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Das Zusammenspiel aller nötigen Elemente

Eine Verteidigung der islamischen Essenz gegen die Sekte der heutigen Khawaridsch

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Foto: Schaikh Ali Laraki bei einem Vortrag der IZ-Akademie zum Thema
Foto: IZ Medien

(iz). Der Text behandelt das Phänomen der heutigen Khawaridsch. Hierbei geht es aber nicht um Soziologie, Geopolitik oder Antiterrormaßnahmen. Er nähert sich dem Thema aus dem Blickwinkel der Schari’a und der Erziehung. Das sind die Kernfaktoren der vorliegenden Angelegenheit. Auch wenn andere Aspekte wichtig sind, haben sie nicht den gleichen Stellenwert. Verharren wir in der politisch-soziologischen Analyse, verharren wir in einer völligen Verwirrung und verkennen den Kern der Sache.

Was ich sagen will, beruht auf dem Recht, wie es aus dem Qur’an und der Sunna abgeleitet wird. Ich spreche vom erzieherischen Aspekt, weil Erziehung für jeden Muslim, insbesondere die jüngere Generation, extrem wichtig ist. Allah, der Erhabene, sagt: „Sind die, die wissen, gleich jenen, die nicht wissen?“ Wissen ist ein unabdingbares Element für uns. Wenn wir für unsere Kinder eine solide materielle Zukunft wollen, aber keine richtige islamische Erziehung, dann sind wir verloren. Das wäre ein großer Fehler und Verlust.

Deshalb behandle ich zu Beginn sehr einfache Dinge. Zuerst muss man die Grundlagen verstehen. Jeder Muslim wird wissen, wenn befragt, was die fünf Säulen des Islam [Schahada, Gebet, Wohlstandsabgabe, Fasten im Monat Ramadan und Hadsch] sind. Die Frage ist, ob jedem ­bewusst ist, was die drei Teile – oder Stufen – des Dins sind. Das ist solch ein Kernwissen, das noch grundlegender ist als die Kenntnis der fünf Säulen.

Der Din hat drei Dimensionen: Islam, Iman und Ihsan. Dies basiert auf einem sehr bekannten Hadith, das als „Hadith von Dschibril“ bekannt wurde. Es beschreibt einen extrem wichtigen Augenblick in der Geschichte des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben. Der vermittelte Inhalt ist so wichtig, dass der Engel Dschibril, Friede sei auf ihm, sich für die Prophetengefährten sichtbar zeugte. Das ist keine normale Sache. Sie sahen und beschrieben ihn als Mann mit schwarzen Haaren und weißer Kleidung. Der Bericht ist der zweite Hadith in der berühmten Sammlung der „Vierzig Hadithe“ von Imam An-Nawawi. Es ist ein Buch, das jeder Muslim haben sollte. Seine Quintessenz ist, dass der Din Allahs drei Stufen hat.

Iman bezieht sich auf das, was ein Muslim „glauben“ muss. Islam bezieht sich auf die Taten. Und Ihsan hat mit seiner Seele, seinem Innerem und dem Herzen zu tun. Die Lehre des Dins dreht sich um diese drei Aspekte. Jegliche Erziehung und Bildung im Islam basiert darauf. Sie korrelieren mit den drei Dimensionen des Menschen: Körper, Intellekt und Seele. Wir müssen körperlich, intellektuell und spirituell der Lehre des Propheten entsprechen. Mit anderen Worten: mit unserem gesamten Wesen.

An diesem Punkt müssen wir spezifischer werden. Wir müssen über die Wissenschaften sprechen, die jenen drei Dimensionen zugeordnet sind. Die Lehre über den Islam heißt Fiqh. Für den Iman ist es die ‘Aqida. Im Falle von Ihsan handelt es sich dabei um Tasawwuf. Je nach Anforderung müssen wir wissen, welches Vehikel für unsere Reise wichtig ist.

Der Din ist keine Sache, die man auf die leichte Schulter nehmen kann. Er ist das Mittel, durch das wir Allah begegnen werden und anhand dessen über uns geurteilt wird. Daher müssen wir sicherstellen, das Richtige zu tun. Wir können unseren Din nicht von Google oder von Ignoranten nehmen. Er muss von jenen kommen, die das Wissen haben und es dadurch verkörpern, dass sie es in die Praxis umsetzen. Es gibt viele Gruppen, die den Islam für sich beanspruchen.

