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Das Problem mit der Identitätspolitik

Kommentar: Nour M. Goda setzt sich kritisch mit heutigen Trends des innenmuslimischen Diskurses auseinander

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Foto: Freepik.com

(iz). Was ist Identitätspolitik? Wir müssen sie definieren. Es handelt sich dabei um die Neigung von Menschen, die eine gemeinsame ethnische, religiöse, soziale oder kulturelle Identität haben, exklusive politische Bündnisse zu bilden, statt sich an einer breiten, traditionellen Politik zu beteiligen. Oder es geht um die Förderung bestimmter Partikularinteressen, ohne die Anliegen der Allgemeinheit mit in Betracht zu ziehen.

Mit anderen Worten, Menschen kommen nicht zusammen, weil sie zu bestimmten Fragen gleicher Meinung sind. Darauf ­basiert die Gruppenbildung nicht. Vielmehr richten sie sich an Aspekten von Identität aus. Was ist daran verkehrt? Warum sollten sich nicht jene Individuen zusammenschließen, die seit Langem Unterdrückung und Diskriminierung unterliegen? Warum sollten beispielsweise Schwarze das nicht tun? Es gibt Probleme bei diesem Ansatz.

Das erste ist die Idee einer Identitätspolitik auf Grundlage eines gemeinsamen Feindes. Der Sozialpsychologe Jonathan Haidt sagt, dass wir aufgrund der Eigenschaften der Gruppe voreingenommen sind, in die wir hineingeboren werden. Wer weiß ist, befindet sich also auf der bösen Seite der Geschichte. Wer schwarz ist, auf der guten Seite usw. Hier werden wir verschoben ­aufgrund von Dingen, über die wir keine Kontrolle haben.

Dieser Art von Identitätspolitik ginge es nicht um Lösungen. Ihr fehlte der Ablauf von Diagnose und Behebung des Problems. Das Gut-Böse-Narrativ unterscheidet sich stark von den früheren Bürgerrechtsführern in den USA. Martin Luther King setzte sich nicht für die Rechte einer bestimmten Identitätsgruppe ein. Er beschrieb Rassentrennung und Ungerechtigkeit als Kräfte, die uns zerreißen. Und er appellierte an allgemeine Prinzipien sowie an unsere ­gemeinsame Menschlichkeit als Wege zur Heilung von Vorurteilen und zur Einheit der Menschen.

Eine weitere Schwierigkeit dieses Ansatzes ist eine Opfer-Kultur. Hierbei handelt es sich um eine Theorie über die gegenwärtigen „Kulturkämpfe“, die von Reverend Bradley Campbell formuliert wurde, um diese Form der Militanz zu beschreiben. Jede Gruppe braucht sein Narrativ, um seine Identität aufrechtzuerhalten. Und sie muss mit anderen auf der Grundlage konkurrieren, wer den größeren Opferstatus hat. Es wird beinahe zu einem Wettbewerb. Ein solches Denken ist in der Geschichte unbekannt und darauf angewiesen, beinahe aggressiv einen Opferstatus zu erlangen und zu verteidigen.

An diesem Punkt sind wir mittlerweile ­angelangt. Wir sind sehr stolz darauf, Opfer zu sein. Und diejenigen, die derart keinen Anspruch auf moralische Überlegenheit machen können, sind in unseren Augen Hinterwäldler. Zur Behebung solcher Probleme müssten wir eigentlich an einem persönlichen Wandel arbeiten. Das allerdings wäre kontraproduktiv oder sogar gefährlich für unsere Identität. Mit anderem, wenn wir die Fragen lösen, verlieren wir unsere Sichtbarkeit. Etwas, das wir nicht wollen. Also ein Teufelskreis, wenn wir – wie viele Muslime es tun – Sichtbarkeit und Repräsentanz beanspruchen wollen. Wir brauchen Menschen, die uns weiterhin diskrimi­nieren, damit wir Opferansprüche geltend machen können.

Die Autorin ist, eine in Syrien geborene Muslimin und lebt heute in New York. Sie ist Gründerin von „Between Arabs“, einem Blog und Podcast, wo sie kontroverse Fragen mit und über Arabern und Muslimen im Westen diskutiert. Der Text ist ein Auszug aus einem umfangreichen Vortrag zum Verhältnis von Islam und Feminismus.

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