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“Wir brauchen einen gerechten Handel!” (1)

„Der Beitrag“: Die Muslime in aller Welt stehen in der Pflicht, ihre ökonomische Wirklichkeit zu verändern

In dieser und in der kommenden Ausgabe dokumentieren wir den relevanten Beitrag des bekannten US-amerikanischen Gelehrten Hamza Yusuf Hanson beim letzten Meeting „Reviving the Islamic Spirit“ im kanadischen Toronto. Hanson erinnert ­darin an die Verpflichtung aller Muslime, sich für Gerechtigkeit in ihren wirtschaftlichen Transaktionen einzusetzen, die von ihren rituellen Obligationen nicht zu trennen ist.

Der Gelehrte zeigt auf, warum es problematisch ist, konventionelle Schokolade zu essen oder wie die Banken Geld aus dem Nichts schaffen. Der Text ist die Abschrift eines 45-minütigen Vortrags und ­wurde stellenweise gestrafft. Im zweiten Teil (IZ 201) geht Hamza Yusuf insbesondere auf die Notwendigkeit von Realgeld ein. Ich möchte über gerechten ­Handel sprechen und die Bedeutung des Begriffs über die Grenzen ausdehnen, innerhalb derer er sich heute im herrschenden westlichen Diskurs bewegt.

Im Qur’an finden wir, dass wir das Vermögen anderer nicht falsch, ungerecht oder eitel verbrauchen dürfen. Der dabei verwandte Begriff „Batil“ (für „falsch“) beschreibt alles, das leer oder nicht gut ist. Er ist das Gegenteil von „Haqq“, das Wahrheit und Aufrichtigkeit beschreibt. Unser Handel darf [laut Qur’an] nur einer sein, der beide Seiten zufriedenstellt. Mit anderen Worten: Jede Seite muss mit dem abgeschlossenen Geschäft einverstanden sein.

Alles im Qur’an ist wichtig, aber ­dieser Vers ist dafür entscheidend, was heute auf der Welt geschieht; und für das, was auf den so genannten „Märkten“ passiert. Globale Märkte, auf denen Reichtum ungerechtfertigt angeeignet wird. Der Besitz der Menschen wird gestohlen, zweckentfremdet und jenen gegeben, die nicht dafür zur Verantwortung gezogen werden. Allah, der Allerhöchste, sagt uns, dass eine Transaktion gerecht sein muss. Er sagte in der Sura Ar-Rahman: „Den Himmel hat Er emporgehoben und die Waage aufgestellt, damit ihr beim Wägen nicht das Maß überschreitet. Und messt das Gewicht in Gerechtigkeit und gebt beim Wägen nicht weniger. Und die Erde hat Er für die Geschöpfe (an)gelegt; auf ihr gibt es Früchte, Palmen mit Fruchthüllen und Korn mit Halmen und duftende Pflanzen.“ (7-12)

In der historischen Interpretation des Qur’ans haben unsere Gelehrten diese Verse als zwischen Himmel und Erde stehend eingeordnet. Die Sure Ar-Rahman beginnt mit einem himmlischen Diskurs und gelangt dann an die Stelle der Waage. Dann spricht Er über die Erde. Dazwischen ist die Waage; sie bezieht sich auf jede Art des Gleichgewichts.

Allah hat ein ökonomisches Gleichgewicht bestimmt. Dies entspricht dem historischen Verständnis der ‘Ulama und dem Verbot, Menschen auf dem Marktplatz zu betrügen, was im Zusammenhang mit dieser Waage steht. Allah, der Allerhöchste, erinnert uns auch daran, dass die Erde für alle Geschöpfe gemacht wurde, nicht nur für die Menschen. Einige ‘Ulama sind der Ansicht, dass sich der für „Geschöpfe“ benutzte Begriff (An’am) von Naum (Schlaf) ableitet. Der Schlaf ist eine Erinnerung daran, dass ­Allah der überwältigende Herr all Seiner Diener ist.