Der korrekte Din aber, der die wahren Lehren von unserem Meister Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, repräsentiert, wie er den Gefährten und ihren Nachfolgern bis in die heutige Zeit übermittelt wurde, wird von den Gelehrten als der Din der Ahl As-Sunna wa’l-Dschama’a bezeichnet.

In Bezug auf Iman und die entsprechende Wissenschaft der ‘Aqida gibt es innerhalb der Ahl As-Sunna drei legitime Gruppen: die Asch’arija, die Maturidija und die Atharija. Das sind drei Mittel, um die Glaubensüberzeugungen der Ahl As-Sunna wa’l-Dschama’a korrekt zu verstehen.

Soweit es Fiqh betrifft, welches die Dimension Islam behandelt, gibt es vier Rechtsschulen: Hanafiten, Malikiten, Schafiiten und Hanbaliten.

Es gibt einen dritten Aspekt, der mit der Seele zu tun hat. Seine Lehre wird Tasawwuf genannt. Damit diese legitim sein kann, muss sie jeweils mit einer der anerkannten Lehrmethoden aus den beiden anderen Fachbereichen verknüpft sein. Die ‘Ulama haben die korrekte Transmission von Tasawwuf, weil sie mit den vorangegangenen Wissenschaften übereinstimmt, als Dschunaidi bezeichnet. Das heißt aber nicht, dass es sich dabei um einen spezifischen Weg handelt.

Diese Lehrmethoden und -meinungen sind plural, nicht monolithisch. Der Islam ist eine breite Straße. Auf ihr gibt es Platz für Differenzen. Wir können Unterschiede haben und uns doch respektieren. Zur Bedingung, Teil der der Ahl As-Sunna wa’l-Dschama’a zu sein, gehört auch, die anderen zu respektieren. Das Motto ihrer Gelehrten lautet: „Meine Meinung ist korrekt, aber sie kann falsch sein. Die Meinung des Anderen ist falsch, aber sie kann korrekt sein.“

Es gibt Spielraum. So geraten wir nicht in die Falle des Fanatismus. Wir sind alle Brüder und wissen, dass Geschwister unterschiedlich sein können. Und wir müssen miteinander leben und einander lieben. Es gibt Leute, die Muslime sind, aber nicht mit den Lehren der Ahl As-Sunna wa’l-Dschama’a übereinstimmen. Bei ihnen bestehen bedeutende Unterschiede in Iman, Islam und Ihsan. Jene Unterschiede sind nicht so groß, dass sie keine Muslime wären. Sie glauben an die grundsätzlichen Dinge des Islam. Aber ihre Interpretation des Dins stimmt nicht mit der Interpretation überein, wie sie vom Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, stammt.

Und dann gibt es Gruppierungen, deren Verzerrung der Botschaft zu weitreichend ist. Sie können nicht als Muslime betrachtet werden. Dazu gehören solche, die behaupten, es gebe einen weiteren Gesandten nach dem letzten Propheten, Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben. Solche, die das Jenseits leugnen oder behaupten, der Qur’an sei nicht im Original bewahrt worden. Hierzu gehört auch die Leugnung der verpflichtenden fünf Säulen unseres Dins. Dabei ist es unerheblich, ob sie sich selbst als Muslime bezeichnen.

In einem Hadith von Abu Said Al-Khudri überlieferte dieser eine Begebenheit, in welcher der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, Kriegsbeute verteilte. Ein Mann namens Dhu’l-Khuwaisira von den Banu Tamim ging auf ihn zu und sagte ihm: „Sei gerecht! Oh Muhammad. Schäme dich. Wenn du nicht gerecht bist, dann ist das befremdlich und enttäuschend. Das ist eine Aufteilung, mit der Allah nicht zufrieden ist.“ Und der Prophet überlieferte: „Wehe Dir! Wer könnte gerecht handeln, wenn ich es nicht tue. Ihr wäret erfolglos, handelte ich ungerecht.“ Dieser Mann ging davon und ‘Umar ibn Al-Khattab – oder gemäß einer anderen Überlieferung Khalid ibn Al-Walid – sagte: „Oh Gesandter Allahs, lass mich ihn mit dem Schwert niederstrecken.“ Doch der Gesandte Allahs erklärte: „Er gehört zu einer Gruppe, die, wenn ihr eure Gebete mit ihren vergleicht, dünkt ihr eure gering, und ebenso euer Fasten. Sie rezitieren den Qur’an, doch er passiert nicht ihren Hals, und sie haben keinen Nutzen von ihm. Sie verlassen den Din, so wie ein Pfeil die Beute durchdringt.“

