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Das ZDF überraschte mit einer Reportage von der Hadsch. Gespräch mit einem ihrer Macher über diese Erfahrung

TV-Doku: Von Mainz nach Mekka

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(iz). Jüngst überraschte das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) mit einer Dokumentation über die jüngste Pilgerfahrt nach Mekka. Für das deutsche Fernsehen war es – von Ausnahmen abgesehen – ein Novum, dass nicht nur theoretisch über eine der fünf, verpflichtenden Säulen des Islam berichtet wurde, sondern dass muslimische Kollegen des Mainzer Senders die Hadsch in Bild und Ton journalistisch begleiteten.

Um zu erfahren, wie man als Journalist gleichzeitig berichtend und pilgernd in Mekka unterwegs sein kann und wie die Bedingungen vor Ort waren, sprachen wir mit einem der beiden Macher der Dokumentation „Einmal nach Mekka“1, Kamran Safiarian – der andere, verantwortliche Journalist für den Hadsch-Bericht war sein Kollege Abdul-Ahmad Raschid. Reportagen dieser Art sind insbesondere von Wichtigkeit, weil sie den zeitlosen Gehalt des Islams verständlicher machen als tagespolitische Debatten, die bald schon wieder vergessen sind.

Islamische Zeitung: Lieber Herr Safiarian, was hat bei der Hadsch, die Sie mit Ihrem Kollegen Abdul-Ahmad Raschid vollzogen haben, die größte Rolle gespielt: der Beruf oder die Berufung? Kamran Safiarian: Ja, das ist eine gute Frage. Ganz nüchtern betrachtet war es zu allererst der „Beruf“. Wir hatten als Journalisten den Auftrag, nach Mekka zu reisen und haben das natürlich auch sehr gerne gemacht.

Andererseits – Stichwort „Berufung“ – wollte ich, für mich persönlich betrachtet, immer schon einmal nach Mekka reisen, denn dies ist eine der fünf religiösen Pflichten eines Muslims. Ich hatte dies immer einmal vorgehabt. Dass es sich jetzt mit dem „Beruf“ verbinden ließ, war auch ein Geschenk Gottes. Herr [Abdul-Ahmad] Raschid und ich hätten die Hadsch sicherlich erst in ein paar Jahren vollzogen. Von daher war das schon eine glückliche Fügung.

Islamische Zeitung: Wenn man die Riten der Hadsch vollzieht und auch deren existenziellen Schwierigkeiten ausgesetzt ist – nicht umsonst heißt sie ja auch die schwierige Reise -, kann man sie dann distanziert mit der Brille des beobachtenden Journalisten vollziehen? Gab es Augenblicke, in denen Sie sich mehr als Hadschis denn als Journalist gesehen haben?

Kamran Safiarian: Das war schon sehr schwierig und ist uns auch wirklich an die Substanz gegangen. Bis heute noch leiden wir beide teilweise an den Folgen der Reise. Wir waren zwei bis drei Wochen [danach] richtig krank und mussten Antibiotika einnehmen. Das ging auch anderen Pilgern so, weil die Hadsch auch eine Reinigung ist.

Es war in dieser Doppelfunktion auch eine wahnsinnig anstrengende Reise. Tagsüber pilgernd und berichtend; während wir nachts – in den letzten vier oder fünf Tagen – unsere religiösen Pilgerpflichten erfüllt haben.

Es ist als Journalist ganz wichtig, Distanz zu wahren. Diese ist natürlich schon durch die Kamera gegeben. Als Video-Journalisten hatten wir immer einen gewissen Abstand zu der ganzen Sache beziehungsweise zu den Pilgern, die wir begleitet haben.

Es war aber für uns auch wichtig, als Pilger unterwegs zu sein. Erstens, weil wir dies persönlich wollten und zweitens, weil wir nicht wollten, dass die anderen uns als störend empfinden. Wenn wir unter drei Millionen Pilgern und in unserer Pilgergruppe, in denen alle weiß gekleidet und vor Gott gleich sind, mit Jeans und T-Shirt – vielleicht gar noch mit amerikanischen Aufdrucken – bekleidet gewesen wären, hätte das vielleicht einige Animositäten mit sich gebracht. So wurden wir als Pilgernde ernst genommen und konnten natürlich leichter an die anderen Leute herankommen. Denn sie haben erkannt, dass wir selbst pilgern und gleichzeitig die Rituale der Hadsch weitergeben und darüber berichten wollen. Das hat uns die Sache natürlich leichter gemacht.

Es war eine sehr anstrengende Geschichte, beides parallel zu machen. Das eine Mal ist das journalistische Element zu kurz gekommen und das andere Mal, meistens, ist das Pilgern zu kurz gekommen. Wenn wir hier und dort einen Fehler gemacht hatten, mussten wir den ausgleichen – auch nachts innerhalb einer gewissen Zeitspanne.

Islamisch Zeitung: Wie waren die Produktionsbedingungen vor Ort? Wurde es Ihnen leicht gemacht, oder hatten Sie einen bürokratischen Kleinkrieg zu führen, um die verschiedenen Stationen der Hadsch mit der Kamera oder mit dem Mikrofon aufnehmen zu können?

