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„Das Potenzial ist groß“

Interview mit Furkan Karaca, Vorsitzender des Bundes der Muslimischen Jugend BDMJ

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(iz). Der Corona-Virus und seine Auswirkungen ziehen derzeit verständlicherweise alle Aufmerksamkeit auf sich. Nichtsdestotrotz dürfen wir die anderen Missstände in der Gesellschaft nicht vergessen: Die kaltblütige Ermordung von neun Menschen, die ihr Leben noch vor sich hatten, ereignete sich in der Nacht zum Freitag, den 21. Februar in Hanau. Über Rassismus, Islamfeindlichkeit und die Zukunft muslimischer Jugendarbeit sprachen wir mit Furkan Karaca.

Islamische Zeitung: Lieber Furkan Karaca, sie sind Vorsitzender des Bundes der Muslimischen Jugend BDMJ – der Jugend-Sektion von DITIB. Möchten Sie sich ganz kurz vorstellen, was Sie machen und etwas über Ihren Verband erzählen?

Furkan Karaca: Mein Name ist Furkan Karaca, ich bin 23 Jahre alt, Student der Wirtschaftsinformatik und schreibe gerade meine Bachelorarbeit zum Thema: „Prinzipien und Auswirkungen der Digitalisierung und die Sicht der politischen Parteien zu diesen“. Ich engagiere mich nun seit sechs Jahren in der Jugendarbeit innerhalb der DITIB-Jugend. Ich habe ganz klassisch angefangen. In meiner Moscheegemeinde war ich drei Jahre lang Jugendleiter; dann, im Anschluss daran drei Jahre Landesvorsitzender des Jugendverbandes in Baden. Seit Juli 2019 bin ich Vorsitzender des BDMJ.

Islamische Zeitung: Wir wollten dieses Interview eigentlich früher führen. Der Grund für die Verschiebung waren die schrecklichen Ereignisse von Hanau, der Mehrfachmord an jungen MigrantInnen und jungen MuslimInnen im hessischen Hanau. Was war Ihre erste Reaktion auf den Terroranschlag?

Furkan Karaca: Zunächst einmal möchte ich meine tiefe Betroffenheit zum Ausdruck bringen. Möge Allah den Opfern von Hanau barmherzig sein und den Hinterbliebenen Geduld schenken. Die erste Wahrnehmung, als wir die Nachrichten gehört haben, war für uns ein neuer Tiefstand, weil es eine neue Dimension der Gewalt gegenüber Muslimen, gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund generell ist. Wir, als BDMJ, hatten am Tag davor sogar noch einen offenen Brief verfasst, in dem wir auf die antimuslimischen Tendenzen, die momentan herrschen, wie Drohungen gegen Moscheen, den Rechtsruck in der Gesellschaft allgemein und Rechtem Terror aufmerksam machen wollten. Und einen Tag darauf fand leider das schreckliche Attentat in Hanau statt.

Islamische Zeitung: Haben die Jugendlichen hier eine andere Wahrnehmung von solch einem Ereignis eine andere Wahrnehmung als die allgemeinen Moscheemitglieder?

Furkan Karaca: Die Wahrnehmung ist dahingehend nochmal eine andere, da Jugendliche in diesem Fall den Opfern gegenüber Empathie aufbauen. Ich selbst bin 23 Jahre alt, ungefähr im Alter der Betroffenen, die auch hier geboren und hier aufgewachsen waren.

Islamische Zeitung: Eines wurde zu Recht kritisiert, nämlich dass in den ersten Meldungen der Begriff „Fremdenfeindlichkeit“ benutzt wurde statt „Rassismus“. Gerade wenn man als junger Mensch der zweiten, dritten oder vierten Generation hier lebt, dann muss so eine Sprache natürlich besonders bitter erscheinen…

Furkan Karaca: Die Sprache ist tatsächlich ein großer Faktor für junge Generationen. Tatsachen müssen klar beim Namen genannt werden und das Bewusstsein für Sprache und Wortwahl gefördert werden. Diese Verantwortung liegt bei uns allen.

Islamische Zeitung: Übergehend zur allgemeinen Situation muslimischer Jugendlicher und der Jugendarbeit, sehen Sie in Aspekten im Umgang mit Diskriminierung oder der Erfahrung mit Hass auch Gemeinsamkeiten beziehungsweise Schnittmengen zu muslimischen Jugendlichen außerhalb ihres spezifischen Moscheeverbands? Gibt es hier verbindende Elemente zu Jugendlichen mit anderer kultureller und/oder ethnischer Herkunft?

Furkan Karaca: Unabhängig vom Verband, von Herkunft, Religion oder sonstigen Eigenschaften ist diese Art von Rassismus einfach gegen uns alle hier in Deutschland gerichtet. Gerade im Austausch mit anderen jungen Menschen wird klar, dass im Alltag Rassismus sowohl gegenüber Muslimen, als auch gegenüber anderen Minderheiten leider alltäglich ist. Am Beispiel von muslimischen Frauen, die am meisten von Rassismus betroffen sind, können wir erkennen, dass rechtes Gedankengut auch die Mitte der Gesellschaft zum Teil schon erreicht hat.