„Sie rezitieren den Qur’an, doch er passiert nicht ihren Hals“ bedeutet, dass ihre Rezitation ihnen keinen Nutzen bringt und dass sie das Rezitierte nicht verstehen werden. Sie erhalten auch keine Belohnung dafür. Einzig bekommen sie die Anstrengung, ihren Stimmapparat benutzt zu haben. Ihre Lesung des Qur’an wird ein rein physischer Akt sein – ohne Bedeutung. Kein spiritueller Nutzen und keine Transformation ihres Verhaltens. „Sie verlassen den Din, so wie ein Pfeil die Beute durchdringt“ verweist darauf, dass sie den Islam so schnell wieder verlassen, dass er keine bleibenden Spuren bei ihnen hinterlässt.

In einer anderen Version der Überlieferung sagte jener Mann zum Gesandten Allahs: „Fürchte Allah!“ Dieser antwortete: „Wenn ich Allah gegenüber nicht gehorsam bin, wer dann? Wurde ich nicht als der vertrauenswürdigste aller Menschen der Welt entsandt? Aber ihr habt kein Vertrauen.“ Ein anderer Gefährte wollte den Sprecher bestrafen. Der Prophet hielt ihn auf und sagte das Gleiche wie zuvor.

In einem anderen Hadith, das von Sajjiduna ‘Ali überliefert wurde, heißt es: „Es wird am Ende der Zeit geschehen, dass Leute kommen, die jung sind und unreife Gedanken haben. Aber sie werden auf eine Weise reden, als ob ihre Worte die besten überhaupt in der Welt wären.“

Der Prophet zeigte in Richtung Irak und sprach dabei: „Von dort werden einige Leute erscheinen, die den Qur’an rezitieren, aber es wird nicht über ihre Kehlen hinaus gehen.“ Das heißt, es wird ihnen nicht nutzen und sie nicht verändern. „Sie werden“, so heißt es weiter, „aus dem Islam hinaustreten wie der Pfeil aus der Beute.“

Wer waren diese Leute? Sie werden Khawaridsch genannt. Aus den Überlieferungen wird deutlich, dass sie nicht verstehen konnten, wer der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, eigentlich war. Ihre Vorstellung von unserem Meister Muhammad war absolut falsch. Sie wollten ihn korrigieren. Und doch sandte Allah ihn, um uns zu lehren. Das heißt, sie verstehen nicht, wer Allah ist. Sie haben eine falsche Meinung von Ihm. Sie erkennen nicht die Barmherzigkeit, die zu uns durch Seinen Gesandten, Allahs Heil und Segen auf ihm, gekommen ist. Vollkommen blind. Sie ist nicht in ihnen, also können sie diese Gnade nicht erkennen. Man kann eine Sache nur schmecken, weil man sie bereits gekostet hat.

Sie sind die Khawaridsch, die später in der Zeit von Ali erschienen. Diese benutzten den Qur’an, um ihren Standpunkt zu rechtfertigen. Ihr Slogan war: „Das Urteil gehört allein Allah.“ Jene Leute brüllten ihn mit Versen aus dem Qur’an an. Und er entgegnete ihnen: „Das ist ein wahres Wort. Aber, was sie damit meinen, ist falsch.“ Die Absicht dahinter war unwahr.

Diese kharidschitische Position besteht darin, Muslime zu Leuten zu erklären, die die Wahrheit bedecken. Das heißt, ihnen das Muslimsein abzusprechen. Sie haben behauptet, ‘Ali hätte den Din verlassen. Dies ist ihre Haltung. Eine ihrer Prinzipien war, dass eine Person zum Nichtmuslim wird, wenn ihr ein schwerwiegender Fehler unterläuft, wenn sie die Grenzen der Schari’a überschreitet. Diese Position gibt es nicht unter der Ahl As-Sunna wa’l-Dschama’a. Eine Person kann einen Fehler begehen und bleibt trotzdem ein Muslim. Wir haben Beispiele von Prophetengefährten, die falsch handelten und dafür sanktioniert wurden. Sie galten deswegen aber niemals als Nichtmuslime. Sie haben dieses Prinzip, eine Person wegen ihrer Übertretung zum Nichtmuslim zu erklären. Dadurch maßen sie sich die Erlaubnis an, die betreffende Person zu ermorden. Das ist falsch. Es ist nicht die Lehre des Islam. Bei einer anderen Gelegenheit sollten wir darüber reflektieren, wieso manche unserer innerstädtischen Jugendlichen diese Einstellungen übernommen haben.

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