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Der Konvertit an und für sich

Es gibt mehrere Wege, wie ein komplexes Phänomen missverstanden werden kann. Ein Essay von Sulaiman Wilms

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(iz). Es gibt Wörter, die passen einfach nicht. Entweder haben sie eine dunkle Vergangenheit oder transportieren eine Bedeutung, die dem Phänomen nie gerecht wird. Benutzen wir sie, verfälschen wir den Sachverhalt oder verursachen Missverständnisse.

Auch eine Frage der Begrifflichkeit
Eines davon ist „Konvertit“. Diese Chimäre hat in den letzten Jahren an Brisanz gewonnen. Damit wird die Wahrnehmung der Bezeugung des Islam vereinnahmt und vorformatiert. Früher waren es Menschen, die eine individuelle Entscheidung trafen (oder als Exoten eher belächelnd wurden), heute schlägt den überzeichneten „Konvertiten“ Misstrauen entgegen. Für manchen Sicherheitspolitiker stellen sie gar eine Bedrohung dar. Aus dem Abenteurer, der den Orient bereiste (ein Narrativ des 19. Jahrhunderts), wurde der potenzielle Terrorist.

Vorab stellt sich die Frage, ob der Begriff passt. Wie die meisten sind Politiker und Medienschaffende auf leichtverdauliche Bezeichnungen angewiesen. Komplexitäten oder Differenzierungen machen das Leben schwieriger.

Nehmen wir die islamische Lehre als Maßstab, dann ist grundsätzlich jeder Mensch als Muslim geboren. Es sind seine Eltern, die ihn zum Christen, Juden, Atheisten etc. machen. Von daher ist ein neuer Muslim auch kein „Konvertit“, sondern hat sich vielmehr vor Zeugen an seinen eigentlichen Islam erinnert und diesen verbindlich bezeugt. Im amerikanischen Sprachgebrauch benutzen manche das Wort „revert“, in dem auch die Bedeutung der Rückkehr mitschwingt.

Als Schreibender steht man vor einem Dilemma. Einerseits ist jeder Autor auf leicht verständliche und kompakte Worte angewiesen. Niemand hat Lust, ständig Sätze zur Erklärung nachzuschieben. Andererseits transportiert der „Konvertit“ so viel an negativem Subtext, dass er problematisch ist. In ihm schwingt etwas vom „Verräter“ mit, der den rechten Glauben verlässt. Auch knüpft er an die Zeiten der des Bolschewismus an, als sich Angehörige der europäischen Oberschicht der neuen Religion aus Moskau anschlossen. Und, wie ein Freund meinte, es klingt leicht technisch mit. Man möge Dateiformate „konvertieren“, aber sei das mit Menschen möglich?

Wenn „Konvertit“ ungeeignet ist, was passt? „Neuer Muslim“ mag für einige zutreffen, andere haben ihren Islam schon vor Jahrzehnten bezeugt. Und der „deutsche Muslim“ ist ebenfalls vermintes Gebiet. In ihm hallen Aspekte von „Kultur“ und „Ethnizität“ wider, die mehr vernebeln, als aufzuklären. Andere Begriffe, die gelegentlich kursieren, wie Bio-Deutsche oder autochthone Muslime, sind eher humoristisch.

Im Dickicht multipler Missverständnisse
Wenn schon die Bezeichnungen problematisch sind, wie sieht es dann mit der Wahrnehmung aus? Es wäre absurd zu glauben, dass unzähligen neuen Muslimen mit einer einzigen Beschreibung gerecht getan wird. Das Gleiche gilt für Millionen Europäer, die die gleiche Entscheidung getroffen haben. Unter ihnen sind Angehörige des britischen Adels, Fachleute, Künstler, normale Menschen, aber auch Aussteiger und einige Prob­lemfälle. Jeder Mensch ist einzigartig und lebt in seinem eigenen Kontext. Es lässt sich aber mit Recht sagen, dass die neuen europäischen Muslime spätestens seit dem 11. September 2001 mit un­terschiedlichen Hypothesen zu kämpfen haben.

