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„Der inspizierte Muslim“ oder wie Menschen zu Objekten gemacht werden

Rezension eines wichtigen Buches zur aktuellen Islamdebatte

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Foto: Verein im Islam HH 2013

(iz). Muslime in Europa stehen im Fokus. Sie werden beäugt und vermessen. Zur Politisierung der Islamforschung ist jüngst ein interessanter Sammelband erschienen. Hier geht es um eine Analyse der angeblichen Objektivität und Wissenschaftlichkeit, die Studien und Statistiken und ihr Islambild vermitteln. Viele wissenschaftliche Beiträge sind aber nicht etwa vorurteilsfrei verfasst, sondern haben selbst Voraussetzungen. Sie bestimmen vorab, was modern ist, wie sich ein Muslim „normalerweise“ verhält oder welcher Ethnie er angehört.

Die elf Beiträge des Bandes „Der inspizierte Muslim“ drehen sich unter anderem um die Frage der Modernität, um den Säkularismus oder den Sicherheitsdiskurs, der Muslime heute ins Visier nimmt. Herausgeberin Amir-Moazzami erklärt die Absicht der Publikation: Sie wolle fragen „inwieweit Wissen produziert, was es prognostiziert“. Es geht also um Machtwissen und die Erforschung, „wie unschuldig anmutende Formen der Adressierung von Muslimen die angesprochenen Subjekte auf eine bestimmte Weise zum Sprechen bringen“. Es entstehen öffentliche Diskurse, denen Muslime als Objekte dienen, ob sie wollen oder nicht. Muslime seien als Teilnehmer dieser Debatten, deren Inhalte sie nur selten mitbestimmen, zumeist reaktiv.

Muslime seien so Objekte eines Forschungsfeldes, dass sich, wie die Einleitung ausführt, dadurch auszeichne, dass man dem Anderen nicht wirklich begegnen will, um die vermeintliche, eigene  Objektivität nicht zu gefährden. Immer wieder heikel ist dabei die schwierige Unterscheidung von Politik und Religion, die Rassifizierung von Religion an sich und die Assoziation von Muslimen mit dem Phänomen des Terrorismus. Es entstehe so ein Bild des potentiell gefährlichen Muslims, der einer anderer Ethnie und angehöre und auch nicht wirklich deutsch sein könne.

Der Sammelband ist insofern ein wichtiger Beitrag zur Forschungsethik, die die Wirkungen der Präsenz von Millionen Muslimen in Europa zu klären versucht. AutorInnen wie Brigitte Johansen und Riem Spielhaus versuchen sich so an einer Bilanz eines Jahrzehnts quantitativer Forschung zu Muslimen. Die Vermessung der Muslime geht davon aus, dass ein Muslim sich grundsätzlich vom ­projizierten Normalfall in der Gesellschaft unterscheide. Die Muslime seien also nach dieser Logik zunächst einmal fremd, problematisch und nicht integriert. Ein Beispiel für diese Herangehensweise seien Fragebögen, welche die Befragten zumeist als potentiell im Widerspruch zu weltlichen, liberalen Werten stehende Personen ansprächen.

Nebenbei werde das Merkmal „muslimisch“ in vielen Untersuchungen zum einzigen relevanten Identitätsmerkmal einer Bevölkerungsgruppe. Die Folgen dieser Logik seien evident – viele Muslime reagierten mit dem Gefühl, nicht wirklich Teil der europäischen Gesellschaften sein zu können. Darüber hinaus übersehe die „Immigranten-Produktion“ all die Muslime, die in Europa geboren sind und sich keineswegs als Zuwanderer verstehen, sondern als originärer Teil europäischer Gesellschaften. Wer die politischen Wirkungen der aktuellen Debatten verstehen will, kommt um die Lektüre dieser Aufklärungsschrift über den objektiven und subjektiven Gehalt der aktuellen Islamforschung nicht umhin.

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Khalil Breuer

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