IZ News Ticker

„Den Menschen Wärme spenden“

Im Winter ist Obdachlosenhilfe wichtiger denn je. Auch Muslime sehen sich dazu verpflichtet

Foto: Hasane

(iz). Laut dem Berliner Senat sind in Berlin über 10.000 Menschen wohnungslos. Schätzungen zufolge leben von ihnen bis zu 6.000 auf der Straße. Genaue amtliche Zahlen gibt es dazu nicht, Kenner des Milieus gehen von hohen Dunkelziffern aus, teilweise fünfstellig. In den letzten 30 Jahren stieg der Anteil der Wohnungslosen um 60 Prozent. Dazu beigetragen hat unter anderem die Einwanderung von armen Osteuropäern, jüngst vorrangig aus Bulgarien oder Rumänien. Der Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. (BAGW), Dr. Thomas Specht, sieht den Grund für einen Anstieg aber im Größeren bei der „falschen Entwicklung am Wohnungsmarkt“. Seit 2000 hat sich die Zahl der Sozialwohnungen in Berlin auf knapp über 100.000 halbiert.

Berlin kann im Winter außerordentlich unangenehm sein. Jedes Jahr erfrieren auch in der Hauptstadt Obdachlose. Auch wenn die Zahl der Fälle rückläufig scheint beziehungsweise es immer weniger Berichte über Kältetode gibt, bleibt die allgemeine Versorgung der Betroffenen eine schwierige Herausforderung. Die Engagierten in dem Problemfeld haben verschiedene Hintergründe. Der Berliner Verkehrsbetrieb BVG versorgt in sogenannten Kältebahnhöfen beispielsweise regelmäßig Obdachlose. Auch sind die Bahnhofsmissionen weiterhin berühmte Würdeträger.

Nach dem großen Flüchtlingsstrom nach Berlin 2015 wurde auch Obdachlosigkeit wieder ein gefragteres Thema im öffentlichen Diskurs. Nicht nur, weil das tagelange Warten vor der zentralen Anmeldestelle in Berlin, dem „Lageso“ (Landesamt für Gesundheit und Soziales) manche Flüchtlinge vorübergehend zu Obdachlosen machte, sondern auch, weil Rechtspopulisten Leid und Hilfeleistung von Flüchtlingen und Obdachlosen gegeneinander aufzuwiegen begannen.

So wie auch in der Flüchtlingshilfe ist auch in der Versorgung von Obdachlosen ehrenamtlicher Einsatz notwendig. Laut einer Mitarbeiterin der Berliner Obdachlosenhilfe e.V. gibt es jedes Jahr eine hohe Zahl an Anfragen von Privatpersonen und Vereinen, die sich an der Verpflegung und Verbesserung der Lebensumstände von Obdachlosen beteiligen wollen. „Das Interesse ist groß, es fehlt nur an grundsätzlicher Organisation.“

Auch Berliner Muslime versuchen, sich einzubringen. Das Islamische Jugendzentrum Berlin (IJB e.V.) hat zum Beispiel das „Herzenswärme Projekt“ initiiert, bei dem Jugendliche zwischen 16 und 22 Jahren zwei Mal die Woche Tee und Suppe kochen, Snack-Pakete mit Gebäck und Obst zusammenstellen, um diese abends an Bedürftige und Obdachlose zu verteilen. Auch Mützen, Socken und Handschuhe werden zur Verfügung gestellt. Dabei arbeiten die Jungen und Mädchen vollkommen selbstständig und spendenbasiert.

Als die Islamische Zeitung Anfang Januar ein Foto von der Obdachlosenspeisung des Hilfsvereins Hasene auf Facebook veröffentlichte, bekam es herausragende Aufmerksamkeit. Es ist wohlgemerkt nicht das erste Engagement dieser Art von muslimischer Seite, jedoch stellt es die Frage nach funktionierender PR, wenn Symbolbilder wie diese einen solchen Überraschungseffekt auslösen.

Um einen besseren Eindruck von der Art und Weise der Hilfe zu bekommen, begleiteten wir das Team von Hasene Berlin beim wöchentlichen Ausflug zum Alexanderplatz. Die berühmte Gegend um den Fernsehturm ist nicht nur ein Touristenmagnet, sondern seit Langem auch ein Sammelpunkt von Obdachlosen.

