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Den Qur’an durch die weibliche ­Stimme hören

Madinah Javed: Eine junge Frau teilt ihre Liebe zu Allahs Buch mit der Welt

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Foto: Emily Macinnes

(iz). Madinah Javed ist eine 22-jährige Jurastudentin aus Glasgow, Schottland. Sie wurde im Internet bekannt, als sie Videos von ihrer Qur’anrezitaion teilte. Schon seit ihrer Kindheit fasziniert sie diese Praxis und seit einigen Jahren gibt sie sie an neue Generationen von Muslimen weiter. Wir haben uns mit ihr über ihre Liebe zum Qur’an, die Implikationen seiner Rezitation und die Kontroversen um die weibliche Stimme unterhalten.

Islamische Zeitung: Wie fing alles an? Wodurch entstand Dein Interesse für die Qur’anrezitation?

Madinah Javed: Meine Mutter hat die Qur’anrezitation als Kind gelernt. Sie wurde aber in einer konservativen, kulturell sehr traditionellen Moschee erzogen. Dort ging man zum Teil sehr schroff mit Kindern um. Meine Eltern wollten mich daher nicht dorthin schicken. Als Erwachsene fing meine Mutter nochmals an, die Rezitation zu lernen, und ich hörte ihr als kleines Kind immer gern dabei zu. Durch ihr Lernen konnte auch ich lernen.

Als meine Eltern schließlich die Al-Andalus Gemeinde in Glasgow gründeten, wo auch Kinder und Jugendliche in der Qur’anrezitation unterrichtet werden, jedoch in einer freien, liebevollen und sicheren Atmosphäre – was eines der Hauptziele dieses Zentrums ist –, haben wir Kinder den Qur’an lieben gelernt. Wir lernten die korrekte Rezitation sowie, eine Beziehung zu Allahs Buch zu entwickeln. Meine Mutter unterrichtete mich also zuerst eher indirekt zuhause und später in der Qur’anschule.

Als ich älter und erfahrener wurde, begann ich selbst, die Kinder zu unterrichten. Das mache ich nun schon seit einigen Jahren. Das Vorsagen und Zuhören helfen sehr, mein eigenes Können zu trainieren und gleichzeitig etwas an die Kinder weiterzugeben.

Ich hatte einige Lehrerinnen über die Jahre hinweg. Derzeit übe ich mit meiner Lehrerin aus Syrien, um eine Idschaza (Erlaubnis) als Rezitatoren zu bekommen. Ihre Lehrerin ist eine Gelehrte des Qur’an und der Hadithwissenschaft und kann auf zehn verschiedene Arten den Qur’an rezitieren. Das finde ich unheimlich beeindruckend!

Durch diese Menschen und Tätigkeiten wurde ich an den Qur’an heran­geführt. Es ist so bereichernd, Kindern diese Sache beibringen zu dürfen. Man entwickelt eine besondere Beziehung zu ihnen.

Islamische Zeitung: Es scheint, dass Deine Art, die Rezitation zu lernen, mit viel Liebe verbunden war und ist. Ist es – im Hinblick auf die negativen Erfahrungen in anderen Moscheen – für Dich wichtig, diesen Aspekt der Liebe in das Lernen und Lehren mit einfließen zu lassen?

Madinah Javed: Absolut! Diese Sache wurde mir nie aufgezwungen. Meine Beziehung zu Allahs Buch wurde durch völlige Liebe entwickelt und entwuchs aus meinem eigenen Interesse. Wir alle in unserem Zentrum machen den Unterricht ehrenamtlich, niemand wird dafür bezahlt. Es ist unsere Leidenschaft und die Liebe zu den Kindern, weswegen wir diese Sache tun.

Oft wird die Religion auf sehr strikte und kühle Art vermittelt. Es gibt Unmengen an Regeln und Einschränkungen, welche die Kleinen befolgen müssen und sie fühlen sich oft nicht frei. Daraus entsteht eine negative Beziehung zum Din. Wir wollen aber eine offene Atmosphäre für junge Menschen schaffen. So wurde ich auch erzogen – meine Eltern gaben mir viel Freiraum.

Die korrekte Vermittlung der Rezitation schafft jedoch auch einen gewissen Respekt. Die SchülerInnen achten die Lehrerinnen und wissen, dass sie bei ihnen in guten Händen sind.

Islamische Zeitung: Welche Reaktionen gab es darauf, dass Du als Frau den Qur’an rezitierst?

