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Der stete Ruf nach der Reform

Durch die Verabsolutierung der Gegenwart werden Grundüberzeugungen der islamischen ­Glaubenslehre verkannt. Von Prof. Dr. Bülent Ucar

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Foto: Al Azhar Media

(NZZ). Die heutigen Diskussionen um die Scharia im öffentlichen Diskurs sind weiterhin getragen von Rufen nach Reform, Wandel und einem muslimischen Luther (im kommenden 500-Jahr-Jubiläum der Reformation werden diese Rufe sicher noch zunehmen). Auffällig ist dabei, dass insbesondere entweder nichtmuslimische Akteure oder aber sogenannte Islamkritiker aus dem muslimischen Kulturkreis, die gerne im Gewand legitimer Religionskritik auftreten, eine exponierte Bühne in den Medien bekommen und eine schlichte Anpassung an den Zeitgeist einfordern, ohne sich der Dialektik der Aufklärung im Sinne Adornos, Horkheimers oder Voegelins bewusst zu sein.

Durch die Verabsolutierung der Gegenwart und ihrer Prämissen negieren sie partiell Grundüberzeugungen islamischer Glaubenslehre und verkennen, dass Religion kein Wunschkonzert oder gar Ersatz für einen esoterischen Wohlfühlzustand ist. Weiterhin sind diese Kritiker in der Regel keine Theologen beziehungsweise formal oder traditionell islamisch ausgebildete Akademiker oder Gelehrte, sondern dienen eher als Kronzeugen im öffentlichen Diskurs, die gerne antiislamisch skandalisieren und das schreiben, was verängstigte Wutbürger lesen möchten. Seriöse Islamwissenschaftler, besonnenere Theologen und traditionell ausgebildete Gelehrte aus der Mitte der islamischen Gemeinschaft haben bestenfalls eine Nebenrolle in diesem Diskurs.

Der Begriff „Schari’a“ ist umgangssprachlich gut mit unserem Begriff der Religion vergleichbar, und es ist unzulässig, ihn auf ein drakonisch ausgemaltes Strafrecht zu reduzieren.

Die Gleichsetzung der Religiösen mit Extremisten hat die Marginalisierung ganzer Gruppen zur Folge. Dies hat verheerende Auswirkungen: Da differenzierte, wissenschaftlich fundierte und authentische Stimmen des Islam hier weniger Beachtung finden, nehmen kulturkämpferische Abgrenzungsdebatten zu, die das Blockdenken verstärken und ein essenzialistisches Weltbild festigen. Die Folgen einer solchen Entwicklung auf gesellschaftlicher Ebene dürfen nicht ausgeblendet werden. Die gesellschaftliche Atmosphäre scheint vielerorts vergiftet, was sich nicht nur im Wahlverhalten widerspiegelt, sondern auch Auswirkungen auf das Zusammenleben hat. Diskriminierungserfahrungen muslimischer Bürger in Deutschland nehmen seit Jahren zu, ebenso die rechte Gewalt.

Einige gehen in dieser Gemengelage mit ihrem Wunsch nach einem „europäischen Islam“ so weit, dass sie von Muslimen eine vollständige Säkularisierung und eine Distanzierung von der Schari’a als „Entrée-Billet zur deutschen Kultur“ einfordern. Das zeigt die völlige Unkenntnis islamischer Grundbegriffe, denn der Begriff „Schari’a“ meint zunächst nichts anderes als einen Weg, der anhand konkreter Normen zu Gott und zum „Heil“ führen soll.

Dieser Begriff ist umgangssprachlich gut mit unserem Begriff der Religion vergleichbar, und es ist unzulässig, ihn auf ein drakonisch ausgemaltes Strafrecht zu reduzieren. Tatsächlich gehört die rituelle Waschung ebenso zur Schari’a wie die Befolgung bestimmter Anstandsregeln beim Essen, die Ehrung eines Gastes oder die Güte gegenüber den Eltern. Hier wäre also zu fragen, was unter „Schari’a“ verstanden wird und ob die europäischen Erfahrungen auf den Islam zu übertragen sind.

Große Teile des islamischen Kulturkreises können trotz zunehmenden Säkularisierungstendenzen jenseits von religiösem Extremismus und dem nahezu vollständigen Bedeutungsverlust der Religion einen anderen Weg gehen, als es die westlichen Gesellschaften seit der Aufklärung vorgemacht haben. Hundert Jahre nach dem Sykes-Picot-Abkommen zeigt sich, dass das Oktroyieren westlicher Ordnungsvorstellungen beziehungsweise das Installieren opportuner Regierungen durch militärische Interventionen oder deren ökonomische Unterstützung politisch wie auch gesellschaftlich eher Chaos bewirkt, als dass es die Regionen des Orients befrieden würde.

Zugleich besteht in der islamischen Welt unter gemäßigten Gelehrten nahezu ein Konsens bezüglich der Weiterentwicklung autochthoner Traditionen und islamischer Normen mit dem Ziel der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse, wie sie etwa in den Menschenrechten und demokratischen Strukturen ihren Ausdruck findet, die Diversität, Pluralisierung und Widersprüche zulassen.

Dieser Text erschient am 5. Januar 2017 auf der Webseite der „Neuen Zürcher Zeitung“ (nzz.ch). Nachdruck geschieht mit Erlaubnis des Verlags und des Autors. Bülent Ucar ist Professor für islamische Religionspädagogik am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück.

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