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„Der Islam spielt in dem Konflikt eine sehr wichtige Rolle“

Interview: China-Expertin Shi-Kupfer zu Uiguren und Religionsfreiheit. Von Christoph Schmidt

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Foto: Karl Nesh, Shutterstock

Berlin (KNA). Chinas Führung unterdrückt die uigurische Minderheit mit aller Gewalt. Enthüllungen eines internationalen Journalistennetzwerkes haben in dieser Woche massive Menschenrechtsverletzungen ans Licht gebracht. Demnach lässt Peking hunderttausende islamische Uiguren in „Umerziehungslagern“ inhaftieren, um Autonomieforderungen im Keim zu ersticken.

Die Sinologin Kristin Shi-Kupfer erklärt im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) die religiösen Hintergründe des Konflikts und den Stand der Religionsfreiheit in dem kommunistischen Land. Shi-Kupfer leitet den Forschungsbereich Politik, Gesellschaft und Medien am Berliner Mercator Institut für China-Studien (MERICS).

Frage: Frau Shi-Kupfer, die Uiguren sind aus Sicht Pekings nicht die einzige unruhige Minderheit Chinas. Warum geht das kommunistische Regime gerade gegen diese Volksgruppe so massiv vor?

Kristin Shi-Kupfer: Die Uiguren leben überwiegend in einem fest umrissenen Territorium, der sogenannten „Autonomen Region Xinjiang“, und haben eine starke Eigenidentität, eine eigene Sprache und Geschichte. Als islamisches Turkvolk unterscheiden sie sich deutlich von der Staatsmehrheit der Han-Chinesen. Ihr Streben nach Autonomie oder sogar Unabhängigkeit ist für Peking aber auch deshalb besonders gefährlich, weil die Provinz Xinjiang für das Seidenstraßenprojekt, den Ausbau von Handels- und Infrastrukturnetzen von Zentralasien bis nach Europa, große geostrategische Bedeutung hat.

Frage: Welche Rolle spielt der Islam in dem Konflikt?

Kristin Shi-Kupfer: Eine sehr wichtige. Er gilt als sogenannte „fremde Religion“, die sich viel schwerer auf Linie bringen lässt als die traditionellen chinesischen Religionen. Der hohe Organisationsgrad über die Moscheen, die Verbindungen von einzelnen uigurischen Aktivisten ins Ausland sind für die kommunistische Führung eine große Herausforderung.

Seit den Unruhen in Xinjiang 2009 versuchte Peking, die islamische Identität der Uiguren zu brechen, indem es zum Beispiel das Fasten im Ramadan verbot oder das Tragen von Bärten. Das eskalierte dann in weiteren Anschlägen uigurischer Extremisten. Sie liefern Peking den Vorwand, um ein ganzes Volk in Kollektivhaft zu nehmen und Hunderttausende in „Umerziehungslager“ zu stecken.

Frage: Wie unangenehm sind die jüngsten Enthüllungen für China?

Kristin Shi-Kupfer: Der Schaden dürfte vor allem darin liegen, dass die geleakten Dokumente auf undichte Stellen im Staatsapparat hinweisen. Und sie zeigen, dass es KP-Funktionäre gibt, die den harten Kurs gegen die Uiguren offenbar für falsch halten und Gefangene freiließen. Das schwächt das Bild von der geschlossenen Partei. Ansonsten dürfte Peking die Meinung der Weltöffentlichkeit eher gelassen sehen. Die Unterdrückung der Uiguren ist ja längst bekannt und bis auf ein paar vereinzelte Proteste, meist von liberalen Demokratien, ist nichts passiert.

Frage: Wie steht es in China generell um die Religionsfreiheit?

Kristin Shi-Kupfer: Vor der Machtübernahme Xi Jinpings im Jahr 2012 hatte sich das Verhältnis etwas entspannt, weil das Regime die Wertebasis von Religionen als Kitt für den Aufbau der staatskapitalistischen Gesellschaft nutzen wollte. Seit Xi stehen sie wieder stärker unter dem Verdacht, mit der Ideologie der Partei zu konkurrieren und Einfluss zu nehmen. Er sagte einmal, insbesondere die chinesischen Kader dürften ihre „erste Liebe“, die KP, nicht vergessen. Seither gibt es wieder einen verstärkten Kampf um die Loyalität der Untertanen.

Frage: Mit welchen Mitteln?

Kristin Shi-Kupfer: 2018 verschärfte der Polizeistaat die Religionsgesetze noch einmal deutlich und schloss alle Grauzonen. Die Kontrolle von Versammlungen, Spenden und Kontakten ins Ausland wurde verschärft. Das gilt für alle fünf offiziell anerkannten Gemeinschaften der Buddhisten, Taoisten, Muslime, Katholiken und Protestanten, aber besonders für die „fremden“ Religionen Islam und Christentum.

Sie unterliegen einem starken Sinisierungsdruck, um ihre ausländischen Wurzeln zu schwächen. Die christlichen Kirchen mussten selbst 5-Jahres-Pläne entwickeln, nach denen sie die Kirchenarchitektur und Lieder chinesischer gestalten müssen. So soll beispielsweise eine „säkulare und verständliche Version“ der Bibel erarbeitet werden, die die sozialistischen Ideen stärker in den Vordergrund rückt.

Frage: Welchen Einfluss haben Religionen im Leben der Bevölkerung?

Kristin Shi-Kupfer: Ich würde sagen, die religiöse Sinnsuche nimmt eher zu. Es gibt KP-Kader, die große Summen für buddhistische oder taoistische Tempel spenden, um ihr Karma oder die Chance auf Unsterblichkeit zu verbessern, während sie offiziell die atheistische Linie der Partei vertreten müssen. Auch in der Bevölkerung sucht man nach Sinn, Halt und Gemeinschaft in einer sich rasant wandelnden, zunehmend kommerzialisierten Gesellschaft.

Frage: Profitieren davon auch die beiden „fremden“ Religionen?

Kristin Shi-Kupfer: Der Islam ist ein Sonderfall, weil er in China sehr stark ethnisch definiert wird. Für einen Han-Chinesen bedeutet das schon eine große Hürde. Konvertierungen zum Islam sind deshalb eher selten. Dagegen ist das Christentum die am schnellsten wachsende Religion in China. Trotz dünner Zahlenbasis lässt sich das gerade in der urbanen Mittelschicht feststellen, aber auch auf dem Land.

Frage: Was sind die Gründe?

Kristin Shi-Kupfer: Anders als die traditionellen chinesischen Glaubensrichtungen bietet das Christentum Gemeinschaft in Form eines Gemeindelebens. Buddhismus und Taoismus praktiziert man eher für sich allein. Das macht die Kirchen für viele Chinesen attraktiv. Außerdem predigt die Lehre Jesu anders als Buddha nicht den Rückzug aus der Welt, sondern ruft dazu auf, in ihr zu wirken und sich zu engagieren. Das scheint dem modernen Menschen mit seinem Bedürfnis nach Selbstentfaltung entgegenzukommen.

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