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Auf der Suche nach neuen Bedeutungen

Der Weg eines Reisenden: Ein amerikanischer Schriftsteller berichtet über seinen Weg zum Islam. Von Michael Wolfe

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Screenshot: YouTube

(TMO). Nach 25 Jahren als Schriftsteller in Amerika war ich auf der Suche nach etwas, um meinen Zynismus zu mildern. Ich suchte nach neuen Perspektiven, dank derer ich sehen konnte. Die Weise, auf die wir erzogen wurden, verdeutlicht einen gewissen Bedarf in dieser Hinsicht.

Mit einem pluralistischen Hintergrund versehen waren für mich Fragen nach Rassismus und Freiheit verständlicherweise von großer Bedeutung. Dies veranlasste mich, dass ich als 20-jähriger drei Jahre nach Afrika ging. In dieser prägenden Zeit hatte ich Kontakt zu Schwarzen aus unterschiedlichen Stämmen, zu Arabern, Berbern und sogar Europäern, die Muslime waren. Überwiegend teilten diese Leute nicht die westliche Obsession von Rassen als eine soziale Kategorie. Bei unseren Begegnungen war Hautfarbe selten von Bedeutung. Zuerst wurde ich willkommen geheißen und dann entsprechend meiner Leistung bewertet.

Europäer und Amerikaner – darunter auch viele, die keine rassistischen Ansichten haben – hingegen teilen Menschen automatisch nach rassischen Kriterien ein. Die Muslime klassifizierten die Menschen entsprechend ihrer Religion und ihrer Handlungen. Ich empfand dies sowohl erhebend als auch erfrischend. Malcolm X erkannte die Rettung seines Landes im Islam. „Amerika muss den Islam verstehen“, schrieb er, „denn dieser ist die eine Religion, welche die Rassenfrage aus seiner Gesellschaft entfernt hat“.

Außerdem suchte ich einen Ausweg aus den isolierten Begriffen einer materialistischen Kultur. Ich suchte eine spirituelle Dimension, aber die konventionellen Wege, die ich als Junge kannte, waren mir versperrt. Mein Vater war Jude, meine Mutter Christin. Wegen dieses gemischten Hintergrunds hatte ich Wurzeln in zwei religiösen Lagern. Beide Glaubenswelten waren zweifelsohne tief, aber hatten Aspekte, die für mich inakzeptabel waren. Ein Jahrhundert ­zuvor wurde der Name meiner Ur-Ur-Großmutter in einem Kirchfenster der Christuskirche in Hamilton, Ohio festgehalten. Im Alter von 25 Jahren aber hatte dies keinerlei Bedeutung für mich.

Derart waren die Bedingungen, die mir mein Leben in jungen Jahren stellte. Je mehr ich heute darüber nachdachte, desto häufiger kehrte ich zu meinen Erfahrungen im muslimischen Afrika zurück. Nach zwei Rundreisen in Marokko – 1981 und 1985 – hatte ich das Eindruck, dass der Kontinent als solcher wenig mit dem Gleichgewicht zu tun hatte, dass ich dort fand. Ich suchte weder einen Kontinent, noch eine Institution. Ich wollte einen Bezugsrahmen, anhand dessen ich leben konnte; ein Vokabular spiritueller Konzepte, das ich auf meinen Alltag anwenden konnte. Ich wollte meine Kultur nicht „eintauschen“, sondern suchte Zugang zu neuen Bedeutungen.

Nach dem Abendessen auf einem Transatlantikflug stand ich auf, um mir die Hände zu waschen. In meiner Abwesenheit versammelte sich eine Gruppe chassidischer Juden, um vor dem Waschraum zu beten. Als ich fertig wurde, waren diese zu versunken, um mich zu bemerken. Beim Verlassen des Badezimmers konnte ich kaum die Tür öffnen. Ein Heraustreten in den Gang zwischen den Sitzreihen stand außer Frage. Als ich meinen Kopf aus der Tür zwang, starrte ich auf den Rücken der Gläubigen. Mit ihren handtellergroßen Gebetbüchern machten sie eine beeindruckende Figur, als sie sich zum Rhythmus ihrer Rezitation auf den Brustkorb schlugen. Zug um Zug wurden ihre Bewegungen sprunghafter. Ich beobachtete das Ganze von der Tür meines Waschraums aus, bis sie fertig waren. Danach schlängelte ich mich durch den Flugzeuggang bis zu meinem Sitz. Wir setzten zur Zwischenlandung in Brüssel an. Beim erneuten Einstieg fand ich eine zurückgelassene jiddische Zeitung in der Ablage des Vordersitzes. Als das Flugzeug in Richtung Marokko startet, waren die Männer verschwunden.

Ich würde niemals behaupten wollen, dass mein Leben in dieser Phase irgendwelchen großen Plänen gefolgt wäre. 1981 war ich von meiner Neugier und Reiselust getrieben. Wenn ich das Geld dazu hatte, war Marokko mein beliebtestes Reiseziel. Wenn nicht, gab es immer immerhin noch die Bücher.

