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Debatte: Es gibt den KRM noch, das ist nicht schlecht. Von Khalil Breuer

Über die Mitte

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(iz). Nach dem Rückzug des Islamrats und des Zentralrats der Muslime aus der Islamkonferenz gaben nicht wenige Beobachter auch dem Koordinationsrat der Muslime (KRM) nur noch eine „Gnadenfrist“. Aber immerhin, trotz getrennter Wege – nur der türkische Verband DITIB und der VIKZ nehmen auch weiterhin an der Islam­konferenz teil – wurde der Rat nicht etwa aufgelöst. Rein formal besteht der größte Zusammenschluss der in Deutschland lebenden Muslime trotz dieser Krise noch immer. Die junge Geschichte des KRM ist schnell erzählt. Der Koordinationsrat der Muslime in Deutschland (KRM) wurde als Spitzenverband der vier größten islamischen Organisationen in Deutschland während der ersten Deutschen Islamkonferenz 2007 gegründet. Im Grunde sollte der KRM ein Signal an die Politik senden, dass eine gemeinsame Vertretung der Muslime zumindest denkbar ist. Zweifellos könnte eine solche Dachorganisation eine große Mehrheit der praktizierenden Muslime binden.

Überraschungscoup
Die Reaktion aus Berlin auf den damaligen Überraschungscoup der Verbände war verhalten. Immer wieder wurde bezweifelt, ob und wie viele Muslime durch den KRM vertreten sind. Das Bundesinnenministerium rechnete flugs die Bedeutung des KRM mit der Einbeziehung der Zahlen nichtorganisierter und offen nicht praktizierender Muslime klein. Zudem wurde die eigene Organisationshoheit in der Zusammenstellung der neuen Islamkonferenz sehr deutlich ausgespielt. Die Folgen sind bekannt – die Konferenz hat in der muslimischen Öffentlichkeit inzwischen dramatisch an Interesse verloren. Der neue Rat KRM hatte allerdings auch von Beginn an eine eher unverbindliche Struktur und ist bis heute auch keine Rechtspersönlichkeit. Er ist noch nicht einmal ein eingetragener Verein, sondern beruht lediglich auf einer gemeinsamen Geschäftsordnung, die von den vier ihn tragenden Verbänden am 28. März 2007 unterzeichnet wurde. Die Geschäftsordnung des Koordinationsrates gibt der DITIB zudem ein Vetorecht. Bis heute ist der Organisationsgrad des KRM unverändert geblieben. Der Optimismus über die Entwicklungsmöglichkeiten der Formation ist erkaltet.

Zahlreiche Aufgaben
Aufgaben für ein KRM-Büro gäbe es genügend. Grundsätzlich sollen sich nicht nur die Regierung, sondern auch Außenstehende an den Sprecher des Koordinationsrates wenden können, um ihn zu den Islam in Deutschland betreffenden Themen zu befragen. So könnten beispielsweise die Haltung der Muslime zur Imam-Ausbildung, der islamische Religionsunterricht oder das Schächten Thema solcher Anfragen sein. Ein Sprecher oder Generalsekretär sollte sich dann bemühen, einen Konsens mit den drei anderen Vorsitzenden der vertretenen Organisationen zu erreichen. Praktisch genügt jedoch schon ein kurzer Blick ins Internet, um zu ahnen, wie es heute um die Koordinierung der Interessen von Muslimen in Deutschland wirklich steht. Eine gemeinsame Webseite des Koordinationsrats besteht noch immer nicht. Viele Positionen bleiben im Dunklen. Auf der Internetseite des „Tages der offenen Moschee“ werden die beteiligten Verbände nicht zufällig getrennt aufgeführt. Bis heute ist nicht nur die KRM-Präsenz im Netz eher spärlich, sondern es gibt auch in der realen Welt keine Adresse. Ein Großverband wie der KRM müsste eigentlich, um ernst genommen zu werden, in Zeiten der härtesten Debatten um den Islam auch in Berlin zu finden sein.

Kritiker, Liberale und Konservative
Natürlich gibt es viele Kritiker, die dem „organisierten Islam” und damit dem KRM nicht wohl gesonnen sind. Teilweise haben sich eigene regional unabhängige Strukturen gebildet oder es sind Vereinigungen „liberaler“ Muslime entstanden, die sich mehr oder weniger dialektisch gegen den angeblich „konservativen“ Islam der Verbände richten. Für die Abkehr gibt es politische Gründe, aber auch schlichte Ungeduld mit dem Taktieren der Verbände. Nur, man kann es drehen und wenden: Alle Alternativen zum KRM bewegen sich bisher im Milieu marginaler Kleingruppen. Schlimmer noch – die weitere Aufspaltung der Muslime macht eine kraftvolle Stimme eher unwahrscheinlich. Die Verbände, die den KRM bilden, haben auch einen weiteren wichtigen Vorteil. Sie sind finanziell relativ unabhängig und damit auch unabhängig von staatlicher Patronage. Dieser Umstand könnte noch wichtig werden, denn wenn es um die Fixierung einer islamischen Lehre in Europa geht, muss es auch unabhängige Stellen geben, die die Authenzität dieser Lehre prüfen können. Im Moment wird die Ausbildung von Imamen immer stärker von staatlichen Stellen oder nichtmuslimischen Stiftungen finanziert.

