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Das Übel des Takfirs wird insbesondere von Unwissenden praktiziert. Von Ali Haji Sayid Husseinov

Die Gefahren der Ignoranz

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Vor wenigen Monaten wurde die Studie einer US-amerikanischen Universität [„Deadly Vanguards“] veröffentlicht, in der statistisch nachgewiesen wurde, dass die allermeisten Terroropfer vor allem Muslime selbst sind. Auch in Deutschland ist diese Unsitte leider verbreitet. So erreichen unsere Redaktion manchmal namenlose Emails, die zum Takfir (die Erklärung, dass andere Muslime wegen angeblich falschen Überzeugungen den Islam verlassen hätten) auffordern. Auch wenn solche Fehlgeleiteten keine Grundlage haben, auf der sie argumentieren könnten, verwirren sie gerade unter jüngeren Muslimen die schwächeren Gemüter.

Heute haben Unarten um sich gegriffen, die dem Islam schaden können. Dazu zählt die Behauptung, bestimme Muslime – die nicht die Positionen der entsprechenden Personen teilen – hätten ihren Glauben aufgegeben. Es gibt Aussagen unseres Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, über die Prüfungen unserer Zeit und ihre Unordnung (arab. Fitna). Wir finden im Sahih von Imam Muslim und anderen Werken prophetische Aussagen, die vom Blutvergießen unter Muslimen in unserer Zeit sprechen.

Zu Beginn muss darauf hingewiesen werden, dass die Praxis des Takfir aus dem letzten Jahrhundert stammt und wir eine Zunahme beobachten. Diese Denunziation ist zu einem Instrument von Unwissenden geworden, um die schlechte Behandlung von Muslimen zu rechtfertigen.

In der muslimischen Geschichte gibt es nur sehr wenige ernsthafte Fälle von Spaltungen. Wir haben unsere ‘Aqida (Glaubenslehre), das Recht (Fiqh oder Schari’a) und Ihsan (Tariqa, Tasawwuf oder Reinigung des Selbst). Die führenden Gelehrten hegten Zuneigung fürein­ander. Das gleiche galt für die Imame der Glaubenslehre und anderer Wissenschaften. Sie waren eine große Familie, die sich gegenseitig Respekt zollte. Diejenigen, die Takfir in der muslimischen Welt einführten, haben sich zwischen die Offenbarung und Muslime gestellt und die Leute von den Gelehrten getrennt. Diese beschützen die Religion, indem sie sich an den ersten Generationen des Islam ausrichteten.

Wir erfahren aus einem Hadith unseres geliebten Propheten, dass wir jene Dinge unterlassen müssen, die Leben oder Gesundheit eines Muslims schädigen könnten.

In seiner „Tabaqat“ schrieb Imam Asch-Scha’rani: „Einmal wurde Schaikh Al-Islam Taqi Ad-Din As-Subki gefragt, ob es notwendig sei, jene zu Nichtmuslimen zu erklären, die [schädliche] Neuerungen in den Islam einbringen und einige Verse des Qur’ans falsch auslegen? Er entgegnete: ‘Ihr müsst wissen, dass es für jene, die Allah fürchten, sehr schwierig ist, jemanden des Unglaubens zu beschuldigen, der sagt, dass es keinen Gott gibt außer Allah und dass Muhammad Sein Gesandter ist.’“

Einen Muslim des Unglaubens zu beschuldigen ist eine sehr gefährliche Sache. Dies würde bedeuten, dass man ihm sagt: „Du wirst für immer in der Hölle bleiben.“ Tausende nicht des Unglaubens zu beschuldigen und sich zu irren, ist besser, als im Falle eines einzigen Muslims einen Fehler zu begehen, indem man ihn irrtümlich angreift. Es gibt das folgende Hadith: „Ich ziehe es vor, wenn ein Imam eine Person fälschlicherweise entschuldigt, als dass er diese fälschlicherweise beschuldigt.“

