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Der stereotype Blick von außen

Laufstege und Models mit Kopftuch: Die ­Darstellung der Muslimin als geheimnisvoll und schön ist zurück. Von Aisha Hasan

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Foto: Modanisa

Wenn wir historische, westliche Darstellungen muslimischer Frauen betrachten, finden wir die üblichen orientalistischen Metaphern. Die Frauen des Ostens werden als voller Geheimnisse und Exotik beschrieben. Mit Ausnahme einiger, weniger Frauen aus dem Westen, denen die Dokumentation des umfangreichen Beitrages zum muslimischen Gemeinwesen gelang, beschrieben die kolonialen Geister die Damen als Bauchtänzer. Gehüllt in durchsichtige Schleier, verborgen hinter den Wänden der Harems, wo sie ihr Leben im Warten auf die Männer verbringen.

Ingres‘ „Grande Odaliske“ (1814) zum Beispiel zeigt eine Konkubine, die sich aufreizend auf dem Diwan lümmelt, während sie sich mit einem Federbusch abstaubt. Dabei blickt sie über ihre Schulter geistesabwesend auf den unsichtbaren Beobachter. Gleiches gilt für Juan Gimininezs oder Martins Repräsentation von Haremsdamen: Luxuriös gekleidet, von Reichtümern umgeben und nichts zu tun, als sich anmutig auszustrecken.

Es ist klar, dass Musliminnen gegen diese Darstellung rebelliert haben. Doch, haben wir das wirklich? In der Zeit nach dem 11. September 2001 werden wir wieder einmal als geheimnisvolles Objekt beschrieben. Im Westen wird die muslimische Frau zunehmend nicht als Beispiel eines rückwärtsgewandten Konservatismus gesehen, sondern  als eine Mischung aus Exotik und Moderne.

Während sich die Kultur muslimischer Millennials mit modernen säkularen, modernen Normen überschneidet, scheinen Musliminnen für jeden importierten „fortschrittlichen“ Standard, nach dem Frauen beurteilt werden, ein „halal“-Äquivalent zu haben. Das lässt sich leicht an der riesigen Industrie ablesen, zu der die „modest fashion“ geworden ist. Von den Laufstegen und Models mit Kopftuch zu muslimischen DesignerInnen und VisagistInnen – die Darstellung muslimischer Frauen als geheimnisvoll und doch schön ist zurück. Wenn auch in einem modernen Zusammenhang. Den Beweis finden wir auf jeder Mode-Webseite von muslimischer Seite. Sind die künstlerischen Fotos von Frauen in maßgeschneiderten Kleidern und lose gebundenen Hijabs, die elegant (und andeutungsweise) auf einem Sofa ruhen, nicht die Ingres des 21. Jahrhunderts?

Es ist ironisch, wonach das eigentliche Kleidungsstück, das im Islam zum Schutz der Weiblichkeit vor der sexuellen Verdinglichung durch die Gesellschaft dient, zu einer Waffe wurde, mit der genau dieses geschieht. Dieses wird nicht länger als etwas gesehen, welches die weibliche Schönheit verbergen soll. Vielmehr als ein Weg, mit dem angesagte Models ­demonstrieren, wie schicke und doch ­bescheiden gekleidete Muslime ihre Identität ausdrücken. Es heißt, das Tragen eines Tuches hindert keine daran, alles mögliche zu tun. Zwischen fragwürdigen Fotos bis Rap-Videos – es gibt eine ständige Jagd nach einem immer neuen Bruch von „Stereotypen“. Die Folge ist: Wir haben muslimische Frauen, die in Industriezweige eintreten, wo sie dann die ersten ihrer Art sind.

Nicht alles dreht sich um das Kopftuch. Die jüngste Veröffentlichung eines angeblichen Ratgebers über Intimität für muslimische Frauen wurde mit weitverbreitetem Wohlwollen von der Community aufgenommen. Darin wird betont, dass der Islam immer Frauen durch ihre Sexualität ermächtigt habe. Die Reaktion auf das Buch ignorierte, dass viele seiner Empfehlungen im Widerspruch zu dem stehen, was im Fiqh als erlaubte sexuelle Beziehung bestimmt wurde. Auch wird die nötige Bescheidenheit (arab. haja), mit der Frauen solche Fragen behandeln sollten, ignoriert.

