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Debatte: Eine heimische Identität entwickelt sich nicht durch Theorie, sondern durch gemeinsames Tun. Von Wolf D. Ahmed Aries

Einiges zum „muslimischen Staatsbürger“

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(iz). Bis zur „türkischen“ Einwanderungswelle in den sechziger Jahren waren die Muslime im Lande interessante Exoten, und die Konvertiten fielen für den Bildungsbürger unter die Kategorie eines übertriebenen Weltbürgertums. Danach wurden Muslime zu den Fremden, deren Anwesenheit höchstens die Sozialdienste der Kommunen und der Kirchen beziehungsweise der Gewerkschaften aktiv werden ließen. Die Stammtische widmeten sich den üblichen Klischees, in denen die Ängste vor Überfremdung etc. wechselseitig bestätigt wurden. Die Politik befragte Wissenschaftler, wer denn die Türken, die Muslime, die islamischen Terroristen seien. Nur langsam kam das Gespräch mit den Muslimen selber in Gang, das jedoch stets unter dem Vorbehalt stand, dass der Andere der Andere sei und bleibe.

Mit der beachtenswerten Initiative eines Bundesinnenministers, der unter der Perspektive des Föderalismus keine Kompetenz hat, kam nicht nur der muslimische Staatsbürger in den Blick, sondern zugleich die Erinnerung an die Geschichte der Minderheiten in diesem Lande und in Westeuropa. So begannen sich die Dritten im Bunde der abrahamischen Trias, die Juden, zu fragen, ob sie nicht vor einem Déjà-vu ständen. Die deutsche Islamkonferenz erinnerte doch allzu stark an den napoleonischen „Großen Sanhedrin“ von 1806; und das in Tel Aviv ansässige Minerva Institut lud daher zu einer Tagung „Juden und Muslime in Deutschland – Recht, Religion, Identität“, deren Referate als Buch im Wallstein Verlag erschienen.

Zugleich zerstörten Umfragen wie die der Bertelsmann-Stiftung, des Gallup-Instituts und eine weltweite Umfrage, die John Esposito leitete, das Bild vom stets „rückwärts gewandten“ und „modernisierungsfeindlichen“ Muslim beziehungsweise Islam.

Nun wird wie schon seit Jahren in den kirchlichen Akademien auch im ­politischen Diskurs der Muslim zum Gespräch eingeladen, dessen verwirrende Vielfalt verärgert zur Kenntnis genommen wird. Und die Muslime wissen selber offensichtlich nicht, wohin sie gehören und zu wem sie sich bekennen sollten, was an den Einbürgerungen ebenso ablesbar ist wie am freiwillig geleisteten Wehrdienst im Lande der Großväter. Geschickt hat der türkische Generalstab daraus ein Turkifizierungsprogramm gemacht: „Wie glücklich der Mensch, der ein Türke ist.“ Schließlich möchte man die Auslandsbürger zu dem machen, was die Iren in den USA für Nordirland sind: eine „Pressure Group“.

In dieser Situation verstörte das Ergebnis einer Erhebung des Nürnberger Bundesamts für Migration, wonach nicht nur der Anteil der islamischen Bevölkerung höher liegt als bisher vermutet, nämlich bei 4,3 Millionen, und die Muslime besser integriert sind als ­bisher angenommen, was die Gazetten mit Verwunderung meldeten. Letzteres konnte den muslimischen Beobachter nur amüsieren, denn offensichtlich ­haben viele Journalisten an den zu­nehmenden türkischen Familiennamen und islamischen Vornamen auf den Schildern von Arztpraxen, Anwaltskanzleien und Geschäftsinhabern vorbei gesehen. So weit so gut… oder so schlecht? Und man könnte diesen Überblick mit der Bemerkung abschließen: Es ist mit Blick auf die Integrationsgeschichte von Minderheiten in eine Mehrheitsgesellschaft eine vielleicht typische Übergangsphase. Wäre da nicht der universalistische Anspruch der unantastbaren Würde des Menschen im ersten Artikel des deutschen Grundgesetzes und die Forderung der Anerkennung der allgemeinen „westlichen“ Werte. Ist die Würde eine Frage der Interkulturalität und damit relativierbar?

Die Katastrophen des zwanzigsten Jahrhundertes zeigten, dass weder Leis­tungen für das Allgemeinwohl noch juristische und berufliche Integration vor gesellschaftlicher Diskrimination schützten – und schützen? Der von der Mehrheit anerkannte Staatsbürger wird als Mitbürger dann als gleich angesehen, wenn er und sie nicht mehr Objekte sind, das heißt ihre Würde in Freiheit von Demütigungen gelebt werden kann. Dies gilt für den diskriminierenden Witz ebenso wie den Ausschluss eines Bewerbers auf Grund eines religiösen Merkmales, was dieser bei der ersten Ablehnung noch nicht merkt, aber nach der zwanzigsten weiß. Und die Minderheit sieht es, wenn in keinem Amt seiner Kommune ein Muslim zu sehen ist.

Der türkisch- oder arabischstämmige Staatsbürger islamischen Glaubens entsteht nicht auf dem Seziertisch sozialwissenschaftlicher Analysen oder islamkritischer Lektüren welcher politischen Aufklärung auch immer, sondern durch gemeinsames Tun für eine als gemeinsam anerkannte Aufgabe. Dies gilt für den Arbeitsplatz ebenso wie für Arbeit in den Gewerkschaften, im Verein, in der Bürgerinitiative oder der Ortspartei. Allein, man muss sich darum kümmern, was bisher nur die GRÜNEN aktiv taten. Häufig reagieren kommunale Verantwortungsträger mit dem Hinweis, dass sie oder er mit dem türkischen Konsul und seinem Religionsattaché ein gutes Verhältnis habe. Die Aufgabe des Diplomaten ist, dass er sich um seine Auslandsbürger kümmert, während ein deutscher Amts­träger für die deutschen Staatsbürger zuständig sein sollte. Für den deutschen Bürger islamischen Glaubens. Aber dies ist ein Teil des Problems der so genannten Integration: Ein deutscher Bürger islamischen Glaubens bleibt in den Köpfen seiner Mitbürger ein Türke, Araber oder Bosnier. So bleibt der deutsche Staatsbürger islamischen Bekenntnisses ein Traumbild der demokratischen „Gutmenschen“.

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Wolf D. Ahmed Aries

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