IZ News Ticker

Der Islam des Nordens

Besonderheiten aus der tatarischen Kultur und Geschichte - Von Marat Abrarov, Trier

Werbung

Die Tataren sind an ein Leben in zwei Kulturen gewöhnt, sie sind vielleicht wie kein anderes Volk zugleich Asiaten und Europäer. Zum einen ist das tatarische Leben durch den Islam bestimmt, zum anderen bekennen sich Tataren ohne Vorbehalte zu Europa und der Kultur der Aufklärung. Wie kann man den „tatarischen Charakter“ aber näher beschreiben? Tataren bilden sich ihre eigenen Meinungen über jede Angelegenheit; sie kritisieren leicht und verweigern dem die Gefolgschaft, den sie nicht im Recht glauben. Dies ist vielleicht einer der Hauptgründe, warum sie ihren Staat verloren haben. Andererseits ist es für eine Demokratie wünschenswert. Tatsächlich sind Tataren eher demokratisch gesinnt. Mittelpunkt der Gesellschaft ist die Familie, deren Vorstand der Vater ist, was aber nicht heißen soll, dass Frauen benachteiligt wären – viele haben hohe Stellungen in der Wirtschaft inne. In der russischen Literatur werden Tataren übrigens meist als ehrlich und naiv gezeichnet. Ob das die späte Rache dafür ist, dass wir lange ein viel größeres Volk beherrschten? Dass die jahrhundertelange Tatarenherrschaft auch in gewissen Dimensionen Russlands Charakter Kultur geprägt hat, ist ebenso unbestreitbar, was beim Teetrinken anfängt (er gilt als tatarisches Nationalgetränk) und bis zur russischen Zarenkrone weitergeht, die ja eine Kopie der Krone des Khans von Kasan war. Und dann lernte Russland durch die Tatarenherrschaft zum ersten Mal eine geordnete Verwaltung kennen, die namentlich als Post, Steuer- und Zollwesen später übernommen wurde (auch führten Tataren die ersten Volkszählungen durch). Darüber hinaus sollte nicht vergessen werden, dass eine große Zahl russifizierter und christianisierter Tataren später den russischen Adel stellte (zum Beispiel die Jussupows, aus deren Haus der Mörder von Rasputin stammt), wobei interessant ist, dass nichtsdestotrotz die kulturellen Eliten von Russen und Tataren stets ihr eigenes, voneinander unbeeinflusstes Leben führten und noch immer führen – und folglich nur sehr selten aufeinander wirken.

