzten Begriffe erlau­ben. Freiheit, das Recht auf Leben, auf Wahl und Bedeutung usw. – all diese Worte irritieren uns zutiefst. Eingebettet in jedem einzelnen finden wir ganze Philosophien. Uns fehlen aber die Werkzeuge für ihre Durchdringung. Selbst, wenn wir diese Mittel hätten, entzieht sich uns dieses Denken und die Fragen, die es stellt. Aber zumindest dann könnten wir ihre Bedeutung mit einer gewissen Hoffnung auf Erfolg und einen intel­ligenten Dialog verfolgen.

Wenn wir die Künste der Qualität (das Trivium) und der Quantität (das Quadrivium) verlieren, können wir die Abstraktionen von Geist und Materie nicht handhaben Wir verlieren die Fähigkeit zum Verständnis der metaphysischen Implikationen von Sprache und Gedanken. Und wir sind nicht längst frei in unserem Denken. Das heißt, „Meinungs- oder Redefreiheit“ verlieren ihre Bedeutung. Diese Fehlstelle lädt Demagogen und Tyrannen ein, die wie Dracula nur im Dunklen aufblühen – in Abwesenheit des Lichts der ungebundenen Geister von Bürgern.

Shakespeare kannte die Gefahr sehr gut, die Wissen von Sprachen für Tyran­nen darstellte. Und daher fürchteten sie eine gebildete Öffentlichkeit. In „Henry VI.“ legte Shakespeare ihm diese Worte in den Mund: „Du hast die Jugend des Reiches am verräterischsten verderbt, als du ein Gymnasium errichtetest; und während unsere Vorfahren zuvor keine anderen Bücher hatten als die Partitur und das Zählwerk, hast du die Ver­wendung des Drucks veranlasst, und im Gegensatz zum König, seiner Krone und Würde, hast du eine Papiermühle gebaut.“

Grammatik, Bücher und Papier waren revolutionäre Materialien für den Tyrannen, denn sie ermöglichten die Übermittlung der freiheitlichen Künste – der Fluch eines jeden Despoten. Es kann ­sogar angenommen werden, dass der Dichter selbst den sich vermehrenden Oberschulen entstammte. Die freien Künste widerstanden dem Wandel für beinahe 2.000 Jahren. In der Zeit wurden sie unzähligen Kindern beigebracht. Aristoteles’ Regeln der Logik, die von einem der größten Geister der Menschheitsgeschichte formuliert wurden, blieben über zweitausend Jahre lang nahezu unverändert. Das waren die Denkregeln, die zur intellektuellen Kraft von unterschiedlichsten Leuchten wie Ibn Sina, Al-Farabi, Ibn Ruschd, Maimonides, Thomas von Aquinas, Francis Bacon, John Locke, Thomas Hobbes und Kant beitrugen.

Die Regeln der Begriffslogik untermauern unser Rechtssystem und ermöglichen es uns, Irrtümer in Argumenten zu erkennen, die uns von Politikern, Sozialwissenschaftlern, Ökonomen und Philosophen vorgelegt werden. Deren Expertise kann uns manchmal ihrer Empfänglichkeit für Fehler verhüllen – auch sie sind nur bloße Menschen. In einer Gesellschaft und sozialen Ordnung, die auf der Fähigkeit der Bürger für rationale und moralische Entscheidungen beruht, müssen wir vorbereitet sein, diese Auswahl zu treffen.

Diese sind nötig, um die richtigen Urteile für uns und unsere Gesellschaft zu machen. Wir brauchen die Freiheit des Denkens und die Sprachfähigkeiten, um zu überzeugen – und um überzeugt zu werden. Dafür braucht es einwandfreie Kommunikation, eine logische Ausgangslage und gültige Schlussfolgerungen. Sie stehen im Herz des Triviums. Die freiheitlichen Künste werden nicht verschwinden, noch lassen sie sich dauernd unterdrücken. Unsere Natur zwingt sie, sich in uns zu rühren und uns noch einmal daran zu erinnern, was uns menschlich macht.

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