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Das Schicksal dieser muslimischen Nation steht auf dem Spiel. Von Parvez Asad Sheikh

Pakistans (Bürger-)Krieg

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(iz). Die Vorstellung von mehr als 1,9 Milliarden US-Dollar ist mit Sicherheit ein Antrieb für jeden. Diese Summe hat Amerika der lang erwarteten pakistanische Selbstverpflichtung mit der Absicht erbracht, die Existenz der Taliban in Pakistan in ihrem Kern auszulöschen. Die Tatsache, dass Pakistans Präsident, Ali Asif Zardari, ein berüchtigter Zauberer im Umgang im Geld ist, muss etwas mit der US-Entscheidung zu Gunsten des “Zuckerbrot” zu tun haben, der plumpen amerikanischen “Peitsche” etwas gleichwertiges zur Seite zur stellen.

Zardaris strahlendes Lächeln, als er mit den anderen Delegierten auf dem Washingtoner Gipfel Anfang Mai auftrat, straft der Realität dessen Lügen, was sich in und um Pakistans Swat-Tal zur geichen Zeit abspielt. Millionen Menschen sind innerhalb des Landes auf der Flucht und leben in Zelten, die deutlich die berühmte Abkürzung der Vereinten Nationen tragen, die für so viele zum Symbol einer humanitären Katastrophe geworden ist. Die einzigen vergleichbaren Ereignisse dazu in der Geschichte des Landes sind die Teilung von 1949 und die Abspaltung von Ostpakistan im Jahre 1971, die jeweils zum Tod von hunderttausenden Menschen führten.

Die Operationen des Militärs im Swat-Tal fielen zusammen mit der Aufkündigung des umstrittenen Friedensvertrags zwischen der pakistanischen Regierung und Militanten, der früher in diesem Jahr ausgehandelt wurde, aber auch mit der Bekanntmachung von US-Präsident Obama neuer Strategie, den von USA und der NATO geführten Krieg in Afghanistan wieder zu beleben. Die beiden Länder, Afghanistan und Pakistan, werden in der Nomenklatura dieser neuen Strategie symbolhaft mit einem Bindestrich geschrieben [Af-Pak]. Dies ist ein Zeichen dafür, dass die USA die pakistanische Position in diesem Krieg als unverzichtbaren Bestandteil des Schlachtfeldes ansehen. Bereits seit dem 11. September 2001 und des schnellen Sturzes der afghanischen Taliban durch die Amerikaner gibt es einen steigenden Druck auf Pakistan, überzeugendere Schritte gegen die Taliban und die formlose Al-Qaida einzuleiten, die beide 2001 nach Pakistan geflohen sind. Die Af-Pak-Strategie des Weißen Hauses unterscheidet sich nur unwesentlich von den ersten Forderungen seitens der USA und der Regierung Bush nach einer pakistanische Zusammenarbeit.

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Am 13. September erhielt General Mahmood, Vertreter des pakistanischen Militärs, bei einem Besuch in der US-Hauptstadt Washington eine Liste der amerikanischen und als “nicht verhandelbar” bezeichneten Forderungen, die er an Präsident Musharraf übergeben sollte. Der Inhalt dieser Liste ist wichtig, um den Ursprung der amerikanischen Frustration angesichts des langsamen pakistanischen Engagements bis heute zu verstehen. Die sieben Punkte gestalteten sich wie folgt:

1. Stopp des Einsickerns von Al-Qaida-Anhängern aus Afghanistan nach Pakistan, die Unterbrechung von Waffenlieferungen durch Pakistan und die Beendigung der gesamten logistischen Unterstützung für Osama bin Laden.

2. Pauschale Überflug- und Landerechte für US-Flugzeuge.

3. Zugang für die USA zu pakistanischen Marine- und Luftwaffenbasen und zum Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan.

4. Aushändigung der gesamten Geheimdienst- und Einreiseinformationen.

5. Die Verurteilung der Angriffe vom 11. September und die Bekämpfung sämtlicher Äußerungen, die Terrorismus gut heißen.

6. Ennde aller Treibstofflieferungen an die Taliban und der Stopp von pakistanischen Freiwilligen, die sich Grenzübertritt nach Afghanistan den Taliban anzuschließen wollen.

