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Der marokkanische König steht zum islamischen Profil seines Landes. Von Abu Bakr Rieger, Berlin

Zwischen Extremismus und Esoterik

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(iz). Am 23. Juli 1999 stieg ein junger Mann von 35 Jahren auf den Thron und verlieh Marokko ein neues Gesicht. Über Jahrzehnte wurde das Bild Marokkos von dessen charismatischem Vater Hassan II. geprägt. Der berühmte Monarch hatte Marokko in schwierigen Zeiten die Unabhängigkeit des Landes beschert und das Land geschickt, aber auch hart vor einem möglichen Bürgerkrieg wie in Algerien bewahrt. Vor der eigentlichen Herausforderung steht nun aber der junge Nachfolger; er muss gleichzeitig das Land modernisieren und die Traditionen bewahren, sich vor Kritikern und Feinden schützen, die seine Rolle in Frage stellen und vor allem muss er das Land vor weiteren sozialen Spannungen bewahren. Um diese schweren Aufgaben ist der junge Monarch wahrlich nicht zu beneiden.

Zunächst versuchte Mohammad VI. in seinen ersten Regierungsjahren zunächst schnelle Abhilfe gegen den ökonomischen Stillstand zu schaffen. Modernisiert wurde zunächst die marode Infrastruktur Marokkos: Autobahnen wurden geschaffen, schnelle Internetverbindungen gelegt, die Wasser- und Stromversorgung verbessert. Der König versucht sich in der Nähe von Tanger an riesigen Freihäfen und Free Trade Zonen. Das leidige Problem des technologischen Projektes ist ebenso klar – es schafft neuen Reichtum, aber nur relativ wenig neue Jobs. Neben den notwendigen materiellen Errungenschaften und dem andrängenden Fortschritt brauchen Länder wie Marokko aber auch eine neue geistige Orientierung.

Zweifellos, in großen Teilen Marokkos herrscht nach wie vor bittere Armut und damit logischerweise die Gefahr der Radikalisierung vieler junger Menschen. In den trostlosen Vorstädten wurden bereits viele junge Muslime indoktriniert, ganze Heerscharen von Schiiten, Salafiten und Modernisten predigten gegen den angeblichen Abfall vom Islam, die Prediger forderten eine soziale Revolution und prangerten den Zerfall der Sitten an. Die Attacken gingen dabei naturgemäß auch gegen den König selbst. Das marokkanische Königshaus ist nach Angaben des amerikanischen Magazins „Forbes“ das Siebtreichste der Welt und – so jedenfalls die Radikalen – das Königshaus habe nicht genug gegen die Verarmung der Bevölkerung und die Korruption des Beamtenapparates unternommen.

Das Problem für den König war, dass diese Muslime auch seine religiöse Autorität mit einer für die Monarchie neuen, islamisch-motivierten Argumentation angriffen und sogar die traditionelle Verbindung des Landes mit dem Sufismus in Frage stellten. Viele junge Männer waren durchaus für die neuen Parolen einer „islamischen Internationalen“ anfällig. Eine islamische Ausbildung war nur noch rudimentär vorhanden. Die traditionelle Verknüpfung der malikitischen Rechtsschule und des Sufismus, die das Land über Jahrhunderte religiös prägte, war in den letzten Jahrzehnten vernachlässigt worden. Die Traditionen schienen beim „Aufbruch in die Moderne“ für einen Moment eher hinderlich, große Lehrstätten des Islam verwaisten oder zerfielen sogar. Die Folge war die Verbreitung eines eher obskuren, inkorrekten und deswegen leicht angreifbaren Volks-Sufismus, der den Radikalen, wegen einiger offensichtlicher Fehler in der islamischen Praxis, zudem als Vorlage für neue Attacken diente. Der König, per Verfassung auch religiöser Führer des Landes und durch die über tausend Jahre alte islamische Verfasstheit des Landes legitimiert, war spätestens nach den Terroranschlägen im Jahr 2003 endgültig gefordert. Das brutale Treiben der radikalen Flügel der islamischen Ideologen bedrohte nun endgültig das ganze Land und damit den König. Ausländische Geheimdienste sahen in dem am Mittelmeer gelegenen und europanahen Land eine mögliche Brutstätte des Terrorismus. Im schlimmsten Fall drohte Marokko sogar in die „Achse des Bösen“ eingestuft zu werden.

