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Gespräch mit dem Psychologen Aaroun Abdurrahim Schabel über Psychoanalyse

Die Seele auf der Couch: Das Symptom hat eine Funktion

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Foto: A. Schabel

(iz). Aaroun Abdurrahim Schabel ist 31 Jahre alt und verheiratet. Er ist Sohn eines deutsch-afghanischen Ehepaares, das sich seit über 30 Jahren für die inter- und intrareligiöse Begegnung engagiert. Er ist Psychologe (M.Sc.) in Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten im Verfahren der Tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie und Vorsitzender der Islamischen Arbeitsgemeinschaft für Sozial- und Erziehungsberufe e.V., die sich für die psychosozialen Belange der Muslime in Deutschland einsetzt. Seine Interessen liegen im Bereich der Psychoanalyse und den transkulturellen Fragestellungen innerhalb und außerhalb der Psychotherapie. Als klinischer Psychologe praktiziert er seit 2014 in einer psychiatrischen Klinik. Seit Anfang 2016 arbeitet er zudem im Rahmen seiner Ausbildung in der psychotherapeutischen Praxis von Dr. Ibrahim Rüschoff und Dipl.-Psych. Malika Laabdallaoui. Im Oktober bietet er ein Webinar zum Thema Begegnung als Weg der Selbsterkenntnis: Muslime in der Psychotherapie an. Anmeldung auf der Facebook-Seite Psychotherapie Aaroun Abdurrahim Schabel.

Islamische Zeitung: Lieber Aaroun Schabel, wenn es um Psychoanalyse geht, fallen Begriffe wie das Unbewusste, das Über-Ich, Analyse und andere. Können Sie uns diese kurz erklären?

Aaroun A. Schabel: Assalamu Alaikum. Ich möchte es versuchen. In ihrem Buch „The Failed Assassination of Psychoanalysis“ schreibt die französische Psychoanalytikerin Agnés Aflalo: „Für die Psychoanalyse ist das Symptom keine Störung“ und fährt fort, es sei „eine zum Schweigen gebrachte Wahrheit, die gehört werden muss“. Stavros Mentzos drückt es etwas weniger in lacan’scher Manier aus: Das Symptom hat eine Funktion.

Die Psychoanalyse, so nannte der Neurologe Sigmund Schlomo Freud bereits Ende des 19. Jahrhunderts seine Methode, sollte dieser Wahrheit, die sich beispielsweise hinter Symptomen wie irrationalen Ängsten, Pedanterie, depressiven Verstimmungen oder Wahnvorstellungen verbarg, Gehör verschaffen und somit einen Zugang zu Ursache und Sinn des Krankheitsbildes, also dessen Funktion, ermöglichen. Freud vermutete hinter den Störungen eine Sprache, die es zunächst zu übersetzen galt, bevor gehofft werden konnte, sie zu lindern. Er war der Überzeugung, dass sich hinter den vermeintlich willkürlich auftretenden Symptomen konkrete aber verdrängte Bedürfnisse, Erlebnisse, Gefühle, Wünsche, usw. verbargen.

Nur waren sie dem Kranken nicht bewusst, seinem Bewusstsein nicht zugänglich. Sie waren unbewusst. Freud bezeichnete „die Unterscheidung des Psychischen in Bewußtes und Unbewußtes“ als „Grundvoraussetzung der Psychoanalyse“ und machte damit das Unbewusste zu einem zentralen Begriff seiner Metapsychologie. Es folgten Modelle, die er aufstellte, revidierte und weiterentwickelte, um diese dem Bewusstsein zunächst nicht zugänglichen psychischen Prozesse zu erklären und eben verfügbar zu machen.

Darunter auch das sogenannte Strukturmodell, das aus drei Instanzen besteht: Es, Ich und Über-Ich. Während das Ich weitestgehend das Bewusstsein darstellt, versucht diese Instanz zwischen den verdrängten, unbewussten Bedürfnissen, die durch Triebregungen des Es auf sich aufmerksam machen und dem Über-Ich, das die moralischen, durch vor allem die Eltern geprägten, internalisierten sozialen Normen und Werte verkörpert, zu vermitteln.

An dieser Stelle möchte ich noch kurz auf Unterschiede zweier psychodynamischer Therapieverfahren eingehen. Die Analyse beziehungsweise Psychoanalyse (PA) ist eine hochfrequente Langzeittherapie, mit einer Behandlungsfrequenz von zwei bis drei Sitzungen in der Woche im Liegen, über einen Zeitraum von zweieinhalb bis vier Jahren. Die sogenannte Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (TP) hingegen findet im Sitzen statt und umfasst eine, in bestimmten Fällen zwei Sitzungen in der Woche und dauert selten länger als zwei Jahre.

Je nach Schwere und Ausprägung der Störung, Reflexions- und Introspektionsfähigkeit, wird der Psychotherapeut die jeweilig passende Behandlungsform empfehlen. Beide, PA und TP setzen einen gewissen Intellekt und die Fähigkeit des Patienten voraus, seine innere Welt mittels freier Assoziation in Sprache zu fassen. Bei der Psychoanalyse fällt dies jedoch mehr ins Gewicht. Die TP stellt zwar ebenfalls Bezüge zu tieferliegenden unbewussten Konflikten her, jedoch steht die Symptomreduktion im Kontext der aktuellen Konfliktsituationen und Beziehungskonflikten im Vordergrund der Behandlung. Die PA hingegen, setzt viel tiefer an und hat zum Ziel, krankmachende und Leidensdruck erzeugende Persönlichkeitsstrukturen zu verändern.

Islamische Zeitung: Für einen Laien erklärt, fällt für Sie die Analyse mehr unter die Kategorie einer medizinisch-therapeutischen „Behandlung“ oder haben wir es hier mit einem lebensphilosophischen Ansatz zu tun?

Aaroun A. Schabel: Hätten Sie mich vor ein paar Jahren gefragt, hätte ich mich ohne jeden Zweifel im Sinne einer rein therapeutischen Grundeinstellung positioniert. Denn meine Lebensphilosophie, meine Lebensweise ist die des Islam. An Letzterem hat sich nichts geändert, aber ich habe für mich verstanden, dass mein Muslimsein nicht in Konflikt steht mit der Anwendung der tiefenpsychologisch fundierten Methode, einschließlich des philosophischen Überbaus der Psychoanalyse und meinem Selbstverständnis als angehender Psychologischer Psychotherapeut.