7. Die Erklärung, dass – sollte es starke Beweise gegen Osama bin Laden und das Al-Qaida-Netzwerk geben und sollten die Taliban ihm und seinen Komplizen weiterhin Unterschlupf gewähren – Pakistan die Unterstützung für die Taliban beendet und den USA mit den vorher beschriebenen Mittel hilft, um Bin Laden und sein Netzwerk zu zerstören.[1]

Bevor er den Präsidenten unterrichtete, drückte General Mahmood im Namen des Präsidenten und Pakistans seine Zustimmung in einem vorauseilenden Beschluss aus. Mahmood wurde wahrscheinlich dadurch beeinflusst, dass er Mitgefühl mit der amerikanischen Sache hatte. Entweder, weil er in Washington in Zeiten einer nationalen Krise weilte oder weil er sich dem bebrillten Blick von Colin Powell ausgesetzt sah. Mussharaf muss angesichts des immensen Drucks auf Pakistan und der unbesonnenen Art und Weise, wie sich Pakistan der amerikanischen Sache verpflichtet hatte, schwer geschluckt haben.

Acht Jahre später schuf das Niveau, auf dem Pakistan in der Lage war, sich diesen anfänglichen Forderungen zu verpflichten, eine anhaltende Reibung mit der populären Ablehnung eines unbeliebten Krieges – wegen dessen ausgedehnten Natur, der anhaltenden geopolitischen Neurose der Unzufriedenheit mit der pro-indischen Regierung Karzai und der ebenfalls anhaltenden Drohung einer indischen Täuschung. Der wichtigste Faktor jedoch blieb die komplexe Geschichte der Verbindung der militärischen und zivilen Führer mit den islamisch-politischen Parteien und militanten Gruppen. Diese muslimischen Elemente stehen für dem enorm wichtigen Gesicht einer Gegensätzlichkeit, mit dem Pakistan seit seiner Gründung zu kämpfen hat. Denn es ist ein säkularer Staat, der als Heimstätte für Muslime geschaffen wurde.

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Hassan Abbas Buch “Pakistan's Drift Into Extremism (Pakistans Abgleiten in den Extremismus)” zeichnet die schwierige Beziehung zwischen Pakistans militärischer und ziviler Verwaltungen, der konservativen islamischen Rechten im Land und Beziehung zwischen USA und Pakistan im Kalten Krieg insbesondere nach, die in zunehmendem Maße die Anwesenheit einer islamischen Militanz in Pakistan und Afghanistan hervorbrachte.

Aus dieser sehr informativen Arbeit lassen sich die folgenden Schlüsselbeobachtungen ableiten:

1. Pakistan hatte immer eine starke muslimische Identität, die das einzige ideologische Bindemittel ist, welches als einziges in der Lage ist, das wesentlich verschiedene ethnische Gesamtgefüge zu vereinen. Die islamischen Organisationen haben sich als sehr mächtiges Leitungsmedium für diese islamische Identität erwiesen.

2. Die aufeinander folgenden pakistanischen Verwaltungen – sowohl die zivilen als auch die militärischen – haben sich den Forderungen dieser Organisationen als dienlich erwiesen, wonach Pakistan seine islamische Natur beibehalten müsse. Diese betreuten die graduelle Islamisierung des Landes durch wichtige Gesetzgebungen und verfassungsmäßige Zusätze.

3. Obwohl Verantwortliche die potenzielle Macht dieser Organisationen als eine Vertretung der islamischen Identität Pakistans anerkannt haben, wurde ihre Beziehung oft durch einen kurzsichtigen Gebrauch aus opportunistischen Gründen geprägt – ohne eine zeitgleiche Zusammenarbeit als Teil einer weitreichenden Strategie zum Nutzen des Landes. Keiner der Führer des Landes hat jemals versucht, die islamische Rechte offen herauszufordern, denn dies wäre als eine Herausforderung der ideologischen Bedeutung Pakistans angesehen worden.[2]

4. Amerikas Rolle als wichtigster Verbündete des Kalten Kriegs hatte eine erkennbare Wirkung auf die Entwicklung Pakistans, wie sie sich heute darstellt. Diese Beziehung erwies sich gleichfalls als kurzsichtig und opportunistisch, bei dem sich jede neue US-Regierung durch den utilitaristischen Ansatz von der vorherigen in schroffer Weise unterschied.

5. Der wichtigste Schritt der amerikanisch-pakistanischen Allianz während des Kalten Kriegs bestand in der Entwicklung von Ausbildung und logistischen Einrichtungen für die Mujahidin während des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan. Dies brachte sowohl physisch als auch ideologisch den Extremismus zur Welt, welcher der “Terrorismus” von heute ist.

