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Die Offenbarung und der Dichter: Der Qur’an im Divan Goethes (1)

Zeitlebens interessierte sich das Universalgenie für das heilige Buch. Von Serdar Aslan

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Foto: Antiquariat Dr. Haack Leipzig, Wikimedia Commons | Lizenz: Public Domain

„Durch Herder wurde Goethe frühzeitig, womöglich schon im Straßburger Winter 1770/71, zur Lektüre des Korans veranlaßt. Bald stoßen wir auf Zeugnisse ungewöhnlicher innerer Anteilnahme am Islam und am Propheten Mohammed. Damals wurde der Grund gelegt zu jener Wertschätzung des Korans, die in Goethes Altersjahren der West-östliche Divan bekundet, das Werk, in dem Islam und Koran auf unvergleichliche Weise geehrt werden.“ Katharina Mommsen

(iz). Der Qur’an, das heilige Buch der Muslime, ist nach islamischer Auffassung das unmittelbare Wort Gottes. Er wurde dem letzten Propheten Muhammad über einen Zeitraum von 23 Jahren (610-632 n. Chr.) herabgesandt. Der Qur’an wurde „in einer klaren arabischen Sprache“ offenbart. Wie der erste Vers „Lies/Trage vor! Im Namen deines Herrn“ (Al-Iqra, 1-2) impliziert, wurde er zunächst mündlich vorgetragen, dann aber parallel dazu systematisch memoriert und schriftlich fixiert.

Das Wort Qur’an leitet sich von der arabischen Wortwurzel q-r-’ ab, was gemäß der herrschenden Meinung „lesen“ (mit entsprechendem semantischen Feld) bedeutet. Dementsprechend bedeutet Qur’an wörtlich „der Vortrag, die Rezitation, die Lesung“. Jedes Jahr wurde zu Lebzeiten des Propheten (und wird bis heute noch) im Ramadan, in dem die Offenbarung des Qur’an begann, das gesamte Buch gemeinsam rezitiert. Neben dem Memorieren und der schriftlichen Fixierung sicherten ebenso diese jährlichen und täglichen Rezitationen die Authentizität des Textes, was nicht nur von Muslimen, sondern ebenso von der Mehrheit westlicher Islamwissenschaftler vertreten wird. Neuwirth, die in einem Beitrag die bisherige Forschung zusammenfasst, schreibt, dass davon ausgegangen werden darf, „daß mit höchster Wahrscheinlichkeit alle Verse des Korans, wie er uns heute vorliegt, authentisch, d.h. von Mohammed selbst verkündet sind“.

Nach der verbreiteten muslimischen Auffassung wurde der Qur’an bereits nach dem Tod des Propheten in der ­Regierungszeit des Kalifen Abu Bakr (634) in einem Band zusammengebracht und zur Zeit des dritten Kalifen Uthman (656) in mehreren Kopien herausgegeben und an die islamischen Zentren verschickt.

Der Qur’an, der sich mit den Christen und Juden in zahlreichen Versen aus­einandersetzt, wurde von Anbeginn seiner Offenbarung ebenso ihrerseits rezipiert. Wir können davon ausgehen, dass bereits in den ersten Jahrhunderten durch Reisende, Geschäftsbeziehungen, poli­tische Auseinandersetzungen etc., auch die Menschen im sogenannten Abendland vom Buch Allahs Bericht erhalten haben. Doch eine Beschäftigung mit dem Qur’an kam sehr spät, wozu die Vorurteile und Vorbehalte gegenüber dem Heiligen Buch der Muslime beigetragen ­haben. Bis in die moderne Zeit hinein waren die Motive des Qur’anstudiums überwiegend polemischer beziehungsweise missionarischer Natur.

Mommsen fasst ihre Auswertung wie folgt zusammen: „Seit den Kreuzzügen gab es in Europa einzelne Übersetzungen des Korans, die von Vertretern der christlichen Kirche zur Bekämpfung der muslimischen Religion veröffentlicht wurden. Ihre gegenüber dem Islam extrem feindliche Tendenz tut sich schon in Polemiken auf den Titelblättern, in Vorworten und Fußnoten kund.“

Montgomery Watts (1909-2006) kam zu derselben Schlussfolgerung: „Insbesondere unter dem Eindruck der Kreuzzüge wollten im 12. und 13. Jahrhundert abendländische Gelehrte mehr über die islamische Religion in Erfahrung bringen. Aber das Bild, das sie dabei entwarfen, kann man wohl am treffendsten mit dem Attribut ‘verzerrt’ belegen. Die abendländische Einstellung gegenüber dem ­Islam und den Muslimen orientierte sich dann über Jahrhunderte hinweg an diesem ‘verzerrten Bild’.“

Die bedeutende Rolle des Qur’an für den Islam und für die Muslime wurde nicht nur verkannt, sondern es wurde der Versuch unternommen, ihn auf jüdisch-christliche Einflüsse zurückzuführen und ihm jede Originalität abzusprechen. ­Diese Perspektive auf das Buch Allahs bildete bis ins 20. Jahrhundert hinein die allgemeine Tendenz der westlichen Qur’anstudien.

