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Der muslimische Umweltschutzveteran Fazlun Khalid über Islam, die Umwelt und was jeder Einzelne tun kann

„Augenblicklicher Erfolg in 24 Stunden“

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(iz) Im Juni empfahl der britische Thronfolger Prinz Charles in einer Rede ein Umweltschutzprojekt in Sansibar, bei dem die Islamische Stiftung für Ökologie und Umweltwissenschaften (IFEES) eine wichtige Rolle spielte. Die Rede im Sheldonian Theatre in der Universitätsstadt Oxford behandelte das Thema „Islam und die Umwelt“. Das Projekt in Sansibar, das weltweit Beifall erhielt, war das erste seiner Art, bei dem eine ökologische Ethik gelehrt wurde, die aus dem Qur’an abgeleitet ist. Fischer der ostafrikanischen Insel Sansibar beendeten die Dynamitfischerei, nachdem sie an einem Seminar über Islam und Umweltschutz teilnahmen.

„Dies sind Dinge, die mir am Herzen liegen. (…) Bei Projekten in muslimischen Ländern machte der World Wildlife Fund die Erfahrung, dass die Vermittlung der Bedeutung des Umweltschutzes wesentlich leichter ist, wenn dies durch religiöse Führer geschieht, deren Bezugspunkt die qur’anischen Lehren sind. Nachdem in Sansibar der Gebrauch des Speerfischens und der Schleppnetze, die die Korallenriffe zerstörten, und die Rechtleitung aus dem Qur’an bezogen wurde, gab es einen bemerkenswerten Verhaltenswandel. Das gleiche gilt für Malaysia und Indonesien, wo Wilderer auf die gleiche Art und Weise abgehalten wurden, die letzten verbliebenen Tiger zu zerstören.“

Wir sprachen hierzu mit Fazlun Khalid, einem Veteranen des englischen Islam und Gründer des international anerkannten IFEES über sein Projekt in Sansibar, über die islamischen Grundlagen des ökologischen Denkens und die Beziehung zwischen der ökologischen Krise und einer global unhaltbaren Finanzarchitektur.

Islamische Zeitung: Was veranlasste den britischen Thronfolger, das IFEES-Projekt positiv zu erwähnen?

Fazlun Khalid: Er wies darauf hin, dass die Muslime eine wichtige Arbeit machen und dass er dies positiv bewertet. Prinz Charles bezog sich konkret auf unsere Projekte in Sansibar, aber auch auf das in Indonesien.

Islamische Zeitung: Auf welchen Gebieten arbeiten Sie, was sind Ihre Ziele und mit wem arbeiten Sie ­zusammen?

Fazlun Khalid: Der Impuls für unser Sansibar-Projekt war, dass Fischer die Korallenriffe mit Dynamit befischten, weil sie vorher nicht genug Fische ­fangen konnten. Dies Folge davon war, dass die Brutgebiete der Fische zerstört wurden.

Andere Nichtregierungsorganisationen wie Care International, die aus den USA kommt, konnte die Fischer nicht vom Gebrauch des Dynamits abhalten. Sie fragten bei uns an, ob wir Arbeitsgruppen und Trainingsmaterial auf Grundlage des Qur’ans bereit stellen könnten. Wir organisierten Workshops und sie erwiesen sich als sofortiger Erfolg. Was die durchschnittlichen Organisationen jahrelang nicht schafften, erreichten wir innerhalb von 24 Stunden. Innerhalb eines Tages stoppte die Dynamitfischerei in den Riffen.

Es lag an der simplen Tatsache, dass die Menschen erkannten, dass wir der Khalifa [Stellvertreter] von Allah sind. Wir haben die Verantwortung bekommen, uns um Seine Natur – von der wir profitieren – zu kümmern. Daher haben sie gestoppt.

Islamische Zeitung: Viele Menschen wissen von der ökologischen Zerstörung und dem Artensterben, aber es scheint sehr schwierig für die Leute zu sein, ihr Verhalten zu ändern. Was ist für Muslime und Nichtmuslime gleichermaßen notwendig, nicht nur über die ökologische Krise informiert zu sein, sondern auch das Verhalten zu ändern, um auf umweltfreundliche Art und Weise zu leben und zu ­arbeiten?

Fazlun Khalid: Von einer islamischen Perspektive ausgehend besteht die Antwort auf diese Frage darin, damit zu anzufangen, zu verstehen, was Tauhid im Rahmen der Ökologie bedeutet.

Tauhid meint hier, dass es nur ein Universum gibt, dass von dem Einen Schöpfer erschaffen wurde. Und dass dieses Universum logisch innerhalb des Bedeutungsrahmens Seiner Schöpfung funktioniert.

