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Der unbekannte Aufstand muslimischer Sklaven in Bahia

Gegen die Tyrannei in Brasilien

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wikimedia commons|Johann Moritz Rugendas

(LIH). Von den Anfängen des 16. bis hin zum 19. Jahrhundert beteiligten sich europäische Händler und Staaten an der tragischen wie barbarischen Praxis, die als Sklavenhandel bekannt war. Ein Aspekt dieser Leibeigenschaft, der in Studien übersehen wurde, ist die Folge von Sklavenaufständen. Es versteht sich von selbst, dass die gefangenen Afrikaner nicht freiwillig kamen. In vielen Fällen leisteten sie Widerstand. Sie akzeptieren das Leben nicht, in das sie geworfen wurden.

Eine der bekanntesten Rebellionen war die Bahia-Revolte, die 1835 in Brasilien stattfand. Dieser Aufstand wurde vollkommen von Muslimen geplant und geführt. Die Geschichte ist beeindruckend. Der interessanteste und bestimmende Faktor der Revolte bestand in ihrem muslimischen Charakter.

Ursprünglich war Brasilien eine Kolonie der Portugiesen, bis es 1822 seine Unabhängigkeit erlangte. In der östlichen Provinz Bahia stellten Sklaven ein Drittel aller Arbeitskräfte. Die Kenntnis vom Ursprung der Leibeigenen ist sehr wichtig für das Verständnis, warum die Revolte so erfolgreich war. Die meisten kamen entweder aus Senegambien oder aus dem Gebiet der heutigen Staaten Benin, Togo und Nigeria.

Als diese Gefangenen in Brasilien ankamen, führten sie ihren religiösen Glauben fort. Die meisten von ihnen unterwarfen sich nicht dem Katholizismus. Selbst als Sklaven unterhielten sie eine islamische Gemeinschaft mit Imamen, Moscheen, Schulen und dem Gemeinschaftsgebet. In der Provinzhauptstadt Salvador, wo die Revolte stattfand, gab es über 20 Moscheen, die von Sklaven wie von Freigelassenen errichtet wurden.

Zwischen 1814 und 1816 versuchten die Muslime, eine Rebellion gegen die Portugiesen zu organisieren. Sie wollten die lokalen Behörden stürzen, alle Sklaven befreien und Schiffe für die Rückreise nach Afrika kapern. Unglücklicherweise arbeiteten einige Sklaven als Informanten für die lokale Polizei. Der Aufstand wurde unterbunden, bevor er überhaupt starten konnte.

Die gescheiterten Revolten von 1814 und 1816 zwangen Bahias Muslime, in den Untergrund zu gehen. Äußerliche Ausdrücke des Islam wurden von den Behörden unterdrückt. Trotzdem fokussierten sich die muslimischen Führer und Gelehrten auf die Einladung anderer Afrikaner zum Islam. Die Leute, die die Rebellion planten, wurden ausnahmslos von muslimischen Gelehrten organisiert. Es war die Stärke der Gemeinschaft, dass die Leute sie respektierten und ihnen eine wichtige Position einräumten. Darunter waren Männer wie Schaikh Dandara, ein wohlhabender Freigelassener, der auch ein Imam war; Schaikh Sanim, ein älterer Sklave, der eine Schule gründete, um die Leute im Din zu unterrichten; und Malam Bubakar Ahuna, der führende Gelehrte in ganz Bahia.Hier diskutierten sie ihre Pläne und bildeten die lokalen Afrikaner aus. Die Autoritäten hatten eine Ahnung, dass sich eine Rebellion zusammenbraute. Sie schickten Malam Bubakar ins Exil, sechs Monate vor dem planmäßigen Beginn. Trotzdem waren die Pläne fertig und bereits unter allen Muslimen in ganz Bahia bekannt.

Der Aufstand begann am 25. Januar 1835, nach dem Morgengebet. Es war der 27. Ramadan im Jahre 1250 des muslimischen Kalenders. Für die Mehrheit der Muslime gilt sie als „Nacht der Macht“, in der unter anderem der Qur’an das erste Mal offenbart wurde. Die Sklaven wählten dieses Datum in der Hoffnung, dass der gesteigerte spirituelle Zustand der Gemeinschaft zu größerem Erfolg führen würde.

Wegen der massiven Größe des geplanten Aufstands musste die Polizei davon erfahren. In der Nacht vor seinem Beginn wurde eine lokale Moschee gestürmt, wo die Behörden auf bewaffnete Sklaven stießen. Aus diesem Grund musste die Revolte früher beginnen. Die ersten Rebellen gingen auf die Straßen Salvadors und versammelten andere Sklaven, sich dem Aufstand anzuschließen. Bevor sich die restlichen Moscheen anschließen konnten, waren rund 300 Sklaven und Freigelassene auf den Straßen der Stadt.

Schließlich gelang es dem Gouverneur der Provinz, lokale Armeeeinheiten zu versammeln, um sich den Rebellen entgegenzustellen. Die wenigen Hundert Afrikaner standen nun über 1.000 professionellen Soldaten entgegen, die mit modernen Waffen in den Straßen Salvadors aufmarschiert waren. Die Schlacht dauerte eine Stunde und führte zum Tod von über einhundert Afrikanern und 14 brasilianischen Soldaten. Die Behörden hatten das Gefecht eindeutig gewonnen. Ein Sturz der lokalen Regierung sollte nicht gelingen, auch nicht die Übernahme von Schiffen, um nach Afrika heimzukehren. Das Scheitern war scheinbar unausweichlich.

Die Anführer des Aufstands, die muslimischen Gelehrten, wurden angeklagt und hingerichtet. Die vielen, teilnehmenden Sklaven wurden bestraft – von Einkerkerung bis Auspeitschung. Auch, wenn die Rebellion auf der Oberfläche kein Erfolg war, ist mehr Wichtiges an ihr, als es den Anschein hat.

Danach wurde das Land von einer generellen Furcht vor Afrikanern, insbesondere Muslimen, ergriffen. Die Regierung erließ Gesetze, die zur Massendeportation von Sklaven zurück nach Afrika führte. Immerhin war es ein Ziel der ursprünglichen Revolte, nach Afrika heimzukehren.

Viel wichtiger jedoch ist, dass der Sklavenaufstand von Bahia die Bewegung gegen Sklaverei in Brasilien einheizte. Auch wenn sie bis 1888 im Land anhielt, begann eine öffentliche Diskussion über die Rolle von Sklaven sowie über den Nutzen beziehungsweise den Schaden, der hierdurch für die brasilianische Gesellschaft entstand. Er gilt als eines der wichtigsten Ereignisse auf dem Weg zur Freiheit für brasilianische Sklaven.

Der Islam blieb Jahrzehnte lang ein Faktor in Brasilien. Die gewaltsame brasilianische Reaktion zur Unterdrückung der Muslime in den Nachwehen des Aufstands konnte die Religion nicht ausmerzen. Es wird geschätzt, dass 1910 immer noch 100.000 Muslime in dem Land lebten. Das ist ein Testament für die Stärke der muslimischen Gemeinschaft. Jeder Diskurs über die Geschichte des Islam in der westlichen Erdhalbkugel muss dieses Kapitel miteinbeziehen.

 

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