Imam As-Subki führte weiterhin aus: „Die Regeln des Takfir sind sehr komplex; mit wenig Klarheit und vielen Zweifeln behaftet. Es gibt hier viele Richtlinien und Bedingungen. Zuerst einmal ist eine gute Beherrschung des Arabischen, all seiner Dialekte und Ausdrücke in ihrem wörtlichen und übertragenen Sinne, nötig. Man muss alle Feinheiten der Wissenschaft des Tauhids und ihrer komplizierten Punkte kennen. Darüber hinaus muss man auch in vielen anderen Wissenschaften zu Hause sein. Dies ist für die meisten Gelehrten unserer Zeit kaum zu leisten – von einfachen Leuten ganz zu schweigen. Wie können diejenigen, die nicht in der Lage sind, ihre Zunge vor Worten zu hüten, die ihren eigenen Glauben schaden, die Religion anderer vor schädlichen Worten beschützen? Uns bleibt nichts anderes übrig, als das Urteil in Sachen Takfir für jene zu reservieren, die beide Elemente des Glaubensbekenntnisses leugnen; und als Ergebnis den Islam verlassen haben. Jedoch ist dies nur ein seltener Fall.“

Es gibt ein Hadith des Propheten: „Wenn sich zwei Muslime mit ihren Schwertern bekämpfen, gehen sowohl der Mörder als der Ermordete in das Höllenfeuer.“ Da wurde der Gesandte Allahs gefragt: „O Gesandter Allahs, warum muss der Getötete ins Feuer eintreten?“ Der Prophet entgegnete: „Wäre er nicht getötet worden, dann wäre er der Mörder gewesen, denn er hatte eine ­Tötungsabsicht.“

Gelegentlich kommen einige und rufen Ärger hervor. Diese wissen nichts vom Islam außer wenigen Überlieferungen; als würde das heilige Gesetz nur auf drei oder vier Überlieferungen beruhen! Sie ignorieren alle anderen qur’anischen Verse und Überlieferungen, die von den Imamen übermittelt wurden sowie ihre Erläuterungen jener Verse und Überlieferungen. Was geschieht, wenn Leute ihre Religion auf wenigen prophetischen Aussagen – die sie selbst auslegen – aufbauen?

Wir wissen aus den Büchern der islamischen Geschichte, dass es immer durch Leute mit einem schwachen Iman, einem falschen Verständnis ihrer Religion und einem beschränkten Verstand zu Problemen kam. Ibn Battal erläuterte in einem Kommentar auf ein Hadith aus dem Sahih Al-Bukhari, in dem der Prophet sagte: „Solltet ihr auf dem Weg zum Markt oder zur Moschee einen Pfeil mit euch führen, so haltet ihn an der Pfeilspitze fest.“ Der Sinn dessen ist laut Ibn Battal, dass kein Mensch unbeabsichtigt dabei zu Schaden kommen darf. Was würde der Prophet wohl zur heutigen Lage sagen?

Schaikh ‘Alawi Al-Maliki schrieb in seinem Buch „At-Tahzin min Mudschazat bi’l-Takfir“, dass die großen Gelehrten der Praxis des Takfir immer aus dem Weg gingen. Die Menschen brauchen Erziehung. Ziehen wir wirklich Nutzen aus der Fitna [wörtl. „Versuchung“, Unruhe oder Bürgerkrieg im übertragenen Sinne]? Wir sollten die Leute unterweisen, wie sie beten und fasten. Wir sollten sie lehren, den Propheten, seine Gefährten, die Imame und die Rechtschaffenen zu lieben. Stattdessen lernen manche Jüngere, wie man eine Fitna anfängt. Wäre es nicht besser für jene, die dem Islam helfen wollen, die Menschen darin zu unterweisen, die Schahada [das doppelte Glaubensbekenntnis] auszusprechen, zu beten und richtig zu fasten?

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