Alles, was Er erschuf, ist miteinander verbunden. Hier gibt es keine Unterbrechung. Wir müssen verstehen, dass wir das einzige empfindungsfähige Wesen sind, dass über Verstand verfügt. Wir können diese Fähigkeit nutzen, um zu zerstören oder um zu beschützen. Unglücklicherweise haben wir der Umwelt mehr entnommen, als ihr zu geben. Das endgültige Ergebnis davon ist die ökologische Zerstörung.

Wenn wir über die Perspektive des Tauhids sprechen, so spricht Allah im Qur’an davon, dass er „Al-Muhit“ (der Umfassende) ist. Dies bezieht sich auf das, so nehme ich an, was andere als „ganzheitlich“ bezeichnen. Allah umfasst Seine Schöpfung. Eine andere Sache ist, dass Allah im Qur’an sagt: „Allahs Schöpfung ist eine größere Angelegenheit als ihr.“ Auch wenn Allah uns Intelligenz gab, hat Er uns davor gewarnt, zu glauben, dass wir Seine Schöpfung regieren könnten.

Wir müssen diese Lektion verstehen. Unglücklicherweise ist die moderne Situation, in die wir geraten sind, das Modell des kapitalistischen Nationalstaates, dessen vorrangiges Ziel die Steigerung des Lebensstandards ist. Die Menschen wollen mehr und mehr und der einzige Weg dorthin ist die Ausbeutung der Erde. Dies kann nicht so weitergehen, weil die Ressourcen begrenzt sind.

Wir müssen zu der Erkenntnis gelangen, dass – wollen wir uns selbst vor der ökologischen Katastrophe bewahren – wir jetzt damit beginnen müssen, mehr zu geben als wir nehmen.

Islamische Zeitung: Es gibt sicherlich viele Debatten in der muslimischen Welt, einige sind fruchtbar und andere nicht. Wie kommt es, dass die „üblichen Verdächtigen“, die die Debatte in der muslimischen Welt bestimmen – von den ‘Ulama über die politischen Sprecher bis zu Medien – kaum über ökologische Fragen sprechen?

Fazlun Khalid: Dies ist eine sehr interessante Frage und es gibt viele Antworten darauf, die ziemlich komplex sind. Wenn wir dem islamischen Denkmuster der „Unterwerfung“ (was der Islam ist) und dem Vorbild des Gesandten Allahs folgen würden, dann hätten wir keines dieser Umweltprobleme.

Der Islam ist umweltschonend. Er spricht keine ökologische Sprache, weil dies nicht nötig ist. Wir müssen erkennen, dass die umweltbezogene und ökologische Sprache im Wesentlichen in dieser Kultur im letzten Jahrhundert als Reaktion auf das, was die Menschen getan haben, entstanden ist.

Dies soll nicht heißen, dass die ­Muslime vor der jetzigen Zivilisation insgesamt heilig und gut waren. Sie waren vergleichbar destruktiv, aber die von ihnen hervorgerufenen Schäden bewegten sich innerhalb des vom Islam gesetzt Verhaltensrahmens. Es gab Antworten und Mittel, mit diesen Fragen umzugehen.

Hätten die Menschen die Lebenspraxis des Gesandten Allahs gehabt, so meine Einschätzung, dann hätte es keine ökologische Zerstörung gegeben. Das Problem ergab sich als Folge des säkular orientierten Modells, in dem sich die Menschen von Allah und der Lebens­praxis des Propheten abwandte.

Dies erlaubte es den Menschen, Allahs Natur zu dominieren. Dies war kein bewusster Prozess, sondern ergab sich aus der Übernahme des westlichen, kapitalistischen Modells und der Vorstellung, wir bräuchten mehr Wohlstand und müssten am Fortschritt teilnehmen. Heute bedeutet dies ausschließlich materiellen Wohlstand und materiellen Fortschritt. Dies ist die Wurzel der ökologischen Zerstörung. Um materiellen Wohlstand zu erlangen, müssen wir die Erde ausbeuten. Die Muslime sind heute ebenso ein Teil davon.

Wie Sie sehen können, hat der ganze Aspekt des „Islamischen Bankwesens“ nichts mit dem Islam zu tun, weil dieses Modell des Bankwesens entwickelt wurde, um den Wohlstand zu erlangen, den der Westen erzielte – in der Hoffnung, dass es darin keinen Widerspruch zum Qur’an gibt. Tatsache ist, dass die Menschen das herrschende Finanzsystem nicht verstehen. Egal, welche intellektuelle Argumente man vorbringt und welche Saltos man auch schlägt – wir können der Tatsache nicht entrinnen, dass das heutige Finanzsystem haram ist; wenn man dem Qur’an und dem islamischen Recht folgt.

Den ökologischen Fragen liegt eine finanzielle zugrunde. Das Bankwesen erschafft weiterhin Geld aus dem Nichts. Und das „Islamische Bankwesen“ funktioniert davon nicht unabhängig, sondern ist voll in das globale Bankwesen eingebettet.