Die schrillsten Töne kommen aus Politik und Medien. Dank der deutschen Herkunft einiger Wortführer extremer Gruppen unterstellen viele den neuen Muslimen einen Hang zur Radikalität. Fälle wie die Sauerlandzelle und andere unrühmliche Beispiele von „Kämpfern“ im Ausland haben den Blick erheblich getrübt. Längst gilt der deutsche „Konvertit“ – in Politik wie beim Stammtisch – auch als Bedrohung der Inneren Sicherheit.

Dabei sind sie im Gesamtkontext keine repräsentative Größe. Der gebürtige Essener oder Chemnitzer, der in abstrusem Deutsch Phrasen auf Youtube stammelt, kann genauso wenig repräsentativ für die bis zu 200.000 neuen deutschen Muslime sein, wie es der Mob in Freital oder Heidenau für die Sachsen ist. Und es darf auch nicht vergessen werden, dass Salafismus, unter den Augen von Politik und Staat, ein Import aus dem Nahen Osten war und ist, dem Anhänger unterschiedlichster Herkunft angehören.

Ein anderer Stolperstein für ein Verste­hen des Prozesses neuer Muslime (Normalität seit Beginn des Islam) ist eine unsägliche Neigung bei Feuilleton, Wissenschaft und AutorInnen zur Psychologisierung. Den neuen Muslimen werden häufig (exemplarisch bei Alice Schwarzer) individuelle Mängel oder sinistre Wünsche nach unterbewusster Kompensation unterstellt. Nur selten unternehmen journalistische Texte den Versuch, durch die Oberfläche zu dringen, und das Phänomen aus sich selbst heraus zu verstehen.

Das liegt auch daran, dass häufig immer die gleichen Themen abgefragt werden: Kopftuch (bei Frauen), Konflikte mit Eltern und Diskriminierungserfahrungen. Das Eingangszitat beispielsweise stammt aus einem Bericht der „Aalener Nachrichten“, der dem Strickmuster bekannter Konvertiten-Storys folgt. Ein ähnliches Stereotyp ist die Vorstellung der Konversion wegen Heirat. So wiederholt Esra Özyürek diesen Topos. Dabei ergaben Erhebungen aus Großbritannien der letzten Jahre, dass jener Aspekt längst nicht mehr impulsgebend ist.

Zu den wenigen bemerkenswerten Annäherungen gehört ein Buch der ehemaligen EMMA-Autorin Cornelia Filter. In „Mein Gott ist jetzt Allah und ich befolge seine Gesetze gern“ enthält sie sich der Küchenpsychologie. Sie begegnet ihren GesprächspartnerInnen und lässt sie zu Wort kommen. Der Verzicht auf Interpretation tut mehr für das Verständnis als der soziologische Ansatz. Und das, obwohl die Autorin offenkundig keinen allzu großen Bezug zur Religiosität neuer Muslime hat.

Viele Theorien des Nichtverstehens
Eine kritische Lesart von „Konversion“ ist nun auch bei Sozialwissenschaftlern zu finden. Darunter fallen Thesen, die den USA entlehnt wurden. Hier wird „Konvertiten“ vorgeworfen, gebürtigen Muslimen (hier: eine von der Mehrheitsgesellschaft unterdrückte Minderheit) die Identität zu „stehlen“. Dieses Denken zeichnet sich durch ein Verständnis von Muslimen nicht als Praktizierende einer bestimmten Lebensweise aus, sondern als Mitglieder einer Minderheit, die durch „Kultur“ und „Ethnizität“ markiert ist. Islam beziehungsweise die Ent­scheidung für diesen als spirituelles Phänomen können diese Theoretiker nicht verstehen.