Kamran Safiarian: Nein, das kann man nicht sagen. Wir hatten uns von vornherein Drehgenehmigungen über die hiesige saudi-arabische Botschaft besorgt. Das hatte etwas gedauert, weil wir Pässe und eingescannte Fotos einschicken mussten. Aber dann ging eigentlich alles schnell. Wir sind dann nach Dschidda geflogen und haben uns vondort aus an einem Tag die Akkreditierung besorgt, waren somit offiziell als Journalisten anerkannt und wurden dann recht gut von den saudischen Offiziellen behandelt.

Sie haben uns von Stützpunkt zu Stützpunkt gefahren. Ab und zu haben wir uns getrennt und ich bin mit einer Reisegruppe mitgefahren, während die Kollegen bei den Offiziellen geblieben sind. Aber wir hatten keine „Aufpasser“ dabei. Es gab jemanden, der für uns zuständig war, der für uns auch Sachen organisiert hatte wie beispielsweise einen Hubschrauberflug. Für das leibliche Wohl war gesorgt, wir hatten einen Schlafplatz und waren selbst auch in Zelten untergebracht. Ansonsten hatte man uns relative Freiheiten gelassen. Die Produktionsbedingungen waren gut, selbst in den Zeltstädten gab es vom Informationsministerium organisierte Internetcafés und Internetanschlüsse. In dem Sinne: Kompliment an die saudi-arabischen Behörden.

Islamische Zeitung: Wie sieht das bisherige Feedback auf Ihre Dokumentation aus? War das Positiv oder hatten Sie das Gefühl, damit selbst Teil einer Debatte zu werden?

Kamran Safiarian: Na ja, Teil einer Debatte zu werden, ist ja eigentlich gar nicht schlecht. Das bisherige Feedback lässt sich in drei Gruppen aufteilen: die muslimische Community, Kollegen und Journalisten im Haus und von solchen, die keine Muslime sind und den Islam nicht als Religion haben. Für viele waren es außergewöhnliche Bilder, auch für uns selbst. Wir hatten das ja vor Ort auch zum ersten Mal gesehen. Einige Dokumentationen waren von Nichtmuslimen gemacht, die nicht ins Herz der ganzen Pilgerfahrt herein kamen und viele Rituale nicht zeigen konnten. Wir haben das selbst mitgemacht, sind überall vor Ort gewesen und haben wirklich auch unbeschreibliche Bilder mitgebracht, die man so zum ersten Mal gesehen hat. Selbst an der Ka'ba, wo Aufnahmen verboten sind, habe ich mir erlaubt, mit einem Fotohandy Bilder zu machen. Wir haben als Video-Journalisten das ganze mit geringem Abstand zu den Protagonisten hautnah erlebt.

Auch von den Muslimen haben wir ein positives Echo erhalten. Wir haben natürlich auch kritische Töne in unsere Dokumentation einfließen lassen; was die Sauberkeit betrifft oder was die Organisation der Behörden bei drei Millionen Pilgern anging. Das haben wir nicht zu Kurz kommen lassen, was hier auch registriert wurde.

Von der muslimischen Community haben wir auch ein Lob erhalten, weil viele das zum ersten Mal gehört haben. Und weil das ZDF quasi aus dem Herzen des Islam berichtet und auch Journalisten, die als Muslime unterwegs sind, dahin schickt. Das war bisher wohl nicht der Fall. Dementsprechend wird, im Vergleich mit der Berichterstattung manch anderer Sender, im ZDF auch gegen die Stereotypen gearbeitet. Das wurde uns ebenfalls von der muslimischen Community hoch angerechnet.

Islamische Zeitung: Lassen Sie uns abschließend fragen, was für Sie die Quintessenz der Hadsch war? Was waren aus Ihrer Sicht – wenn man das so formulieren kann – die Höhepunkte dieser Reise?

Kamran Safiarian: Sowohl journalistisch als auch persönlich war es das größte spirituelle Massenerlebniss, das ich weltweit miterlebt habe. Es gab ein wahnsinniges Gemeinschaftsgefühl, weil man durch die ganzen Pilgergewänder vor Gott gleich ist. Bekanntschaften sind geschlossen worden. Wir haben sehr wohlhabende und gebildete Menschen aus Amerika kennen gelernt, aber auch sehr viele Menschen aus den Unterschichten – beispielsweise aus dem Iran. Alle waren gleich, alle haben miteinander an einem Ort geschlafen und miteinander gegessen. Es war einerseits ein spirituelles Gefühl, aber andererseits auch ein Freundschaftsgefühl, weil alle solidarisch füreinander da waren.

Ich habe persönlich sehr viel mitgebracht: Totale innere Ruhe, eine Distanz zu vielen materiellen Dingen, und nicht zuletzt habe ich viele Freundschaften geschlossen. Ich bin im Iran mit einem Pilger verabredet und auch in den USA in Sacramento (Kalifornien). Das sind Freundschaften, von denen ich hoffe, dass sie lange erhalten bleiben.

Islamische Zeitung: Lieber Herr Safiarian, wir bedanken uns für das Interview und dass Sie Zeit für uns gehabt haben.

1 Erstmalig ausgestrahlt am Sonntag, 13. Januar 2008, 0.35 Uhr. „Einmal nach Mekka“ wird auch im ZDFdokukanal ausgestrahlt: am Samstag, 22. März 2008, 19.30 Uhr.

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