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Der erste Ramadan

Gedanken eines neuen deutschen Muslims zum Fastenmonat

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Foto: SorinVidis | iStockphoto

(iz). Der Wecker klingelt. Es ist früh am morgen. Langsam wälze ich mich aus dem warmen Bett. Draußen vor dem Fenster herrscht Dunkelheit. Ich gehe in die Küche, esse und trinke. Dann verrichte ich das Morgengebet. Schließlich betrete ich den Balkon, beobachte, wie der Tag anbricht, während mich ein Gefühl der Freude und Erwartung durchströmt.

Im vergangenen Oktober bin ich Muslim geworden. Es ist mein erster Ramadan. Na gut, je nachdem, wie man die Situation betrachtet, ist es mein zweiter. Als ich im vergangenen Jahr mit dem Gedanken spielte Muslim zu werden, stand gerade der Fastenmonat vor der Tür. Den wollte ich mir nicht entgehen lassen. Abends besuchte ich die Moscheen, aß und trank mit den Gläubigen, genoss die Gemeinschaft und führte zahlreiche interessante Gespräche über den Islam. Zum ersten Mal nahm ich an den Gebeten teil. Es war eine großartige, intensive Zeit, die meine Überzeugung stärkte, endlich den richtigen Weg gefunden zu haben.

Aber ich war damals eben noch kein überzeugter Muslim. Der Ramadan war für mich ein Spiel, ein Versuch, ein Herantasten. Ich erforschte die Wunder dieser heiligen Zeit, wie ein Kind, das ein schönes neues Spielzeug erhält, dessen Funktion aber nicht sofort ganz durchschaut. Ich fastete zwar, aber nicht über die komplette Zeitspanne. Die ersten Tage nahm ich das Frühstück wie immer zu mir, lange nachdem die Sonne aufgegangen war. Erst dann verzichtete ich auf Essen und Trinken, bis der Abend hereinbrach. Ich wollte mich nicht übernehmen. Das Fasten ist ja eine nicht zu unterschätzende Anstrengung. Im Laufe des Ramadan machte ich Fortschritte und fastete schließlich die vorgegebene Anzahl an Stunden. Leider beging ich auch Fehler. Eine nichtmuslimische Arbeitskollegin feierte zum Beispiel Geburtstag und brachte Kuchen mit in die Redaktion. Freudig strahlend fragte sie mich, ob ich ein Stück haben wollte. Ohne weiter darüber nachzudenken sagte ich ja. Nur Millisekunden später, als die Kollegin ins Nebenzimmer lief, um mir die Leckerei zu bringen, erinnerte ich mich, dass ich ja nichts essen sollte. Ich wollte die Frau nach meiner Zusage aber nicht beleidigen. Also aß ich den Kuchen, den sie mir reichte. Egal, dachte ich mir, ich übe ja nur und bin noch kein überzeugter Muslim.

Jetzt ist wieder Ramadan. Jetzt bin ich überzeugter Muslim. Jetzt will ich es richtig machen. Jetzt will ich Fehler so gut wie möglich vermeiden. Geburtstagskuchen bei Tageslicht essen? Das soll bitte der Vergangenheit angehören!

Der erste Fastentag ist nicht einfach. Auf Essen zu verzichten stellt das kleinere Problem dar. Irgendwann am Mittag, meldet sich mein Magen knurrend zu Wort und fordert seine gewohnte Mahlzeit. Ich höre nicht auf ihn, lasse ihn toben. Er streitet noch öfter an diesem Tag mit mir, aber ich behalte die Oberhand. Schwerer fällt mir, dass ich nichts trinken darf. Die Sonne scheint, es ist warm. Sehr warm, wenn man auf kühle Getränke verzichtet. Aus beruflichen Gründen muss ich in die Karlsruher Innenstadt, in der noch höhere Temperaturen herrschen. Mein Mund ist trocken. Ich bin ein bisschen müde und benommen, habe leichte Kopfschmerzen. Macht nichts. Ich stehe es durch. Am frühen Abend muss ich eine weitere, unerwartete Prüfung meistern. Ein befreundeter Muslim ruft mich an. „Wollen wir uns nicht nächste Woche beim Fastenbrechen für die Geschwister um das Essen kümmern?“, fragt er ganz enthusiastisch. Dann zählt er etliche Gerichte auf, die wir mitbringen könnten. Leckere Gerichte. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Schließlich unterbreche ich ihn. „Bitte hör auf, ständig von Essen zu reden, ich faste jetzt seit Ewigkeiten und bin sehr hungrig“, ermahne ich ihn halb scherzhaft. Er lacht. Er versteht. Ihm geht es genauso. „Die letzten paar Stunden stehen wir auch noch durch“, ermuntert er mich. Das tun wir.

