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Das vergessene Väterliche

Sally Potter illustriert in einem hochkarätig ­besetzten Melodram die Tragödie des modernen Vaters

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Foto: Universal Pictures Germany

(iz). Wer „The roads not taken“ als Film über Demenz ­betrachtet, verfehlt den tieferen Sinn dieses Werks. Es ist ein Film über das Väterliche, und wohl vor allem deshalb bekam er eher zurückhaltende Kritiken. Rezensenten betonten vor allem das Spiel Javier Bardems, dem man trotz seiner 51 Jahre das Greisenhafte seiner Rolle abnimmt. Noch beachtlicher aber ist der Auftritt Elle Fannings als besorgte, liebende Tochter, die sich mit aller Macht gegen den Verfall ihres Vaters stemmt und dafür sogar den beruflichen Absturz in Kauf nimmt.

Es ist bemerkenswert, dass dieser Film von der sich selbst als Feministin verstehenden Regisseurin Sally Potter stammt. Denn er schildert die Vergewaltigung väterlicher und männlicher Emotionalität so direkt, so ungeschönt und ungekünstelt, wie man es nun gerade vom Feminismus – dem alten und wohl auch dem neuen – nicht erwarten würde. Leo ist ein Mann, der entgegen der kraftvollen Verheißung seines Namens nur noch in der Fantasie lebt, in der Erinnerung an eine schöne, jäh abgebrochene Zeit, was sich der Außenwelt als Wahnsinn mitteilt. Molly, die Tochter, pflegt ihn aufopferungsvoll in seinem heruntergekommenen New Yorker Appartement, während wir Leo immer wieder auf Flashbacks in seine Vergangenheit begleiten.

Die kleinsten Verrichtungen mit ihrem Vater, der Gang zum Zahnarzt, zum Augenarzt: sie bereiten Molly unendliche Schwierigkeiten, die sie an den Rand – aber eben nur an den Rand – des Wahnsinns bringen. Wir sehen den Vater, der beim Zahnarzt den ganzen Becher voller Chlorspülung austrinkt und sich daraufhin einnässt. Wir sehen die Tochter, die trotz allem die Fassung bewahrt und ihrem Vater anschließend auf der Toilette die Hose wechselt. Vor allem aber sehen wir eine Tochter, die ihren Vater wie eine Löwin verteidigt, wenn Umstehende, wie der schnöselige, junge Augenarzt, in seiner Anwesenheit über ihn sprechen, „als sei er nicht im Raum“, als sei er schon keine gesellschaftliche Person mehr, der man Takt, Achtung und Respekt schuldig ist, sondern nur noch ein Geist, eine ­Leiche auf Abruf, ein Phantom, keiner Vernunft mehr fähig und daher auch ­keiner Gefühle mehr bedürftig.

Mollys Kampf für den Vater dreht sich nicht so sehr um die Gabe von Tabletten und das Wechseln vollgepisster Unterhosen. Mollys Kampf ist ein Kampf um Achtung vor der Würde, ein Kampf um die Anerkennung des Vaters, aber nicht, weil dieser dement ist, sondern weil er ein Vater ist – auch wenn er, der egozentrische Schriftsteller, sie und die Mutter bereits kurz nach ihrer Geburt verlassen hat. Eiskalt, verächtlich, gehässig begegnet diese Mutter – sie trägt den unglaublich passenden Namen Rita und sie wird fabelhaft in ihrer bourgeoisen Kälte ­gespielt von Laura Linney – ihrem Exmann Leo beim Augenarzt. Als er fantasiert, als wären die beiden noch Mann und Frau, knallt sie ihm schneidend und dümmlich-rational entgegen (als gehe es in Situationen solcher Hilflosigkeit je um sachliche Richtigkeit): nein, nein, mein Lieber, wir sind schon lange geschieden, und davor sind Dinge vorgefallen, hast Du das etwa vergessen.