Eigenständige Kultur Selbst ein Genie wie der tatarische Dichter Gabdullah Tukai hatte kaum Freunde unter der russischen Intelligenzia. Überhaupt hatte die tatarische Literatur keinen nennenswerten Einfluss auf die russische, da tatarische Dichter fast ausnahmslos in ihrer eigenen Sprache schrieben (und nicht das Russische benutzten wie viele andere nichtrussische Schriftsteller). Umgekehrt haben so manche russische Schriftsteller – hier namentlich die beiden grossen Gegenpole der russischen Literatur Iwan Turgenjew und Fjodor Dostojewski – tatarische Vorfahren. Gabdullah Tukai, um ihn hier ein wenig eingehender zu behandeln, weil er vielen als der größte tatarische Dichter gilt, wurde 1886 im Dorf Kuschlawich geboren und wuchs dort nach dem Tod seiner Eltern bei seinem Großvater auf. In Kasan, wo er Freundschaft mit vielen Schriftstellern, Journalisten und Wissenschaftlern schloss, begann dann seine eigene kreative Entfaltung; er schrieb „Kitmibiz“, „Tugan Ilime“ und „Par At“, in denen er seine wärmsten Gefühle für sein Volk und dessen Sprache und Kultur bekundet. Leider verstarb er mit nur 27 Jahren 1913 in Kasan. Eines seiner herausragendsten Werke ist das Märchen „Shurale“, welches die tatarische Legende von einem menschenähnlichen, behaarten Dämon mit sehr langen Fingern und einem Horn auf der Stirn aufnimmt, das durch die Wälder streunende Menschen fängt und tötet. In Tukais Erzählung stellen Dorfbewohner fest, dass eines ihrer Pferde stets des Nachts verschwindet, um morgens gestriegelt, aber völlig erschöpft heimkehrt, als ob jemand die ganze Nacht mit ihm ausgeritten sei. Man befragt den Dorfältesten, der rät, das Pferd abends zu satteln und den Sattel mit Teer zu bestreichen. Als dann der nächste Morgen graut, werden die Bewohner durch einen gellenden Schrei geweckt: das Pferd ist mit dem auf dem Sattel gefangenen Reiter ins Dorf zurückgekehrt – und der Reiter ist dieses teuflische Wesen Shurale. Diese Erzählung Tukais wurde von dem tatarischen Komponisten Salih Saidaschew (1900 – 1954) als Stoff für dessen Oper „Shurale“ verwendet, der unter anderem damit zum Erneuerer der tatarischen Musik wurde. Und wie sieht es mit der tatarischen Kultur heute aus? Im Februar 2000 wurde zum ersten Mal eine Konferenz über Fragen der tatarischen Kultur und Nationalität abgehalten, zu der Tataren aus der ganzen ehemaligen Sowjetunion und dem Ausland anreisten. Bemerkenswerterweise wurde die Konferenz in russischer Sprache abgehalten, denn selbst die intellektuellen Tataren sprechen heute meist besser Russisch und die im Ausland lebenden meist besser die dortige Sprache als Tatarisch. Und so war dann eines der Ergebnisse dieser Konferenz, dass man fortan wieder mehr Wert auf die eigene Sprache legen will. Das mündete dann in einem zähen Sprachen- (oder vielmehr einem Schriftstreit) mit Moskau mit dem Ergebnis, dass seit Kurzem das Tatarische wieder mit lateinischen Buchstaben geschrieben wird – mit Annahme des Islam schrieb man Arabisch und übernahm auch viele Worte aus dem Arabischen, wie beispielsweise „Kitap“ für „Buch“. Das erste Buch in tatarischer Sprache wurde übrigens 1612 in Leipzig gedruckt.

Nördlichstes muslimisches Gemeinwesen Tatarstan ist das nördlichste muslimische Gemeinwesen der Erde: Jahrhunderte lebten hier Christen und Muslime in einer pluralistischen Religionsgemeinschaft friedlich zusammen. Seit 922 sind, mit Ausnahme ganz weniger Christen (1%), die Tataren dem sunnitischen Islam angehörig. Auch heute bildet Tatarstan eine Schnittstelle zwischen Europa und Asien, zwischen Christentum und Islam. Dazu der Kasaner Mufti Veliula Hazrat: „Wir fühlen uns der europäischen Kultur zugehörig, und zwar nicht nur geographisch, sondern auch geistig-moralisch.“ Auch die Tataren stehen im Sog eines sich einigenden Europas. Demgegenüber entwickelt sich aber auch die Idee der „Nationalen Wiedergeburt“, die Suche nach einem eigenen Weg jenseits der Abhängigkeit von Russland. Allerdings wirkten die Autonomiebestrebungen anderer Republiken wie Tschetschenien abschreckend auf die Tataren. Zur 1000-Jahr-Feier der Stadt Kasan wurde die christlich-orthodoxe Verkündigungskirche herausgeputzt und auf dem Kreml von Kasan eine riesige Moschee errichtet – die größte nördlich von Istanbul. Der Islam wird von Tataren gemäßigt vertreten, Extremismus ist und war ihnen unbekannt; vielmehr hielt man sich stets – auch bei der sogenannten „Unterjochung“ Russlands durch die Goldene Horde – an die qur’anische Forderung: „Es darf keinen Zwang im Religiösen geben“. Nach der Eroberung der altrussischen Hauptstadt Kiew durch die Tataren wurde darum als erstes befohlen, die christlich-orthodoxe Domkirche neu zu bestellen und dem Patriarchen zu übergeben.

