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Der ständige Blick auf vermeintliche Probleme verdeckt die positiven Beiträge von Muslimen in der Gesellschaft. Von Wolf D. Ahmed Aries, Hannover

Die unbekannten Leistungen

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(iz). Die Debatten im Vorfeld der jüngsten Islamkonferenz und viele Beiträge zum Islam oder den Muslimen in Deutschland verdecken die Wirklichkeit einer sich ständig vollziehenden Integration, die Muslime bereits seit Jahrzehnten ohne staatliche Hilfe leisten. Es ist an der Zeit, dass sie sich bewusst werden, was sie selbst für ihr Heimischwerden in diesem Lande erbrachten und erbringen.

Es begann mit der scheinbaren Selbstverständlichkeit einer Vereinsgründung, um eine Gebetsstätte zu unterhalten. Diese Lösung einer religiösen Frage wurde in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhundertes ohne Hilfe von außen entwickelt, das heißt, weder durch Beratung seitens auswärtiger Vertretungen noch durch Behörden. Übrigens auch gegen Skepsis in den eigenen Reihen. Das gleiche gilt für den ersten Zusammenschluss muslimischer Verbände auf Bundesebene, der vom Islam-Archiv angeregt und in Berlin umgesetzt wurde. Dafür gab es Kritik, aber keinerlei Anerkennung.

Standpunktwechsel: Als die Muslime nach einer Möglichkeit suchten, um ihre Glaubenspflichten zu erfüllen, wandten sich manche an die örtlichen Kirchen beziehungsweise Rathäuser, um festzustellen, dass diese nicht helfen konnten. Also suchten sie in Industriebrachen oder in den sich entleerenden Hinterhöfen der Großstädte. Sie mieteten oder pachteten, indem einzelne Engagierte – persönlich haftend – die Verträge unterschrieben, in deren Nachfolge dann die Vereine traten. Die Kosten wurden wie ganz selbstverständlich auf die Engagierten verteilt und später durch Vereinsbeiträge oder Spenden abgedeckt.

Die heute im Zentrum der Diskussion stehenden Imame kamen zuerst aus den Reihen der Gastarbeiter, die sich um einen ausgebildeten oder erfahrenen Imam bemühten, der aus der alten Heimat kam.

Die türkische Diplomatie betrachtete diese Entwicklung mit Misstrauen. Mancher Konsul intervenierte bei Stadtverwaltungen und musste erst durch die Kommunalbeamten lernen, dass eine Glaubensbewegung wie der Jama’at-un Nur in der laizistischen Türkei als regierungsfeindlich eingestuft werden kann, aber dass in Deutschland die Religions­freiheit sie schützte und schützt. Die Muslime erlebten diesen Schutz voller Dankbarkeit.

Inzwischen gibt es in Deutschland ein funktionierendes Glaubensleben, in dem auch die mystischen Orden ihren Platz gefunden haben. Die in der Kritik stehende Milli Görüs beteiligt sich seit Jahren an globalen Rezitationswettbewerben, bei denen jedes Jahr die besten Rezitatoren des Qur’ans gesucht werden. So stellte Deutschland mehrmals den Weltmeister in einzelnen Disziplinen, was in keiner deutschen Zeitung zu lesen war. Hingegen berichteten die in Deutschland erscheinenden türkischsprachigen Blätter darüber. Und so muss man sich schon Mühe geben, um in Zeitungen und Zeitschriften, Umfragen und Berichten Daten zu sammeln, die die unbekannte Seite der Integration offen legen.

Da meldeten vor kurzem beispielsweise Bausparkassen, dass sie einen großen Teil ihrer neuen Verträge mit „Türken“ abschlössen. Es leben zahlreiche muslimische Familien in Eigentumswohnungen oder Reihenhäusern, was vor allem für Facharbeiter und soziale Aufsteiger gilt. Schließlich gehören die Praxisschilder muslimischer Ärztinnen und Ärzte, Rechtsanwälte und Versicherungsmakler längst zur Selbstverständlichkeit in den Ballungsräumen. Und die kopftuchtragende Studentin gehört zum Bild fast jeder Hochschule. Immerhin studieren 36.000 junge MuslimInnen, die an fast dreißig Universitäten islamische Hochschulgruppen gegründet haben. Ihre Einladungen zum abendlichen Fastenbrechen im Ramadan erfreuen sich wachsender Beliebtheit.

Es war wohl das Zentrum für Türkeistudien, das zum ersten Mal auf die große Zahl türkisch-muslimischer Unternehmer hinwies. Wer dies tut, dem wird gleich entgegnet, dass dies neben dem Reiseunternehmer Öger doch nur Lebensmittelhändler seien, was schlicht nicht mehr stimmt.

Zudem entwickelte mancher Einzelhändler aus seinem Laden über die Jahre ein Unternehmen mit mehreren Filialen und einer großen Zahl von Angestellten. Dies gilt auch für den einen oder anderen Bäcker beziehungsweise Fleischer, dessen halal geschlachtete Waren auch christlich-säkulare Kunden überzeugen.

Es mag für manchen Bildungsbürger merkwürdig sein, aber es gibt ganz normale Eltern, die ihre Kinder an einer türkischen (Privat-)Schule anmelden, von denen es inzwischen acht gibt. In ihren Lehrkörpern sind Muslime bisher die Ausnahme. Sie zeichnen sich jedoch dadurch aus, dass ihre Schulgebäude so aussehen, wie deutsche Schulen in den fünfziger Jahren: sauber und ordentlich. Der ständige Blick auf die deutschen Türken übersieht, dass nach 1945 über 150.000 Muslime als „displaced persons“ (Vertriebene, Heimatlose) in Deutschland ohne jedes Aufsehen integriert worden sind. Hinzu kamen in den fünfziger und sechziger Jahren viele in Palästina oder Persien geborene und hier ausgebildete Ärzte und Ingenieure. Manches Kreiskrankenhaus war damals froh, dass der syrische Chirurg in die Provinz kam. Ihr Glaube spielte keine Rolle, sondern erschien den meisten als exotisch. Inzwischen sind ihre Kinder normale Mitbürger und Mitbürgerinnen, so wie es der türkischstämmige Polizist oder Bundeswehrsoldat ist, der auf dem Balkan oder in Afghanistan seinen Dienst versieht.

Und wer Abends von einer Veranstaltung des Deutsch-Türkischen Forums der CDU in Köln auf dem Heimweg die Zeitung aufschlägt und dort über Probleme der Integration liest, mag sich fragen, ob er nicht in einer schizophrenen Welt lebt: Während die einen Probleme der „Fußkranken der Integration“ diskutieren, leben andere die Normalität des deutsch-muslimischen Alltags. Nur die Schlagzeilen ändern sich scheinbar nie, denn wie schrieb die „Zeit“: „Wir haben Muslime und Deutsche gefragt, was sie voneinander halten.“ Wir muslimische Deutsche könnten doch einmal die Katholiken fragen, was sie von Deutschen oder der (protestantischen) Berliner Republik halten?

So wurden aus einstigen Gastarbeitern geduldete Mitbürger, deren wirtschaftliche Leistungen zur Kenntnis genommen werden, die jedoch unter sich bleiben sollten. Sind sie nach der obigen Schlagzeile etwa keine Deutschen? Allein, wenn diese neuen Deutschen im Urlaub in die Heimatregionen ihrer Großeltern fahren, sind sie dort die „Almancilar“, die Deutschen. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn sie sich nach jemandem umsehen, der ihre Interessen wahrnimmt. Bisher taten sich Berlin und Ankara schwer, obwohl sie vor Wahlen um ihre Stimmen warben und werben.

Im Laufe der letzten Jahrzehnte gründeten einige ehemalige Gastarbeiter bilaterale Vereine, in denen sie nicht nur Erinnerungen pflegten, sondern sich auch um das Gespräch mit ihrer neuen Heimat bemühen. Hinzu kam manch gezielte „Entwicklungshilfe“. Hieraus entwickelten sich zwei neue Ansätze: So wurde das „Deutsch-Marokkanische Kompetenznetzwerk“ (DMK) gegründet, in dem man sich um Zusammenarbeit zwischen Marokkanern hier und Betrieben im nordafrikanischen Königreich bemüht. Auf deutsch-türkischer Seite fanden sich Unternehmer und Selbstständige – die fast alle einen universitären Abschluss haben – in der „Union Europäisch-Türkischer Demokraten“ (UETD) zusammen, um ihre Interessen in Berlin wie in Ankara zu vertreten.

Während die Älteren den Spagat zwischen der alten und der neuen Heimat schmerzlich leben, ist die Mehrheit der dritten Generation hier zu Hause, wie die Entscheidungen der Jungen im Umgang mit dem Doppelpass zeigen. Sie wollen mehrheitlich den deutschen Pass. Dem entspricht, dass das jüdische Museum in Berlin zwei junge Deutsch-Türken beschäftigt.

Es gibt nicht nur „Fußkranke der Integration“, sondern auch viele, die längst in der Mehrheit aufgegangen sind… nur Muslime sind sie geblieben.

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