Es ist Freitag. Muslime der Stadt zieht es in ihre lokalen Moscheen zum Freitagsgebet. Die alteingesessenen Veteranen der Gemeinden bleiben üblicherweise bis in den Nachmittag in den Kantinen und Teestuben ihrer Gebetshäuser. Das brachte Hasene vor Jahren auf die Idee, jene Herrschaften um Hilfe zu bitten. Die Obdachlosenhilfe unter dem Motto „Eine warme Mahlzeit für Sie“ wird so von Moscheegemeinden, vorrangig vom muslimischen Verband IGMG, unterstützt. Jede Woche kochen die Gemeindemitglieder einer Moschee das bereitgestellte Essen und übergeben es zur Verteilung an Hasene Berlin.

„Das gleiche Projekt gibt es mittlerweile auch in vielen anderen Städten“, erklärt Mustafa Tokgöz im Hasene Büro in Berlin-Neukölln. Das kleine Ladengeschäft an der vielbegangenen Karl-Marx-Straße in Berlin ist gut besucht. Im Minutentakt kommen Menschen rein. Viele wollen bloß schnell Grüße dalassen, andere erkundigen sich nach der anstehenden Obdachlosenspeisung am Abend. Berlinern erzählt Tokgöz vom Plan, das Programm zukünftig täglich anbieten zu wollen. „Wir organisieren einen Wagen, planen feste tägliche Routen und sind dann jeden Tag auf den Straßen präsent.“ Moscheegemeinden, Restaurants und Privatleute hätten dafür bereits mehr Unterstützung zugesagt.

Süleyman Burak Senel ist der Leiter des Projektes in Berlin. Während er seinen Gästen im Büro Tee anbietet, koordiniert er die Vorbereitungen. Brot, Suppe, Tee und Geschirr kommen von verschiedenen Unterstützern. Alles muss aber um 18 Uhr am Alexanderplatz bereitstehen. Auch Senel zeigt sich zuversichtlich, in naher Zukunft einen täglichen Service anbieten zu können. „Obdachlose gibt es nicht nur am Alexanderplatz. Wir wollen sie überall erreichen.“ Dazu sieht er die Berliner Muslime verpflichtet. „Der Prophet sagte: ‘Derjenige ist kein Gläubiger, der sich satt isst, während sein Nachbar hungert.’ Das legt uns die Pflicht auf, bei Obdachlosigkeit nicht wegzuschauen. Wir müssen zu ihnen gehen, nicht umgekehrt.“

Kurz vor 18 Uhr wartet vor dem Büro der Transporter, beladen zu werden. Mit dabei sind sieben freiwillige Helfer. Vier von ihnen sind Jugendliche unter 20. „Es gibt sehr viele, die uns bei der Aktion helfen wollen“, sagt Süleyman Burak Senel. „Niemand fragt nach Bezahlung oder Lob. Wir glauben als Muslime daran, dass wir dieser Aufgabe nachgehen müssen, weil Allah es von uns erwartet und wir danach von Ihm belohnt werden.“ Im Laufe des Abends wächst die Zahl der Helfer nochmal, als einige hinzukommen.

„Auch, wenn viele der Obdachlosenhelfer ihre Stände auch so einfach aufbauen, melden wir das lieber immer zuvor amtlich an. Die Polizei fragt zwar nie nach Genehmigungen, aber es ist uns lieber, solche Dinge vorab geregelt zu haben, damit wir uns in Ruhe auf die eigentliche Aufgabe konzentrieren können.“ An diesem Freitagabend gibt es am Alexanderplatz keine anderen Stände. Bei Hasene steht neben Linsensuppe auch Hühnersuppe und Fladenbrot bereit. Auch der Tee wird auf traditionelle türkische Weise frisch aufgekocht. „Da wir noch nicht den einen festen Standort haben, an dem wir immer sind, wissen die Obdachlosen nicht sofort Bescheid. Deshalb gehen wir sie an den bekannten Treffpunkten abholen oder machen darauf aufmerksam“, erklärt Senel.