Zu den prägnanten Beispielen (im deutschen Fall) gehört das Buch „Being German. Becoming Muslim“ der Londoner Dozentin Esra Özyürek. Den gesamten Titel hindurch wird spürbar, dass die Autorin den Din nicht kennt, noch ihn in die Theoriebildung einbezieht. Sie ist in ihrem, oft interessantem, Text nicht in der Lage, die muslimische Binnenperspektive mit einzubeziehen. Es lohnt sich, die Überschrift zur Einleitung der Studie zu zitieren, weil sie den Grundton prägt: „Germanizing Islam and Racializing Muslims/Islam germanisieren und Muslime rassifizieren“.

Es ist bezeichnend, dass sich die Autorin nur auf Berlin (als wäre die Hauptstadt ein Labor des deutschen Islam!) beschränkt und viele relevante Personen nicht mit einbezogen hat. Für die Londonerin können europäische Muslime nur Migranten oder deren Nachkommen sein. Dass die Mehrheit der auf europäischem Gebiet lebenden Muslime in Südosteuropa und Osteuropa autochthone Europäer sind, unterschlägt sie. Und trifft sich in ihrer Unkenntnis mit Publizisten wie Thilo Sarrazin.

In ihrem Bild müssen deutsche „Konvertiten“ stören, weil sie das Narrativ brechen. Dominant ist die Hypothese, wonach ein Teil der neuen Muslime versucht, den Islam von Türken und Arabern zu trennen. Gleichzeitig würden „deutsche Konvertiten“ „biologischen und kulturellen Rassismus“ herausfordern, ihn aber auch reproduzieren. Hier rächt sich, dass Özyürek die deutschen Verhältnisse nicht kennt.

Die Wirklichkeit in muslimischen ­Gemeinden und Initiativen ist eine andere: Die betreffenden Muslime sind nicht nur vielfältig mit Muslimen unterschiedlichster Herkunft verbunden, sie engagieren sich auch auf allen Ebenen zum Nutzen der gesamten Community. Man mag uns vieles vorwerfen, aber Nationalismus oder Rassismus sind keine typischen Merkmale. Im Gegenteil, viele verzichten bis zur Selbstverleugnung auf die Zurschaustellung einer eigenen, kulturellen Identität als Muslime in Deutschland. Es ist auch kein Wunder, dass trotz des Engagements nirgendwo eine Moscheegemeinde betrieben wird, die analog zu Türken, Arabern oder Bosniaken das Adjektiv „deutsch“ im Namen führt. Für Esra Özyürek kann es eigentlich gar keine unproblematische Annahme des Islam geben, weil diese eine kulturelle Enteignung muslimischer Migranten bedeute.

Desinteresse
Ich kann mich an so manche Begegnung mit Funktionsträgern unterschiedlicher Organisationen in den 1990er und 2000er Jahren erinnern, in denen Desinteresse an neuen Muslimen dokumentiert wurde. Die Palette reichte von „interessiert uns nicht“ bis „ist nicht unsere Aufgabe“. Heute noch ersetzt in muslimischen Strukturen die Öffentlichkeitsarbeit eine Einladung zum Islam.

Schlimmer, es hat den Eindruck, als sei das letzte Jahrzehnt durch eine ignorante „Arbeitsteilung“ geprägt gewesen: Große muslimische Verbände betrieben Klientelpolitik, und die „Da’wa“ (ein Wort, das kaum zu hören ist) wurde mangels Leidenschaft und Befähigung radikalen Kleinstgruppen überlassen. Die Ergebnisse dieser Kurzsichtigkeit sehen wir heute…

Anders als im angelsächsischen Raum gibt es keine von der Community getragenen Projekte, die sich der Betreuung und Ausbildung der „Konvertiten“ widmen. Hier sind viele angewiesen, auf eigene Faust Wissen und Gemeinschaft zu finden. Es ist auch kein Wunder, dass es keine Handreichungen gibt, die sich spezifisch diesen Muslimen widmen. Noch skandalöser ist, dass „Konvertiten“, von wenigen Ausnahmen abgesehen, im organisierten Islam keine Rolle spielen. Immer noch ignorieren größere und kleinere Organisationen die „Leute des Landes“ und schließen sie von Entscheidungen aus. Die gegenüber der Mehrheitsgesellschaft beklagte Ausgrenzung ist auf organisierter Ebene gegenüber den neuen Muslimen nie kritisierter Fakt.

