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Debatte: Das Knirschen im Gebälk

Neue Akteure drängen nach oben, während der „organisierte Islam“ manchen Trend verschläft

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Foto: Pixabay | Lizenz: CCO Public Domain

„Ich frage mich, was auf Dauer an inhaltlicher ­Substanz für manche ­islamische Verbände übrig bleibt, wenn Zakat (Hilfsorganisationen), Politik (säkulare Parteien), Lehre (Uni) und inner­islamische Vernetzung (Netzwerke) weiter ausgelagert werden.“ Abu Bakr Rieger

(iz). Alles fließt. Davon sind auch muslimische Gemeinschaften nicht ausgenommen. Der Wand­el vom Migrations-Provisorium zu einem Neuaufbau ist etwas, das seit Langem gefordert wurde. Und zeitgleich auch vonstattengeht.

Allerdings blieb die Reflexion darüber, seine Ausgestaltung sowie Effekte auf Gemeinden und Muslime insgesamt beschränkt und unorganisiert. Insbesondere der 11. September 2001 sowie die öffentlich-politische Debatte danach stellen uns permanent unter Handlungsdruck. In Folge – und trotz der Existenz koordinierender Gremien – war die Weiterentwicklung des organisierten Islam vor allem Improvisation sowie Reaktion auf äußeren Druck.

Eine Konsequenz ist, dass es bis heute – auch, weil die angeblichen Gremien die Frage ignorieren – kein Nachdenken darüber gibt. Es ist nicht einmal klar, ob ein kollektives Bewusstsein besteht. Zumindest gab es bisher keinerlei öffentliche Anzeichen, ob und wie das Thema diskutiert wird. Hier ist nicht der Ort, um die Motivation führender Akteure zu kritisieren oder zu behandeln. Noch geht es um ein unproduktives „Verbandsbashing“. Die angerissenen Trends gehen über einen spezifischen Verband weit hinaus. Noch verbindet sich mit einer kritischen Beschreibung neuer Formen eine Kritik an deren AkteurInnen.

Old School
Über den organisierten Islam gibt es manches zu schreiben. Auch wir haben mit nötiger Kritik nicht hinterm Berg gehalten. Es ist allerdings ein gravierender Unterschied, ob man die Umsetzung eines Modells kritisiert oder die Form selbst negiert. Und es muss klar sein, dass das – durch die Migrationsgeschichte aufgezwungene – Modell noch nicht die Sache selbst ist. Und es sollte dem – derzeit kopflosen – „organisierten Islam“ zugestanden werden, dass er für die absolute Mehrheit der lokalen Gemeinschaften steht; trotz aller Verzerrungen und Fehlentwicklungen. Lokale Moscheen können für sich beanspruchen, die Manifestation muslimischer Lebenspraxis zu sein. Das ist logisch: Die Mehrheit aller rituellen und religionsrechtlichen Aspekte muslimischer Existenz findet gemeinschaftlich statt. Daran ändert auch nichts, dass es auch ideologische Zusammenschlüsse jenseits dieses Modells gab. Und auch die Sufi-Tariqats boten einen anderen Organisationsrahmen. Alle bewegten sich bisher auf bekannten Bahnen.

New Kids on the Block
Bedauerlicherweise ist den meisten Teilnehmern am muslimischen Diskurs nicht bewusst, dass es jenseits der oft beklagten „Islamfeindlichkeit“ auch andere Fallstricke gibt. Wenn die Lebenspraxis der Muslime oder ihr Selbstverständnis nicht aus ideologischen Gründen negiert werden, sondern neue Organisationsformen die Form selbst konterkarieren.

Was wir seit geraumer Zeit erleben, ist das Outsourcing von Kernbereichen muslimischer Aktivität. Ein Beispiel: Einsammlung und Verteilung der Zakat, die an Hilfsorganisationen delegiert wurde. Jenseits der Frage, wer Recht hat, hat die Sammlung der Zakat und Verschiffung ins Ausland die deutschen Muslime nicht gestärkt. Mit der angekündigten Gründung eines quasi-halbstaatlichen Wohlfahrtsverbands wird die bekannte historische Kompetenz von Muslimen der politischen Kontrolle unterworfen.