Der König erkannte endgültig in der Rückbesinnung auf die echte Tradition den notwendigen Mittelweg. Der Vorteil: Dieser Weg ist nicht nur eine subjektive Meinung oder kurzlebige Episode, sondern ein ganzheitlich geprägtes und bewährtes Bildungsprogramm. Über Jahrhunderte wurde so die Glaubensausrichtung ganzer Generationen sicher gestellt. Gerade jetzt, in den Zeiten des Umbruchs, musste – so wurde dem König klar – den Marrokkanern auch in Glaubensfragen eine klare und nachvollziehbare Orientierung gegeben werden. Nur mit einer klaren islamischen Ausbildung konnte der „normale Gläubige“ die Agitation der Ideologen auch religiös eindeutig zurückweisen und die gefährliche Zersplitterung der religiösen Landschaft in tausende kleine Sekten und Grüppchen verhindert werden. Das „islamische“ Projekt ist ähnlich monumental und anspruchsvoll wie die technischen Großprojekte der Monarchie.

Die Malikitische Rechtsschule liefert nach wie vor eine glasklare Grundlage gegen den Terrorismus, gegen Selbstmordattentate und nicht zuletzt gegen die Rebellion bezüglich der legitimen Herrschaft des Königs selbst. Die Materie ist anspruchsvoll und kann auf verschiedenen Niveau-Ebenen vermittelt werden. In den Rechtsbüchern finden sich auch die zeitlosen Positionen des islamischen Rechts zur Zinsfrage und damit Schlüsselpositionen zum Verständnis der globalen Finanzkrise und der Rolle der ­Entwicklungsländer. Der authentische Sufismus stärkt den geistigen und sozialen Zusammenhalt der Generationen. Die Beschäftigung mit den großen Lehrmeistern wie Ibn Al-’Arabi trägt zur ­philosophischen Klärung des Verhältnisses des Denkens und des Islam zur Moderne bei.

//3//Darüberhinaus begann der König mit seinen „Sidi Chiker Treffen“ die geistigen, internationalen Verbindungen des Landes zu stärken. Die Belebung der Tradition des Landes geht so weit über einen romantischen Nationalismus oder religiösen Provinzialismus hinaus. Viele Europäer, Amerikaner und Asiaten haben ja bis heute ihre islamische Orientierung in den zahlreichen Tariqas des Landes gefunden oder studieren den Islam in den berühmten Universitäten.

Anfang Juli lud das Königshaus über 1.500 Gäste zu einer dreitägigen Konferenz über die Rolle des Sufismus im Zeitalter der Globalisierung ein. Dem Ruf folgten Muslime aus aller Welt. In seiner Grußadresse stellte der König klar, dass er seine Rolle auch im Schutz und der Stärkung der verschiedenen, natürlich korrekt praktizierenden Sufi-Tariqas des Landes und anderswo sieht. Es geht dabei also um mehr als um Tourismus und Esoterik.

Der Erfolg seiner Bemühungen gibt dem König Recht: Muslime, korrekt ausgebildet in Tasawwuf und malikitischem Fiqh, zeigen sich zunehmend immun gegen die destruktiven Einflüsterungen der Ideologen. Die Gelehrten sind dabei in der Lage, alle Facetten des Islam korrekt zu vermitteln und gleichzeitig – mit Autorität – eine klare Linie gegen Terrorismus und Ideologie zu ziehen. Ihre weltweite Bedeutung steigt daher stetig. Mittelfristig könnte das ein Modell für viele Muslime werden, die einerseits eine klare islamische Identität anstreben, aber andererseits einen Weg zwischen den Extremen von Esoterik und Extremismus suchen. Das Land selbst hat so bereits den Einfluss des Irans und einiger extremer salafitischer Bewegungen zurückgedrängt. Die islamische Lehre trägt so zur Stabilität dieser wichtigen Region an der Schnittstelle zwischen Europa und Afrika bei.

Der Schatz des Wissens ist aber immer noch nur zu einem kleinen Teil geborgen. Auf der aktuellen 2. Konferenz in der Reihe wurde die große Wissenschaft, die es zu bergen gilt, freilich nur angedeutet. Professorin Zakia Zouanat, um nur ein Beispiel zu nennen, führte kurz durch die Welt der berühmten Heiligen des Landes. Ihre Kategorisierung der Berühmtheiten erklärt die große inhaltliche Spannbreite der Gelehrten und beweist gleichzeitig den großen Einfluss der Tariqas auf die Gesellschaft. So waren einige Gelehrte berühmt für die Stärkung ökologischen Bewusstseins, andere für die Unterstützung der nationalen Freiheit, andere wiederum widmeten ihr Interesse den „sicheren Straßen“. Viele berühmte Gelehrte waren eindrucksvolle Frauen. Sie alle hinterlassen ein faszinierendes Werk und Spuren größtmöglicher menschlicher Einsichten. Marokko bietet heute dieses Erbe an.

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