Sicher stand für Freud und denen, die seiner Tradition folgten, widerlegten und weiterentwickelten, der Patient mit seiner neurotischen Konfliktverarbeitung im Vordergrund. Es ging darum, den von der Gesellschaft Verstoßenen und „Ver-Rückten“ eine alternative und wirklich heilsame Behandlung zu ermöglichen. Eine Methode, die sich nicht nur auf die Körperlichkeit und die Linderung von Symptomen fixierte, sondern die Suche nach der tieferliegenden, symbolisch gefärbten Ursache für die innere Verrückung zu einem zentralen Punkt der Behandlung machte.

In der Arbeit mit meinen Patienten, stelle ich immer wieder fest, dass die Auseinandersetzung mit Ursache und Sinn, dem Warum, unweigerlich zu lebensphilosophischen Fragen und Herausforderungen führt. Auch wenn Freud und seine Schüler sich ihren Patienten verschrieben, legte er mit seiner Metapsychologie, die nicht frei von Einflüssen beispielsweise Friedrich Nietzsches und der religionskritischen Einstellung Feuerbachs war, den Grundstein für philosophische Fragestellungen. Was bedeutet es Mensch zu sein? Was macht ihn aus und welche unsichtbaren Kräfte lenken ihn? Einer der bekanntesten aber auch umstrittensten psychoanalytischen Theoretiker und Therapeuten war Jaques Lacan, der mit seiner Schrift Rückkehr zu Freud unter anderem eben genau dies verfolgte: Eine Rückbesinnung auf die Entdeckungen Freuds im Sinne einer generalisierbaren, frei von der klinischen Sichtweise und auf jedes Individuum anwendbaren Auffassung vom Leben.

Es wäre eine Verleugnung der Tatsachen, zu behaupten, die Psychoanalyse oder die psychotherapeutischen Traditionen hätten nicht den Anspruch, den Menschen das Leben zu erklären. Als Psychotherapeut sollte man Klarheit in seiner therapeutischen Haltung und seinem persönlichen Selbstverständnis haben, gleichzeitig aber Uneindeutigkeit aushalten, Stichwort Ambiguitätstoleranz, und im Sinne der Selbsterkenntnis reflektieren können. Der Patient ist einem solchen Diskurs jedoch eher nicht ausgesetzt. Zumindest nicht bewusst.

Islamische Zeitung: Welche Funktion hat der Therapeut in dem Vorgang oder Gespräch?

Aaroun A. Schabel: Der Rolle des Psychotherapeuten kommt natürlich eine besondere Bedeutung zu. Über seine Funktion und wie er zu sein hat, wurde in den vergangenen 120 Jahren immer wieder diskutiert. In der klassischen Psychoanalyse nach Freud, glänzt der Analytiker mit Abstinenz. Ich weiß, eine paradoxe Formulierung, in doppeltem Sinne. Freud verlangte vom Analytiker „undurchsichtig für den Analysierten“ zu sein und „wie eine Spiegelplatte nichts anderes zu zeigen, als was ihm gezeigt wird“. Aber der Psychoanalytiker beziehungsweise Psychotherapeut nimmt eine so glänzend-zentrale Rolle im Leben eines jeden Patienten ein, dass diese strikte Form der Enthaltsamkeit zunehmend weniger förderlich für eine tragfähige therapeutische Beziehung schien.

Den wohl krassesten Kontrast dazu bildet der intersubjektive psychoanalytische Ansatz, in dem Analytiker und Analysand sich im Kontext des Anderen begegnen. Mir persönlich gefällt Donald W. Winnicotts Bild der analytischen Situation. Der Objektbeziehungstheoretiker nutzte die gute Mutter-Kind-Beziehung als Analogie für die therapeutische Beziehung zwischen Analytiker und Analysand, respektive Psychotherapeut und Patient. Eine hinreichend gute Mutter hält, bietet Sicherheit, passt sich nahezu bedingungslos an. Bis das Kind feststellt, dass die Mutter nicht ein Teil von ihm selbst ist und seinen Weg gehen kann. Ein sehr hoher Anspruch, der auch die Falle der Bedürfnislosigkeit des Therapeuten mit sich bringen kann, dergestalt, dass der Therapeut darauf achten muss, sich nicht rücksichtlos benutzen zu lassen.

Also auch da gibt es Grenzen. Der Begriff Vorgang beschreibt es eigentlich ganz gut. Die Begegnung zweier Menschen im analytischen beziehungsweise psychotherapeutischen Setting ist ein Prozess, ein gemeinsames Vorangehen. The talking cure, wie es so schön im Englischen genannt wird, ist alles andere als „nur ein Gespräch“.

Ich erlebe die Psychotherapie als eine Reise, eine Nachreifung der versäumten Entwicklungsaufgaben, die in geschütztem Rahmen dem Patienten ermöglicht, sich zu öffnen, zu entfalten und mithilfe von Selbstoffenbarung und Reflexion und empathisch-wertschätzender Konfrontation des Therapeuten zu so viel Selbsterkenntnis zu gelangen, wie es nötig ist, damit der Patient der Verwirklichung seines Selbst näherkommen kann. Ich biete dem Patienten mein Ich zum „Gebrauch“ für eine bestimmte Zeit an, bin sein Hilfs-Ich, das ihn in seiner Emotionalität und seinen Bedürfnissen spiegelt, Motive, Einstellungen und Haltungen hinterfragt, Wünsche und Ziele formuliert, an die Hand nimmt, dabei hilft, selbstständig zu gehen, bis wir beide merken, dass er nun auf eigenen Beinen stehen kann.

Klingt blumig, ich weiß. Zumal die Krankenkassen eigentlich den zeitlichen Rahmen für eine Psychotherapie vorgeben. Aber diese, meine persönliche Haltung gehört zu meinem psychotherapeutischen Selbstverständnis. Freud schrieb einst in einem Brief an Carl Gustav Jung: „Es ist eigentlich eine Heilung durch Liebe“.

Islamische Zeitung: Es gibt unterschiedliche Namen – Freud, Adler, Jung, Boss und andere – von Pionieren und bedeutenden Analytikern, die auch heute noch einflussreich sind und für unterschiedliche Ansätze stehen. Wie bedeutsam sind diese Unterschiede und worin bestehen sie?