Die Jugendlichen machen sich diesmal auf, die Bedürftigen einzuladen. Wenige Minuten später kommen sie in Begleitung zurück. Die warme Suppe Hasenes ist bei den Obdachlosen ausgesprochen beliebt. Besonders die Linsensuppe scheint sehr schnell wegzugehen. „Das ist auch alles mit Liebe gemacht, das schmeckt man“, scherzt Mustafa Tokgöz. Die Verantwortlichen in ihren neongelben Westen nehmen sich Zeit für ihre Gäste. Beim Ausschenken der Suppe werden Gespräche aufgebaut. Manche nehmen die Suppe und gehen, andere setzen sich nebenan auf die Bänke. Auch, um Nachschub bekommen zu können. Wenn gerade kein Ansturm auf den Stand ist, setzen die Helfer sich zu den Obdachlosen und unterhalten sich mit ihnen.

Der Name Hasene kommt vom arabischen „Hasana“, was so viel wie Wohltat bedeutet. Bekannt ist der Verein vor allem unter türkischstämmigen Muslimen in Deutschland dafür, in Krisengebieten Nothilfe zu leisten sowie Bildungs- und Gesundheitsprojekte zu organisieren. „Wir sind aber nicht nur im Ausland aktiv, sondern auch im eigenen Land. Natürlich gibt es Gebiete, in denen es den Menschen deutlich schlechter geht, aber man darf auch die Hilfebedürftigen hier vor Ort nicht vergessen. Man muss einfach beides machen und, alhamdulillah (gelobt sei Allah), wir können es ja zugleich schaffen“, beschreibt Tenel die Selbstverpflichtung Hasenes.

Bei den Obdachlosen kommt der Stand Hasenes gut an. „Warme Suppe? Das ist ja perfekt“, sagt ein älterer Herr und bedankt sich. Aber nicht nur Obdachlose zieht es an den Stand. Manche Passanten stoppen interessiert, schauen auf die Projektbanner und stellen Fragen. „Sehr oft kommen Leute, finden die Aktion toll und wollen uns irgendwie unterstützen. Mittlerweile haben wir dafür eine kleine Spendenbox aufgestellt“, sagt Süleyman Burak Senel. „Wir haben genug Suppe da“, ruft er immer wieder interessierten Passanten zu und bietet ihnen etwas an. „Das finde ich gut, so bringt das im Endeffekt verschiedene Menschen auch nochmal mit Obdachlosen zusammen“, meint einer der später hinzugestoßenen Helfer.

Solche Formen der Direkthilfe in Deutschland sind bei Hasene nicht neu. Die Deutschlandvertretung der Organistion habe seit Anbeginn des Flüchtlingsstroms Verantwortung in weiten Teilen der Republik übernommen. „Wir haben allein zum islamischen Opferfest über zehn Tonnen Fleisch an Flüchtlinge verteilt“, sagt Senel. „So können wir den zuständigen Behörden unter die Arme greifen und den Flüchtlingen zeigen, dass sie nicht im Stich gelassen werden.“ Auf die Frage, wie sie das Aufwiegen von Flüchtlingen gegen Obdachlose werten, antwortet einer der Helfer: „Ach, bitte! Das geht doch beides zugleich. Wenn man will.“ „Und wir wollen“, pflichtet ein anderer bei. Auch einer der Obdachlosen hat für solche Vergleiche wenig Verständnis. „Wo sind denn die von der AfD? Ich habe hier noch nie einen nach uns fragen sehen. Reden können die viel“, wettert er.

Der Abend neigt sich dem Ende zu. Die beiden Suppen sind leer, das letzte bisschen Tee wird ausgeschenkt und verteilt. Die Initiatoren und Helfer wirken aber keineswegs ausgelaugt. Lächelnd und zufrieden bauen sie ihren Stand ab und planen schon den nächsten Freitag. Hasenes „Eine warme Mahlzeit für Sie“ überzeugt als Wohltat auf voller Linie. Auch unter Berücksichtigung des Projekts „Herzenswärme“ des Islamischen Jugendzentrums Berlin lässt sich feststellen, dass Hilfe für Obdachlose in der Hauptstadt bei Muslimen auf große Einsatzbereitschaft trifft. Notwendig ist sie allemal.

Folgt uns für News auf:
https://www.facebook.com/islamischezeitungde

und:
https://twitter.com/izmedien

Noch kein IZ-Abo? Dann aber schnell!

Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen