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Der Virus als Sand im Getriebe

Die zeitweise Aussetzung der globalen Lieferketten hat die Produktion in aller Welt ins Stocken gebracht. Von Anis Chowdhury, Jomo K. Sundaram

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(IPS). Als sich inmitten des Ausbruches des neuen Coronavirus (Sars-CoV-2) eine globale Pandemie entwickelte, erlitten die führenden Börsen in aller Welt die schlimmsten Einbrüche seit der Finanzkrise von 2008. Die OECD warnte davor, dass dieses Ereignis das weltweite Wirtschaftswachstum auf 1,5 Prozent reduzieren werde.

Das ist die geringste Rate seit 2009. Die Wachstumsprognose 2020 für China wurde von 5,7 Prozent im November auf ein 30-Jahrestief von 4,9 Prozent herabgesenkt. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen erwarten für das erste Jahresviertel einen Niedergang. Im Februar dieses Jahres kam die chinesische Produktion ins Schleudern, da viele Fabriken geschlossen blieben. Der PMI, ein weitverbreitetes Maß für die produktive Aktivität fiel im gleichen Monat auf ein Rekordtief.

Da China über 19 Prozent des globalen Bruttosozialprodukts ausmacht, ging der Leiter der Welthandelsorganisation (WTO) von einer Verlangsamung der Weltwirtschaft aus. China besetzte 2018 13 Prozent des Welthandels und 28 ­Prozent der Weltproduktion.

Entwicklungsländer – insbesondere jene, die von Rohstoffexporten und ­globalen Lieferketten abhängen – sind insbesondere verletzlich. Für die 21 afrikanischen Länder, die der IWF als „ressourcenintensiv“ ansieht und in denen sich das Wachstum bereits auf etwa 2,5 Prozent verlangsamt hatte, werden die Auswirkungen voraussichtlich schwerwiegender sein. Der Handel zwischen Afrika und China stieg 2019 um 2,2 Prozent auf 208,7 Mrd. USD (verglichen mit einem Anstieg von 20 Prozent im Vorjahr).

Selbst für die Länder Lateinamerikas ist China insgesamt der wichtigste Handelspartner. Das Hauptrisiko besteht in einer weiteren Verschlechterung der Handelsbedingungen für Rohstoffe. Die am stärksten gefährdeten Volkswirtschaften dort sind Chile, Peru und teilweise ­Brasilien. Asiatische Entwicklungsländer, die über Lieferketten, Rohstoffexporte, Investitionen und Tourismus mit China verbunden sind, sind vorrangig gefährdet. Während andere asiatische Giganten wie Japan und Südkorea, ebenfalls vom Virus betroffen sind.

Die fast durchgängige Schließung der „Fabrik der Welt“ hat die Versorgung mit Produkten und Teilen aus dem Reich der Mitte verlangsamt und so die Produktion in aller Welt beeinträchtigt. Der Produktionspartner von Apple in China, Foxconn, hat Produktionsverzögerungen zu verzeichnen, während eine Elektronik­fabrik in der Lombardei aufgrund des Corona-Ausbruchs von den italienischen Behörden geschlossen werden musste. Manche Autoproduzenten – inklusive von Nissan und Hyundai – haben ­zeitweise wegen Lieferengpässe ihre ­Fer­tigungsstätten außerhalb Chinas geschlossen. Auch das europäische Fertigungswesen kann wegen seiner umfangreichen Verzahnung mit China beeinträchtigt werden. Es wird erwartet, dass vier der weltgrößten PKW-Pro­duzenten ihre Fertigung in Europa ­schließen.

Inzwischen sind 94 Prozent der „Fortune 1000“-Unternehmen dankt dem Coronavirus mit Störungen in der Supply Chain konfrontiert. Sogar die Pharmaindustrie wird voraussichtlich Behinderungen ausgesetzt sein. Für die „Harvard Business Review“ stehe das Schlimmste noch bevor, da zu erwarten sei, dass die Auswirkungen von Virus und folgender Erkrankung auf die globale Versorgungskette Mitte März ihren Höhepunkt ­erreichen. Das werde „Tausende von ­Unternehmen dazu zwingen, Montage- und Produktionsstätten in den USA und Europa zu drosseln oder vorübergehend zu schließen“.

Auch die Preise für Rohstoffe – von Naturkautschuk bis Kohle – fielen im Februar. Viele chinesische Unternehmen haben ihre Bestellungen widerrufen. Das hat die Verkaufspreise nach unten ­getrieben. Das „Wall Street Journal“ ­berichtete über einen der schlechtesten Niedergänge bei den Rohstoffpreisen seit Jahren. Ursache war der Ausbruch des Coronavirus.

Mit der Vervielfältigung der Ausbruchsherde auf mehrere Länder stürzte der Erdölpreis als Folge eines Niederganges in der globalen Nachfrage. Die Rohöl-Referenzpreise (Brent und US) fielen in den vergangenen Wochen um 16 beziehungsweise 14 Prozent – auf den niedrigsten Stand seit Juli 2017. In der ersten Februarwoche fielen die Eisenerzpreise von rund 90 US-Dollar im Januar auf nun 81,35 US-Dollar pro Tonne.

Jahrelange Ausgabenkürzungen im Rahmen von Sparmaßnahmen haben die öffentliche Gesundheitsversorgung nicht nur in Entwicklungsländern, sondern auch in Industrieländern untergraben. Verschiedene Staaten bereiten sich auf wirtschaftliche Folgen des Ausbruchs vor, haben jedoch nur begrenzten politischen Spielraum. Nach der globalen Finanzkrise 2008-9 fanden keine konzentrierten Bemühungen zur Erholung der öffentlichen Finanzen statt. Stattdessen wird weiterhin auf geldpolitische Maßnahmen mit histo­risch niedrigen Zinssätzen und Zentralbankbilanzen zurückgegriffen.

Chinas Zentralbank hat die Leitzinssätze bereits im Februar des Jahres ­gesenkt. Die US-amerikanische Notenbank hat ihre Geldpolitik noch weiter gelockert, dem andere schnell folgten ­beziehungsweise folgen werden. Zinssenkungen können zwar vorübergehend die Finanzmarktindikatoren ankurbeln, ­dürften jedoch kaum hilfreich sein.

Trotz der Ablehnung anhaltender finanzpolitischer Bemühungen zur Wiederbelebung des Wirtschaftswachstums zugunsten von Sparmaßnahmen seit ­einem Jahrzehnt stieg die Verschuldung weiter an. Ursache dafür war der Rückgang von Einnahmen dank Steuererleichterungen. Der jetzige Spielraum wird auch durch die öffentliche Wahrnehmung des Rekordniveaus der globalen Verschuldung begrenzt – geschätzt bei 253 Billionen USD. Das sind mehr als das Dreifache des globalen Bruttoinlandsprodukts.

Obwohl die wirtschaftlichen Kon­sequenzen des Ausbruches von Sars-CoV-2 eine globale Antwort nötig machen, steht der Multilateralismus auf dem Kopf. Also ob sie ihre wachsende Unwichtigkeit unterstreichen wollten, verpassten die G20 eine wichtige Chance auf Führung beim Treffen ihrer Finanzminister vom 22.-23. Februar im saudischen Riad.

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