Seine überragende Rolle sahen nur wenige, sodass Bobzin im Hinblick auf damals, aber auch heute, betonend zum Ausdruck bringt: „(…) dieses Buch ist nicht nur so etwas wie die Gründungsurkunde des Islam, es ist zugleich das bis heute unumstrittene Zentrum des Islam als Religion in all seiner Vielfalt, und vor allem die nie versiegende Quelle der dem Islam eigenen Spiritualität. Und der Koran ist ein unverzichtbarer Bestandteil nicht nur der arabischen Literatur, an deren Anfang er steht und deren Sprache er zutiefst beeinflußt hat, sondern auch der Weltliteratur. Muslime sprechen von der ‘Unvergleichbarkeit’, ja der ‘Unnachahmlichkeit’ des Korans, und es gibt ­keinen vernünftigen Grund, diese Überzeugung nicht ernst zu nehmen. Daher kommt man dem Koran nicht näher, man verbaut sich sogar jeden Zugang, wenn man ihn mit fremdem Maße mißt: Der Koran ist nicht die ‘Bibel’ der Muslime, sondern etwas ganz Eigenes, Unverwechselbares.“

Es kann für das Verständnis der Tatsache, dass der Qur’an diese Rolle inne hat und auch für Goethe zeit seines Lebens interessant war, hilfreich sein, wenn seine essenziellen Botschaften und Inhalte aufgeführt werden: Es gibt einen, einzigen, nicht-trinären, unfassbaren Gott. Dieser Gott wählt Menschen aus, denen er sich offenbart und welche er als Propheten sendet. Jesus ist wie Muhammad ein Mensch und ein Gesandter Gottes. Alle Menschen sind unabhängig von Rang, Ethnie und Geschlecht vor Gott gleich. Es gibt ein ewiges Leben nach dem Tod, das sich gemäß dem menschlichen Verhalten gestalten wird, wobei die Gnade und Gerechtigkeit Gottes eine entscheidende Rolle spielen werden. Sinn des menschlichen Lebens ist die Erkenntnis und Anbetung Gottes. Islam, als die gottgegebene Religion, bedeutet die freiwillige Hingabe an Gott. Jeder Mensch ist für sein Tun selbst verantwortlich, es gibt keine Erbsünde. Muhammad ist der letzte Prophet und der Qur’an die letzte Offenbarung, die alle vorherigen Offenbarungen beinhaltet, ihre Verformungen korrigiert, erweitert, aktualisiert.

Nach Mommsen ist Goethes Beschäftigung mit dem Qur’an so intensiv, „daß der Koran nach der Bibel die religiöse Urkunde gewesen ist, mit der Goethe am vertrautesten war“. Goethes Beziehung zum Heiligen Buch des Islam war nicht nur intellektueller Natur. Es ist unverkennbar, dass er versucht hat, den Qur’an von innen heraus zu verstehen und nicht mit einer distanzierten „Außenperspektive“ an ihn heranging. Seine persönliche Bindung zu ihm bekundet er, wenn er gedenkt „ehrfurchtsvoll jene heilige Nacht zu feiern, wo der Koran vollständig dem Propheten von obenher gebracht ward“. Und er ergänzt: „Hier ist noch gar manches zu gewinnen.“ Jene heilige Nacht, von der Goethe hier spricht, in welcher der Qur’an herabgesandt wurde, ist die Nacht der Bestimmung (Lailat al-Qadr) im Monat Ramadan. Nach der Übersetzung von Rückert (1788-1866) liest sich die entsprechende Stelle im Qur’an wie folgt:

Wir sandten ihn hernieder in der Nacht der Macht.

Weißt du, was ist die Nacht der Macht?

Die Nacht der Macht ist mehr als was

In tausend Monden wird vollbracht.

Die Engel steigen nieder und der Geist in ihr,

Auf ihres Herrn Geheiß, daß alles sei ­bedacht.

