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Dayton-Vertrag hat auch Ungerechtigkeiten festgeschrieben

Vor 25 Jahren: Abkommen beendete den Bosnien-Krieg

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Foto: SPC Cabello

Irgendwie kommt Bosnien-Herzegowina, immerhin potenzieller EU-Beitrittskandidat, nicht vom Fleck. Eine Ursache dafür ist das Abkommen von Dayton, das zwar den Bosnien-Krieg beendete, aber die Zukunft außen vor ließ.

Bonn (KNA). Das Blutvergießen begann im April 1992 mit der Einkesselung von Sarajevo. Exakt 1.425 Tage lang blieb die Stadt der Olympischen Winterspiele von 1984 eingeschlossen; die längste Belagerung im 20. Jahrhundert. Schätzungsweise 100.000 Menschen starben in dem damit einsetzenden Bosnien-Krieg, rund zwei Millionen Frauen, Männer und Kinder mussten ihre Heimat verlassen. Das Massaker von Srebrenica, bei dem serbische Einheiten unter Ratko Mladic im Sommer 1995 mehr als 8.300 bosnische Muslime töteten, zählt zu den dunklen Momenten der europäischen Nachkriegsgeschichte.

Auch das letzte Kapitel dieses Konflikts, der sich aus dem Zerfall Jugoslawiens speiste, begann in Sarajevo. Am 28. August 1995 schlug auf dem dortigen Marktplatz eine von den serbischen Belagerern abgefeuerte Granate ein und tötete 37 Menschen – „eine Granate zuviel“, wie Olaf Ihlau und Walter Mayr in ihrem Buch „Minenfeld Balkan“ schreiben. Mit dem Massaker wuchs der Druck auf die bis dahin eher zögerlich agierenden USA, ihrem Anspruch als westliche Führungsmacht gerecht zu werden und für ein Ende der Kämpfe zu sorgen.

Auf einem Luftwaffenstützpunkt in Dayton (Ohio) kasernierten die US-Amerikaner unter Führung ihres Balkan-Sonderbeauftragten Richard Holbrooke die Vertreter der Konfliktparteien ein – bis nach rund drei Wochen, am 21. November 1995, eine unterschriftsreife Vereinbarung stand. Am 14. Dezember wurde sie in Paris feierlich unterzeichnet und trat mit sofortiger Wirkung in Kraft.

Foto: CIA, via flickr | Lizenz: Public Domain

Die Bedeutung, die dem Abkommen von Dayton beigemessen wurde, zeigt sich unter anderem an den Unterschriften von US-Präsident Bill Clinton, Russlands Ministerpräsident Wiktor Tschernomyrdin, Frankreichs Präsident Jacques Chirac und Deutschlands Bundeskanzler Helmut Kohl. Für Bosnien-Herzegowina unterzeichnete Alija Izetbegovic, für die damals noch bestehende Bundesrepublik Jugoslawien der Serbe Slobodan Milosevic und für Kroatien Franjo Tudjman.

Trotzdem: „Als Dayton unterschrieben war, haben die Menschen gefeiert. Sie sind auf die Straße gegangen und haben getanzt“, erinnert sich der Journalist Srecko Latal. Chefdiplomat Holbrooke beglückwünschte sich selbst zu seinem Umgang mit den Serben: „Sie waren eigensinnig und haben den Mund gern voll genommen. Aber wenn man es darauf ankommen ließ und ihnen die Pistole auf die Brust setzte, waren sie letzten Endes nur kleine Rabauken.“

25 Jahre später ist solche Euphorie lange verflogen. Zwar habe der Vertrag Mord, Vertreibung und Zerstörung in Bosnien-Herzegowina beendet, sodass mehr als die Hälfte der Flüchtlinge zurückkehren konnten, sagt die Münchner Historikerin Marie-Janine Calic. Zugleich weise das Abkommen von Dayton aber ein „gravierendes Versäumnis“ auf: Es erlaube den Konfliktparteien, ihre ursprünglichen Ziele mit nicht militärischen Mitteln weiter zu verfolgen. „Zwischen muslimischen Bosniaken und Serben gibt es kein gemeinsames Staatsverständnis.“

Einen Ausdruck findet die vertrackte Lage in den zwei quasi-autonomen „Entitäten“, aus denen Bosnien-Herzegowina besteht: die Föderation Bosnien und Herzegowina, in der die Bosniaken immer noch von einem eigenen Nationalstaat träumen, und die Republika Srpska, in der serbische Politiker immer noch Kriegsverbrecher wie Radovan Karadzic verherrlichen. Dazu gesellt sich das Sonderverwaltungsgebiet Brcko. Das alles auf einer Fläche, die etwa der Größe Niedersachsens entspricht.

Milliardenschwere Finanzhilfen, die Präsenz von EUFOR-Truppen und ein zur Überwachung der Vereinbarungen von 1995 installierter „Hoher Repräsentant“ haben einen Status quo eingefroren, in dem sich die Politiker von Bosnien-Herzegowina mit ihren wechselseitigen Ressentiments bequem eingerichtet haben. Irgendwie mag niemand am Abkommen von Dayton rühren. „Eigentlich müsste sich die Staatengemeinschaft zurückziehen und die Eliten des Landes in die Verantwortung zwingen, die Probleme selbst zu lösen“, meint Historikerin Calic. Aber das, so fügt sie selbst hinzu, sei wohl nicht realistisch.

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