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Aus einer Erweiterung dieser obigen Punkte lässt sich weiterhin schließen, dass die Taliban in Pakistan (ein Sammelsurium von militanten Gruppierungen, im Gegensatz zu den afghanischen Taliban) das Ergebnis diese reaktionären Beziehung zwischen dem pakistanischen Staat und der islamischen Rechten in dem Land sind. Das wichtigste Element, welche die Aufhetzung der militanten Natur dieser islamischen Identität erlaubt hat, waren die heimlichen, von den Amerikanern unterstützten Anstrengungen während der Sowjetinvasion Afghanistans. Der schnelle Abzug der amerikanischen Gegenwart nach dem Rückzug der Sowjets überließ Pakistan die Aufgabe zur Wiederaufnahme einer bedeutsamen Bevölkerung, die es selbst ausgebildet hatte. Pakistan erreichte dies durch die Schaffung strategischer Bindungen zu den militanten Organisationen, um seine geopolitischen Interessen in Kaschmir und in Afghanistan zu schützen. Daher, während Pakistan kein terroristischer Staat ist, sind diese militanten Gruppen untrennbar mit der islamischen Identität Pakistans und seinen regionalen Interessen verbunden. Und sie sind ein direktes Ergebnis der amerikanischen Hilfe während des Kalten Krieges.

Um die Zwickmühle, in der sich Pakistan befindet, ist das Land nicht zu beneiden. Entweder muss es offenen Zwang gegen eine Militanz einsetzen, die es durch die Ausbeutung der muslimischen Identität Pakistan geschaffen hat, oder es wird ernsthaft vom Westen und den USA isoliert. Die amerikanischen Forderungen ziehen die Rolle, welche die USA bei der Schaffung der herrschenden Lage gespielt hatte, nicht in Betracht und sie verstehen nicht die Komplexität der Position Pakistans.

In seiner Rede über die neue Af-Pak-Strategie erklärte US-Präsident Obama am 27. März, dass “… Al-Qaida von seinem sicheren Hafen in Pakistan aktiv Anschläge gegen das Gebiet der Vereinigten Staaten plant plant”.[3] Der Gipfel in Washington, der Anfang Mai stattfand, behandelte insbesondere die Frage von Beihilfen. Das vorgeschlagene militärische und wirtschaftliche Hilfspaket von 1,9 Milliarden US-Dollars wurde mit der Bedingung versehen, dass Pakistan seinen Kampf gegen “Extremisten” im eigenen Land steigern müsse. Die kühne Militäroperation im Distrikt Malakand, welches Pakistans Verpflichtung zeigt, richtet sich gegen die “Taliban” in dieser Region. Der Name, der für jenen “Feind” verwendet wird, gegen den Pakistan kämpfen muss, ist einem dauerndem Wechsel unterworfen, während sich die dem Namen nach bestehenden Grenzen zwischen Al-Qaida, Taliban und Militanten auflösen.

Die größte Frage, von dem der Erfolg der Operation abhängt, besteht darin, wie lange sie noch auf die öffentliche Unterstützung zählen kann. Der Umfang der humanitären Katastrophe kann nur für eine gewisse Zeit ignoriert werden. Die Vereinten Nationen und die pakistanische Armee leisten gemeinsam humanitäre Hilfe für die Angriffe, die sich aus dem US-NATO-Mandat ergeben haben. Pakistans Bevölkerung wird irgendwann den Effekt verstehen, wonach der schlechte definierte Feind in seiner Mitte niemand anderes ist als das eigene Volk – Muslime und Pakistanis.

Zardari hat die Büchse der Pandora geöffnet, die zuvor so ungeschickt gehandhabt wurde. Dieses militärische Vorgehen mag sich gegen die Taliban richten, welche den Friedensvertrag vom Februar nutzten, um sich Islamabad zu nähern. Sie mag des Weiteren der Versuch sein, eine strafende Macht zu projizieren, um im Falle einer Vertragslösung Gewicht bei den Verhandlungen zu haben. Zardari erklärte jedoch, dass der Zweck der Operation einfach nur in der Auslöschung der Taliban besteht.[4] Er brachte den bereits sehr unbeliebten Krieg in Afghanistan nach Pakistan und dieser besteht in der Tat aus einem Angriff auf die essenzielle muslimische Identität, auf der das Land begründet wurde. Dies ist gleichbedeutend mit dem Beginn eines Bürgerkriegs auf einer ideologischen Basis, wie er in der Geschichte Pakistans bisher unbekannt war.