Stadt der sieben Hügel Kasan, die tausend Jahre alte heutige Hauptstadt einer Tatarenrepublik, ist wie Rom von sieben Hügeln umgeben. Achthundert Kilometer östlich von Moskau, zwischen Wolga und Uralgebirge gelegen, leben hier etwa zur Hälfte Russen und Tataren. Viele mittelalterliche Historiker berichten vom Staat der Wolga-Bulgaren, der vom neunten bis zum zwölften Jahrhundert gedieh. Auch der große englische Historiker und Philosoph Roger Bacon sagt in seinem „Opus Magnum“, geschrieben in der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts, Kleinbulgarien läge an der Donau, während Großbulgarien in Asien läge. Dieses sogenannte Großbulgarien, welches sich im frühen Mittelalter bildete, war ein mächtiger und entwickelter Staat, der Handel mit der ganzen damals bekannten Welt trieb: tatarische Lederwaren und Pelze erreichten nicht nur die Länder des Ostens, sondern auch Litauen, Polen, Italien und Flandern. Der Russische Historiker S.M. Solovjow, der die aufgeklärte Zivilisation der Wolga-Bulgaren beschrieb, führt aus: „Als die russischen Slawen noch nicht begonnen hatten, christliche Kirchen zu bauen, hörten die Bulgaren den Koran an den Ufern von Wolga und Kama.“ Seit dem 10. Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung prägten die Tataren an der Wolga ihre eigenen Silberstücke mit arabischen Inschriften: beredsame Zeugisse von Kultur und Wirtschaft. Die Vorfahren der Kasaner Tataren waren die ersten in Europa, die Qualitäts-Gusseisen schmolzen. Die bulgarisch/tatarischen Städte zwischen Wolga und Kama waren bekannt für Eisenmetallurgie, Töpferei, Gold- und Silberschmiedekunst sowie die Produktion von Lederwaren. In Zentralasien und Iran wurde darum das beste Leder und die besten Lederschuhe „Bolgar“ genannt. Seit dem zehnten Jahrhundert bauten die Wolgabulgaren auch Moscheen aus Holz und Stein, sogar Schulen mit Zentralheizung. Auf dem Territorium des heutigen Tatarstan entstanden bedeutende Städte: Bilyar, die zweitgrößte Stadt von Wolgabulgarien, umfasste ein Gebiet von 530 Hektar in einer Zeit, als Kiew 150 und Paris 439 Hektar umfassten.

Tausend Jahre Islam Im Jahr 922, als man den Islam annahm und die alte türkische Schrift durch das Arabische ersetzte, erfuhren Wissenschaft, Philosophie und Literatur einen erneuten Aufschwung. Die Annahme des Islam machte die Tataren mit der arabischen Kultur vertraut, deren reiche Früchte in Philosophie, Literatur, Wissenschaft und bildender Kunst so an die Wolga kamen. Die erste wichtige Arbeit der tatarischen Literatur dürfte das Gedicht „Kyssai-Yusuf“ von Kul Gali sein, das 1212 entstand. Die Sprache dieser bedeutenden Dichtung ist bemerkenswert nah an der modernen tatarischen Hochsprache, dem Dialekt der Kasaner Tataren. Kasan selbst, wo L. N. Tolstoj, G.R. Derschawin und F.I. Schaljapin geboren wurden, hier an der zweitältesten Universität Russlands sich bildeten und wirkten, entwickelte sich von einer kleinen wolgabulgarischen Grenzstadt zu einer mächtigen Zitadelle des Tataren-Khans sowie zu einem damals weltberühmten Handelsplatz an der Wolga.

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen