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Der aktuelle Armutsbericht geht auch die Muslime an, meint Sulaiman Wilms.

Kommentar: Arm sein in einem reichen Land

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(iz). Wäre es nicht so deprimierend, müsste man ­darüber lachen, wie das öffentliche Deutschland mit einer der erschütterndsten Statistiken der letzten Monate umgeht. In den Tagen vor Drucklegung dieser Ausgabe wurde in Berlin der aktuelle Armutsbericht vorgestellt, dessen Ergebnisse jeden, auch uns Muslimen, zu Denken geben sollten. Demnach seien in Deutschland ein Achtel der in diesem Land lebenden Menschen als „arm“ einzustufen – und das in einer Phase der wirtschaftlichen Entwicklung, die von vielen als „Aufschwung“ gefeiert wird.

Wie es guter Stil in Berlin ist, nutzten die Koalitionspartner CDU und SPD die ­Gelegenheit zur Profilierung, und die Opposition warf der Regierung erwartungsgemäß „Versagen“ vor. Eines lässt sich in aller Kürze mit Sicherheit sagen: Das Jahrzehnt der neoliberalen Dekonstruktion (im modernen Sprachgebrauch „Umgestaltung“) hat sich ausgewirkt – Deutschland bewegt sich mit schnellen Schritten zurück in eine Klassengesellschaft, und Konfliktvermeidung besteht heute nicht mehr im gesellschaftlich akzeptiertem Ausgleich wirtschaftlicher ­Ungerechtigkeiten, sondern in vorsorglicher geis­tiger wie materieller Aufstandsbekämpfung.

Und wir Muslime? Was hat das ganze eigentlich mit uns zu tun? Könnten wir uns nicht zurücklehnen und fragen, ob die Klage angesichts der erschreckend hohen Armutszahlen in Deutschland nicht „Jammern auf einem hohen Niveau“ sei? Insbesondere dann, wenn wir die deutsche Lage mit den Verhältnissen in den Herkunftsländern der ersten Migrantengeneration vergleichen. Ganz abgesehen davon, dass insbesondere auch „Migranten“ und Muslime von realer Armut überproportional betroffen sind, widerspräche eine solche Haltung dem ­islamischen Grundcharakter, der sich eigentlich auch in der Alltäglichkeit muslimischer ­Gemeinschaften in Deutschland widerspigeln müsste.

Vergessen wir einmal die gesamte Komplexität zivilgesellschaftlicher Hilfsbereitschaft und ­Fürsorge, wie sie von den Osmanen verkörpert wurde, so reicht eine Erinnerung an den ­Gesandten Allahs aus, von dem die sinngemäße Aussage überliefert wurde, dass er nur für die Armen vom Herrn der Welten entsandt ­worden sei. Und aus seiner Lebensgeschichte wird ersichtlich, dass ihm die Ärmsten in Medina, die Ahl As-Suffa, am meisten am Herzen lagen. Sagt Allah doch im Qur’an, dass Er den Propheten nur als „Barmherzigkeit für die Welten“ entsandt habe. Dass allein sollte uns in der Nachfolge des Propheten ausreichen, damit wir uns dem dramatischen Problem der Armut stellen und – wie in der IZ oft genug angedacht – konstruktive Beiträge dazu leisten.

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Sulaiman Wilms

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