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Es ist bereits zu einem Austausch von bewussten Andeutungen zwischen hochrangigen Politikern und Militärs gekommen, damit Armeechef Ashfaq Parvez Kayani eingreift. Darüber hinaus gibt es weiterführende Spekulationen, wonach Nawaz Sharif nach Zardaris politischem Absturz wieder an die Macht gebracht werden soll. Es wird angenommen, dass Sharif über die notwendige Glaubwürdigkeit verfügt, der Lage im Land gerecht zu werden. Seine Position als Erbe des offen islamischen, aber ein bisschen fehlgeleiteten, Erbes von Zia ul Haq bedeutet, dass er starke Bindungen zu islamisch-politischen und militärischen Organisationen hat. Es ist ein ermutigendes Zeichen, wenn Pakistans Machtmenschen erkennen, dass jegliche Fortführung des anhaltenden Bürgerkriegs der Anfang vom Ende aller Aussichten auf Stabilität in Pakistan ist.

Die zehn Jahre lange Herrschaft Zia ul Haqs war wohl das “Goldene Zeitalter” der kurzen und unruhigen Geschichte Pakistans. Er unternahm beachtliche Anstrengungen, um die starke muslimische Identität Pakistans mit seiner politischen Realität zu vereinen. Dies wurde bestärkt durch den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan, der Pakistan eine Einheit bracht, die das Land vorher nicht gesehen hatte. Paradoxerweise war es auch seine Regierungszeit, welche den Beginn einer bedeutenderen Militanz sah, die heute ein Ziel von globalem Ausmaß ist. Die Fragen von Militanz, Taliban und “Al-Qaida” innerhalb Pakistans können nur durch die Verdichtung einer islamisch-ppolitischen Identität gelöst werden. Als Erbe von Zias Erbe ist Nawaz Sharif einzigartig platziert als jener Mann, der in der Lage sein könnte, diese notwendige Überarbeitung der politischen Natur von Pakistan in Anbetracht seines islamischen Fundaments zu leisten.

Amerika sollte zur gleichen Zeit auf die Empfindlichkeiten gegenüber dem “Krieg gegen den Terror” horchen und seine Rolle bei der Schaffung seiner Feinde bedenken. Es sollte sich auf die Bereitstellung einer notwendigen geopolitische Unterstützung für Pakistan konzentrieren, damit es befreit ist, um politischen Handlungsspielraum zu haben – insbesondere beim Streit um Pakistan.

Nawaz Sharif sollte sich in der Zwischenzeit mit Analysten und Beratern umgeben, die eine Vision für die Zukunft des Landes haben – im Gegensatz zu jenen, die nur ihren Kopf über Wasser halten wollten. Er muss darüber hinaus die Futuhat-e-Alamgiri[5] entstauben und deren Bedeutung erkennen. Dies eröffnet unschätzbare, verantwortungsvolle und atemberaubende Einblicke und starke Richtlinien, um sich die Möglichkeiten Pakistans zu Nutze zu machen. Während die Welt dabei zögert, die geopolitische Karte der Zeit nach dem Kalten Krieg zu etablierten, bleiben Zentral- und Südostasien der wichtigste Ort für Bemühungen und Pakistan, so wie es heute ist, steht für den Knackpunkt der Sache.

Fußnoten:
[1] Hassan Abbas, “Pakistan's Drift into Extremism”, M.E. Sharpe, New York 2005, S. 218-219
[2] Es gibt unzählige Beispiele im gesamten Buch. Das letzte davon war die Unterstützung von Pervez Musharraf für die islamisch-politische Partei MMA während der Wahlen im Jahre 2002 als ein Mittel, der Unterstützung für die Opposition zu begegnen. Nicht nur hatte dies strategischen Erfolg, sondern die MMA gewann die Mehrheit der Sitze in der NWFP (Nord Western Frontier Province) und leitete die Einrichtung eines Islamisierungsprozesses ein, zu em auch die Annahme der Scharia in der Region zählte.
[3] Offizielle Presseerklärung des Weißen Hauses, 27. März 2009
[4] Interview auf PBS, ausgestrahlt am 8. Mai 2009
[5] Das monumentale Werk der islamischen Regierung, zusammengestellt während der Herrschaft des Moghul-Kaisers Aurangzeb.

Bibliographie:
– Hassan Abbas, “Pakistan's Drift into Extremism”, M.E. Sharpe, New York 2005
– Owen Bennet Jones, “Pakistan: Eye of the Storm”, Yale University Press, New Haven 2002
– Dennis Kux, “The United States and Pakistan, 1947-2000: Disenchanted Allies”, Woodrow Wilson Center Press, Washington 2001

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