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Der Politiker als Vakuum

Bob Woodward gibt Einblicke in die Typologie eines Präsidentendarstellers

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Foto: Official White House Photo, D. Myles Cullen | Lizenz: gemeinfrei/Public Domain

(iz). Eigentlich braucht es keine Enthüllungsbücher über Donald Trump. Diese Verkörperung des betreuten Regierens muss gar nicht erst öffentlich gemacht werden. Täglich manifestiert sie sich auf allen möglichen Medienkanälen, in sozialen Netzwerken und der Einbildung von Fans, Gegnern und dem staunenden Rest der Welt. Was direkt nach der Wahl und in den ersten Monaten noch massive Empörung mobilisierte, ist ein Stück weit einem voyeuristischen Infotainment gewichen.

Nichtsdestotrotz lohnt Bob Woodwards Buch „Furcht“ über den Wahlkampf und die erste Hälfte der Amtszeit des einstigen Immobilienmoguls die Lektüre. Aber nicht, wie mancher meinen sollte, weil in dem Band bisher unbekannte Skandale an die Tagesordnung kommen, wie das Genre der Enthüllungsbücher nahelegt. Der vermeintliche Skandal Trump begegnet uns in schöner Regelmäßigkeit auf Twitter und den Schlagzeilen der internationalen Medien.

Wer auf den wohligen Schauer – oder die emotionale Empörung – erhofft, sollte das Buch aus der Hand legen. Die ewige Wiederkehr des Fettnäpfchens bringt nichts Neues, sondern immer wieder nur das Gleiche. Man muss es richtig lesen (lernen), ansonsten ist „Furcht“ kaum mehr als eine Verkettung peinlicher Slapstickeinlagen des Politikdarstellers. Was Woodward – wohl ungewollt tut –, ist uns in der Chronologie des Typus von Donald Trump (und in Analogie auch anderer) die Gestalt des Politikers als ein Vakuum zu beschreiben.

Im präsidialen „Alltag“ wird erkennbar, dass die „Regierung“ zu funktionieren scheint, obwohl der „Kopf“ an ihrer Spitze kaum eine Gelegenheit auslässt, das Schiff des Weißen Hauses zum Kentern zu bringen. Anhand prägnanter Situationen beschreibt der langjährige Investigativjournalist Bob Woodward, wie im Rahmen eines betreuten Regierens die Mitarbeiter Trumps immer wieder Mühe damit haben, ihren Chef durch allerlei Kniffe von massiven Fehlern abzuhalten, seine abstrusen Vorhaben einfach unter den Tisch fallen zu lassen oder ihn durch bürokratische Trägheit ablenken. Das geht so weit, dass ein Protokollchef zeitweise das Wochenendprogramm von Donald Trump zu beeinflussen suchte, damit dieser nicht wie gewohnt am Sonntag nach gewohntem Fernsehkonsum seinen Twitter-Account bedienen kann.

Wirklich interessant wird Bob Woodwards „Furcht“, wenn man sich a.) keine signifikante politische Hintergrundanalyse erhofft und es b.) nicht bei den ADHS-lastigen Kapriolen des US-Präsidenten belässt. Gesetzt des Falles, die Darstellungen entsprechen der Realität, dann wird anhand des vorliegenden Titels deutlich, dass sich das Phänomen Donald Trump (im Gegensatz zu seinen ideologischen Ratgebern wie Steve Bannon) nicht so leicht mit aufgewärmten Totalitarismus- und Faschismustheorien erklären lässt.

Gewiss, Trumps Rhetorik, das brutalisierte Gebaren seiner AnhängerInnen sowie der Ton dieses Lagers machen den Schluss verständlich, wir hätten es mit einem Widergänger von Mussolini oder Hitler zu tun. Das einzige, was der US-Präsident mit Letzterem gemein hat, ist die Tendenz, seine Untergegebenen und verschiedene Ministerien gegeneinander auszuspielen. Im Weißen Haus wird, wenn man Woodward Glauben schenken kann, häufig nicht miteinander, sondern gegeneinander gearbeitet. Anders aber als die vielen Diktatoren des 20. Jahrhunderts ist Donald Trump kein „starker Mann“. Er ist kein Gewaltherrscher, der durch brachiale Gewalt, Einschüchterung und eine „Gleichschaltung“ der Öffentlichkeit seine irrationalen Gewaltphantasien Wirklichkeit werden zu lassen versucht. Im Gegenteil, dank „Furcht“ lernen wir den Typus des Politikers als Vakuum kennen.

Woodward, Bob: „Furcht: Trump im Weißen Haus“, Rowohlt Buchverlag, Hamburg 2018, gebunden, 512 Seiten, ISBN 978-3498074081, Preis: EUR 22,95

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Sulaiman Wilms

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