Der Punkt, zu dem ich gelangen will, ist ein sehr wichtiger. Geld kann heute – wie es in den letzten 200 Jahren geschehen ist – auf eine unbegrenzte Art und Weise geschaffen werden. Es kann aus dem Nichts geschaffen werden. Dann wird dieses Geld auf eine Erde angewandt, die begrenzt ist. Diese Arithmetik steht auf dem Kopf; sie hat keinen Sinn. Wenn wir Geld weiterhin unbegrenzt erschaffen und dann auf die von Allah erschaffenen Ressourcen anwenden, die begrenzt sind, dann ist das einzige langfristig zu erwartende Szenario die ökologische Zerstörung.

Islamische Zeitung: Es gibt High­Tech-Projekte wie Masdar, aber genauso Graswurzel-Projekte in Indonesien oder Ägypten. Sehen Sie die Möglichkeit einer Gegenbewegung in der muslimischen Welt bei der Umorientierung der Menschen zu einer umweltfreundlicheren Lebensweise?

Fazlun Khalid: Sie haben mir einige Beispiele aufgezählt, aber es gibt eine Trennlinie, die ich hier ziehen möchte. Zuerst erwähnten Sie den Versuch von Abu Dhabi, eine „grüne Stadt“ zu bauen. Dies mag kurzfristig eine gute Übung in Öffentlichkeitsarbeit sein, aber ich glaube nicht, dass dies langfristig zum Umweltschutz beitragen wird.

Hätte der dortige Herrscher, anstatt eine „grüne Stadt“ zu erschaffen, gesagt, dass wir alle unseren Konsum einschränken sollten und wir unsere Ölförderung reduzieren würden, um den Kohlendioxid zu verringern, dann wäre dies die Antwort gewesen. Tatsächlich verlängert dies das Problem noch.

Er wäre besser gewesen, sie hätten ihr Geld an Graswurzelprojekte überwiesen. Dazu zählen die von Ihnen erwähnten Bauernhöfe in Ägypten oder der Waldschutz in Indonesien. Ich glaube, dass die Lösung in Ermangelung von Aktionen seitens der höheren Autoritäten bei den einfachen Leuten liegt. Darin liegt unser Erfolg. Wir können darauf aufbauen, da diese eine Erziehung für uns selbst ist.

Für mich sind Megaprojekte wie der Bau von „ökologischen Städten“ in einem gewissen Sinne kontraproduktiv. Sie könnten dieses Geld besser für die Ausbildung von ‘Ulama, für die Veränderung von Lehrplänen und die Veränderung von Einstellungen verwenden. Außerdem sollten sie erkennen, dass der Gebrauch von fossilen Brennstoffen mehr und mehr Probleme für die Menschen schafft, indem die Klimaerwärmung gefördert wird. Sie könnten die Ölförderung verringern und immer noch ein gutes Leben führen. Es ist sogar so, dass auf diese Weise das Öl länger halten und sie länger ernähren wird.

Heute machen sie große Gewinne mit dem Öl und investieren es in ausländische Firmen. Im Rahmen des herrschenden kapitalistischen Systems scheint dies sinnvoll zu sein. Aber sie müssen erkennen, dass das ganze Gebäude des westlichen Kapitalismus in Gefahr ist. Es könnte zusammenbrechen und alle diese Investitionen würden verschwinden. Wenn dies geschieht, und sie ihre Erdölförderung gedrosselt haben, dann hätten sie zumindest das unter ihren Füßen befindliche Öl.

Islamische Zeitung: Könnten Sie uns drei Dinge nennen, welche die im Westen lebenden Muslime als Konsumenten sofort tun könnten, um sich deutlich umweltfreundlicher zu ­verhalten?

Fazlun Khalid: Natürlich. In unserem Alltag gibt es sehr einfache und praktische Dinge, die wir tun können. Weil wir fünf Mal täglich beten müssen, müssen wir uns auch fünf Mal am Tag waschen. Wir können zumindest dem prophetischen Vorbild folgen und dabei wenig Wasser benutzen. Er benutzte wenig Wasser, während wir viele Liter Wasser nehmen, um einmal Wudu’ zu machen. Außerdem können wir anfangen, einen Teil unserer Lebensmittel selber anzubauen. Wir können biologische Lebensmittel kaufen und darüber nachdenken, wie wir beim Reisen unsere Kohlendioxidemissionen einsparen können. Wir könnten beispielsweise die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen. Es gibt viele einfache Dinge, die wir tun könnten…

Aber in der Zwischenzeit müssen wir verstehen, welcher Art die Gesellschaft ist, in der wir leben und wie schädlich sie in ökologischen Aspekten ist – ob muslimisch oder nichtmuslimisch. Wenn Muslime die Antwort haben, dann müssen sie diese anderen geben. Sie können nur mit einer praktischen Demonstration dessen beginnen, was sie für richtig halten. Funktioniert dies, dann werden es die anderen Menschen übernehmen.

Islamische Zeitung: Lieber Fazlun Khalid, vielen Dank für das Interview.

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