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Der Ramadan und die Fußballer: Eine kritische Antwort an den ZMD. Von Omar Abo-Namous

Wie mit Fatwas umgehen?

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(iz). Nun ist es schon wieder eine Weile her, dass der ZMD eine Pressemitteilung herausgab, in der er professionelle Fußballspieler von der Verpflichtung zum Fasten im Monat Ramadan ausnahm, damit sie ihrem Beruf nachgehen können. Dies ist insofern nicht geringfügig, da das Fasten im Monat Ramadan zu den Fünf Säulen des Islams gehört und somit eine der wichtigsten muslimischen Handlungen darstellt. Um eine Perspektive zu bekommen: Das Verbot des Alkoholtrinkens ist keine solche Säule!

Der ZMD basiert seine Aussage bezüglich des Fastenbrechens professioneller Fußballspieler auf eine „Fatwa” aus der Al-Azhar – einer großen und wichtigen muslimischen Universität, die für viele Muslime einen Ort der Wissenschaft darstellt, wo Gelehrsamkeit gepflegt wird und die somit große Achtung verdient. So heißt es beim ZMD: „Angerufen hat der ZMD neben seinem eigenen religiösen Gutachterrat die Al-Azhar (Kairo/Ägypten) – eine der führenden Autoritäten des sunnitischen Islams – und den Europäischen Fatwa-Rat (European Council for Fatwa and Research, ECFR). Die Gelehrten der Al-Azhar kamen zu dem Schluss: ‘Der Arbeitsvertrag zwischen dem Spieler und dem Verein zwingt den Spieler zu einer bestimmten Leistung, und wenn diese Arbeit laut Vertrag [nicht für Amateur-Hobbyfußball] seine einzige Einkommensquelle ist und wenn er im Monat Ramadan die Fußballspiele bestreiten muss und das Fasten Einfluss auf seine Leistung hat, dann darf er das Fasten brechen.’“ (Übersetzung aus dem arabischen Original, siehe www.zentralrat.de)

Der European Council for Fatwa and Research habe „aufgrund dieser eindeutigen Aussage” auf eine Stellungnahme verzichtet, was an sich schon komisch ist, da es heißt, dass die Anfragen in Serie gestellt wurden und nicht gleichzeitig! Die Art und Weise, wie man fragt, gibt einen Hinweis darauf, welche Antwort man erwartet und ist bekanntlich auch verantwortlich dafür, welche man bekommt. Insofern wäre es wichtig zu wissen, ob der ECFR lediglich gefragt wurde, ob er den Ausführungen aus dem Azhar zustimmt. Was der „eigene religiöse Gutachterrat” gefolgert hat, wird hingegen gar nicht beschrieben.

„Falsche Schuldgefühle“
Sowohl die Schlussfolgerung des DFL-Geschäftsführers als auch die Stellungnahme des ZMD geben Grund zur Sorge, was die Verkirchlichung des Islams innerhalb Deutschlands angeht. Der DFL-Geschäftsführer Christian Seifert sagte dazu: „Den Vereinen, wie auch den Spielern ist damit sowohl im arbeitsrechtlichen wie im theologisch-rechtlichen Sinne „Rechtssicherheit“ verschafft worden” Der Zentralrat: „Dieses Gutachten, welches der Zentralrat im vollen Unfang mitträgt, erlaubt den muslimischen Profifußballern nun ohne falsche Schuldgefühle sowohl ihrem Beruf, wie auch ihren religiösen Pflichten nachzugehen.“ Ein bekannter muslimischer Gelehrter (Ahmad ibn Hanbal) sagte einmal: „Befrage dein Herz auch wenn sie [die Gelehrten] dir eine Fatwa geben.”

Dieser Ratschlag ist aufgrund des Verständnisses der Verantwortlichkeit des Individuums – wie sie zumindest im Islam gesehen wird – ganz grundsätzlicher Natur. Nun schließt es damit nicht aus, dass man Ratschläge/Fatawa annimmt. Allein das kann aber nie dazu führen, dass das eigene Herz oder das eigene Gewissen ausgeschaltet wird. Der Zentralrat impliziert, dass man seinem Herzen nicht zu glauben brauche, da dieses ihm „falsche Schuldgefühle” vorgaukele. Die „richtigen Schuldgefühle” – dafür ist der ZMD zuständig. Diese Implikation allein ist schon ein Unding.

