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Der Mittelwegsextremist

Der Druck des Kalenders: Mahdiya Tatjana Rogalski macht sich Gedanken über die Lage neuer Muslime im Lichte familiärer Feiertage

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(iz). Was die Medien uns durch die Schlagzeilen vorgeben, worüber wir heute oder morgen diskutieren, uns aufregen sollen, so geben uns auch die Jahreszeiten die Feste innerhalb der Community, insbesondere der islamischen, vor. Allerdings ist es in diesem Fall oft unser eigenes Verschulden.

Jedes mögliche Thema wird im Mund zerkaut, heruntergeschluckt und jedes Jahr aufs Neue wie die Wiederkäuer wieder gekaut und gekaut und gekaut, bis nur noch Speichel zu schmecken ist. Denn der bittere Geschmack der Verwirrung ist schon beim ersten Verzehr heruntergespült worden.

Es gibt oft Erfahrungen aufgrund Hass und Hochmut, sei es durch Privatnachrichten oder auch Kommentare innerhalb der sozialen Netzwerke. Ich sage bewusst „oft“, da das nicht nur ausschließlich auf die sozialen Netzwerke zutrifft.

Ostern als Angriffspunkt
Vor kurzem fanden wieder die Osterfeiertage statt. Unsere neuen Muslime füllen sich in dieser Situation oft zu Unrecht kritisiert und im Stich gelassen. Ja, es steigert sich sogar bis in Angst hinein, da sie angeblich etwas Falsches machen und somit die Gesetze Allahs missachten würden, wenn sie an diesen Tagen bei ihren Familien sind und „mitfeiern“. Es hagelt nur von unzähligen Überlieferungen von links und rechts, warum man dieses nicht machen dürfe, warum dies „haram“ (zu Deutsch: nicht erlaubt) sei.

Dabei wird jegliche Rücksicht auf die Familienangehörigen der Betroffenen außer Acht gelassen, wo doch genau dieser Teil im Islam hoch angepriesen und einen hohen Stellenwert hat. Genauso die gute Behandlung der Eltern. Auf dieses Themengebiet bezogen werden die Kommentare sowie Überlieferungen allerdings in den meisten Fällen ausgelassen.

Das, was im Vordergrund steht, dass man die „Kuffar“ (zu Deutsch: Ungläubige) in ihren Feierlichkeiten unterstützen würde. Wie in vielen Diskussionen, als auch in diversen, individuellen Situationen sollten beide Seiten systematisch analysiert und überdacht werden. Wenn ich mit meiner Familie an Ostern, Weihnachten, Christi Himmelfahrt etc. zusammensitze, verleugne ich gleichzeitig meinen Glauben? Wenn zwei Menschen sich streiten, sollten nicht beide Parteien angehört werden, um nicht nur eine Perspektive zu sehen? Gewiss und die Absicht zählt! Wie kann dann so etwas wichtiges wie die Familie aus solch einer Sicht und insbesondere aus der Sicht des Islam nicht beachtet werden?

Können wir so leichtsinnig solche Haram-Urteile fällen? Steht uns das zu? Ist unser Wissen absolut? Sollten wir uns nicht mal stärker auf „halal“ (zu Deutsch: Erlaubt) konzentrieren?

Dabei steht doch im Koran: „Wahrlich, diejenigen, die sich zum Glauben bekennen (die Gemeinschaft Muhammads), und diejenigen, die Juden sind, und die Sabäer und die Christen (oder jene, die einem anderen Glauben anhängen) – wer auch immer wahrhaftig und aufrichtig an Gott glaubt und an den Jüngsten Tag und gute, rechtschaffene Werke tut – die sollen keine Angst haben, noch müssen sie traurig sein.“ (Sure 5, Vers 69)

Die Auslegung an dieser Stelle möchte ich mir nicht anmaßen. Ich möchte nur zum Nachdenken anregen, allerdings dies in einem zusammenhängenden Kontext.

Lücken im Herzen
Solche Diskussionen entstehen und es bleibt nicht ausgeschlossen, dass Menschen verschreckt werden und ihre Familien als Folge einfach eiskalt abservieren, da sie an gewissen Familienfesten nicht teilnehmen möchten. Auch wenn dieses akzeptiert wird, so wird mit großer Wahrscheinlichkeit das Familienmitglied eine große Lücke in den Herzen seiner Liebsten hinterlassen. Ist das der richtige Weg? Oder sollte man sich lieber irgendwo in der Mitte treffen?

Die gegenseitige Akzeptanz nimmt mit jedem Tag ab und der Radikalismus nimmt zu.

