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Der „Öko-Dschihad“: Was ist der Wert von ­Allahs Schöpfung?

„IZ-Begegnung“ mit der Autorin Dr. Ursula ­Kowanda-Yassin über ihr neues Buch zur ­muslimischen Umweltbewegung

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Foto: islam.ru

(iz). Dr. Ursula (Fatima) Kowanda-Yassin wurde 1975 in Großbritannien geboren und lebt in Österreich. Sie promovierte 2010 an der Universität Wien in Arabistik (Orientalistitk/Islamwissenschaften). Eines ihrer weiteren Themengebiete ist die Schöpfungsverantwortung aus muslimischer Perspektive, weshalb sie derzeit zu muslimischen Öko-Bewegungen forscht. Kowanda-Yassin engagiert sich in der muslimischen Community und gründete 2011 als Selbstständige mit „Betuinsi“ ein Zentrum mit Bildungsangeboten. Seit 2013 lehrt sie am Hochschulstudiengang für das Lehramt für Islamische Religion an Pflichtschulen an der KPH Wien/Krems. Kürzlich erschien ihr Buch „Öko-Dschihad. Der grüne Islam – Beginn einer globalen Umweltbewegung“. Wir unterhielten uns mit ihr über ihr Buch, das Thema Umweltschutz und die islamische Verantwortung gegenüber der Schöpfung.

Islamische Zeitung: Liebe Frau Kowanda-Yassin, Sie haben mit „Öko-Dschihad“ ein Buch über den „Beginn einer globalen Umweltbewegung“ geschrieben. Gibt es diese schon und wie äußert sie sich?

Ursula Kowanda-Yassin: Die Umweltbewegung gibt es aus meiner Sicht schon sehr lange, schon seit einigen Jahrzehnten. Doch erst jetzt ist es stärker sichtbar geworden, dass MuslimInnen sich wirklich bewusst mit der Frage auseinandersetzen, wie wir mit der Umwelt umgehen sollen – so wie es im Islam von Muslimen erwartet wird. Ich sehe da eine Sensibilisierung über das Konsumverhalten und den modernen Lebensstil.

Es findet eine kritische Hinterfragung statt und mehr junge Menschen forschen inzwischen nach, wie Produkte entstehen und verlassen sich nicht mehr auf Gewohnheiten. Das ist in meinen Augen wachsend und ebenso das bewusste Leben und Wahrnehmen des Wertes des Natur. Muslime raffen sich mehr und mehr auf, etwas zu starten und andere zu aktivieren, zu informieren. Das ist für mich das, was eine Umweltbewegung ausmacht.

Islamische Zeitung: Dass es spezifische Ansätze im Qur’an, der prophetischen Lebensweise sowie der islamischen Lehre gibt, ist seit Längerem bekannt. Lassen diese sich konkret auf heutige Problemlagen anwenden und wenn ja, wie?

Ursula Kowanda-Yassin: Ein grundlegendes Prinzip ist das Thema Sauberkeit. Wenn die Sauberkeit in der Religion so eine große Rolle spielt und man auch das Wasser selbst nicht verschmutzen darf, es nicht unnötig verschwenden darf, einfach und schlicht leben soll, dann sind dies Prinzipien, die sehr wesentlich sind für die Nachhaltigkeit. Der Sorgfältige Umgang mit der Schöpfung beinhaltet auch, nicht verschwenderisch zu sein mit unseren Ressourcen.

Selbst wenn wir jede Menge davon haben, dürfen wir sie nicht verschwenden. Das ist eine klare Handlungslinie im Bezug auf unsere Ressourcen, die wir heutzutage haben. Das klingt sehr einfach, in der Realität muss es dann aber auch tatsächlich umgesetzt werden. Die Demut vor der Schöpfung, sie zu achten und ihren Wert zu erkennen, dies sind wesentliche Dinge, die immer wieder im Qur’an Erwähnung finden. Es ist wichtig für den Menschen, sich die Schöpfung anzuschauen und zu erkennen, welche Wunder Allah erschaffen hat. Es ist vor allem von Bedeutung für uns, zu wissen, wie wichtig die gesunde Schöpfung für uns ist.

Wir sollen nicht übermütig und hochmütig auf der Erde herumstolzieren, sondern demütig sein und uns unserer ­Abhängigkeit von Allah, Seinen Gesetzen, Seiner Schöpfung sein. Das sind für mich ganz klare Prinzipien, die im ­Bereich des Umweltschutzes von wesentlicher Bedeutung sind.