Aaroun A. Schabel: Die Psychoanalyse, wie wir sie heute kennen, hat eine 120-jährige Entwicklung hinter sich. Freud ist als der Begründer der Psychoanalyse der wohl bekannteste Vertreter. Mit Aufgreifen und Formulierung des Unbewussten, der Entwicklung eines Strukturmodells der Psyche mit Es, Ich und Über-Ich, sowie seiner Trieb- und Sexualtheorie, hat Freud einen wichtigen Beitrag zur Erklärung der menschlichen Psyche geleistet.

Der vielleicht nach Freud bekannteste Analytiker und Begründer der analytischen Psychologie ist Carl Gustav Jung, der noch vor Freud betonte, dass ein Therapeut sich selbst einer Analyse unterziehen müsse, bevor er selbst therapieren könne. Zwischen den beiden kam es allerdings zum Bruch, aus verschiedenen Gründen. Neben persönlichen, fachlichen und philosophischen Differenzen, beispielsweise auch aufgrund wichtiger Haltungen zu Sinnfragen des Lebens. Während Freud, sich von der jüdischen Religion seiner Eltern und Religion im Allgemeinen deutlich abgrenzte, war Jung der Überzeugung, dass dem Leben ein spiritueller Sinn innewohnt.

Auch Alfred Adler trennte sich von Freud und verschrieb sich zwar ebenfalls der weiteren Entwicklung der Ich- beziehungsweise Individualpsychologie, legte sein Augenmerk jedoch nicht auf die Auseinandersetzung des Ichs mit den Trieben, sondern zum Beispiel mit der Bewältigung eines Minderwertigkeitskomplexes durch Überkompensation. Die Tochter Freuds, Anna Freud, widmete sich in ihrem Werk „Das Ich und die Abwehrmechanismen“ der Herausarbeitung unbewusster Vorgänge, eben Abwehrmechanismen, die es dem Menschen ermöglichen, innere Konflikte zu bewältigen. Der Allgemeinheit geläufigste dieser Mechanismen ist die Abwehr innerer Konflikte durch Verdrängung. Dieser sorgt dafür, dass ein unaushaltbares Gefühl wie Schuld, ins Unbewusste verdrängt wird, sodass der Betroffene den Alltag ohne große Einschränkungen bewältigen kann. Allerdings kann ihn diese Schuld immer wieder, zum Beispiel in Träumen „heimsuchen“.

Die wohl größte Kursänderung bzw. Weiterentwicklung seit Freud und den verschiedenen Ausformungen der Ich-Psychologie, war die systematische Beobachtung und Beschreibung der Begegnung des Subjekts mit dem Objekt, welche zum einen die Objektbeziehungstheorie hervorbrachte, zu deren bekanntesten Vertretern Melanie Klein, John Bowlby und Donald Woods Winnicott gehörten.

Eine weitere theoretische Schule, in der die Objektbeziehung ebenfalls von großer Wichtigkeit war, nennt sich Selbstpsychologie, deren Begründer Heinz Kohut war. Beide Theorien stellten die Beziehung des Kindes mit seinen primären Bezugspersonen, den Eltern, ins Zentrum ihrer theoretischen Überlegungen. Die jeweiligen Vertreter erkannten, dass die Art und Weise der Begegnung mit den Eltern, deren Haltung, sowie Anpassungs- und Bindungsfähigkeit, an und mit dem Säugling beziehungsweise Kind, wichtige Grundsteine für die Entwicklung von Selbstwert, Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung im Kind legen und nachhaltig beeinflussen.

Dies ist nur eine grobe Übersicht über die Entwicklungen innerhalb der Psychoanalyse bis in die 1970er Jahre hinein. Ich bin noch recht neu auf dem Gebiet und habe selbst noch kein umfassendes Bild. Deshalb scheint es aus meinem aktuellen Blickwinkel so, als seien die Unterschiede, aber auch die Gemeinsamkeiten über die verschiedenen Schulen hinweg, überaus bedeutsam. Vor allem von einem theoretischen Standpunkt aus. Die jeweilige Schule hatte einen deutlichen Einfluss auf die analytisch-therapeutische Haltung, darauf, wie der Analytiker das Setting beziehungsweise den Rahmen in der Analyse gestaltete. Selbst die analytische Technik war und ist durch die Theorien begründet. Aber ich erlebe im Kontakt mit weitaus erfahreneren Kolleginnen und Kollegen, dass sie die jeweilige Theorie und Praxis integrativ nutzen und sich immer am aktuellen Forschungsstand orientieren.

Gerd Rudolf machte auf einer Tagung vor etwa einem Jahr eine wichtige Feststellung: „Die Zeiten, in denen offizielle Zugehörigkeit zu einer elitären Gruppe von Therapeuten als Krönung der eigenen Berufslaufbahn gesehen wurde, sind ohne Zweifel vorüber.“ Was für eine Erleichterung.

Islamische Zeitung: Lieber Aaroun Schabel, jenseits der Psychologisierung in der Ideologiekritik werden die Begriffe „Islam“ und „Analyse“ nur von wenigen zusammen gedacht. Sehen Sie da die Möglichkeit des Austausches und der gegenseitigen Befruchtung?

Aaroun A. Schabel: Heute steht die Psychoanalyse der Religion längst nicht mehr so kritisch gegenüber wie einst ihr Gründervater. Und auch in den Reihen der Muslime zeigt sich vereinzelt Bereitschaft zu Austausch und Diskussion auf dem Gebiet der Psychotherapie, wenngleich die Begegnung noch etwas verhalten wirkt und teilweise in der breiteren Masse der Muslime angstbesetzt scheint. Auch in Fachkreisen gibt es verhältnismäßig wenig gute Literatur auf diesem Gebiet.

Ich versuche über meine verschiedenen Kanäle in den sozialen Netzwerken, ab und zu das Zusammendenken anzustoßen und erlebe dabei bisher kaum Widerstand, was nicht bedeutet, dass ich keinen spüre. Und das ist im Sinne der Entwicklung auch gut so.