Wir lesen von der Bescheidenheit eines ’Uthman ibn ’Affan, möge Allah mit ihm zufrieden sein, und wie selbst der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, scheu seine Waden bedeckte, als er dessen Haus betrat. Wie können wir uns dann über solch einen Ratgeber freuen, der auf diese Art über intime Dinge spricht? Wie viele Beiträge in sozialen Netzwerken sprechen davon, dass Bescheidenheit nicht nur eine Frage der Bekleidung ist? Es geht um unser Verhalten. Aber wann wird dieses ­Verständnis verkörpert? Hat die heutige Gesellschaft nicht die Sexualisierung von Musliminnen derart normalisiert, sodass Scham als rückwärtsgewandt gilt?

Das ist kein Fehler irgendeiner individuellen Frau, noch soll es als Angriff auf ein Individuum verstanden werden. Wir müssen unser Bewusstsein einer Kultur steigern, die dergleichen propagiert. Es geht um die Umwertung dessen, was es heißt, eine moderne muslimische Frau im 21. Jahrhundert zu sein. Die Wahrnehmung – vor allem nach dem 11. September –, dass muslimische Frauen ­angeblich unansehnlich, langweilig und unterdrückt seien, hat die Community veranlasst, diese Missverständnisse der letzten 15 Jahre aufzubrechen. Aber wir haben es übertrieben.

In unserem Verlangen, ein negatives Framing abzulegen, haben wir die Bedeutung der muslimischen Frau zerbrochen: Die nicht hässlich ist, aber ihre Schönheit verbirgt. Die nicht langweilig ist, sich aber angemessen verhält. Die nicht unterdrückt ist, sich aber zeitgleich nicht nach den westlichen Definitionen von Ruhm, Mode und Glück sehnt: ­Sondern nach Allah und der Fähigkeit, ihre Stimme zur Vermittlung Seines Dins zu erheben.

Viele Stimmen meinen, wir sollten nicht mehr über solche Fragen sprechen. Sie meinten, man führe einen unnötigen Blick auf Musliminnen fort, indem das Gesehene kritisiert wird.  Für meinen Teil werde ich nicht tatenlos danebenstehen, wenn ich zusehen muss, wie meine Schwestern Opfer der gleichen Unsicherheiten, Traurigkeiten und Illusionen werden, von denen Allah sagte, dass wir von ihnen frei sein werden.

Schlussendlich werden wir durch den Islam zur Bescheidenheit über Handlung wie den Hijab oder Zurückhaltung ­motiviert, um das weibliche Glück zu gewährleisten. Und nicht, um Frauen von der Gesellschaft aus finanziellen, ideologischen oder persönlichen Gründen auszubeuten. Das ermöglicht ein Leben, in dem nur Allah, dem Erhabenen, Gehorsam gilt. Was wir heute sehen, ist keine Ermächtigung. Es ist eine Subkultur, die unsere Schwestern den gleichen Gefahren aussetzt, vor denen sie in säkularen ­Gesellschaften stehen – von ungleicher Bezahlung, über den Ausfall durch ­Mutterzeiten bis zur Notwendigkeit, mit 40 Jahren noch wie 25 auszusehen.

Es ist Zeit für uns, die Versuche von jedem abzulehnen, das zu verändern, was es heißt, Muslima zu sein. Wir müssen unsere Augen öffnen und alle Kulturen verurteilen, die unislamisch sind – nicht nur die offensichtlich, einschränkenden im Osten. Wir sind die einzigen, die uns aus diesem Gefängnis befreien können und Islam ist das einzige Mittel dafür.

Bekanntermaßen sagte der bekannte Radikale Franz Fanon 1959: „Es war die kolonialistische Raserei zur Entschleierung der (muslimischen) Frau. In dieser Schlacht war der Besatzer zur Entschleierung entschlossen … denn darin findet sich der Wille, sich die Frau zu unterwerfen, sie zu einem möglichen Besitzobjekt zu machen.“ Ich würde behaupten, dass die Orientalisten von heute einen Weg gefunden haben, muslimische Frauen zu besitzen, während diese ihren Schleiern tragen.

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