Heil ist sie ganz und Friede, bis der Tag erwacht. (Al-Qadr, 1-5)

Goethe zeigt bereits in seinen jungen Jahren Interesse für die Heilige Schrift der Muslime. Das früheste unbezweifelbare Zeugnis für Goethes Kenntnis des Qur’an ist ein Brief an Herder, der ihn frühzeitig, „womöglich schon im Straßburger Winter 1770/71, zur Lektüre des Korans veranlaßt“ hatte. Im Juli 1772 schreibt Goethe an Herder: „Ich möchte beten wie Moses im Koran: Herr mache mir Raum in meiner engen Brust.“ Mommsen hat ebenso im Götz von ­Berlichingen (1772) Qur’an-Anklänge nachgewiesen.

Ein Jahr vor diesem Schreiben, im September 1771, erschien die erste deutsche Qur’anübersetzung aus dem Arabischen von Friedrich Megerlin, die beweist, „dass seine Kenntnisse des Arabischen nicht sehr hoch einzuschätzen sind“. Megerlin ist in seiner Übersetzung sehr polemisch, wenn er den Propheten des Islam als „der falsche Prophet und Antichrist“ tituliert. Er befindet sich ganz in der Tradition der antitürkischen Haltung; nicht zufällig heißt der Titel seiner Übersetzung: Die türkische Bibel. Goethe, der sich nachweislich mit dieser Übersetzung auseinandersetzte, soll sie vernichtend als „elende Produktion“ verrissen haben.

Eine andere Übersetzung, die Goethe intensiv heranzog, war die 1698 mit dem Arabischen erschienene lateinische Version von Ludovico Marracci. Anhand dieser Übersetzung hat Goethe sprachliche Korrekturen an ausgewählten Auszügen aus der Übersetzung Megerlins vorgenommen.

„Eine einigermaßen neutrale Koran-Übersetzung“, die Goethe „sich in der Epoche des West-östlichen Divans“ zunutzen machte, „stammte von dem französischen Geschäftsträger in Ägypten und Konstantinopel, André du Ruyer, der den Text aus dem Arabischen ins Französische übertrug“.

Die englische Übersetzung von George Sale, die ein Jahrhundert lang eine wichtige Quelle für das Qur’anstudium blieb und von Kennern sehr wertgeschätzt wurde, weil sie dem arabischen Original sehr nahe gekommen sein soll, wurde bald auch ins Deutsche übersetzt. Goethe soll daraus Anregungen für seine eigene dichterische Produktion geschöpft haben. „In der Divan-Epoche beschäftigte er sich erneut damit und wurde wiederum dadurch zu eigenem Schaffen inspiriert.“ Die Übersetzung des Juristen Sale, die eine ausführliche Einführung in den ­Islam enthielt, „galt doch lange Zeit als Referenz für europäische Fragen zum ­Koran“ und „galt zwei Jahrhunderte lang als unübertroffen. George Sales Intention war rein wissenschaftlicher Natur, und er kritisierte die polemischen Angriffe auf den Koran und den Islam vehement.“ Daraus wird ersichtlich, warum Goethe sich ausgerechnet von dieser Übersetzung so sehr inspirieren ließ. Dennoch gab er sich mit dieser nicht zufrieden – „Denn was ist auch jetzt Sale für uns?“ – und wünschte sich eine bessere Übersetzung.

Der Qur’an, der im Original als Gipfelpunkt sprachlich-klanglicher Schönheit gilt, „nimmt sich in den meisten abendländlichen Übersetzungen mehr oder weniger spröde, naiv und unbe­holfen aus. Die übermächtige Wirkung dieses mystischen Buches ist an die arabische Sprache gebunden“.

Joseph von Hammer, ein unermüdlicher Orientalist, der die Zeitschrift Fundgruben des Orients herausbrachte, war sich dieser Problematik bewusst. Er nannte den Qur’an das „Meisterwerk der arabischen Dichtkunst“. So bemühte er sich, eine anspruchsvollere Übersetzung zu liefern, die nach dem Urteil von Mommsen „insgesamt nicht als geglückt betrachtet werden kann“. Um einen Eindruck von dieser Übersetzung zu geben, die Goethe vorlag, seien einige Verse angeführt:

1. Wann die Sonne wird verdunkelt,

2. Wann kein Stern mehr am Himmel ­funkelt,

3. Wann die Berge in Rauch verschweben,

4. Wann trächtige Kamele keine Milch mehr geben,

5. Wann die wilden Thiere kommen ­zusammen,

6. Wann die Meere sich entflammen (At-Takwir, 1-6)

Goethe, der sich der Übersetzungsproblematik äußerst bewusst war und sich darüber Gedanken machte, schrieb: „Wir wünschen, dass einmal eine andere unter morgenländischem Himmel von einem Deutschen verfertigt würde, der mit allem Dichter- und Prophetengefühl in seinem Zelte den Koran läse, und Ahndungsgeist genug hätte, das Ganze zu umfassen.“

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