Islamische Zeitung: Auch wenn es sicherlich, gerade im Konkreten, Überschneidung zur bisherigen Umwelt­bewegung gibt, bestehen auch theo­retische Unterschiede im Verständnis von Welt, Schöpfung und der Rolle des Menschen. Sehen Sie hier theo­retische Differenzen und haben diese eine Wirkung auf das Handeln?

Ursula Kowanda-Yassin: Was die ­religiös motivierte Umweltbewegung ausmacht, ist einfach der verstärkende Glaube daran, dass man sich am Jüngsten Tag vor Allah wird rechtfertigen müssen. Man weiß, dass die Entscheidungen, die man persönlich trifft, Konsequenzen haben werden. Man lebt nach der Überzeugung, dass man das, was man tut, mit einer ­bestimmten Absicht verbindet. Und diese Absicht wird im Jenseits Auswirkungen auf uns haben.

Die Religion hat demnach eine sehr bestärkende Wirkung auf das Handeln des Menschen. Dies unterscheidet die religiös orientierte Umweltbewegung von Organisationen, die ohne religiöse Hintergründe aktiv sind.

Die Beweggründe liegen in der Religion selbst, die uns aufzeigt, dass die Taten gut überlegt sein müssen und der Mensch seine Mitgeschöpfe gut zu behandeln hat. Dies ist ein wichtiger Ansatz, der Muslime dazu bewegt, sich einzusetzen und so gut sie können an der Sache dranzubleiben.

Islamische Zeitung: In Europa gibt es das mittelenglische IFEES, die seit Jahrzehnten Aufklärung unter Muslimen sowie konkrete Projekte betreibt. Wer sind die Pioniere der muslimischen Ökobewegung?

Ursula Kowanda-Yassin: Ich würde sagen Hossein Nasr, der die Diskussion in der Literatur, im intellektuellen Bereich und in der Öffentlichkeit angestoßen hat, dass ein Ungleichgewicht herrscht und der Mensch sich darum kümmern muss. Des Weiteren gehört zu den Pionieren natürlich Fazlun Khalid mit seiner Organisation IFEES.

Ich würde jedoch sagen, dass es jede Menge Pioniere gibt. Der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden schenken, war der Erste, der dieses Problem angegangen ist. Er hat es vorgelebt, weitergegeben und von den Muslimen verlangt. Viele Leute, die in der Öffentlichkeit nicht bekannt sind, aber den Wert der Natur erkannt haben, sind ebenso Pioniere. Ich würde es nicht auf die bekannten Personen reduzieren, sondern auf jeden, der sich im Kleinen oder im Großen für diese Angelegenheit einsetzt und von sich weitergibt.

Es gibt beim Thema Umweltschutz verschiedene Bereiche. Einerseits haben wir die wissenschaftliche Seite, zum ­anderen die gelebte, aktive Wirklichkeit und das Umsetzen neuer Lösungsansätze. Auch können wir Leute dazuzählen, die als Künstler, in etwa der Dichtung, die Wertschätzung der Schöpfung veranschaulichen.

Islamische Zeitung: Insbesondere Muslime im Westen beschäftigen sich mit dem Thema. Welche Rolle nehmen sie im globalen „Öko Dschihad“ ein?

Ursula Kowanda-Yassin: Die Rolle der Muslime im Westen sehe ich darin, dass sie viel tun können. Sie haben sehr viele Möglichkeiten und Voraussetzungen, um Dinge zu bewegen. Auch haben sie eine leichtere Ausgangslage als etwa Menschen in ärmeren Ländern, in denen Meinungsfreiheit nicht wirklich existent ist oder wo die Menschen damit beschäftigt sind, ihr Überleben zu sichern.

Ich sehe schon, dass Muslime in Europa, den USA und Australien sich des Umweltproblems durchaus bewusst sind und vor in der Bildungsarbeit aktiv sind. Sie wollen das Wissen und das Bewusstsein an andere weitergeben, auch in andere Regionen. Sie wollen auch mit anderen Muslimen aus anderen Ländern zusammenarbeiten und von ihnen lernen, Möglichkeiten entwickeln und das ist ein guter Austausch. Ein Gegenseitiges Nehmen und Geben.

Natürlich ist es im neo-kolonialistischen Lebensstil so, dass wir im Westen eine Mitverantwortung dafür tragen, dass gewisse Probleme in anderen Ländern bestehen. Das ist ein wichtiger Punkt, dass Muslime in ihren Gemeinschaften hier im Westen diese Themen ansprechen und Verantwortung übernehmen, wie man Missstände angehen kann.

Islamische Zeitung: Aktivisten verweisen auf die Verbindung zwischen Zerstörung der natürlichen Umwelt und ökonomischen Dogmen wie dem Zwang zum Wachstum. Für sie ist das auch an ein Finanzsystem gebunden, bei dem ständig neue Zahlungsmittel aus dem Nichts geschaffen werden. Braucht das muslimische Denken über die Ökologie auch eine Kritik der dominanten Ökonomie?

