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Denkpause nach dem Putschversuch

Reflexionen und Wahrnehmungen einer Bloggerin und online-Aktivistin in der Türkei

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Screenshot: Youtube

(iz). Wenn es einen Putschversuch im Lande gibt, wissen die Menschen nie, worum es wirklich geht und was gerade wirklich passiert und ob das nicht alles nur ein Albtraum ist. Es bricht Panik aus, weil es eine vermeintliche Bedrohung gibt. Menschen rufen sich gegenseitig an und fragen nach. Diese Bedrohung wird auch immer realistischer, weil man sie am Laptop, im Fernsehen oder in den sozialen Medien sieht. Oder man ist gerade mitten auf der Straße und wird von Militärflugzeugen überflogen und hört Panzer und Geschosse.

Es melden sich Menschen aus aller Welt bei einem, die nachfragen, anrufen, schreiben und wissen möchten, wie der Putsch so sei, wie das denn alles sein könne. Man erhält E-Mails, in deren Betreff man liest: „Putsch?“ Die Menschen wollen wissen, was es mit der Nachrichtensperre auf sich hat, welche sozialen Medien wann abgeschaltet werden und welcher türkische Sender noch Pressefreiheit hat. Denn alle denken, es geht um Islam gegen Pressefreiheit, Islam gegen Demokratie, Islam gegen laizistisches Militär.

Es kommen Fragen wie: „Du bist aber nicht mitten drin, oder?“ Oder Ratschläge wie: „Pass auf dich auf! Lass nicht die mutige Kommentatorin raushängen. Halt Dich am besten aus der Politik im Lande raus.“

Sich aus einem Putsch rauszuhalten klingt aber nach einem Biedermeierparadoxon, denn jeder von uns ist Teil der Geschichte, und Geschichte ist eben Politik, Macht, Kampf um Ressourcen und Militärtechnologie. Und dies gilt auch für ein Volk mit einer vorübergehenden Ausgangssperre, um nicht abgeschossen zu werden.

Aber alles hat am Ende immer mit dem Islam zu tun, denn alles mündet irgendwie in den großen, inklusiven Ozean des Islam, der alles in sich aufnimmt, so sieht es der Westen. Der afghanische US-Bürger, der mit seiner komplexen Identität als Schwuler nicht zurechtkommt, dann HIV bekommt und sich rächt, indem er in einem Schwulenclub Latinos abschießt, ist Muslim, am besten noch vom Islamischen Staat, also kein Muslim der Biedermeierzeit, sondern der Geist einer aktiven Terrorzelle aus dem irakischen Sunnistan des IS im Ausland. Der tunesisch-französische LKW-Fahrer, der, anstatt „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ zu singen, in Nizza in eine Menge rast: Auch hier hat die Sache mit dem Islam zu tun und mit seiner möglichen Verbindung zu islamistischen Terrorzellen der ersten, zweiten oder dritten eingebürgerten Generation im alten Kolonialstaat Frankreich.

Die muslimische Gemeinde Frankreichs ist entsetzt und entschuldigt sich zwischen den Zeilen für etwas, womit sie gar nichts zu tun hat. Wäre es ein nichtmuslimischer Franzose gewesen, hätte sich wohl eher die nationale Vertretung der LKW-Fahrer für dessen Tat entschuldigt.

Und hier wieder: Die Menschen im Westen denken, es ginge um Demokratie gegen Islam und Islam gegen Demokratie. Wer dann wer ist, ist nicht so wichtig. Wichtig ist, dass die Fronten sich verhärten und die Mauern am Ende der Sackgassen stehen bleiben. Teile und herrsche!

Während des Putschs fordert der türkische Präsident Erdogan die Menschen auf, auf die Straße zu gehen. Es ist 0:37 Uhr. Sie jubeln wie nach einem Fußballspiel. Es folgt ein Sondergebetsruf für den Zusammenhalt der Nation. Nun ist es wieder still hier an der Mittelmeerküste in der Nähe von Alanya. Und es ist 3:18 Uhr. In Ankara und Istanbul ist es noch laut, wahrscheinlich die ganze Nacht noch. Eine Kollegin freut sich heute Abend zum ersten Mal, doch am Stadtrand ihr Zimmer gemietet zu haben, statt in unserer Nähe in der Istanbuler Altstadt.

Der Westen guckt auf den Destabilisierungsversuch und denkt sich irgendwie doch, dass vielleicht das Militär wirklich den demokratischen Notstand zurecht ausrufen wollte, um die „islamische Diktatur“ im NATO-Mitgliedsland, das direkt an den IS grenzt, wegzufegen. Die Muslime hier freuen sich über den Imageverlust der alten Militärelite, Türken wie Kurden. Aber die meisten möchten einfach nur leben und diesem nihilistischen Schachspiel aus dem Wege gehen. Selbst das Militär distanziert sich vom Putsch und erklärt ihn für illegal.

Der Kampf um die Macht holt auch den genügsamsten Bürger ein. Jeder muss sich auf eine Seite stellen, wissen, wo er hingehört, Farbe bekennen, genau wie nach einem Fußballspiel.

Und die ganze militaristische Spieluhr singt nicht mehr. Man weiß am Ende nicht, was geschehen ist, man weiß aber, dass es um Macht geht. Um sehr viel Macht. Und man weiß, dass es die „Technologisierung“ der Militärmacht noch schwerer macht, die Angst zu vergessen. Denn es fahren Panzer durch die Straßen, eine Polizeistation wird gebombt. Menschen sterben. Es wird an der Bosporusbrücke in Istanbul gekämpft.

Und dies mitten in einem friedlichen Juli einer Türkei, die sich gerade vom Terroranschlag des Istanbuler Flughafens Atatürk erholt hat und hofft, es wird sie eine Zeit lang nicht mehr treffen oder wenigstens nicht so hart.

Alle hoffen auf ein Ende des Bürgerkriegs in Syrien und auf ein Ende des Bürgerkriegs im eigenen Land. Alle sind müde, sich jeden Tag fragen zu müssen, wer wann und warum auf wen schießt, Autobomben hochgehen lässt oder sich selbst in die Luft sprengt, indem er sich auf Allah, den Gott des Lebens, beruft und andere in den Tod reißt. Alle möchten Sicherheit und Wohlstand für ihre Familien in diesem Vielvölkerstaat mit einer toleranten und geduldigen Zivilbevölkerung, die noch nicht an ihrer Willkommenskultur zerbrochen ist.

Immer, wenn man sich die Dinge nicht rational erklären kann und auch nicht mal militaristisch oder kolonialistisch, dann geht es um nihilistisches Denken zwecks Destabilisierung eines Landes mit muslimischer Bevölkerung und um paranoide Machtspiele. Es geht um Ressourcen um der Macht willen, nicht einmal mehr um Geld.

Was mir heute klar wurde, ist, wie froh die Türken jeglicher Herkunft darüber sind, endlich alle auf einer Seite zu stehen, gegen das Militär und gegen die Destabilisierung ihrer jungen Demokratie. Gehört die Spaltung zwischen Kemalisten und Islamisten der Vergangenheit an? Möchten sie nun alle gemeinsam keine militärische Willkür und keine Machtspiele gegen das Volk und den Staat? Wollen sie alle die blinde Unterwürfigkeit gegenüber dem Militär über Bord werfen, um eine langfristige soziale Ruhe im Lande zu erlangen? Das ist heute Nacht meine Hoffnung in meiner Wahlheimat, vor allem für die neue Generation der Kinder, die davon nichts oder wenig mitbekommen hat.

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Dr. phil. Milena Azize Rampoldi

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