Gleiches gilt für die Lehre. Weil es den Organisationen der muslimischen Selbstorganisation (im Gegensatz zum Ausland) nie gelang, richtige Einrichtungen zur Höheren Bildung zu gründen, haben andere die Aufgabe übernommen. Eine abschließende Bewertung über das Projekt „Islamische Theologie“ ist noch nicht möglich. Es hat zumindest den Anschein, dass von dort bisher nicht viele relevante Beiträge zu innermuslimischen Debatten kamen, noch viele substanzielle muslimische Konzepte für gesamtgesellschaftliche Herausforderungen formuliert wurden. Überhaupt wirkt die öffentlich bestallte Theologie merkwürdig handzahm. Sie scheint vor allem der Übersetzung einer gesellschaftlichen Agenda für das muslimische Publikum zu dienen.

Gemeinsam mit der öffentlichen beziehungsweise institutionellen Elitenförderung unter jungen Muslimen haben wir nun einen recht umfangreichen Handlungsbogen, der aber nicht mehr basisdemokratisch im Rahmen muslimischer Gemeinschaften stattfindet. Vielmehr sind es nichtmuslimische Geldgeber oder Institutionen, die in die Entwicklung muslimischer Strukturen eingreifen. Übrigens oft nicht mit schlechter Absicht. Nichtsdestotrotz verändert es muslimisches Denken und Handeln. Ein schon klassisches Beispiel ist die vorauseilende Angst, Geldgeber und Sponsoren durch Kontakte mit „Umstrittenen“ zu verärgern. So verengt sich das Gesichtsfeld der Betroffenen erheblich. Eine andere Konsequenz ist die Beschleunigung einer eh schon stattfindenden Säkularisierung. Wer auf Fördergelder schielt, muss seinen Diskurs ändern. Und dieser kann schwerlich ein „religiöser“ sein.

Crowd ist selten klüger
Während im ersten Beispiel klassische Fragen nach Struktur und Finanzierung maßgeblich sind, ist es beim zweiten die moderne Kommunikationstechnik selbst, die verändernd, wenn nicht degenerierend, auf die Entwicklung der muslimischen Community wirkt.

Die Vorstellung, der Crowd wohne eine gesonderte Intelligenz inne beziehungsweise sie sei gegen Manipulation gefeit, ist ein weitverbreiteter Irrtum. Das Beispiel Wikipedia hat gezeigt, wie diese online-basierten Modelle bei neuralgischen Themen angreifbar sind.

Konkret wird diese Frage, wenn die technische Struktur der Netzwerke auf die soziale Organisation von Muslimen übertragen wird. Im Verband der Netzwerkknoten entscheiden quantitative Aspekte wie die berüchtigten „Likes“. Erkenntnistheoretische und -praktische Elemente wie „Prioritäten“ sowie „Relevanz“ spielen hier nur eine untergeordnete Rolle. Damit ist dieses Modell, dass unter einer technikaffinen und dynamischen Jugend beliebt ist, in seiner Form – nicht dem Charakter seiner Akteure – antithetisch gegenüber dem grundlegenden islamischen Erkenntnisverfahren. Denn hier sind es die „Likes“, die entscheiden, was wir morgen machen wollen: Zakat etablieren oder doch lieber eine „islamische“ App programmieren?

Ich-AGs
Zeitgleich sowie verzahnt mit den Netzwerken sind es Individuen, die derzeit auf Erfolgskurs sind. Von Kampagne zu Kampagne – ihnen kommen die neuen Formen zugute. Sie passen ihren Diskurs ganz den Anforderungen des Augenblicks an, und müssen auf keine Gemeinschaft Rücksicht nehmen. Ebenso wird das neue muslimische Individuum – real wie online – auch nicht befragt, inwiefern seine Positionen im Rahmen der Lehre sind oder ob sie einen muslimischen Konsens repräsentieren.

Bisher blieb ein – vom „organisierten Islam“ moderiertes – Gespräch zum Thema aus. Offen ist, wie lange die neuen Formen ignoriert werden können und wann sie massenhaft zu wirken beginnen.

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Sulaiman Wilms

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