Ursula Kowanda-Yassin: Dazu kann ich bloß sagen, dass das Streben nach ständigem Wachstum und nach dem immerwährenden Mehr sehr problematisch ist. Es gibt zum Beispiel Biobauern, die sagen, wir werden bewusst klein bleiben, wir wollen nicht weiter ausbauen. Damit sie das biologische Prinzip daran beibehalten können.

Das ist letztlich der Sinn des achtsamen Umgangs – es kann nicht in Ausufernd enden, es kann nicht im Großen funktionieren. Natürlich müssen dann dafür auch Lösungen gefunden werden. Die Weltbevölkerung wächst, Lebensraum wird stärker bewohnt und Ressourcen mehr verbraucht.

Ich denke den Aspekt der Ökonomie braucht es dazu unbedingt. Es bedarf eine Ökonomie, die den Nachhaltigkeitsgedanken unterstützt. Ich bin aber keine Expertin in dieser Sache, das einzige, was ich dazu sagen kann ist, weniger ist mehr.

Islamische Zeitung: Zu den erfolgreichen Trends unter den aufstrebenden jungen Eliten in aller Welt zählt die angebliche Halalindustrie. Sehen Sie ein Chance dafür, dass diese sich dem ökologischen Denken und der Nachhaltigkeit annimmt?

Ursula Kowanda-Yassin: Ich sehe in der Halalindustrie einerseits die eine Chance, dass sie das Ökologische Denken mit aufnimmt, und andererseits ist es auch die Aufgabe und Verpflichtung, die in dem Wort „Halal“ steckt. Da ist noch viel Handlungsbedarf, denn „Halal“ beinhaltet nicht nur Vorschriften etwa zum Schlachten, sondern es hat auch ethische Aspekte. Da sehe ich, dass die Halalproduktion unbedingt aktiver werden muss.

Sie ist zu einem Wirtschaftszweig geworden, an dem man gut verdienen kann, gerade in der westlichen Welt. Sie ist als Marktlücke entdeckt worden, doch gerade wenn man etwas als „Halal“ bezeichnet, sollte man es auf die Art und Weise angehen, dass man mit einem reinen Gewissen Allah gegenüberstehen kann. Man soll das Gute zu sich nehmen. Dazu gehört nicht etwas, wofür ein anderer Mensch oder ein anderes Geschöpf leiden musste.

Mit der Zeit wird in dieser Industrie sicher darauf Rücksicht genommen, wenn muslimische Konsumenten mehr Wissen um das Konzept „Halal“ entwickeln und ihr Bewusstsein sie dazu bewegt, dies von der Industrie einzufordern.

Islamische Zeitung: Welche Tipps würden Sie unseren LeserInnen geben, um kleine Schritte in Richtung bewussterem Umgang mit der Umwelt zu machen?

Ursula Kowanda-Yassin: Ich würde sagen, einerseits sollte man sich nicht mit den Informationen, die man als Konsument bekommt, zufriedengeben. Man sollte nachforschen, andererseits aber sich das Leben auch nicht zu schwer machen, indem man zu viel fragt. Man kann Artikel lesen, sich Dokumentationen anschauen und sich natürlich auch Wissen in unserem eigenen Din aneignen. Man wird dabei entdecken, wie umfassend, vielfältig und großartig Islam ist und es bei uns selbst liegt, diesen Weg zu gehen.

Kleine Schritte sind bereits, einen Zugang zur Natur zu haben oder ihn zu finden. Mit offenen Augen durch die Welt zu gehen, Kontakt zu Tieren wieder aufzubauen. Es reicht, ein Tier, etwa einen Vogel, einfach zu beobachten oder ihnen beim Zwitschern zum Morgengebet, oder dem Rauschen der Blätter zuzuhören. Dadurch wächst das Bewusstsein für den Wert der Schöpfung Allahs.

Das Wichtigste dabei ist, den Weg der Mitte zu wahren, nicht in ein Extrem zu verfallen. Man bemüht sich, so gut es geht und hat Geduld. Man bleibt dran und Allah kennt die Absicht. An die eige­nen Kinder diese Achtsamkeit weiterzugeben ist von großer Bedeutung. Man kann ihnen zeigen, wie allein aus einem Samen eine pflanze wächst und ihnen dieses Wunder Allahs nahebringen.

Islamische Zeitung: Liebe Frau Kowanda-Yassin, wir bedanken uns für das Gespräch.

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Tijana Sarac

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