Die Idee des gerechten Handels und der ausgeglichenen Wirtschaft ist sehr wichtig im Qur’an. Früher gab es Waagen auf den Märkten, anhand derer die Menschen tatsächlich Gerechtigkeit sehen konnten. Kaufte man ein Pfund Früchte, legte der Händler ein Pfund-Gewicht auf eine Waagschale und die Früchte auf die andere. In der ­islamischen Tradition stieß man die Waage immer zu Gunsten des Käufers an, nicht zu Gunsten des Händlers. Denn der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: „Möge Allah einem Mann [oder einer Frau] gnädig sein, der nachsichtig, vergebend und großzügig ist, wenn er kauft oder verkauft.“

In Fes oder in anderen marokkanischen Orten konnte ich das oft genug beobachten. Dann wurde eine weitere Dattel auf die ­Waage gelegt, um das Gleichgewicht zu verändern. Die Händler wollten das extra Element des Ihsans [spirituelle Vollkommenheit].

Wir leben in einer Zeit der unglaubli­chen ökonomischen Ungerechtigkeit; denn wir leben in einem ungerechten Wirtschaftssystem. Heute ist Ökono­mie eine essenzielle Wissenschaft, die man kennen muss. Wir müssen ihre Grundla­gen kennen, um auf diesem Planeten ­leben zu können. Sie betrifft uns alle und umfasst unser gesamtes Leben. Wir müssen den falschen Gegensatz verstehen, der zwischen so genannten „Keynesianern“ und „Monetaristen“ geschaffen wurde. Eine Links-Rechts-Dialektik, so als würde es keine anderen, wirtschaftlichen Ansätze geben.

Die Muslime haben eine Alternative, aber unglücklicherweise glänzen sie hier durch Abwesenheit. Und das, obwohl vieles, was heute im westlichen Kommerz von Nutzen ist, von den Muslimen stammt. Das Wort „average“ (engl. durchschnittlich) leitet sich aus dem ­Arabischen ab. Man kann das in etymologischen Wörterbüchern oder bei Google finden. Es ist ein muslimisches Wort, Händler hatten eine Art Bürgschaft. Sie entsandten ein Schiff voller Waren. Gingen diese verloren oder wurden zerstört, zog man einen Durchschnitt ihres Wertes und jeder bezahlte seinen Anteil.

Wir vergessen oft, dass unsere ­Religion eine Religion des Handels ist. An einem Punkt, an dem ich in der Sira [propheti­sche Lebensgeschichte] las, musste ich mir die Frage stellen, warum der Gesand­te Allahs Händler war, bevor er Prophet wurde. Allah hätte ihn vieles werden lassen, aber er machte ihn zu zwei ­Dingen: zu einem Hirten in seiner Jugend und zu einem Händler während seines Mannestums. Er machte ihn zu einem ­Hirten, weil alle Propheten Hirten waren. Die Essenz des Prophetentums ist die Sorge für eine Gruppe von Menschen. Dies entspricht der Sorge des Hirten, dass seiner Herde keinen Schaden nimmt. Vor wem bewahrt der Hirte seine Schafe? Dem Wolf.

Meiner Ansicht nach ist der Grund, warum bestimmt wurde, dass der Prophet Händler war, dass der Händler der Nützlichste der menschlichen Gesellschaft ist. Es gibt niemanden, der der Gesell­schaft mehr Nutzen bringt, als ein Händler. Alles, was uns umgibt, kommt durch den Handel zu uns. Von den Stühlen auf denen ihr sitzt, bis zu den Füllungen eurer Zähne. Die Medikamente, die im Augenblick euren Blutdruck niedrig halten, kommen durch Handel zu euch. Alles, was zum materiellen Wohlergehen des Menschen beiträgt, kommt vom Handel.

Und es gibt einen weiteren Aspekt des Handels: Er lehrt uns guten Charakter. Die erfolgreichsten Händler sind diejenigen, die den besten Charakter haben. Man kommt zu denen zurück, die ­einen gut behandeln. Aus diesem Grund ­sagte man früher, dass der Kunde König sei; der Kunde hat immer Recht. Der Händler darf sich nicht aufregen. Selbst, wenn ihn sein Kunde ärgert, darf er nicht wütend werden, weil dieser ansonsten ­gehen würde. Dies schafft wirklich guten Charakter. Allah sagte über den Propheten Muhammad, möge Allah ihn segnen und Frieden geben, dass er einen gewaltigen Charakter hat.