Es sind Szenen wie diese, die das Elend des Vaterseins heute in einer bedrückenden und glasklaren Emblematik sichtbar machen. Das Weggeworfensein, das Gebrandmarktwerden, Isolation, Depression und, was allzu oft nur die finale Stufe der Depression ist, Demenz. Der Cineast mag sich an die letzte Szene aus dem Wallstreet-Drama „Margin Call“ erinnert fühlen: der Banker Sam Rogers (Kevin Spacey), durch die Katastrophe der Finanzmärkte ambitionslos und gebrochen, fährt nach einer letzten Besprechung in der Bank heim zur ehemals gemeinsamen Villa, in der nun seine geschiedene Frau wohnt. Er sucht keine Händel mit ihr, nein, er, der einst elitäre Banker, schaufelt mitten in der Nacht mit hochgekrempelten Ärmeln auf dem Rasen ein Grab, um seine tote Hündin zu begraben. Seine Exfrau (Mary McDonnell) aber, wachgeworden durch den ungewohnten Lärm, begrüßt ihn mit „ich rufe die Polizei“ und verlässt ihn nach kurzem Gespräch mit der Warnung: „der Alarm ist an, also versuch nicht, einzubrechen“. So brutal, so kalt und in der unmöglichsten Situation nur an Besitz und „Recht“ denkend, so dämlich beharrend auf juristischen und sozialen Tatbeständen, wo doch Mitgefühl und Mitleid gefordert sind, können enttäuschte Mütter, können verletzte Frauen sein.

Wir erleben Leo, den gewesenen Lebe­mann, in Griechenland, dem Sehnsuchtsland aller Sehnsuchtsländer, vielleicht zwanzig Jahre nach der Scheidung, wohl fünfzehn Jahre vor der Haupthandlung, schreibend, „sich selbst suchend“, wie er auf zwei junge deutsche Mädchen trifft. Eine von ihnen, die bildschöne, blonde Anni, gespielt von Milena Tscharntke, der Inbegriff der göttlich schönen, höllisch kalten jungen deutschen Frau, eine jener Eisköniginnen des internationalen Erasmus-Airbnb-Jetsets, blond, schlank, ätherisch bis in die perfekt strähnigen Haarspitzen, bis in die herausfordernd vollen Lippen, lässt sich, nicht ohne die obligate erste Abwehr („verfolgen Sie uns?“), auf ein Gespräch mit ihm ein, hört sich seine Geschichte an von der Tochter, die er als Baby verlassen habe, weil er mit dem Vatersein nicht klarkam; an die und an deren Mutter sie, die ­bildhübsche, arrogant-schöne deutsche Studentin, ihn erinnere. Und als Leo sie fragt, wie alt sie sei, antwortet Anni, ­hinreißend blond und hinreißend schön wie Molly: „Ihre Tochter ist wohl so alt, wie ich jetzt bin, nicht wahr?“

Aber das Vater-Tochter-Verhältnis ist nur der eine Strang dieses von der Kritik sträflich unterschätzten Melodrams. „Nestor“ – immer wieder stößt und stammelt Leo in seiner Demenz diesen ­Namen hervor, und Molly kann es sich nicht anders erklären, als dass er damit den Hund gleichen Namens meine, den sie hatten einschläfern lassen müssen. Natürlich, alte Leute, zumal demente, hängen ja häufig geradezu kindlich an ihren Haustieren, lassen diesen die Zärtlichkeit und vor allem das Verantwortungsgefühl angedeihen, an dem sie es ihren Kindern gegenüber hatten fehlen lassen. In einem Baumarkt kommt es zum kleinen Showdown: Leo greift sich einen umherirrenden Pinscher, nimmt ihn auf den Arm, wiegt ihn wie ein Kind, glaubt, so glaubt man es wenigstens, in ihm seinen Nestor wiederzuhaben, bis die rechtmäßige Hundebesitzerin in seinem Gang ­auftaucht, lautstark und nicht ohne die obligatorischen Invektiven gegen Leo, der gebürtiger Mexikaner ist – „gehen Sie dorthin zurück, wo Sie hergekommen sind“ –, ihren Hund zurückfordernd, während schon die unvermeidlichen ­Securityleute zur Stelle sind, die Leo vor den entsetzten Augen Mollys und völlig unnötig zu Boden drücken. Der Vater fällt unter dem Kreuz, nicht zum ersten Mal.