Ohne KRM wird es schwierig werden
Das gemeinsame Anliegen, endlich den anderen Religionsgemeinschaften in Deutschland gleichgestellt zu werden, dürfte ohne die organisierten Muslime jedenfalls nicht zu machen sein. Hier liegt noch immer die Stärke des KRM. Not täte aber eine aktive Politik des KRM, der auch andere Gruppen und Einstellungen zu einem Konsens zumindest einlädt. Eine Idee wäre eine Art „interne Islamkonferenz“, wo Muslime sich gegenseitig kennenlernen und eigene Initiativen und Überlegungen vorstellen könnten. An dieser Art der praktischen Koordination zeigt der KRM aber bisher viel zu wenig Interesse. Aktuell geht es dem KRM fast nur noch um die Außenwirkung. Regelmäßige Presseerklärungen mögen in der Tagespresse Gehör finden, eine größere inhaltliche Zustimmung der muslimischen Community ist damit noch lange nicht erreicht. Es fehlen sichtbare Positionen und Aktionen, die für einen gemeinsamen Weg werben. Die Chance für den KRM wäre, zu zeigen, dass es ihm wirklich um das Wohlergehen aller Muslime in Deutschland geht.

Der Mittelweg

Es ist ein wesentlicher Baustein des islamischen Lebens, dass die Masse der Muslime, nicht etwa kleine Minderheiten, den „geraden Weg“ definieren. Aus diesem Gesichtspunkt heraus könnte der KRM einige Legitimität ziehen. Gerade in Zeiten, in denen einige Hundertschaften radikaler “Islamexperten” die Muslime in Geiselhaft nehmen, ist die Stimme der Mehrheit gefragt. Diese Stimme muss sich aber auch Gehör verschaffen. Es wäre geradezu absurd, die große Zahl und das Gewicht der Moscheegemeinden nicht in die Wagschale zu werfen. Allerdings benötigt die mittlere Position, auch um dauerhaft diese Mitte, jenseits der politischen Dialektik von konservativ und liberal, zu formen, eine religiöse Substanz. Die Ablehnung von Terrorismus und Selbstmordattentaten ist selbstverständlich. Um nur ein weiteres Beispiel zu nennen: Eine der wichtigsten Säulen des Islams, die Zakat, muss von jeder muslimischen Gemeinde auch transparent und nachvollziehbar erhoben werden. Würden islamische Verbände überhaupt nicht mehr über dieses zentrale Thema sprechen oder um die Erhebung und lokale Verteilung kümmern, wären sie nicht mehr in der Mitte.

Neue Herausforderungen
Jede Zeit hat ihre eigenen Herausforderungen. Wir erleben heute, dass wichtige gesellschaftliche Gruppen in Deutschland ein negatives Bild über den Islam haben. Hier gibt es also eine Menge Koordinierungsbedarf, und der Tag der offenen Moschee ist dabei ein erster wichtiger Aspekt. Aber es gibt mehr zu tun: Wir Muslime brauchen eine gemeinsame Akademie, die alle positiven Beiträge der deutschen Muslime fördert und sammelt. Wir brauchen gut organisierte Foren, wo das Gespräch zwischen Muslimen und Nichtmuslimen an Niveau gewinnt. Naturgemäß müsste echte Koordination unserer muslimischen Anliegen in die Gründung von islamischen Stiftungen führen. Immerhin, dem KRM mangelt es nicht an geeigneten Köpfen. Die erste Islamkonferenz wurde durch einige Sachbeiträge von Mustafa Yeneroglu von der IGMG für viele Muslime erst transparent und verständlich. Aiman Maz­yek betreibt bereits für den ZMD eine professionelle und wortgewaltige Pressearbeit. Bekir Alboga von der DITIB gilt als religiös kompetenter Imam und Gesprächspartner. In allen Bereichen lassen sich bestimmt noch viele weitere Mitstreiter finden. Um sie muss aber auch gewor­ben werden, bevor sich weitere Talente von der stagnierenden Verbandsarbeit abwenden.

Verständliche Schwierigkeiten
Ein Koordinationsrat ist keine einfache Sache – die Verbände sind unterschiedlich groß und vertreten unterschiedliche Traditionen. Zwischen den Muslimen verlaufen ethnische Trennlinien, die Verbände organisieren die Muslime bewusst nach arabischer, türkischer und bosnischer Ethnie. Die neue Generation kann aber mit diesen Trennungen immer weniger anfangen. Im Grunde kann nur noch ein fremd wirkender Nationalismus diese Trennungen offiziell weiter rechtfertigen. Die Mitte wäre aber wiederum verloren, wenn die natürlich Verbundenheit mit den Ländern der Herkunft wichtiger wäre als der Islam in Deutschland selbst. Auch aus einem anderen Grund ist eine effiziente KRM-Struktur, mit Arbeitsgruppen und Treffen mit anderen muslimischen Gruppierungen, nicht jedem Verbandsfunktionär recht, denn naturgemäß bedeutet eine solche übergeordnete Einrichtung auch einen Machtverlust der eigenen Organisation. Es könnte einer der Gründe sein, warum die beteiligten Verbände den KRM bisher weder personell noch finanziell ausgestattet haben. Außerdem muss man im Zusammenspiel mit anderen Muslimen um eigene liebgewonnene, aber vielleicht auch falsche Positionen fürchten.

Was immer aus dem KRM wird – der Mangel echter Koordination ist jedenfalls ein Luxus, den kein Muslim in Deutschland gut finden kann.

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