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Debatte: Die muslimische Community muss ihren neuen Mitgliedern in wesentlich stärkerem Maße Rechnung tragen. Von Wolf D. Ahmed Aries, Hannover

Deutsche Muslime - zwischen allen Stühlen?

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(iz). Als mich die fünfte Anfrage erreichte, in der ich gefragt wurde, ob ich mich an einer Erhebung zu deutschen Konvertiten zum Islam beteiligen würde – man hätte mich dringend empfohlen – habe ich schlicht nein gesagt. Ich hatte mich bereits an vier Umfragen beteiligt, deren letzte so dümmlich daher kam, dass ich schwor, an keiner Umfrage mehr teilzunehmen; zudem wiederholten sich die Unterstellungen und undifferenzierten Fragen, sodass ich schon bei der zweiten Befragung ärgerlich wurde und höflich anmerkte, es gäbe doch manches zu bedenken, was der Fragebogen nicht berücksichtigen würde.

Da lässt das Nürnberger Amt für Migration und Flüchtlinge „deutsche Konvertiten“ suchen und befragen, Konversionsforscher tun dasselbe und hinzu kommen die Professoren, die ihre Studenten im Rahmen einer Arbeit losschicken, um festzustellen, ob sich hier Forschung lohnen würde. Alle Interviewer haben sich mit Tonträgern bewaffnet, um das Gesagte hinterher zu analy­sieren. Irgendwann hat der Interviewte den Eindruck, er sei eine Art Büchnerscher Woyzeck, dem man nicht Erbsen verpasste, sondern den Islam.

Vor allem spürt man bei fast jedem Interviewer die Absicht – wobei die eines Studenten nur die ist, die Examensarbeit gut zu bewältigen. Bei anderen steht dahinter, herauszufinden, warum „diese Kerls“ Terroristen werden. Welcher psychische Mechanismus lief da schief? Oder welche exotische Biografie lässt sich da (unter anderem wissenschaftlich) vermarkten? Die Glaubensentscheidung für die Schahada interessiert hingegen niemanden. So werden die vom Soester Islam-Institut veröffentlichten Zahlen genannt, ohne das Phänomen aufzugreifen, dass viele Deutsche die Schahada in einer Moschee sprechen, um dann nur für kurze Zeit dort gesehen zu werden beziehungsweise direkt nach der Konversion zu verschwinden. In den Streitkräften wie im zivilen Leben und im Beruf traf ich immer wieder Einzelne, die zwar mir gegenüber bekannten, dass sie Muslim seien, aber mich baten, dieses Wissen nicht zu benutzen. Gleichzeitig erreichen mich immer wieder Anfragen, ob ich eine deutsche Gemeinde kenne, der man sich anschließen könne. Die Moschee-Vereine, die man kennen gelernt habe, entsprächen nicht den eigenen Vorstellungen und Anforderungen.

Zum Ärger meiner Brüder habe ich immer wieder neue Muslime, nachdem sie die Schahada gesprochen hatten, befragt, warum sie zum Islam fanden. Es gab eine Fülle von verschiedenen Antworten, die stets in autobiografische Erzählungen eingebettet waren, wodurch die eigentliche Antwort nur indirekt zu erschließen war. Manches Mal waren es banale Berichte. So sagte ein junger Muslim, der der Pubertät gerade entwachsen war, er sei seit der Grundschulzeit mit seinen türkischen Freunden zusammen, und es sei so blöd, bei der Religion immer draußen zu stehen. Oder der künftige Partner wolle nur einen Muslim heiraten, na ja, dann wird man eben Muslim. Vor allem Frauen sind vom Akhlaq fasziniert und dem Schutz der Körperlichkeit, deren Öffentlichkeit in der gegenwärtigen deutschen Kultur sie ablehnten. Ein Junge beschrieb die Wärme, die er in einer muslimischen Familie spürt, und er habe diese auf den Glauben zurückgeführt; und wenn dieser Glaube solche Wärme hervorbringe, dann wolle er zu diesem Glauben gehören. Gymnasiasten und Studenten erzählten mir von ihrer Suche und den Büchern, die sie „verarbeitet“ hätten, während Erwachsene mir ihre Lebensläufe schilderten. Stets war die entwicklungspsychologische Fragestellung herauszuhören, das heißt Pubertierende finden anders zum Islam als Menschen, die bereits das vierzigste Lebensjahr erreicht haben.

Nach der Glaubensentscheidung folgt das Sich-Eingewöhnen in die Orthopraxie und die lokalen Traditionen der muslimischen Gemeinschaft. Hier unterscheiden sich Bosnier von Senegalesen, Araber von Uighuren und so weiter. Dann heißt es: „Wir machen es so“, oder „Du musst erst noch lernen, ein richtiger Muslim zu werden.“ Manch Neuer nimmt die angebotenen Verhaltensregeln gerne an und beginnt das moralische Korsett zu lieben, das er anschließend am liebsten anderen Brüdern verpassen würde.

Der eine oder andere Neue findet eine geistliche Führungspersönlichkeit, die ihn auf den Weg leitet, auf dem schon viele andere Mühselige wanderten. Es sind vor allem intellektuell anspruchsvolle Muslime, die sich mit einfachen Antworten nicht zufrieden geben möchten. Religionswissenschaftlich gesehen fallen diese Mystiker unter die Kategorie des Konvertiten, aber ist der von ihnen eingeschlagene Weg eine geistliche Konversion? Man mag dies ernsthaft bezweifeln. Der Wille zur Suche ist wohl entwicklungspsychologisch älter als die Annahme der Führung eines Schaikhs.

Ganz anders scheint es sich bei den im Weltlichen gebliebenen Intellektuellen zu verhalten. Sie sind weiterhin Suchende nach einem wie immer gearteten deutschen Kontext, einer deutschen Gemeinschaft. Sie werden zu Einzelgängern, die helfen, wenn ein Muslim sie anspricht – aber sich von jeglicher Gemeinde fern halten. Hin und wieder kommt man während einer Tagung zum Beispiel an einer der kirchlichen Akademien mit einem von ihnen ins Gespräch, um festzustellen, dass sie zwischen allen Stühlen sitzen. Von der traditionellen Orthopraxie her gesehen neigen sie zu Bid’a, vom deutschen Otto-Normal-Verbraucher her gesehen sind sie kulturelle Verräter, und in Gesprächen stellen sie unbequeme Fragen, die sowohl Widersprüchlichkeiten als auch Lücken ansprechen.

Seit dem Erscheinen von Omid Safis Sammelband „Progressive Muslims“ gibt es die innerislamische Problematik des Ausspielens von Gegensätzen: hier der aufgeklärte Islam und dort die verbohr­ten Traditionellen. Der deutsche Muslim zuckt dann zurück und bestätigt sich innerlich, dass er am besten für sich bleibt. Wohin ihn der Streit der Verbände schon immer führte. Schließlich sucht er den offenen, kriti-schen Diskurs und nicht eine Lösung für die politische oder begriffsdefinitorische Machtfrage.

Die den intellektuellen deutschen Muslim umtreibende Unruhe fragt nach dem, was einen Muslim definiert und nicht, was ihn ausmacht. Ein Blick auf die Vielfalt der Umma zeigt nur wenige Gemeinsamkeiten, während die Schönheit der Vielfalt des regionalen beziehungsweise rechtsschulischen Glaubenslebens die einzelne Identität formt. Schließlich ist die Vielfalt Seiner Gemeinde Seine Gnade. Mancher lebt davon. Doch allein Allah weiß es besser.

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