Der erste Fastentag ist geschafft. Der erste Schluck Wasser nach den langen Stunden der Enthaltsamkeit schmeckt unbeschreiblich gut. Das eigentlich eher bescheidene Mahl wirkt auf mich wie das Festessen eines Königs. Ich bin Allah dankbar, dass Er mich mit solch wunderbaren Gaben beschenkt. In den folgenden Tagen bekomme ich das Hunger- und Durstproblem immer besser in den Griff. Das Fasten bleibt eine Anstrengung, aber Allah macht meine Mühen leichter. Auch dafür bin ich Ihm dankbar.

Weil die weltlichen Herausforderungen des Ramadan nun eher in den Hintergrund rücken, kann ich mich stärker auf die spirituellen Aspekte konzentrieren. Schnell entwickelt sich das allabendliche Tarawih-Gebet zu einem Höhepunkt. Es beruhigt und entspannt mich. Durch die vielen Raka und die Predigten kann ich ganz tief in mir versinken. Ich genieße es, fühle mich Allah sehr nahe. Fast jeden Abend bete ich mit, auch wenn ich sehr müde bin. Ich will diese schönen Emotionen immer wieder erleben. Ja, endlich sind wieder große Emotionen im Spiel, wenn ich an den Islam denke. Sie waren nie wirklich weg, traten aber in der Zeit vor dem Fastenmonat mehr und mehr in den Hintergrund. Meine Religion wurde eher eine intellektuelle Herausforderung für mich. Wenn ich den Qur’an las, rührte mich seine sprachliche und inhaltliche Schönheit nur noch selten zu Tränen. Stattdessen löste die heilige Schrift eine Flut von Fragen in mir aus. Die Suche nach Antworten überschattete die doch auch sehr wichtigen Emotionen für den Islam zusehends. Jetzt sind sie wieder da. Meine Freude darüber ist grenzenlos.Bei einem Tarawih-Gebet überwältigen mich meine Emotionen fast. Ich fühle mich, als würde ich auf Wolken schweben. So intensiv habe ich wohl nicht mehr empfunden, seit ich vor über einem Jahr in der Blauen Moschee in Istanbul war und die Gläubigen beim Nachmittagsgebet beobachtete. Damals war ich noch kein überzeugter Muslim.

Die Blaue Moschee übte aber eine unbeschreibliche Faszination auf mich aus, sodass ich stundenlang dort blieb. Das Gebet brachte mich zum weinen, so schön wirkte es auf mich.Wenn ich heute an diesen Moment zurück denke, glaube ich, dass Allah mir damals ungewöhnlich nahe war. Hätte ich mich umgedreht, und würde Er sich uns in dieser Welt offen zeigen, dann hätte ich Ihn wohl direkt vor mir gesehen. Es war mein Erweckungsmoment. Damals beschloss ich, Muslim zu werden. So intensiv konnte ich nie wieder empfinden. Beim Tarawih-Gebet an diesem Abend im Ramadan bin ich aber nahe daran. Ich habe wieder Tränen in den Augen.

Doch der Ramadan zeigt mir nicht nur die Schönheit des Islam in ungewöhnlicher Klarheit, er führt mir auch meine Sorgen und Probleme deutlich vor Augen. Der Schmerz, den sie auslösen, ist auf einmal so bestimmt wie ein Messer, das in meiner Brust steckt und eine klaffende Wunde reisst. Diese Erkenntnis ist irgendwie erschreckend, aber auch der Schlüssel zur Lösung. Jetzt, da ich das Messer sehe, kann ich es aus meinem Körper heraus ziehen und die Wunde verarzten. Ich hätte es schon viel früher tun sollen. Die scharfe kalte Klinge hat mich geschwächt. Jetzt geht es mir besser. Die Wunde ist vorerst nur notdürftig versorgt, aber das ist schon eine Erleichterung. Sie heilt.Eines Abends treffe ich beim Fastenbrechen mit den Geschwistern einen deutschen Nichtmuslim. Er wirkt ein bisschen verunsichert, aber interessiert. Wir unterhalten uns. Er ist Student. Er erinnert mich daran, wie ich im letzten Jahr im Ramadan viele Eindrücke sammelte und meinen Weg suchte.Der Student will zum großen Fastenbrechen an der Universität wiederkommen. Vielleicht findet er bei uns Muslimen früher oder später auch seinen Weg.

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