Wer Erfolg im Geschäft haben will, muss vertrauenswürdig sein. Das ist die entscheidende Eigenschaft des Handels. Wer sein Wort gibt, hält es. Wenn man Ware an einem bestimmten Tag zusagt, muss sie da sein. Wenn man sich nicht an Zusagen hält, hören die Menschen auf, mit einem Handel zu treiben. Vor dem Islam war der Prophet als Al-Amin, der Vertrauenswürdige, bekannt. Er war der vertrauenswürdigste aller Händlern. Die Menschen wussten, dass sie, wenn sie ihm ihr Geld gaben, dies nicht nur zurückbekamen, sondern auch eine großen Profit. Khadidscha hatte niemanden, der so mit ihrem Geld umging wie der Gesandte Allahs. Sie war eine Händlerin und nutzte ihr Vermögen für die Sache Allahs. Abu Bakr war ein Händler und gab seinen Reichtum um Allahs Willen aus. Schaut auf die großen Leute in der Umgebung des Propheten. Alles Händler. Die Quraisch [der Ober-Stamm des Propheten] waren die Händler der arabischen Halbinsel, aber er ging nach Medina, wo Bauern lebten.

Es gibt zwei Kräfte in der Welt: Landwirtschaft und Handel. Dies sind ­Dinge, die die Welt vorantreiben; sie ermöglichen unser Überleben. Eines der ­Dinge, die uns der Prophet lehrte, ist, dass der aufrichtige Händler mit den Schahidun am Tage des Jüngsten Gerichts ist. Die ‘Ulama sagen, dies liegt an der ­Seltenheit solcher Menschen. Imam Al-Auza’i war einmal in Beirut, als er einem Zwiebelhändler vorbeikam. Dieser sagte: „Zwiebeln, süßer als Honig!“ Der Imam ­fragte ihn, ob es erlaubt sei, über eine solche Sache zu lügen. Glaubt nicht, dass Werbung eine neue Sache ist! Die Araber waren Meister des Marketings, aber Aufrichtigkeit ist wichtig.

Es gab den Muhtasib, der die Korrekt­heit der Transaktion und die Qualität der angeboten Waren und Dienstleistun­gen kontrollierte. ‘Umar ernannte ­Schifa während seiner Amtszeit zur Muhtasiba. Sie ging mit einem Stock über die Märkte, um sicherzustellen, dass die guten Früchte nicht nur ganz oben lagen. ­Heute werden ansprechende Güter ganz oben angeboten. Dies ist kein Zufall, sondern eine Art des Betrugs, da so die schlechte­re Ware verborgen bleibt. Diese Hisba ist Teil unserer Tradition. Qualitätssiche­rung im Markt ist Teil der islamischen Überlieferung, was wir oft vergessen.

Zu den einschneidendsten Dingen unserer Zeit zählt die Ungleichheit zwischen Nord und Süd. Willy Brandt schrieb in den 1970er Jahren ein Buch darüber. Die besten Menschen im Westen – jene, die immer noch tugendhaften Traditionen folgen – sorgen sich um diese Ungleichheit. Viele Länder, die heute einen ­hohen sozialen Lebensstandard haben, sorgen sich um die Probleme der globalen Ungerechtigkeit. Nicht nur in ihren ­eigenen Ländern, sondern auch an anderen Orten. Diese Bewegung begann mit einer mennonitischen Christin. Die Mennoni­ten sind eine Gemeinschaft in Kanada. Sie ging nach Puerto Rico, wo sie alle Arten sozialer Ungleichheit wahrnahm. Sie wollte helfen und Waren nach Kanada oder die Vereinigten Staaten ­exportieren, für die man gute Preise für die Menschen in Puerto Rico erzielen konnte. Dies war der Anfang der Bewegung für einen ­fairen Welthandel.

CNN zitierte kürzlich eine von der US-Regierung geförderten Webseite, wonach der durchschnittliche US-Amerika­ner rund 59 Sklaven hat, die in aller Welt für ihn arbeiten. In anderen Worten, unsere Lebensweise beruht auf dem Leid anderer. Aus diesem Grunde habe ich aufgehört, Schokolade zu essen: 70 Prozent der globalen Kakaoernte stammt aus Kinderarbeit. Wenn man diese Schokolade isst, bewirkt der eigene Genuss Leid für jemanden anderen. Und wenn man glaubt, dass das keine Auswirkungen auf das eigene Selbst hat, sollte man sich die Frage stellen, warum alle Welt Beruhigungsmittel nimmt. Warum sind alle deprimiert? Weil die Früchte unserer billi­gen Lebensweise – unsere Kleidung, unser blliges Benzin und unserer Konsum – von der Ausbeutung in anderen Orten kommt.

