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Der Osnabrücker Wissenschaftler Bülent Ucar befürwortet Aufbau muslimischer Wohlfahrtpflege. Interview: Anna Mertens

„Die Zeit ist reif“

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(KNA). Eine muslimische Wohlfahrtspflege neben Caritas, Diakonie und Co? Die Deutsche Islamkonferenz hat sich das Thema für die laufende Legislaturperiode als Schwerpunkt gesetzt. Auf einer Fachtagung in Berlin diskutieren am Dienstag und Mittwoch Vertreter des Bundes, der Länder und Kommunen mit muslimischen Verbänden und der freien Wohlfahrtspflege über mögliche muslimische Modelle.

„Die Zeit ist reif“, sagte der Islamwissenschaftler Bülent Ucar am Dienstag im Interview mit KNA. Zugleich betonte der Leiter des Instituts für Islamische Theologie der Universität Osnabrück, dass es, gerade von muslimischer Seite, noch viel zu tun gebe.

KNA: Professor Ucar, ist eine Art muslimische Caritas aus Ihrer Sicht eine sinnvolle Idee?

Ucar: Eine muslimische Einrichtung im Bereich der Wohlfahrtspflege wäre eine weitere Etappe auf dem Weg der gleichberechtigten Teilhabe der Muslime an den modernen Errungenschaften unseres Staats. Es wäre letztlich ein Beitrag zur strukturellen Integration einerseits und zur rechtlichen und gesellschaftlichen Normalisierung andererseits. Im modernen Rechtsstaat ist dies also keine karitative Morgengabe des Staates an seine muslimischen Bürger, sondern ein Rechtsanspruch.

Ich glaube, dass die Zeit nun reif ist, aber islamische Religionsgemeinschaften und Verbände müssen zunächst ihre Hausaufgaben ordentlich machen, damit sie professionell so etwas stemmen können. Hier habe ich noch meine Zweifel.

KNA: Was können muslimische Wohlfahrtsverbände etwa bei Pflege oder der Hospizarbeit bieten, das in christlichen oder weltlichen Einrichtungen nicht geleistet werden kann?

Ucar: Wohlfahrtsverbände arbeiten in sehr sensiblen und partiell auch intimen Bereichen menschlichen Lebens. Sie leben vom Vertrauen derer, die sich diesen Institutionen bewusst anvertrauen. Bislang gab es an dieser Stelle im Gegensatz zu Christen oder Juden keine reale Alternative für Muslime. Eine religions- und kultursensible Pflege und Begleitung kann in diesem Kontext einer bestimmten Klientel sehr helfen. Dies sollte nicht unterschätzt werden. Das Thema muss man aber sehr bedacht und behutsam angehen.

KNA: Vor welchen Herausforderungen stehen derartige Projekte? Gibt es einen Zeithorizont?

Ucar: Zunächst benötigen wir eine Bedarfsanalyse und im Anschluss daran können weitere Schritte eingeleitet werden. Hierzu läuft momentan eine wissenschaftliche Studie. Die Frage nach dem Träger oder den Trägern muss geklärt werden und vor allem ist die Glaubwürdigkeit im Bereich der Fachkompetenz und Professionalität entscheidend für die Etablierung und Durchsetzung eines solchen Projekts.

Hier haben die muslimischen Vertreter noch eine Bringschuld zu leisten. Ich vermute, dass die Konstitution und vor allem der Aufbau eines solchen Verbands noch einige Jahre dauern wird.

KNA: Die Caritas ist offen für alle Glaubensrichtungen. Wie wäre das bei einer „muslimischen Caritas“ – könnte nicht der Eindruck entstehen, es handle sich um eine Art „exklusiven Club“?

Ucar: Auch ein muslimischer Wohlfahrtsverband muss nach denselben Spielregeln agieren, wie es die kirchlichen Einrichtungen tun. Und meines Erachtens sollte jeder an den Diensten solcher Einrichtungen partizipieren dürfen, der es wünscht. Selbstverständlich darf es keine Sonderregelungen geben.

KNA: Welche Rolle spielt karitatives Engagement im Islam allgemein?

Ucar: Der Dienst am Menschen wird im Islam zugleich als Gottesdienst, Ibada, angesehen. Jede Form der Unterstützung von schwachen, bedürftigen Menschen und Notleidenden ist nicht nur empfohlen, sondern gehört zum Kernbestand des islamischen Glaubens und Handelns, im übrigen unabhängig von Religionszugehörigkeit.

KNA: Was heißt das konkret?

Ucar: Bezüglich der Versorgung von Kranken und Hilfsbedürftigen gibt es zahlreiche Gebote, eines der fünf Säulen des Islam ist beispielsweise die Abgabe des Zakat, einer Sozialabgabe für Bedürftige. Das Thema wird die deutschen Muslime in Zukunft viel stärker tangieren, da auch sie mittlerweile mit dem Phänomen der Alterung immer mehr konfrontiert sind. Zuwanderungsbedingt war das bis vor einigen Jahren noch eher ein Randthema, das hat sich aber heute schon sehr geändert.

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