„Ich mochte diese Bezeichnung nie“
Lassen wir zum Schluss jemanden zu Wort kommen, der sich für den Islam als Lebensweise entschieden hat. Der Schweizer Oscar Asadullah Bergamin ist Journalist und humanitärer Aktivist. Auf die Frage, ob er was mit dem Begriff „Konvertit“ anfangen könne, meint er: „Das Wort ‘Konvertit’ hat eine absolut negative Intonation. Ich mochte diese Bezeichnung nie und habe mich auch selber nie so bezeichnet. Mein Weg zum Islam war geprägt von Faszination, Schönheit, Zufriedenheit und Studium. Ich habe den Islam nicht aus Frust gegenüber irgendetwas anderem angenommen, sondern aus Überzeugung. ‘Konvertit’ wird einem von außen als Stempel gegeben und gilt heute nur noch für Menschen, die den Islam annehmen, obwohl das Wort wohl eher aus der Kontroverse zwischen Katholiken und Protestanten stammt.“

Wie ihn denn die Umwelt wahrnähme, wollte ich von dem Schweizer Journalisten wissen. Die muslimische Gesellschaft in seiner Heimat sei im Gegensatz zu Deutschland wohl eher ein „großes Dorf“ und daher recht überschaubar. „Die Leute kennen mich. 2010 war ich mit einer Gruppe von 360 Leuten aus der Schweiz zur Hadsch. So kennt man praktisch in jeder Moschee den Einen oder Anderen.“ Dennoch spüre man auch bei Muslimen neben der Anerkennung auch misstrauen. Das mag wohl daran liegen, dass muslimische Gemeinschaften in Westeuropa – teils bedingt durch die Migration – oft zu sehr mit sich selbst und ihrer eigenen Identitätsfindung beschäftigt seien. „Ich stelle“, so Oscar Asadullah Bergamin, „aber eine markante Entwicklung in den letzten zehn Jahren bei jungen Muslimen fest, die im positiven Sinn selbstbewusster auftreten und sich nicht an nationalen, kulturell bedingten oder ethnischen Mustern orientieren.“

Oft wird „Konvertiten“ unterstellt, sie halten sich für etwas Besonderes. Manche unterstellen ihnen gar elitäre Vorstellungen. Gibt es für den Schweizer Muslim Besonderheiten? „Ich habe keine Lust ständig erklären zu müssen, warum ich Muslim geworden bin und ich renne auch nicht mit einem ausgestreckten Zeigefinger durch die Gegend. Natürlich hatte ich auch eine Zeit, in der ich dachte, Muslime verteidigen zu müssen.“ Inzwischen wisse er, dass die hiesige, heterogene muslimische Gemeinschaft, „trotz Ausschweifungen einzelner Exponenten“, dabei sei, ihren festen Platz in der Gesellschaft zu sichern. „Das ist nur eine Frage der Zeit.“ Selbst erkorene „Bannerträger des Islam“ in Europa handelten oft aus einem Minderwertigkeitskomplex heraus. Dies sei bei vielen jungen „Konvertiten“ sicher feststellbar. Bergamin sähe in meinem Umfeld aber viele, die den Islam angenommen haben und es nicht nötig hätten, „dies jedem unter die Nase zu binden. Ich zähle mich zu dieser Kategorie. Ich bin ein äußerst glücklicher Mensch – Alhamdulillah“.

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