Ausbeutung ist nicht nur der Schmerz und das Leid anderer Menschen. Sie führt auch zu Arbeitslosigkeit in der westlichen Welt, weil die entsprechenden Arbeitsplätze verlorengehen. Die Menschen kaufen ihre Waren aus Indonesien, wo es keinen Arbeitsschutz gibt. Dort arbei­tet man unter unmenschlichen Bedingungen. Man kauft diese Waren, aber nichts, was in der eigenen Stadt hergestellt wurde. Es gab früher Menschen bei uns, die Schuhe machten. Dieser Zustand ist nicht gerecht, weil er auf der Ausbeutung anderer Menschen basiert. Die andere Tatsache ist, dass wir multinationale Unternehmen haben – von denen nicht jede böse ist. Nur die meisten. Es gibt Konzerne mit einem ­sozialen Gewissen. Vor Kurzem analysierte jemand das Verhalten dieser internationa­len Firmen anhand eines Standardlehrbuches für Geisteskrankheiten. Das Ergebnis war, dass das Verhalten der Konzerne fast deckungsgleich dem Krankheitsbild des Soziopathen entspricht. Konzerne im Westen sind eine juristische Person. Der Gelehrte Abdullah bin Baiy­yah war die einzige Person in ­einem Gelehrtenrat, die sich gegen die ­­Anerken­nung des Konstruktes juristischer Perso­nen aussprach. Dies widerspräche dem Prinzip des islamischen Rechts, wonach es menschliche Verantwortung geben müsse. Es kann in der Scharia kein Unternehmen geben, dass von Menschen geführt wird, die einfach straflos ausschei­den, wenn diese Firma schreckliche Dinge tut. Man kann das Unternehmen verklagen, aber nicht die Menschen, die hinter ihr stehen. Andere Gelehrte sagten ihm: „Schaikh, du muss mit der Zeit gehen. Heute machen das alle so!“ Ich sagte zu ihm: „Die fortschrittlichsten Menschen im Westen sagen das gleiche wie du.“ Er entgegnete, dass sie im Gelehrtenrat sitzen sollten, um ihm zu helfen.

Wir müssen verstehen, dass der Fakt, dass wir diese Unternehmen stützen, ­unser Leben beeinflusst. Wenn jemand fragt, was er denn tun könne, so sage ich ihm: „Ihr könnt viel tun!“

Zuerst kann man die Webseite von moveyourmoneyproject.org besuchen. Man kann sein Geld aus Banken ­abzie­hen, die schreckliche Dinge tun und in Sparkassen anlegen, die lokale Banken sind. Dies ist nur eine Übergangslösung, aber wir müssen unser Geld von den multinationalen Banken abziehen.

Und wir müssen verstehen, was in Ägypten geschehen ist. Ägypten, Tunesien, Syrien – diese Dinge stehen in ­einem direkten Zusammenhang mit dem, was in der Wall Street passiert. Die Warenmärkte [auf denen Lebensmittel gehandelt werden] schossen in die Höhe, weil der Markt für Immobilien zusammenbrach. Steigen Warenmärkte, müssen die Ägypter, die zuvor 25 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgaben, auf einmal 45 Prozent ihres Einkommens für das gleiche Essen bezahlen. Die Ägypter können sich das nicht leisten! Menschen hungern im wörtlichen Sinne und dies geschieht überall auf der Welt. Sie leiden unter diesem ungerechten Wirtschaftssystem. Es muss identifiziert werden und seine Verantwortlichen benannt werden, denn dies sind reale Menschen. Sie haben Namen und tun Dinge, die vollkommen amoralisch sind

Der Abzug des Geldes aus Großbanken ist nur eine Übergangslösung. Die Muslime müssen ihr eigenes Finanzsystem entwickeln. Dies ist nicht ­schwierig. Banking ist der größte Betrug, der jemals den Menschen angetan wurde. Wer das Banking versteht, wird überrascht sein, mit was man davonkommen kann. Banken sind Privatfirmen, die Geld aus dem Nichts schaffen. Wir müssen unser Einkommen verdienen, sie kreieren es aus dem Nichts. Als Gemeinschaft müssen wir unsere eigenen Finanzinstitutionen gründen, aber sie dürfen nicht so sein wie diese dubiosen „scharia-kompatiblen Einrichtungen“.

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