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Der „Maurische Kiosk“ in Linderhof

Deutschlands schönste Fake-Moscheen (6): Auf eine Wasserpfeife mit Ludwig II. Von Fabian Goldmann

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Foto: Gblk, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 2.0

(iz). Die erste Weltausstellung in einem arabischen Land sollte die Expo 2020 eigentlich werden. Auf die Idee, die Bundesrepublik dort mit einer Moschee zu präsentieren, wäre das deutsche Organisationskomitee vermutlich aber auch dann nicht gekommen, wenn die Weltausstellung nicht ­ohnehin der Corona-Pandemie zum Opfer gefallen wäre. Anders als vor 150 Jahren. Auf der Pariser Weltausstellung von 1867 präsentierte sich Preußen ganz offiziell mit dem „Maurischen Kiosk“  der Öffentlichkeit. Dabei handelte es sich um eine kleines Gebäude im Moschee-Look, mitsamt Gebetsnische, goldener Kuppel und Minaretten.

Entworfen hatte Preußens Beitrag zur Weltausstellung Architekt Carl Wilhelm von Diebitsch. Der hatte unter anderem im spanischen Granada die Alhambra studiert, mehrere Auftragsarbeiten für Ägyptens Ismail Pascha ausgeführt und dabei offenbar ein ausgeprägtes Faible für islamische Architektur entwickelt. Das Ergebnis bekamen in Paris Millionen Besucher und Staats- und Regierungschefs aus aller Welt zu sehen. Vor allem ein Besucher hatte es der „Maurische Kiosk“ angetan: Bayerns „Märchenkönig“ Ludwig II. Ihm ist es zu verdanken, dass das Gebäude auch heute noch zu den schönsten Fake-Moscheen der Bundesrepublik zählt.

Nachdem sie einige Jahre bei einem Privatbesitzer in Böhmen verbracht hatte, kaufte Ludwig II. die Moschee. Um kitschige Details wie Marmorbrunnen und Pfauenthron erweitert, ließ er sie 1876 in seinem Schlosspark Linderhof nahe der österreichischen Grenze neu aufbau­en. Dort wurde sie Teil eines riesigen orientalischen Wintergartens. Zwischen unzähligen exotischen Pflanzen ließ Ludwig II. unter anderem eine indische Fischerhütte vor der Kulisse ein riesiges Himala­ya-Gemäldes errichten. Über all das spannten seine Arbeiter eine 70x17m große und rund 9m hohe Eisen-Glas-Konstruktion, die allerdings nach seinem Tod wieder abgebaut wurde.

All das diente nicht nur der Repräsentation. Ludwig II., der neben Rokoko, Mittelalter und europäischen Sage nun auch den Orient als Inspirationsquelle für seine Märchenwelt entdeckt hatte, soll in seinem Schlosspark auch seine Freizeit verbracht haben. Was sich dabei im Inneren des „Maurischen Kiosk“ abgespielt hat, würde bei Bekanntwerden wohl für heutige Bayerische Ministerpräsidenten als Rücktrittsgrund ausreichen: Im psychedelisch anmutenden Licht der bunten Glasfenster rauchte der König Wasserpfeife und ließ sich von als Muslimen verkleideten Dienern Datteltörtchen zur Ananasbowle reichen.

Die orientalischen Pläne des Märchenkönigs gingen so gar noch weiter. Westlich des Linderhofs hatte Ludwig II. eine ganze Schlossanlage im Orient-Look geplant: inklusive byzantinischem Palast mitsamt authentischem Hofzeremoniell. Die Umsetzung scheiterte allerdings an der immer leerer werdenden Staatskasse. Stattdessen schlug Ludwig II. noch einmal bei einer Weltausstellung zu. 1878 kaufte er in Paris das „Marokkanische Haus“. Das ebenfalls prunkvoll ein­gerichtete Gebäude steht heute nur rund 500 Meter vom „Maurischen Kiosk“ entfernt.

Zum pseudo-islamischen Erbe Ludwig II. gehört außerdem das Königsschloss auf dem Schachen. Das in den Jahren 1869 bis 1872 errichtete Gebäude nahe Garmisch-Patenkirchen ist einer Residenz des osmanischen Sultans Selim III. nachempfunden. Die von außen eher unscheinbare Berghütte beheimatet im Obergeschoss einen pompösen „Türkischen Saal“ mitsamt teurer Teppiche, bestickter Diwane, bunter Glasfenster und vergoldeter Wände. In der Einsamkeit der Ostalpen konnte Ludwig II. seinen Orient-Spleen noch ungehemmter ausleben. Luise von Kobell, Biographin von Ludwig II., schrieb zu jener Zeit:

„Hier saß in türkischer Tracht Ludwig II. lesend, während der Tross seiner Dienerschaft als Moslems verkleidet, auf ­Teppichen und Kissen herumlagerte, Tabak rauchend und Mokka schlürfend, wie der königliche Herr es befohlen hatte, der dann häufig überlegen lächelnd die Blicke über den Rand seines Buches hinweg auf die stilvolle Gruppe schweifen ließ. Dabei dufteten Räucherpfannen und wurden große Pfauenfächer durch die Luft geschwenkt, um die Illusion noch täuschender zu machen.“

Für heutige Politiker Bayerns wäre so ein Verhalten freilich undenkbar. Oder? Nicht ganz. Mit Pressebegleitung nahm der inoffizielle Nachfolger Ludwig II., Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, vor vier Jahren auch schon mal im „Maurischen Kiosk“ Platz. Gegenüber Journalisten outete er sich bei der Gelegenheit als „Fan des Märchenkönigs“. Vielleicht erleben wir ja doch noch eine Moschee als bayerischen Beitrag zur Weltausstellung, wenn die Expo im kommenden Jahr in den Vereinigten Arabischen Emiraten stattfindet.

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