Immer wieder die alteingesessenen Themen
Bald ist wieder Ramadan. Neue/alte heiße Themen, wie: „Gehen wir nach dem Mondberechnung oder dem astrologisch errechnetem Ramadankalender? Wer ist im Recht? Stimmt es, wenn man nach dem Kalender geht und einen Tag eher zu fasten angefangen hat, dass der ganze Fastenmonat nicht angenommen wird?“ usw. Wobei die entgegengesetzte Meinung des anderen oft für falsch erklärt und einfach nicht akzeptiert wird. Schiefe Blicke werden sich gegenseitig zugeworfen und in einigen Fällen folgt der Rückzug.

Zurückhaltung aufgrund anderer Ansicht, die nicht der eigenen entspricht? Ist das nicht auch eine Art Rassismus? Muss zwangsläufig nur die eigene Ansicht, besser gesagt die Rechtsschule, richtig sein oder gibt es da vielleicht noch mehr? Ist die muslimische Welt vielleicht doch viel bunter als wir glauben zu wissen? Es gibt so viel Vielfalt zu entdecken und zu erleben. So viel Genuss entgeht uns, wenn wir uns vor der Welt da draußen verschließen. Die Farben dieser Welt sollten nicht nur außerhalb unserer islamischen Community stattfinden, sondern auch innerhalb und zwar nicht nur auf unsere Herkunft bezogen.

Rassismus ist vielfältig
Ist das nicht auch eine Art Rassismus, wenn Schiitten, Sufis, Aleviten etc. abgelehnt und nicht als Freunde akzeptiert werden oder sogar als „Kuffar“ „durchgehen“? Sollten wir nicht einfach akzeptieren, tolerieren, unseren Weg gehen und unser Gegenüber diesen ebenfalls ausleben lassen? Bin ich erst gläubig, wenn ich 24 Stunden am Tag bete und Koran lese oder übertreibe ich maßlos? Sollte ich den Sport lassen, da ich diese Zeit nicht „sinnvoll“ nutze, oder ist es auch eine Art Gottesdienst? Oder gibt es vielleicht auch noch andere Gottesdienste?

Fakt ist, bevor wir anfangen uns überhaupt aufzuregen und die Menschheit, um uns herum eines Besseren zu Belehren, sollten wir sicherstellen, dass wir selbst unseren eigenen Verstand benutzen und nicht starren Regeln folgen, die wir womöglich dazu noch falsch ausgelegt haben und somit in rassistisches Handeln verfallen. Das Synonym für Engstirnigkeit ist Kurzsichtigkeit. Kurzsichtig in dem Sinne, dass wir innerhalb unseres Denkens das Denken an sich einschränken. Ist das Denken nicht dafür da, um zu denken? Oder denken wir, um nicht zu denken?

Die Ausgeglichenheit macht’s
Ins Extreme, sowohl in der rechten, linken als auch islamischen Szene, ist viel leichter zu verfallen, als den Mittelweg zu gehen. Denn die Geduld nicht auszuschweifen und ausfällig zu werden, ist kostbares Gold. Bescheidenheit ist ein wichtiger Aspekt im Islam. So ist es denn nun bescheiden, wenn wir uns über andere Menschen stellen und diese abwerten?

„Und (als Grundvoraussetzung für Zufriedenheit im persönlichen, Familien- und gesellschaftlichen Leben) dient Gott und setzt Ihm nichts zur Seite; und erweist den Eltern Wohltaten auf beste Weise, sowie den Verwandten, den Waisen, den Bedürftigen, den Nachbarn, die euch nahe stehen (als Angehörige, als Mitbewohner oder im Glauben) und den Nachbarn, die euch fern sind (also weder mit euch verwandt sind noch den Glauben mit euch teilen), dem Gefährten an eurer Seite (unterwegs, innerhalb der Familie, am Arbeitsplatz und so weiter), dem Reisenden und denen, die in euren Diensten stehen. (Behandelt sie gut und erzieht euch selbst in dieser Hinsicht, denn) Gott liebt nicht die, die eingebildet und überheblich sind“ (Sure 4, Vers 36)

Ich für mich beharre darauf ,extrem den Mittelweg zu gehen, nicht auszuschweifen und die Herzen zu füllen anstatt zu leeren, die Balance zwischen Ost und West, wie auf einem seidenen Faden meistern und in keiner der beiden Seiten ins Extreme zu verfallen. Und es ist schon so wie das Wort sagt: „Balance“?

Und Allah weiß es am besten!

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