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Der Ausnahmezustand

Wir müssen Antworten auf die zahlreichen ethischen, politischen und ­ökonomischen Fragen finden

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Foto: Sandra Sanders, Shutterstock

(iz). Nichts gilt mehr, wir leben in Zeiten der Pandemie. Die Forderung einer Mehrheit der Deutschen nach landesweiten ­Ausgangssperren zeigt es überdeutlich: wir sind im Ausnahmezustand. Jeder Mensch, der in Deutschland lebt, muss das Geschehen nun psycholo­gisch einordnen.

Wir registrieren staunend, wie das Imaginäre, das Symbolische und das Reale, indem wir uns eingerichtet haben, dramatischen Veränderungen unterliegt. Wir erleben neue Lebenskunst, harte Gesetze, zahlreiche Ver­ordnungen, eine neue Hierarchie der Begriffe und staunen über die Macht des unsichtbaren Virus. Die Störung aus der Welt der Biologie zwingt uns nicht nur zur Entschleunigung, Isolierung oder Distanz, sie schafft neue Verhältnisse und sorgt paradoxerweise für eine ökologische Entlastung unserer Ökosysteme. Bilder von Delphinen, die durch die Lagune Venedigs schwimmen, oder Satellitenaufnahmen erhöhter Luftqualität prägen sich, neben den Eindrücken, der um das Leben kämpfende Ärzte, in das kollektive Gedächtnis ein.

Nachdem die Politik den Ausbruch des Corona-Virus in China noch im ­Januar und Februar eher unterschätzt hatte, galt es in den letzten Wochen den Schalter umzulegen und die Bevölkerung über die neue Logik staatlichen Handelns aufzuklären. Statt das Gefühl der Sicherheit zu verbreiten, war es plötzlich nötig eine Massenmobili­sierung gegenüber einer unsichtbaren Gefahr einzuleiten. Das Problem ist in diesem Kontext evident: Menschen neigen eine einmal gefasste, für sie positive Meldung zu bewahren und diesbezüglich neue, kritische Informationen in ihr Unterbewusstsein zu verdrängen. Die aktuelle Lage muss man zunächst gedanklich richtig einordnen, um dann die Natur dieser unbequemen Entscheidungen des Staates besser zu verstehen.

Die wissenschaftliche-medizinische Einordnung des Corona Virus übernimmt zunächst der Diskurs angesehener Wissenschaftler. Die gute Nachricht: Das Virus ist für die absolute Mehrheit nach wie vor symptomatisch ungefährlich. Für die Meisten gilt daher: Panik? Natürlich nicht! Der Laie wird hier einfach urteilen, dass es sich um eine Art Grippe handelt. Die Gefahr dieser guten Nachrichten liegt an der Hochkonjunktur der diversen Verschwörungstheorien, die von geschürter Hysterie, von Überreaktionen, sprechen und meist das de facto Geschehen in den betroffenen Städten wie Colmar, Bergamo oder Heinsberg verdrängen wollen.

Etwas schwieriger zu vermitteln ist daher die Gefahr der exponentiellen Ausbreitung des Virus. Muslime kennen dieses Phänomen bereits aus den Debatten über die Wirkungen des Zinses. In diesem Fall der Pandemie ist es das ­einfache, logisch nachvollziehbare Ziel zu verhindern, dass unser Gesundheitssystem zusammenbricht, da zu viele Menschen gleichzeitig ernsthaft erkranken könnten.

Auf einer anderen Ebene folgt die ethisch-politische Einordnung des ­Geschehens. Es gilt bisher der Grundsatz, dass die Mehrheit eine Pflicht hat eine bedrohte Minderheit zu schützen. Es geht (so Gott will) dabei nicht um uns, sondern um den Anderen. Das ist eine ethische Entscheidung und Ausdruck gesellschaftlicher Solidarität. Jeder Mensch, der über imaginäre Vorstellungskraft verfügt, kann sich vorstellen, was passieren würde, wenn die Politik eine andere, theoretisch denkbare ethische Entscheidung treffen würde. Nebenbei erwähnt würde auch eine derartige Strategie wiederum unzählige neue Verschwörungstheorien begünstigen.

Der Ausnahmezustand, mit dem die massiven Einschränkungen unserer Bürgerrechte heute gerechtfertigt werden, ist dagegen eine rein politische Entscheidung. Dabei ist eine offene Frage, wie lange eine funktionierende Gesellschaft diese Maßnahmen akzeptieren kann, muss oder will. Sorge machen hier in erster Linie Prognosen, die darauf hindeuten, dass der effektive Schutz unserer Gesundheitssysteme für eine lange Zeit massive Einschränkungen unserer Versammlungs- und Bewegungsfreiheit erfordern könnten.

Man kann nur spekulieren, welche sozialen Folgen eine dauerhafte Quarantäne für Millionen von Menschen hat. Es gilt auch zu verhindern, dass eine Reduzierung auf das nackte Leben und biologisches Überleben nicht andere wichtige Aspekte der Menschenwürde verdrängt. Gerade hier sind die Religionen gefragt. Das bedeutet zum Beispiel die würdige Bestattung der Opfer und einen würdigen Umgang mit den Angehörigen zu garantieren.

Auf einem anderen Blatt stehen die dramatischen ökonomischen Folgen dieser Krise. Der Politik in aller Welt bleibt nur noch weitere ungeheure ­Geldsummen aus dem Nichts zu schaffen, um die Not der Bevölkerung und die Existenz tausender Betriebe vorerst abzusichern. Das Geschehen an den ­Finanzmärkten wirkt dabei wie ein ­Endspiel. Auch hier genügt ein Blick auf die Entwicklung der Geldmenge und der Schulden, um wiederum die Gefahr eines exponentiellen Wachstums zu ­beobachten. Hier verbietet sich eine Naivität, die die wundersame Geldvermehrung als folgenlos oder gar unproblematisch verklärt. Es droht – spätestens nach der Krise – eine veränderte Gesellschaft, die von der Dynamik von Gewinnern (Monopole) und Verlierern der Krise (Arbeitslose) endgültig zer­rissen werden könnte.

Im Ergebnis und in der Zusammenschau aller hier aufgerufenen politischen, ethischen und ökonomischen Probleme zeigt sich die Notwendigkeit einer breiten gesellschaftlichen Debatte, gerade unter den Bedingungen des Ausnahmezustandes. Panik und Angst sind niemals gute Ratgeber, aber existentielle Sorge und kritische Nachdenklichkeit sind gerade jetzt gebotene Haltungen. Die notwendige Isolierung der Bevölkerung ist das Eine, aber die Abschottung von politischen Entscheidungen, zum Beispiel im Datenschutz, mit langfristigen Wirkungen, ist das Andere.

Die Welt wird nicht untergehen, aber nach der Pandemie wird sie auf jeden Fall eine andere sein. Eine Chance liegt hier unter Anderem, bei aller Sorge, auch positive Lehren aus der Krise zu ziehen. Bereits heute verstehen wir ­besser, wer unsere Gesellschaft trägt und wer im besonderen Maße von der Pandemie und – künftig – von den sozialen und ökonomischen Folgen betroffen sein wird. Eigentümer sind privilegiert gegenüber Mietern, wer über reale Werte verfügt wird eine drohende Inflation besser überstehen als Arbeitnehmer und eine Ausgangssperre erträgt man im komfortablen Landhaus besser als im Wohnsilo in der Stadt. Vielleicht werden wir uns bewusster, dass wir nun fortlaufend, gewichtige ethische und politische Entscheidungen treffen und mittragen müssen. Man denke nur hier auch an die verzweifelte Lage in den Lagern auf den griechischen Inseln.

Bleibt zu fragen, ob wir Muslime die Krise auf besondere Weise einordnen oder verarbeiten. Der Islam zeigt sich hier zunächst als rationale und keinesfalls denkfeindliche Lebenspraxis. Die überwältigende Zahl der Muslime ­unterstützt die staatlichen Maßnahmen und nimmt die Einschränkungen für unsere eigene symbolische Ordnung, also unsere Gesetze, Normen und ­Gewohnheiten – wie zum Beispiel das Verbot der Freitagsgebete – klaglos hin. Es ist Teil der islamischen Geschichte, man denke nur an Ibn Khaldun, dass unser Modell praktisch nie als ein ­geschlossenes System besteht, sondern vielmehr immer realen Einschränkungen unterliegt.

Auf der anderen Seite entwickeln die Muslime in besonderen Zeiten auch verschiedene Kompetenzen unterschiedlich stark. Es mag sein, insbesondere angesichts der drohenden sozialen Folgen dieser Krise, dass unser Wissen um alternative soziale und ökonomische Modelle einen viel wichtigeren Stellenwert bekommen als zuvor. Für uns Muslime gehören eigentlich freie Märkte, Stiftungen, gemäßigte ökonomische Macht und nicht zuletzt reales Geld zum Kernbestand kollektiver Lebenskunst.

In Zeiten der Not ringt jeder auf seine Weise um sein inneres Gleichgewicht. Wir Muslime erinnern uns gegenseitig an die Tiefenwirkung unserer Offenbarung. Wir lesen sie nun täglich neu. So heißt es in der Surat At-Tauba (9): „Sprich: ‘Uns kann nichts passieren, außer dem, was Allah für uns bestimmt hat. Er ist unser Meister. Auf Allah sollten die Gläubigen vertrauen.’“ Der Prophet fasst die gebotene Flexibilität in diese Worte: „Wie wunderbar ist die Angelegenheit des Gläubigen; in allem ist Gutes für sie, und dies gilt nur für Gläubige. Wenn Wohlstand sie begleitet, drücken sie Allah Dankbarkeit aus und das ist gut für sie; und wenn ihnen Widrigkeiten widerfahren, ertragen sie es geduldig und das ist gut für sie.“

Aber ganz unabhängig von unserer ­inneren Wirklichkeit, in der wir leben, wünschen wir allen unseren Lands­leuten, der ganzen Bevölkerung, dass wir nicht nur gesund, sondern zusammen gestärkt aus dieser schweren Zeit herausfinden. Immer mehr Menschen verstehen auch diese Formel, die in unserer Umgangssprache längst Einzug gehalten hat: inscha’Allah.

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Abu Bakr Rieger

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