Madinah Javed: Die meisten, die in unserem Zentrum unterrichten, sind Frauen. Die Eltern hatten nie ein Problem damit, dass die Frauen rezitieren. Ich hatte auch einige öffentliche Auftritte und teile meine Videos im Internet, und das Feedback ist meist sehr gut. Die ­meisten Leute sagten, sie fänden meine Rezitation sehr stark und es sei für sie eine besonders schöne Erfahrung, eine Frau dabei zu hören.

Mein Vater wurde im Januar 2017 eingeladen, um in der St. Mary’s Kathedrale in Glasgow zu rezitieren, und bat mich, es stattdessen zu tun, weil er finde, dass Frauenstimmen mehr gehört werden ­sollten. Er stellte fest, dass im Westen nicht viele Frauen öffentlich rezitieren. In Ländern wie Indonesien oder Malaysia ist es etwas ganz Normales, was aus der muslimischen Tradition stammt.

Also habe ich es gemacht und das Publikum war ausschließlich christlich. Es war ein Zusammenkommen verschiedener Leute, um sich dazu auszutauschen, welche Rolle ‘Isa (Jesus), Allahs Friede auf ihm, in verschiedenen Religionen spielt. Also rezitierte ich die Sure Mariam. Nach der Veranstaltung kamen so viele Leute auf mich zu und wollten mir die Hand geben und mir erzählen, wie gerührt sie davon waren, ohne die Worte verstanden zu haben. Sie sagten, sie hätten Tränen in den Augen gehabt.

Mein Vater riet mir, das Video auf Facebook zu teilen. Dann wurde es kontrovers. Das Video verbreitete sich im Netz, es wurde international und es gab Leute in den USA, die sich über das Video entrüsteten, weil eine Frau in der Kirche vorne stand und ihre Stimme gehört wurde. Dies waren Evangelikale, die scheinbar zum Teil sehr patriarchalisch sein können. Ihnen gefiel mein Video ganz und gar nicht, und hinzukam, dass es eine Muslimin war, die den Qur’an ausgerechnet in einer Kirche rezitierte – wobei sie doch wüssten, dass wir Muslime ‘Isa nicht als Sohn Gottes betrachten. Das waren die negativen Reaktionen von Leuten, die eher rechts geneigt sind und für die unsere Aktion unbegreiflich scheint.

Die schönen Aspekte waren aber viel wichtiger für mich. Ich habe eine sehr gute Verbindung zu der lokalen christlichen Gemeinde aufgebaut. Ich erkannte auch, dass es nicht so viele Frauen gibt, die öffentlich rezitieren und vielleicht ist das meine Berufung. Also begann ich, mehr meiner Videos in den sozialen Medien zu teilen, und habe sehr viel Zuspruch erhalten. Es gab auch Anfragen, meine Rezitation in Gänze aufzunehmen.

Dabei möchte ich aber verhindern, dass es um mich als Person geht. Mir geht es in erster Linie um die Sache an sich, und wenn ich diese Aufgabe übernehmen und Nutzen bringen kann, wieso nicht?

Islamische Zeitung: Wie haben Mädchen und Frauen auf Deine Videos reagiert? Fühlen Sie sich darin bestärkt, es Dir nachzumachen? Es gibt ja viele – vor allem Männer –, die behaupten, die Stimme der Frau gehöre bedingungslos zu ihrer Aura…

Madinah Javed: Ich habe von überall auf der Welt Nachrichten von jungen Mädels erhalten, die genau diese Sache angesprochen haben. Sie fühlten sich so bestärkt und wollten wissen, wo sie selbst lernen können, um auch Rezitatorinnen des Qur’an zu werden. Sie sagten oft, dass sie sich inspiriert fühlten und die Motivation dazu bekämen, dass auch sie das meistern könnten. Ich gäbe ihnen einen gewissen Rückhalt, den Mut dafür aufzubringen.

Von muslimischer Seite blieb negatives Feedback weitgehend aus, aber wohl auch deswegen, weil es so viele Angriffe vonseiten der Rechten gab. Vielleicht wollte man dann nicht auch noch Salz in die Wunde streuen. Auf sozialen Medien bekomme ich ab und zu dämliche Kommentare von muslimischen Jungs und Männern, aber sie sind nichts anderes als das – ein wenig dämlich, mehr auch nicht. Ich wundere mich jedes Mal darüber, wie man die Rezitation des Qur’an durch die schöne Stimme, die uns Frauen von Allah gegeben wurde, als etwas Verbotenes ansehen oder in den Zusammenhang mit Sexualität setzen kann. Es geht doch schließlich um den Kontext und den Zweck, für welchen die Stimme verwendet wird. Ich schenke solchen Nachrichten nicht viel Beachtung. Manchmal bekommt man von Frauen zu hören, es sei sinnlos, dass eine Frau rezitiere, wenn es doch schon Männer täten.