Wie in der Therapie auch, bedeutet Widerstand, dass etwas bewusst wird und ein reflexiver Prozess sich anbahnt, aber gewagt werden muss. Allerdings ist auch das Spielfeld entscheidend. In einer der Eingangsfragen, habe ich die Thematik der Psychoanalyse als Philosophie versus Behandlungsform angerissen. In den letzten Jahren hat sich die breite Masse der Muslime zunehmend auf das Thema „Psychotherapie“ eingelassen. Eine schöne Entwicklung. Das ist unter anderen Fachleuten, dem Therapeutenpaar Dipl.-Psych. Malika Laabdallaoui und Dr. Ibrahim Rüschoff zu verdanken, die mit ihrem psychosozialen Engagement im Sinne der Aufklärung über das Thema der psychotherapeutischen Behandlung, Glaubensgeschwistern die Ängste vor dieser Art der Therapie genommen haben.

Der Patient kommt jedoch ohnehin nur in kleinsten Ansätzen mit dem theoretischen Überbau, der hinter der Therapie steht, in Berührung. Viel entscheidender ist die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Theorie für den Psychotherapeuten, aber: die wenigsten der Auszubildenden unter den zukünftigen Psychotherapeuten, lassen sich in den psychodynamischen Therapieverfahren, also der Psychoanalyse oder der Tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie ausbilden, sondern in verhaltenstherapeutisch orientierten Verfahren. Augenscheinlich ist das auch bei den muslimischen Auszubildenden so.

Mit Sicherheit sehe ich eine gegenseitige Bereicherung im Sinne der Begegnung und Auseinandersetzung zwischen Islam und Psychoanalyse. Aber wir dürfen nicht vergessen: Die Psychoanalyse hat eine 120-jährige Geschichte hinter sich und entwickelt sich stetig weiter. Dieser Begegnung sollten wir ebenfalls Zeit einräumen. Gerade in der heutigen Zeit, in der es keine Zeit zu geben scheint und gefühlt ständig ein neues Selbstoptimierungs- oder Coaching-Tool auf den Markt geworfen wird, dürfen wir unseren Anspruch an Substanz und Tiefe nicht verlieren.

Dafür sind die islamische Lebensweise und die Psychoanalyse zu gehaltvoll und komplex, als dass man einen von zwei Kompromissen daraus bastelt. Weder die Psychologisierung des Islam, noch ein Legobausatz und künstliche Unterfütterung mit Qur’anversen, um die Psychoanalyse als muslimverträglich, als halal erklären zu können, ist sinnvoll. Für eine schnelle Lösung sind beide zu kostbar.

Ich fände eine ausgiebige Auseinandersetzung mit der von muslimischen Gelehrten definierten Seelenwelt im Vergleich zu den Erkenntnissen der Psychoanalyse interessant. Unter diesen Gelehrten sind beispielsweise Al-Ghazali, Ibn Miskawayh, Ibn Hazm, Al Kindi, und Ibn Sina – auch als Avicenna bekannt – um nur ein paar Namen zu nennen. Dr. Ibrahim Rüschoff und der Psychologe Paul Kaplik leisten im Rahmen einer Forschungsgruppe unseres Vereins, der Islamischen Arbeitsgemeinschaft für Sozial- und Erziehungsberufe e.V., schon wichtige Arbeit und veröffentlichen im Laufe des Jahres eine Monografie mit verschiedenen wissenschaftlichen Arbeiten, die das Konzept der Islamischen Psychologie aufgreifen und diskutieren.

Islamische Zeitung: Gibt es für Sie Parallelen zwischen den verschiedenen Formen des Selbst in der islamischen Lehre, Nafs und Ruh, sowie den verschiedenen Zuständen des „Ich“ in der Analyse?

Aaroun A. Schabel: Als Jugendlicher war ich von Al-Ghazalis vier Gewaltigen – Schwein, Hund, Teufel und Engel – fasziniert. Das bin ich als Psychologe noch heute. Ein Modell, das mir erstmals einen Zugang zu meinem Innenleben abseits der religiösen Praxis ermöglichte. Ich fand den Gedanken anregend, den inneren Schweinehund nicht abzulehnen, zu unterdrücken, sondern ihn bewusst wahrzunehmen und entsprechend seiner „Natur“ zu behandeln, es „könnte das Elixier der Glückseligkeit für mich sein“, meinen Charakter schulen.

Ebenso begeistert war ich, als ich Freuds Triebtheorie und sein Strukturmodell für mich entdeckte und erkannte, dass die beiden Modelle aber verschieden waren, denn Freuds Modelle waren durch die intensive Arbeit am Menschen systematisiert und ausgereift. Al-Ghazali entwickelte sein Charaktermodell an sich selbst, durch eigene Bewusstseinserweiterung und Beobachtungen. Beide Autoren ließen sich aber ohnehin nicht vergleichen, denn schon die „Sprache“ war eine andere, und damit meine ich nicht Deutsch versus Arabisch, sondern die Tatsache, dass Freud in meinen Augen die Psychoanalyse unter anderem dafür nutzte, sich von dem unerklärlich Überirdischen abzugrenzen, während Al-Ghazali den Schöpfergott für die Ergründung seines Selbst voraussetzte.

Liest man jedoch beispielsweise C.G. Jung, erkennt man schnell, dass er sich nicht nur mit den östlichen Kulturen und Religionen intensiver auseinandersetzte, sondern auch die schon zu seiner Zeit zunehmende Trennung des Bewusstseins von den Instinkten, die ein Muslim vermutlich als Fitra – die göttliche Essenz der natürlichen Veranlagung – bezeichnen würde, feststellt. Auch die vier Gewaltigen wären nach Jungs Terminologie nichts anderes als Archetypen, ein zentraler Begriff der analytischen Psychologie Jungs. Al-Ghazali und Jung legten nicht nur auf die Ergründung des Selbst Wert und seine Individuation beziehungsweise Ausgestaltung. Beide strebten die Erweiterung des Bewusstseins an, über die Körperlichkeit hinaus.

Jung definierte den persönlichen Schatten als die dunkle Seite des Selbst, die nicht wie der Name vermuten lässt, ausschließlich das „Böse“ verkörpert, sondern den unbewussten Teil der Persönlichkeit, der mit dem Ich in Konflikt steht und alsdann verdrängt oder verleugnet wird. Deutlicher wird die Parallele zum Schweinehund, wenn Jung den Schatten als Archetyp beschreibt. Dort taucht der Schatten unter anderem als Feind auf und auch Al-Ghazali betonte, dass man sich mit Schwein, Hund und Teufel, welche Instanzen des Charakters beziehungsweise des Selbst seien, im Kampf befinde. Und zwar so lange, bis man sich ihrer bewusst wird. Nur durch Erkenntnis des Selbst, durch Bewusstmachung – Jung würde Schattenarbeit sagen – kann man auf das Erreichen der Glückseligkeit hoffen, Licht ins Dunkle bringen.

Das sind allerdings nur meine persönlichen Gedankenspiele und halten weder einer sorgfältigen psychoanalytischen Betrachtung stand, noch werden sie den Arbeiten Abu Hamid Al-Ghazalis gerecht. Zumal ich mich als Psychologe dabei erwische, Al-Ghazali durch die Brille der Analyse zu lesen. Eine tiefere, vergleichende Analyse der Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Begriffe des Selbst wäre wünschenswert. Aber selbst im Englischen, sind nach einer Untersuchung von Khalid Elzamzamy und Sadiq Patel, nur sechs Prozent der Arbeiten islamischer Gelehrter, die sich intensiv mit der Psyche des Menschen beschäftigten, übersetzt worden. Hier ist also noch zu tun.

Islamische Zeitung: Gibt es für Sie Symptome in der muslimischen Gemeinschaft, denen eine „Analyse“ helfen könnte? Wie würde sie ablaufen?

Aaroun A. Schabel: Ich las kürzlich einen interessanten Essay von Najwa Awad, einer klinischen Sozialarbeiterin aus den USA, die in der psychosozialen Beratung von Klienten, Paaren und Familien aktiv ist. Als Muslimin ist sie sehr sensibilisiert für Symptome und Phänomene, die sich bei Muslimen beobachten lassen. Eines dieser Phänomene, die bei Muslimen in Erscheinung treten, ist das sogenannte „waswas alqahri“, frei aus dem Arabischen übersetzt, die „überwältigend-erdrückende Einflüsterung“.

Diese Erkrankung beschreibt eine Symptomgruppe, die sich dem neurotischen Formenkreis der Zwangsstörungen zuordnen lässt. Die Betroffenen leiden nicht an akustischen Halluzinationen, wie man meinen könnte, sondern beispielsweise unter dem Zwangsgedanken, ihre religiöse Praxis sei ungenügend. Daraufhin wiederholen sie die Gebetswaschung oder das Gebet bis sie der Meinung sind, dass sie das Ritual perfekt ausgeführt haben. So kann die Gebetswaschung und das anschließende Gebet mehrere Stunden in Anspruch nehmen. Dass das quälend statt spirituell nährend ist, leuchtet uns sicher allen ein.

Findet heutzutage jemand mit einer Zwangserkrankung den Weg in die psychoanalytische Behandlung, hat er meist schon andere therapeutische Interventionen hinter sich. Denn die Therapien der Wahl sind meist verschiedene verhaltenstherapeutische Verfahren, die zunächst an der Neubewertung der Gedanken und Gefühle ansetzen und es dem Patienten im Schutz der Therapie ermöglichen, den Zwängen bewusst entgegenzusteuern. Doch die Therapie von Zwangsneurosen braucht oft viel Zeit.

Diese ist nur in der Psychoanalyse beziehungsweise in der psychoanalytischen Therapie gegeben. Hier geht es darum, die tieferen Ebenen der Störungen zu verstehen. Es geht unter anderem um die der Störung zugrundeliegenden Gefühle und Affekte: Schuld, Scham, Peinlichkeit, Wut. Gefühle, die alle Menschen kennen, die aber je nach Kultur und Tradition unterschiedliche Symptomausprägungen zu Tage fördert. Es fällt uns sicher nicht schwer nachzuvollziehen, dass Themen wie Scham und Peinlichkeit in der muslimischen Gemeinschaft einen anderen Stellenwert einnehmen als in der hiesigen Mehrheitsgesellschaft. Allein schon aufgrund der kollektiv geprägten Gemeinschaftsstruktur der Muslime, gegenüber der auf die Selbstverwirklichung des Individuums fixierte Gesellschaft Deutschlands oder der sogenannten westlichen Welt.

Nach klassischer psychoanalytischer Theorie, ist die Entwicklung einer Zwangsstörung auf frühe Erfahrungen mit den primären Bezugspersonen, also den Eltern, zurückzuführen. Diese waren entweder zu rigide und streng oder zu lasch, was die Ausgestaltung eines strengen Über-Ichs zur Folge hatte. Die Zwänge haben eine nicht zu unterschätzende stabilisierende Wirkung für den Menschen. Mit ihnen schützt sich der Betroffene nach aktuellem psychoanalytischen Verständnis, vor der Destabilisierung seines Selbst. Der Patient wehrt mit seinen Zwangshandlungen innere und äußere Gefahren ab. Der amerikanische Psychiater und Psychotherapeut Irvin D. Yalom betont immer wieder „nimm deinem Patienten nicht die Abwehrmechanismen, ohne ihm etwas Besseres anbieten zu können“. Neben der Reizexposition mittels kognitiv-verhaltenstherapeutischer Verfahren und der analytischen Ergründung und Vermittlung der Funktion des Zwangs in der Auseinandersetzung des Ichs mit dem strengen, rigiden und unnachgiebigen Über-Ich, ist das Beste, was wir als Therapeuten dem Patienten bieten können, positive und sein Selbst stärkende Erfahrungen in der therapeutischen Beziehung. Und dies gilt für alle neurotischen Störungen, wie beispielsweise Depressionen und Angststörungen. Aber auch für schwere Störungen wie Traumafolgestörungen oder Persönlichkeitsstörungen, wenngleich die Therapie an sich „schonender“ für Menschen mit schwereren Störungen gestaltet werden muss.

Diese positiven Beziehungserfahrungen kann der Patient in seinem sozialen Umfeld erproben und mit seinem Behandler reflektieren. Es wird Enttäuschungen und Rückfälle geben, es werden sich Abgründe auftun. Deshalb ist es wichtig, dass der Therapeut vor allem Zeit für den Patienten und zwar in einem universalen Sinne hat. Zeit bedeutet meines Erachtens Liebe und diese drückt sich aus in Halt, Geborgenheit, Geduld, Verständnis, Mitempfinden, Wertschätzung. Diese therapeutische Haltung, die gleichzeitig auch psychoanalytische Technik ist, wird ergänzt durch die Zurückhaltung des Analytikers, der dem Analysanden den größeren Redeanteil überlässt. Dieser muss zwar auf Empfehlungen und Ratschläge des Analytikers verzichten, aber auch keine Be- und Abwertungen befürchten. Dies ermöglicht dem Patienten mittels freier Assoziation, also durch aufgelockertes Denken, ohne den Druck sozial erwünschten Anforderungen entsprechen zu müssen, zum Beispiel verdrängte und mit Scham besetzte Gedanken und Gefühle auszusprechen.

Der Analytiker mag in der Interaktion passiv erscheinen, doch bleibt er mit seiner gleichschwebenden Aufmerksamkeit überaus aktiv mit seinem Unbewussten und dem Unbewussten des Patienten in Kontakt und analysiert die sich aus dieser Interaktion ergebenden Beziehungsangebote des Patienten. Da eine der Prämissen der psychoanalytischen Theorie ist, dass sich Beziehungskonflikte im Alltag des Patienten, in der Übertragungsbeziehung zwischen Patient und Analytiker reinszenieren, also sich wiederholen, kann der Analytiker diese Konflikte aufgreifen und dem Patienten mittels Deutungen bewusstmachen. Dies ist für den Patienten ein sehr anstrengender und wie ich bereits andeutete, langwieriger Prozess. Dieser stete Prozess des Durcharbeitens ermöglicht es dem Patienten jedoch, sich seinem „neuen“ Ich schrittweise zu nähern.

Dieser regressive Tiefenprozess, auf den sich der Patient beziehungsweise Analysand einlässt, führt langfristig zur Progression in der Ausgestaltung seines Selbst, das nicht mehr auf die alten neurotischen Muster angewiesen sein muss. Damit ist die Therapie jedoch nicht abgeschlossen. Auch der Abschied will gut begleitet sein nach einer solchen intensiven Beziehung. Hier ist ein wichtiger Aspekt der Umgang mit aufkommenden Hoffnungen oder der Illusion eines Happy End. Es gilt vielmehr, dem Patienten die Einsicht zu ermöglichen, oder, wie Rudolf und Rüger es formulieren „dass es gut ist, so wie es ist“.

Islamische Zeitung: Platt gefragt, bei wem müssten wir uns „auf die Couch“ legen?

Aaroun A. Schabel: Das ist eine wichtige Frage. Während ich das für die Psychoanalyse nicht beantworten kann, mache ich in der Psychotherapie die Erfahrung, dass ich meine therapeutische Technik nicht an die Religionszugehörigkeit meiner Patienten anpassen muss. Ich lasse mich aber auf den Patienten ein und wenn der Glaube, die Religion einen erheblichen Teil seines Bewusstseins einnimmt, dann schwingt auch mein Bewusstsein, aber auch unser beider Unbewusstes mit. Ich muss kein anderes theoretisches Krankheitsmodell für die Entstehung der psychischen Erkrankung meiner Patienten anwenden, aber den die Religion als überaus wichtigen Lebensaspekt begreifen.

Mit der Selbstpsychologie oder Objektbeziehungstheorie kann ich die Psychodynamik der neurotischen Symptombildung auch bei Muslimen wunderbar erklären. Konkreter: Der einzig wirklich große Vorteil, der sich für den praktizierenden muslimischen Patienten bietet, wenn er eine Behandlung bei einem praktizierenden muslimischen Psychotherapeuten in Anspruch nimmt ist, dass bestimmte Themen, wie Glaubensinhalte, kulturelle Bräuche und die allgemeine Familiendynamik in muslimisch geprägten Familien kaum bis nicht geklärt werden müssen.

Das ist natürlich kein unwesentlicher Faktor, denn er erleichtert dem Patienten, sich dem Verfahren der Psychotherapie zu öffnen und sich dem Therapeuten anzuvertrauen. Dennoch wäre es falsch, von der Aufnahme einer Therapie bei einem anders- oder nichtgläubigen Psychotherapeuten abzuraten. Ein guter Psychotherapeut wird sich nicht nur einfühlen, sondern wird dem Hilfesuchenden mit bedingungsloser Wertschätzung und authentischem Interesse begegnen. Schließlich ist das Teil seiner therapeutischen Haltung. Er wird seine Wissensdefizite auszugleichen suchen und versuchen, dem Patienten, so gut er kann, auf einer Ebene des gegenseitigen Verständnisses zu begegnen.

Sind gewisse grundsätzliche Dinge geklärt, mache ich bisher die Erfahrung, dass die Religion an sich in den seltensten Fällen das Problem darstellt, geschweige denn viel Raum in den Gesprächen einnimmt, selbst wenn ich sie thematisiere. Die inneren und äußeren Konflikte sind bei Muslimen, wie bei Menschen anderen Glaubens auch, auf vergleichbare Grundkonflikte zurückzuführen. Hier sind aber Kultur und Tradition viel entscheidender als „der Islam“, der ohnehin oft durch kulturelle Einflüsse konfundiert scheint.

Ein arabisch oder türkisch klingender Name oder die Aussage „Ja, ich bin Muslim“ ist außerdem kein Indikator für die religiöse Lebenspraxis oder den Kenntnisstand des Psychotherapeuten beziehungsweise Psychoanalytikers. Ich kann mich an muslimische Patienten erinnern, die bei Muttersprachlern in Behandlung waren und entgegen dem ersten Eindruck, mit einer antireligiösen Haltung, den Patienten viel Kummer bereiteten. Daher teile ich die Einstellung Laabdallaouis und Rüschoffs; Dass es besser ist, einen guten andersgläubigen Psychotherapeuten aufzusuchen als einen muslimischen Therapeuten mit therapeutischen Defiziten. Wissenslücken können gefüllt werden und einen wunderbaren therapeutischen Prozess ermöglichen, die therapeutische Beziehung zwischen Patient und Psychotherapeut auf eine Ebene des gegenseitigen Verständnisses und der Akzeptanz heben. Schlechte Psychotherapie hingegen ist nicht zu kompensieren.

Außerdem ist der einflussreichste Wirkfaktor, der den Erfolg einer Psychotherapie bestimmt, die günstige Übertragungsbeziehung, die Beziehung zwischen Therapeut und Patient. Für manche gehört der Islam als gemeinsame Lebensweise dazu. Die gemeinsame Religion ist aber keine notwendige Bedingung für den Erfolg einer Therapie. Bei wem müssen wir uns auf die Couch legen? Bei dem für uns besten, bei dem wir uns wohl und angenommen fühlen, der uns Zeit gibt. Nur Mut. Bisher bin ich keinen langjährig praktizierenden Kollegen begegnet, die nicht interessiert waren, unabhängig von Religion und Lebensweise.

Islamische Zeitung: Lieber Aaroun Schabel, sehen Sie in einer ehrlichen und offenen „Analyse“ ein wichtiges Element für die heutigen muslimischen Gemeinschaften im Westen? Wenn ja, welche Form könnten diese annehmen?

Aaroun A. Schabel: Wie hoffentlich deutlich geworden ist, liefert die Psychoanalyse Erklärungsmodelle für die Symptombildung in der kleinsten Gesellschaftsform, der Familie: Mutter, Vater, Kind. Man kann diese Symptome nun gänzlich im Sinne einer Pathologie betrachten und so tun als sei die Entstehung eines Leidensdrucks völlig abgespalten von den Geschehnissen innerhalb einer Gesellschaft.

Sicher, die Analyse ist ein auf das Individuum konzentriertes Medium, das dem jeweilig Hilfesuchenden Zeit zur Reflexion, zur Selbstoffenbarung und Selbsterkenntnis gibt, unter anderem in der Hoffnung, die Verwirklichung seines Selbst zu ermöglichen und mit den Anforderungen der Gesellschaft in der derjenige lebt, selbstbewusst umzugehen. Dennoch bin ich der Meinung, dass der Patient, der zu mir in die Behandlung kommt, auch Symptomträger seiner Gesellschaft ist.

Wir alle kennen den Ausspruch des Gesandten Muhammad, Friede sei mit ihm, der die in allen Religionen bekannte Parabel des Körpers als Abbild des Gesellschaftssystems aufgriff, indem er verdeutlichte, dass, wenn ein Teil, ein Mitglied der Körperschaft leidet, der ganze Körper leidet. Man möchte es gerne so verstehen, dass das Individuum dafür Sorge tragen soll, dass es wieder fit wird, damit es die Gemeinschaft nicht belastet. Aber in den allermeisten Fällen, kommt der Patient aufgrund der umgekehrten Kausalrichtung in die Behandlung. Es geht mir nicht um Schuldzuweisungen, sondern um die Bewusstwerdung statt Verdrängung, gar Verleugnung der beim Einzelnen Leidensdruck erzeugenden zwischenmenschlichen Beziehungsmuster, ob in der Familie, der Moschee-, Kirchen-, Synagogengemeinde, der Kommune oder in der Gesamtgesellschaft.

Diese Zusammenhänge erkannten natürlich auch die Psychoanalyse beziehungsweise ihre Vertreter. Sie schickten sich an, gesellschaftskritische Beobachtungen anzubringen und zu diskutieren, Lösungen anzubieten. Das tun sie heute noch. Ob in Religion, Politik, Umweltschutz, Technologisierung, Globalisierung, Kultur und Ethik. Ein konkreteres Beispiel, das in den hiesigen Medien nur wenig Beachtung fand, war die öffentlich psychologisierende Diskussion der Person Donald Trump. Fernanalytisch diagnostizierte man ihm eine narzisstische Persönlichkeitsstörung und leitete entsprechenden Handlungsbedarf daraus ab. Die offene psychologische Diskussion einer Person der Öffentlichkeit mit einer solchen Reichweite, fand in den USA zuletzt in den 1960ern statt. Der damalige Senator Barry Goldwater wurde als „unfit“ für das Amt des Präsidenten abgetan. Goldwater gewann den darauffolgenden Rechtsstreit und die American Psychiatric Association nahm die sogenannte Goldwater rule in ihre Prinzipien der medizinischen Ethik auf. Diese besagt, dass es unethisch für einen Behandler sei, eine Analyse einer in der Öffentlichkeit stehenden Person publik zu machen, vor allem wenn dies ohne sein Einverständnis geschehe. Vernünftig und auch richtig.

Die Psychoanalyse kann sicher auch das eine oder andere Phänomen innerhalb unserer muslimischen Gemeinschaft erklären. Viel wichtiger, als vollentwickelte „typisch muslimische“ Störungen wie das „waswas alqahri“ zu diskutieren, finde ich, eine nüchtern-sachliche Analyse beziehungsweise Reflexion über die kulturspezifischen Neurosen innerhalb der muslimischen Community zu führen. Diese werden allzu gerne verdrängt, sogar verleugnet.

Ohne eine dieser Neurosen im Detail zu diskutieren, wären dies zum Beispiel die weit verbreiteten hierarchisch-patriarchalischen Strukturen und die damit einhergehenden erschwerten Autonomieprozesse der jeweils jüngeren Generation. Die Tabuisierung der Sexualität, die zu einer Reihe von Konflikten führt, wie Diskriminierung der Geschlechter, sexueller Missbrauch und sexuelle Funktionsstörungen. Die häufig symbiotisch-fusionäre Beziehungsgestaltung zwischen Mutter und erwachsenem Kind. Der emotional abwesende Vater, was vereinfacht dargestellt, entweder Ursache oder Konsequenz dieser engen Mutter-Kind-Bindung bedeuten kann.

Die inflationäre und häufig missbräuchliche Verwendung von Qur’anversen und Hadithen, was vor allem bei der jüngeren Generation Ängste und Hassgefühle erzeugen kann, die gegenüber der Elterngeneration unterdrückt und nicht selten auf Gott projiziert werden, aber häufiger auf „die böse Mehrheitsgesellschaft“. Auch vor allem körperliche Gewalt ist in vielen muslimisch geprägten Familien weiterhin eine Strategie für die Lösung interpersoneller Konflikte.

Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass diese Symptome zwar in der muslimischen Community vorhanden, aber nicht spezifisch muslimisch sind. Dr. Rüschoff konnte in der Auswertung seiner Fallstudien erkennen, dass die intrapsychischen und interpersonellen Konflikte eines koptischen Ägypters, eines libanesischen Drusen, eines orthodoxen Griechen, eines katholischen Sizilianers oder Andalusiers und eines muslimischen Marokkaners allesamt ähnlich gesät sind. Etwa die Hälfte meiner Patienten, die sich bewusst einer religiösen Lebensweise verschreiben, waren Menschen anderer Glaubensrichtungen; Katholiken, Protestanten, Juden, Zeugen Jehovas. Aber alle, die ein sehr gespaltenes Verhältnis zu ihrer Religion hatten, wiesen eine Gemeinsamkeit auf: Sie begründeten viele ihrer Gefühle, Denk- und Verhaltensweisen mit einem meist unbewussten Religionsverständnis, das geprägt war von Kontrolle, Selbstentwertung, Angst und Schuld, aber auf die Beziehungsgestaltung mit den Eltern und des sozialen Umfeldes zurückzuführen war und kein spezifisch religiöses Problem darstellte. Die Religion gleicht dann nicht selten einer strengen Ideologie statt einer Ressource, einer Frieden spendenden, spirituellen Bereicherung des Lebens.

Und wenn ich hier schon die Schwächen beziehungsweise Symptome der muslimischen Gemeinschaft erwähne, möchte ich auch die Stärken, das präventive und vermittelnde Potenzial der muslimischen Gemeinschaft bekräftigen. Viele junge Muslime lassen sich in psychologischer Beratung und Psychotherapie, Pädagogik und Erziehung, sozialer Arbeit, in Medizin, Pflege, Seelsorge und in anderen psychosozialen Berufen ausbilden. Das, weil sie durch den Islam und die darin enthaltene Maxime der sozialen Verantwortung gegenüber den Schwachen und Hilfebedürftigen motiviert wurden und erkannt haben, dass es Handlungsbedarf in unseren Familien und Moscheegemeinden gibt.

Nicht alles ist schlecht, aber wir dürfen nicht länger verleugnen, dass psychosoziale Konflikte, wie ich sie zuvor erwähnte, auch bei uns existieren. Unsere Konflikte sind nicht allein Gegenstand der Begegnung mit der westlichen Kultur. Auch gewissenhaft praktizierende Muslime sind nicht perfekt. Sie müssen alltägliche Herausforderungen meistern, scheitern aber auch mal. Das kann passieren! An Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen zu leiden, ist kein Zeichen des schwachen Glaubens, des Ungehorsams gegenüber den Eltern oder auf den Einfluss von Verwünschungen, dem bösen Blick oder Dschinn zurückzuführen. Das alles sind meist Projektionen beziehungsweise Versuche, die Konfrontation mit dem eigenen Selbst abzuwehren, zu vermeiden. Es gibt manchmal nichts angsteinflößenderes als die Begegnung mit sich selbst. Denn ich müsste ja dann früher oder später erkennen, dass ich Verantwortung für mich selbst übernehmen muss, dass ich den Veränderungsprozess wagen muss. Veränderung macht Angst. Denn Veränderung bedeutet, etwas aufgeben zu müssen, was ich kenne, so sehr es mich auch leiden macht.

Wie oft beobachten wir, dass Menschen mehrere Jahre in einer Situation verharren, obwohl sie darunter leiden? Veränderung, Neuanpassung ist nicht immer leicht, also warum dies allein wagen? Warum nicht im Kontext einer Psychoanalyse oder Psychotherapie? Innerhalb einer tragfähigen Beziehung. Symptombildung ist nicht nur schlecht. Wie ich bereits eingangs zu vermitteln suchte: das Symptom hat eine Funktion. Für den Analytiker sind die während der Behandlung neu entstehenden Symptome auch ein Zeichen für den Beginn einer Veränderung, die in den allermeisten Fällen zu etwas Besserem führen kann. Genau dasselbe gilt für Symptome im Vorfeld einer Therapie. Sie sind weise Hinweise auf die unbewusste Auflehnung des Ich gegen die Leid erzeugenden Anforderungen der Umwelt. Nehmen wir sie ernst, können wir sie für positive Veränderungen in unserem Leben verwenden. Es hat etwas sehr Heilsames.

Ist die Psychoanalyse ein wichtiges Element für die heutigen muslimischen Gemeinschaften im Westen? Ich denke, sie kann es sein. Aber ist sie das ausschließlich? Hier teile ich die Meinung des britischen Psychotherapeuten Adam Phillips, dass die Psychoanalyse, wie andere theoretische und praktische Erklärungsmodelle auch, spezifische Antworten auf bestimmte Fragen bietet. Antworten, die der Analysand früher oder später auch selbst hätte herausfinden können, sofern er sich mit dem eigenen Ich und seinen Abwehrmechanismen bewusst auseinandergesetzt hätte.

Im schlimmsten Fall liefert die Psychoanalyse ein als absolut geltendes Modell vom Leben, an dem kein Zweifel bestehen darf. Karen Horney schrieb einst sinngemäß „Glücklicherweise ist die Analyse nicht der einzige Weg, innere Konflikte zu lösen. Das Leben selbst erweist sich als sehr effektiver Therapeut.“ Akzeptiert der Mensch den Islam für sich als Lebensweise, kann gerade die Hingabe in der Liebe zu Gott ein Quell der heilsamen Erfahrungen sein. Dafür muss jedoch der Einzelne meiner ganz persönlichen Meinung nach, seine Wohlfühlzone verlassen und über die klaren Grenzen von halal und haram, von Geboten und Verboten, von einer rationalisierenden und ausschließlich vernunftgeleiteten Sphäre heraustreten und die Begegnung mit seinem Schatten wagen.

Für mich ist die psychoanalytische Theorie ein hilfreiches Mittel, diesen, meinen Schatten aufzudecken. Und auch meine Patienten berichten mir von neuen Erkenntnissen in der Konfrontation mit ihrem Selbst. Bisher hat das nie dazu geführt, dass sie sich von ihrem Glauben abwandten. Eben weil sie ihre Religion als Ressource empfunden, aber ihr Religionsverständnis neu hinterfragt haben. Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, den Islam im Sinne der Hingabe in der Liebe zu Gott nur annähernd erfasst, geschweige denn verstanden zu haben. Die Analyse hat mir aber ermöglicht, mit einem ergänzenden Blick, darauf zu schauen. Analyse und Entwicklung sind kontinuierliche Arbeit und das Elixier der Glückseligkeit liegt für mich in der Erkenntnis meines Selbst. Der Schlüssel zur Erkenntnis Gottes ist die Selbsterkenntnis.

Islamische Zeitung: Lieber Aaroun Schabel, wir bedanken uns für das Gespräch.

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Sulaiman Wilms

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