Hinter der merkwürdigen Besessenheit Leos von Nestor steckt aber mehr als die Liebe zu seinem eingeschläferten Hund. Denn Leo hatte noch ein anderes Leben. Mit seiner Jugendliebe Dolores (Salma Hayek), einst in Mexiko, hatte er einen Sohn, der als kleiner Junge auf dem Weg zur Schule überfahren worden war. Diesen Tod des Sohnes und das Gefühl, an ihm schuld zu sein, weil er ihn an diesem Tag unbegleitet zur Schule gehen ließ, hat Leo nie verwunden, und wie einen Vorgriff auf seinen späteren Wahnsinn erleben wir die erschütternde Szene, in der Dolores und er beim Tag der Toten inmitten von Kerzen und Devotionalien auf dem Boden liegen, von Schmerz geschüttelt, in unendlicher, unfassbarer Traurigkeit. Dieser Sohn aber hieß – ­Nestor.

Als aber der Vater in seiner Qual ­verstummte, gab ihm ein Gott zu sagen, was er leidet. Dies vielleicht ist Demenz eigentlich: die ultimative Zuflucht dessen, der in seinem Schmerz und seiner Verzweiflung die Realität nicht mehr aushält. Die Hilflosigkeit des Tieftraurigen rührt zu Tränen, die taktlose Härte und Kälte aber, womit ihm die sich lebensklug dünkenden Ignoranten der Mitwelt begegnen, macht einen wütend. Bei „The Roads not taken“ fühle ich mich an eine Szene vor einigen Jahren am Berliner S-Bahnhof Schöneberg erinnert, wo ein offenkundig verwirrter Mann eine verletzte Taube aus dem Gleisbett retten wollte. „Taube retten, Taube kaputt“, stammelte der aus dem Orient stammende Mann, woraufhin es ihm vom am Bahnsteig versammelten Berliner Proletentum entgegenscholl: „Na, Sie gehn gleich kaputt!“ In gleicher Weise verhöhnen der Augenarzt, die Exfrau Rita, die Securities im Baumarkt den „verwirrten“ Leo, den die Last seiner Trauer, das ­Gewicht seines Schmerzes die Zuflucht zur Verwirrung hatten nehmen lassen.

Wie Cordelia ihrem Vater König Lear, so hält Elle Fannings wundervolle und wunderschöne Molly ihrem Vater Leo als Einzige die Treue. In dieser blonden, weißen, amerikanischen, disziplinierten Molly und ihrem hispanischen, südländischen, exzentrischen Vater Leo, dem Rohr im Wind, versöhnen sich vielleicht die Frauen, die nach lauter Erziehung zur emotionalen Härte endlich wieder ­Gefühle zeigen wollen, mit den Männern, denen der klassische Feminismus schlichtweg absprach, zu Gefühlen fähig zu sein, und die im Third-Wave-Prenzlauer-Berg-Feminismus nur noch als Deko herhalten dürfen, der man zwar nicht mehr mit Hass, auch nicht mit Verachtung, aber nur noch mit gleichsam ethnologischem Interesse begegnet, ignorant, weil verständnislos gegenüber den Lebenskämpfen, die unsere Väter und Großväter haben auskämpfen müssen und die sie nur allzu oft zerstörten. Eine Versöhnung, die vielleicht auch eine Versöhnung des kalten, programmatischen Globalen des Nordens mit dem warmen, unvernünftigen Globalen des Südens zart und vorsichtig andeutet; die sich je­denfalls ins Herz eines und einer jeden einschreiben wird, die jemals die Ächtung und den Verfall eines Vaters, die so ­typisch sind für unser Zeitalter, haben miterleben müssen.

„Wege des Lebens – The Roads Not Taken“ kommt am 13. August in die deutschen ­Kinos.

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Konstantin Sakkas

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