Islamische Zeitung: Haben Sie das Gefühl, dass die Belange junger Muslime in der jetzigen Lage über ihren spezifischen Verband hinaus – sowohl in den offiziellen muslimischen Strukturen als auch in Prozessen wie der Islamkonferenz – ausreichend vertreten sind?

Furkan Karaca: Die Verbände sind insbesondere jetzt in der Verantwortung, die Belange der muslimischen Jugend zu repräsentieren. Wir möchten als BDMJ weg von der reinen Verbandsebene, auch andere junge Muslime repräsentieren und deren Belange auf der politischen Ebene zu den entsprechenden Gesprächspartnern tragen.

Bei der aktuellen Islamkonferenz war die Imamausbildung ein ganz spannendes Thema für die Jugend. Für die Zukunft müssen jene Themen, die für Jugendliche von Belang sind, gezielt angesprochen und angegangen werden. Das haben wir uns zum Ziel gemacht.

Islamische Zeitung: Schon seit einigen Jahren gibt es gerade für jüngere Muslime, insbesondere für junge Aktivistinnen, eine ganze Palette an offiziellen oder öffentlich geförderten Strukturen und dementsprechende Programme wie die Junge Islamkonferenz und anderes. Haben Sie das Gefühl, dass die heutige muslimische Jugendförderung da mithalten kann oder auch auf der Höhe der Zeit ist, wenn man das mal mit den öffentlichen Programmen und Angeboten vergleicht?

Furkan Karaca: Die geförderten Plattformen sind zum Teil nützlich. Allerdings verfehlt die Förderung die etablierten Jugendverbände, die ein Sprachrohr und somit repräsentativ für die jungen Muslime in Deutschland sind. Somit ist eine erweiterte Förderung von Maßnahmen definitiv erforderlich, um Themen der muslimischen Jugendlichen wirksam zu adressieren.

Islamische Zeitung: Es gibt seit langer Zeit viele, von außen kommende Zuschreibungen – von muslimischer wie von nichtmuslimischer Seite – auf die muslimische Jugend. Häufig problematisieren diese und nehmen die jugendliche Perspektive nicht mit auf. Was sind für Sie momentan die wichtigsten Aspekte muslimischer Jugendarbeit?

Furkan Karaca: Wir als BDMJ sind mit unseren Strukturen breit aufgestellt. Wir haben knapp 900 Moscheen von denen jede vor Ort eine zugehörige Jugendgruppe hat. Zu uns gehören darüber hinaus 15 Landesjugendverbände. Jeder einzelne dieser Jugendvorstände arbeitet eigenständig und hat somit eigene Themenschwerpunkte. Nichtsdestotrotz, stehen bei uns Rassismus im Allgemeinen, öffentliche und innermuslimische Diskurse, Begegnungen mit Religionen und Umweltschutz ganz oben auf der Themenliste. Darüber hinaus streben wir die Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe und die Mitgliedschaft im Deutschen Bundesjugendring an.

Islamische Zeitung: Wie wichtig ist für Sie die Ausprägung von Widerstandsfähigkeit oder Resilienz bei muslimischen Jugendlichen?

Furkan Karaca: Es ist äußerst wichtig, die Resilienz bei Jugendlichen zu stärken. Das bedeutet, dass – auch in der aktuellen Lage – die Jugendlichen anders mit gewissen Situationen umgehen müssen, als beispielsweise ältere Moscheemitglieder. Im Dialog mit den Jugendlichen zeigt sich deutlich, dass für die Probleme und Sorgen Konzepte erarbeitet werden müssen, die die Lebenswelt der Jugendlichen wirksam beeinflussen und gleichzeitig authentisch sind. Jugendliche sind teilweise verunsichert und wir müssen ihr Selbstbewusstsein stärken damit deren Engagement in der Gesellschaft erhalten bleibt. Das geht nur, wenn wir ihnen zuhören und sie verstehen.

Islamische Zeitung: Welches Zukunftspotenzial sehen Sie in der muslimischen Jugend?

Furkan Karaca: Das Potenzial ist groß. Mit den richtigen Ansätzen und den passenden Themen können wir zusammen mit unseren Jugendlichen in Deutschland etwas bewegen. Wir müssen den muslimischen Jugendlichen eben das Gefühl geben, dass sie als solche dazugehören. Das ist der vielleicht wichtigste Punkt, damit wir das Potenzial innerhalb der Jugendarbeit entfalten können.

Islamische Zeitung: Lieber Furkan Karaca, wir bedanken uns bei Ihnen für das Gespräch.

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Sulaiman Wilms

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