Aber meine Absicht ist, Menschen zu inspirieren und die Schönheit des Qur’an zu teilen, sodass andere sie auch spüren und eine Verbindung zu ihm aufbauen können. Wenn man weiß, welche Intention man hat und das Herz rein hält, dann nimmt man negative Reaktionen in Kauf – und die positiven überwiegen sowieso!

Islamische Zeitung: Du hattest viel Unterstützung von Deiner Familie, insbesondere von Deinem Vater. Hat Dir dieser Rückhalt der wohl wichtigsten männlichen Bezugsperson dabei geholfen, Stärke und Selbstbewusstsein vor allem gegenüber anderen Männern zu entwickeln, die sich über Deine Tätigkeit empören?

Madinah Javed: Definitiv. Seine Erziehung machte es für mich so natürlich und selbstverständlich, das zu tun, was ich liebe. Das gibt Kraft. Die Männer in meiner Community unterstützen mich grundsätzlich sehr und geben mir viel Zuspruch.
Es gibt aber andere, die sich schlichtweg unwohl fühlen, wenn sie aus ihrer Komfortzone heraus müssen und sich mit etwas befassen müssen, was sie unangenehm finden.

Islamische Zeitung: Könnte die Rezitation durch Frauen eine andere, besondere Art der Da’wa sein?

Madinah Javed: Ich habe einige alte Aufnahmen von weiblicher Rezitation gefunden und ich finde, es ist eine besondere Erfahrung, ihnen zuzuhören. Dieses heilige Wissen durch die Stimme einer Frau zu hören hat eine Wirkung auf Menschen und vertieft ihren Respekt für die Frauen im Allgemeinen.

Islamische Zeitung: Wieso ist diese Praxis im Westen so ungewöhnlich?

Madinah Javed: Oft fehlt es an ­positiver Lernumgebung. Frauen fühlen sich meist nicht bestärkt darin, ihren Stimmen Gehör zu verschaffen. Sie haben fast gar keinen Raum, um Qur’an überhaupt frei in der Moschee zu rezitieren. Daher gibt es schlichtweg keine wirkliche Grundlage für sie, diese Praxis zu entwickeln.

Zur Zeit des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, gab es eine Gefährtin, die Hafidha des Qur’an war (sie konnte ihn auswendig rezitieren) und man hörte sie immer dabei, dies war in der Nachbarschaft eine ganz gewöhnliche Sache. Sie lehrte auch andere Leute in der Rezitation, ihr ganzes Leben drehte sich um den Qur’an. Als sie einmal nicht mehr zu hören war, machten die Gefährten des Propheten sich Sorgen um sie. Es gab keine Kontroverse um ihre ­Stimme, sondern eine Wertschätzung ihrer Person und ihres Wissens, welches sie mit der Welt teilte.

Islamische Zeitung: Wie beeinflusst Deine Beziehung zum Qur’an Dein alltägliches Leben? Oft haben wir nur im Ramadan einen wirklichen Bezug zu Allahs Buch…

Madinah Javed: Momentan habe ich an der Uni sehr viel zu tun, weil ich mich im letzten Studienjahr befinde. Deswegen kann ich der Rezitation und dem Unterricht für die Kinder nicht so viel Zeit widmen wie sonst. Und ich merke einen riesigen Unterschied. Die Stärke der Beziehung zu Allah, die man durch das Lesen Seines Buches entwickelt, ist etwas Intimes und Wohltuendes. Wenn man die Verbindung zum Qur’an verliert oder sie schwächer wird, dann spürt man dies natürlich im Alltag. Der Qur’an gibt uns Frieden und Rechtschaffenheit im ­alltäglichen Leben. Wir erinnern uns ständig an die Offenbarung und wir gedenken somit Allahs.

Es ist wichtig, zu wissen, dass Sein Buch für jeden da ist. Allein, wenn man sich eine Rezitation anhört, empfängt man eine immense Baraka. Die Menschen, die mir in der Kirche zuhörten, sagten zu mir, dass sie die Anwesenheit der Engel gespürt hätten. Das ist ein Segen, den wir alle in unser Leben ­einladen können.

Islamische Zeitung: Liebe Madinah Javed, wir bedanken uns für das Gespräch.

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Tijana Sarac

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