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Der Mitbegründer und dritte Präsident der Vereinigten Staaten ließ sich auch von einer zeitgenössischen ­Übertragung des Qur’ans ­inspirieren. Von Laila Massoudi

Thomas Jeffersons Lektüre

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(iz). Mit Ausnahme von Abraham Lincoln wurde kaum einem der anderen Präsidenten der Vereinigten Präsidenten so viel Respekt gezollt als ihrem dritten Staatschef, Thomas Jefferson. Der intellektuell vielfältige Mann aus Virginia (einer der ersten englischen Kolonien in der Neuen Welt) war Autor der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten und zwischen 1801 und 1809 ihr dritter Präsident. Anders als bei Lincoln erscheint er aber als Figur mit dunklen Facetten.

Obwohl kompromissloser Verteidiger der Rechte des Individuums konnte Jefferson (wie fast alle Verfechter des Liberalismus) die real existierende Versklavung von anderen – trotz verbaler Gewissensbisse – in ihr Weltbild integrieren. Und dass der allseits verehrte US-Gründungsvater (der nach der heute dominie­renden Meinung Kinder mit Sally He­mings, der Sklavin seiner Ehefrau, ­zeugte) neben seiner Verteidigung der ­Sklaverei die Rechte der Einzelstaaten im Konflikt­fall über die der Zentralregierung ­stellte, legte einen Grundstein für den blutigen Bruderkrieg, der 52 Jahre nach dem Ende seiner Amtszeit ausbrach.

Nichtsdestotrotz bleibt Thomas Jefferson – im Vergleich zu den letzten fünf Bewohnern des Weißen Hauses – eine intellektuell herausragende Gestalt. In der Bibliothek des Mannes – der heute fraglos ebenso ein führender Intellektuel­ler wäre – findet sich auch die zweibändi­ge Übertragung der Bedeutungen des Qur’ans, die vom Engländer George Sale angefertigt wurde. Seine Sammlung beinhaltete die 1764 erschienene, zweite Ausgabe. Diese Übertragung der Bedeutungen unterschied sich von vielen Vorläufern, weil sie direkt aus dem Arabischen erstellt wurde – und nicht aus dem Lateinischen und Französischen. Nach Sebas­tian R. Prange, der einen umfangreichen Artikel über Jeffersons Bibliothek und diese Qur’anübersetzung veröffentlichte, stellt die Sale-Übersetzung im historischen Vergleich dar einen deutlichen Fortschritt.

Es ist bemerkenswert, welche symbolis­che Kraft Bücher – und seien sie auch nur noch bibliophile Liebhaberstücke – auch heute noch haben können. Die belegte der Fall des muslimischen Kongressabgeordneten Keith Ellison. Als er die beiden Bänden für seinen Amtseid benutzen wollte, schlug ihm von Seiten evangelikaler Christen und rechter Islamfein­de ein Sturm der Entrüstung entgegen.

Für Ellison war dies ein bewusster Akt, da die beiden Bände in Jeffersons Besitz belegen würden, dass „die religiöse Toleranz bis in die Zeit unserer Gründerväter zurückreicht“. Jefferson sei einer der besten Denker seiner Zeit gewesen, der die geistige Freiheit und Unerschro­ckenheit gehabt habe, sich mit dem Qur’an zu beschäftigen. Ich glaube, Jefferson hätte an diesem Vorgang seine Freude gehabt.

Man muss kein konservativer ­Träumer sein, wenn einen das Gefühl beschleicht, dass so manches in der Vergangenheit problemfreier war, als es heute der Fall ist. Ein Blick nach Berlin oder Potsdam, wo auch noch orientalisierende Bauten zu finden sind, dürfte ausreichen. Darüber, dass Jefferson seine Qur’anübersetzung las, besteht kein Zweifel. Interessant ist, dass er (der über ein faszinierendes Sortierungsmuster in seiner Bib­liothek verfügte) beide Bände nicht unter „Geschichte“ oder „Ethik“ ablegte, sondern unter „Recht“. Nach Ansicht von Kevin J. Hayes, der einen umfangreichen Aufsatz über Jeffersons Qur’anlektüre schrieb, dürfte diese von Jeffersons Interesse an Rechtsfragen inspiriert worden sein.

Auch wenn wenig schriftliche Belege dafür vorlegen, so könnte man davon ausgehen, dass das qur’anische Gebot, wonach „es keinen Zwang im Glauben“ geben darf, auch Einfluss auf Jeffersons spätere politische und verfassungsgeben­de Tätigkeit hatte. Der dritte US-Präsident bestand darauf, dass sich in der US-Verfassung (an der er mitarbeitete) jede religiöse Sprache auf „Gott“ bezieht und eine eindeutig christliche Sprache ­meidet. In seinen Augen erlaubte dies eine Einbeziehung anderer Religionen und ihrer Anhänger.

Thomas Jefferson arbeitete für seinen Heimatstaat Virginia ein Gesetz zur Religionsfreiheit aus, dass 1786 beschlossen wurde. In seinen Memoiren erinnerte er sich an sein starkes Verlangen, dass „der Mantel“ dieses Gesetzes auch „Mohammedanern [Muslimen]“ zu Gute kommen solle.

Die beiden Bände wurden – ­zusammen mit mehr als 6.400 anderen Büchern – 1815 der Bibliothek des US-Kongresses übertragen (manche sind der Ansicht Jefferson habe sie aus Geldmangel verkaufen müssen). Sie stellten einen Ersatz für die vorangegangene Sammlung dar, die 1812 von britischen Truppen verbrannt wurde.

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