Formale Probleme
Das ist aber nicht das einzige Problem dieser Pressemitteilung. Sie suggeriert etwa, dass die Fatwa aus der Azhar-Universität als Antwort auf die Frage des ZMD erstellt wurde. Dabei zeigt die arabische Originalversion, die ebenfalls auf der Seite des ZMD zu finden ist, zweierlei: Die Fatwa wurde am 21.8.2008 erstellt, also fast zwei Jahre vor der Pressemitteilung und noch weit vor der Fragestellung durch den ZMD. Es wurde also offensichtlich eine bereits fertige Antwort auf eine „ähnliche Frage” weitergeleitet. Es steht zwar nicht darin, welcher Gelehrte die Antwort zu verantworten hat, aber die Fragestellung ist, neben der Quellenangabe, im arabischen Original vorhanden. Die Frage wurde an die Redaktion einer Azhar-Publikation geschickt und in der Rubrik „Nachfragen der Leser” abgedruckt. Ferner wurde die Frage nicht von einem betroffenen Spieler gestellt, sondern von einem eher skeptischen Dritten, der sich informieren möchte.

Diese Punkte sind deshalb wichtig, da eine Fatwa klassisch einige „Parameter” aufweist, nämlich: einen Fragenden (Mustafti), einen Beantworter (Mufti) und eine Antwort (Fatwa). Ein Ratschlag/eine Antwort sind also nicht nur von der Frage, sondern auch vom Fragenden und natürlich auch vom Gefragten abhängig, und es ist nicht selten, dass die selbe Frage von einem Mufti unterschiedlich beantwortet wird, je nachdem wie er den Kontext des Fragenden einschätzt. Das ist im Zeitalter der Online-Fatwa1 natürlich nicht so strikt geregelt, aber es wäre zumindest immer gut zu wissen, welche Parameter eine bestimmte Antwort hervorgebracht haben. In diesem Fall muss man annehmen, dass ein ägyptischer Fragender, der selbst nicht betroffen war (und möglicherweise eher über die nichtfastenden Fußballspieler „urteilen” wollte) die Frage in 2008 gestellt hat. Wäre die Antwort anders ausgefallen, wenn ein betroffener Fußballspieler gefragt hätte? Es ist zumindest nicht unwahrscheinlich!

Der Kontext der Frage und Antwort aus der Azhar geht leider durch die Übersetzung ins Deutsche weitestgehend verloren. Aber zumindest ist das Datum der Originalantwort enthalten, sowie eine gute Übersetzung der Frage.2

Inhaltliche Probleme
Komplett irreführend ist die Übersetzung aus dem Arabischen, wenn es um den Inhalt und vor allem um die Rechtfertigung des Gutachtens geht. Die Übersetzung ist zwar vom Sekretariat an der Al-Azhar-Universität angefertigt worden, aber der ZMD hätte zumindest hier seine eigene Übersetzung anbieten müssen, um der Antwort gerecht zu werden.

Die arabische Antwort gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil wird die Beantwortung der Frage vorweg genommen. Dieser Teil ist genauso wie der letzte komplett übersetzt. Er enthält den wichtigen Satz, dass der Fußballspieler seinen Vertrag erfüllen muss und das Fasten brechen darf, auch wenn es keine Not im Sinne eines Versorgungsengpasses aufgrund ausfallender Einkünfte gibt. Der zweite Teil der Antwort besteht aus vier Absätzen, in denen Gelehrte aus unterschiedlichen Rechtsschulen zitiert werden. In der deutschen Übersetzung werden diese Zitate in einem Absatz zusammengefasst, statt sie komplett zu übersetzen. Das ist problematisch, denn beim Original erkennt man einige Details, die für den einzelnen Spieler wichtig sein könnten. Beispielsweile sagt der Gelehrte Ibn Abidin Al-Hanafi, der teilweise zitiert wird, explizit:

„Wenn er (der Arbeiter) genügend für sich und seine Familie hat, dann darf er nicht sein Fasten brechen, aber eher soll er das Fasten brechen als zu betteln, oder er soll soviel arbeiten, wie ihm (zum Leben) reicht und wenn (dieses) ihn zum Brechen führt, dann ist dies erlaubt, wenn er keiner anderen Arbeit nachgehen kann, die ihn nicht zum Brechen (des Fastens) führen würde. Und ebenso wenn er um die Zerstörung oder den Raub seiner Pflanzen (in der Landwirtschaft) fürchtet und er niemanden gefunden hat, der die Arbeit (für einen (gerechten, also nicht überteuerten) Lohn verrichten kann und sie vertragen kann3, denn es ist ihm erlaubt, sein Gebet zu brechen für Geringeres. Allerdings, wenn er sich zu einer Arbeit für eine bestimmte Zeit verpflichtet hat und es kam der Monat Ramadan, dann ist ersichtlich, dass ihm das Fastenbrechen zusteht, auch wenn er genügend (zum Leben) besitzt, wenn sein Vertragspartner nicht einwilligt, den Vertrag aufzuheben, wie etwa im Falle des (bezahlten) Stillens, denn die Stillmutter ist vertraglich verpflichtet und ihr ist es gestattet, das Fasten zu brechen, wenn sie um das Kind fürchtet; denn die Furcht um sich selbst (also um die eigene Gesundheit des Arbeiters) ist gerechtfertigter. Und dies ist, wie es mir scheint, und Gott weiß es besser.“

Meine grobe Übersetzung zeigt immerhin vor allem, dass der Gelehrte versucht hat, die Abwägung des Einzelnen ins Spiel zu bringen, aber vor allem auch, dass der herausgegriffene Satz im Original ergänzt wird mit der Einschränkung „wenn sein Vertragspartner nicht einwilligt, den Vertrag aufzuheben”. Dem müsste ja zumindest der Versuch zuvorkommen, diesen Vertrag zu annullieren. Wenn man aber diesen Versuch bei einem bestehenden Vertrag anstreben sollte, wie sieht es dann mit dem Schließen eines neuen Vertrags aus, bei dem absehbar ist, dass dem Spieler das Fasten verboten werden könnte? Die offensichtliche Frage „darf ein solcher Vertrag ohne Not überhaupt geschlossen werden” wird nicht beantwortet, wäre aber wichtig.

Nicht gestellte Fragen und Fehlentscheidungen
Nun kommt der Kontext der Frage wieder ins Spiel: Wäre der Fragende selbst ein Betroffener, wäre es ihm sicherlich ein Anliegen gewesen, über zukünftige Vertragsabschlüsse zu fragen. Im Übrigen: Die restlichen zitierten Gelehrten behandeln ausschließlich die durch (finanzielle) Not hervorgerufene Dringlichkeit einer Arbeit, sowie eine Dringlichkeit, die aufgrund von zeitlich limitierter Arbeit (also etwa Einfahren oder Verarbeiten der Ernte) hervorgerufen wird! Ob die Dringlichkeit eines Fußballspiels mit der einer agrarwirtschaftlichen Arbeit vergleichbar ist, das kann ja jeder selbst entscheiden… Der letzte zitierte Gelehrte Abdulhamid Al-Schruani kommentiert den vorletzten und fügt vor allem hinzu, dass der Arbeiter jeweils den Willen haben muss, zu fasten, aber bei Überanstrengung sein Fasten brechen darf, also nicht von vornherein das Fasten bricht.

Ein strategisches Problem weist die Vorgehensweise des ZMD zudem auf: Es sollte kein Ding der Unmöglichkeit sein, dass ein Fußballspieler seinen Vertrag so gestaltet, dass Besonderheiten berücksichtigt werden. Letztlich sind derartige Verträge bilateral und können auch jenseits der Gehaltshöhe verhandelt werden. Der Schaden, der dem Verein entsteht, ist weit geringer als wenn der Spieler krankheitsbedingt ausfällt, und der Spieler dürfte auch mit geringeren Einnahmen als Kompensation seines Ausfalls noch überleben. Ich bin mir sogar sicher, dass einige muslimische Spieler genau das entweder schon machen oder aber anstreben. Durch die „Fatwa”4, die der DFL-Geschäftsführer zu verteilen vorhat, wird ihre Verhandlungsposition jedoch noch weiter geschwächt.

Pragmatischer Realismus und Verantwortung
Meiner Meinung nach sollte es dem Spieler überlassen werden, ob er fastet oder nicht. Denn nur er (und sein Arzt) kann wissen, wie es ihm geht. Er ist es auch, der den Vertrag mit seinem Verein schließt und dies zu verantworten hat. Der Football-Spieler Husain Abdullah etwa spielt professionell – und scheinbar nicht schlecht – und fastet im Ramadan. Und wie tut er das? „Abdullah’s worked with the team’s nutritionist on a way to keep himself healthy through Ramadan with a couple of big meals when it’s dark, and a protein shake in the middle of the night.“

Dass ein Gutachten auch logisch begründet, strukturiert und trotzdem nicht bevormundend sein kann, zeigen die vom Islamrat erstellten Ausführungen zum Fasten während der Schulzeit, wo es heißt: „Es darf im Diskurs nicht vergessen werden, dass das Fasten, genauso wie jeder andere Gottesdienst, eine Angelegenheit zwischen dem Gläubigen und Gott ist. Dies impliziert auch, dass diese Entscheidung dem mündigen Fastenden von niemandem abgenommen werden kann. Eltern und islamische Religionsgemeinschaften einerseits und Schule andererseits können Empfehlungen abgeben, Zwang ist von beiden Seiten, rechtlich wie auch religiös, ausgeschlossen.“ Eine unbedingte Leseempfehlung!

Anmerkungen:
1 die ich selbst übrigens nicht komplett ablehne
2 die den Anschein macht, als hätte der ZMD sie so gestellt, was ich aber nicht annehme. Wieder: es wäre gut zu wissen, was genau der ZMD gefragt hat.
3 Ich nehme an, hier ist gemeint, dass dieser andere die Arbeit verrichten und gleichzeitig fasten kann, aber bin mir nicht ganz sicher!
4 ich schreibe sie ausdrücklich in Anführungsstrichen aufgrund der vorgenannten Mängel

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