Jene Faszination brachte mich in Kontakt mit einer Handvoll Schriftstellern, die – angetrieben vom Exotischen – zu Sätzen wie beispielsweise diesem von Freya Stark fähig waren: „Der ewige Charme Arabiens besteht darin, dass der Reisende hier einfach ein simpler Mensch ist. Die Direktheit der Menschen – die, wie alle unkomplizierten Tugenden, tödlich für sentimale Gemüter oder Pedanten ist – und das Vergnügen, um seiner selbst willen geliebt zu werden, kann zu den fünf Gründen für das Reisen hinzugefügt wurden, die mir vom Uhr­macher Sayyid Abdulla gegeben wurden: ‘Um die Sorgen hinter sich zu lassen, für den Lebensunterhalt, zur Erlangung von Wissen, um gute Manieren einzuüben und um ehrenwerten Männern zu begegnen.’“

Ich hätte keine Wunschliste aufstellen können, aber hatte immerhin eine grobe Vorstellung von dem, was ich wollte. Die Religion, die ich suchte, sollte sich zur Metaphysik verhalten, wie die Metaphysik ihrerseits zur Wissenschaft. Ich wollte mich nicht auf einen verengten Rationalismus oder mysteriösen Betrieb einstellen; nur, um deren Priester zufrieden zu stellen. Ich wollte keine Priester und keine Trennungen zwischen Natur und heiligen Dingen. Wenn möglich, wollte ich keinen Krieg gegen das Fleisch führen: Sexualität sollte eine natürlich Sache sein und nicht der Ort einer Erbsünde, die der menschlichen Spezies verhängt wurde. Schließlich wollte ich eine rituelle Komponente finden; eine tägliche Routine, die die Sinne schärfen und den Verstand disziplinieren sollte. Ich wollte mich nicht mit einem Dogma – unter Aufgabe der Vernunft – zufrieden geben.

Je mehr über den Islam erfuhr, desto mehr entsprach dieser dem, was ich suchte. Die meisten gebildeten Menschen im Westen, die ich zu dieser Zeit kannte, betrachteten ein jedes religiöses Umfeld als verdächtig. Für sie bestand Religion aus politischer Manipulation, oder sie wiesen sie als eine mittelalterliche Vorstellung zurück, auf die sie Vorstellungen aus der europäischen Vergangenheit projizierten. Es war nicht schwierig, Gründe für ihre Ansichten zu finden. Tausend Jahre westlicher Geschichte geben uns gute Gründe, einen historischen Pfad zu bedauern, der zu so viel Unwissenheit und Schlächtereien führte. Vom Kinderkreuzzug und der Inquisition bis zum verzerrten Glauben von Nazismus und Kommunismus – ganze Länder wurden durch Glauben verzerrt. Nietzsches Furcht, dass der moderne Nationalstaat zu einer Ersatzreligion werden könnte, hat sich als tragisch korrekt erwiesen. Unser Jahrhundert, so schien mir, mündete in ein Zeitalter jenseits des Glaubens – in dem Gläubige genauso lebten wie Agnostiker.

Ungeachtet welcher Kirchenzugehörigkeit, so ist der säkulare Humanismus, die Luft, die westliche Menschen atmen und die Linse, durch die wir blicken. Wie jede andere Weltanschauung auch ist sie alles durchdringend und offenkundig. Versunken in unsere kollektive Voreingenommenheit kann man leicht übersehen, dass es auch noch andere Lebensweisen auf dem gleichen Planeten gibt.

Im Augenblick meiner Reise folgten 650 Millionen Muslime als Bevölkerungsmehrheit in mehr als 44 Staaten den formalen Lehren des Islam. Hinzu kamen weitere 400 Millionen, die als Minderheiten in Europa, Asien und Amerika lebten. Aufgrund sozio-ökonomischer Entscheidungen nach dem zweiten Weltkrieg wurde der Islam binnen 30 Jahre zu einer wichtigen Religion in Westeuropa.

Meine politisierten Freunde reagierten bestürzt über mein neues Interesse. Sie verwechselten den Islam durchgehend mit den Machenschaften eines halben Dutzends östlicher Tyrannen. Die Bücher, die sie lasen und neue Fernsehsendungen beschrieben den Glauben als Bündel politischer Funktionen. Von seiner spirituellen Praxis war fast nichts zu hören. Ich zitierte ihnen gegenüber gerne Mae West: „Jedes Mal, wenn man sich über Religion lustig macht, ist man derjenigen, über den gelacht wird.“

In geschichtlicher Hinsicht betrachtet ein Muslim den Islam als den endgültigen, gereiften Ausdruck der ursprünglichen Religion, die bis auf Adam zurückgeht. Er hält absolut am Tauhid [der Lehre der Einheit Allahs] fest und die vorangegangenen Propheten werden als Glieder einer Kette geachtet, die erst in Jesus und schließlich in Muhammad, möge Allah ihnen allen Frieden geben, mündet. Sein Buch, der Qur’an, veranlasste Goethe zu der Bemerkung: „Sie sehen, seine Lehren gehen niemals fehl. Mit all unseren System können wir und – allgemein gesprochen – kein Mensch weitergehen.“

Der traditionelle Islam findet seinen Ausdruck in der Praxis der fünf Säulen: Glaubensbekenntnis (Schahada), Gebet (Salat), Wohlstandsabgabe (Zakat) und Fasten im Monat Ramadan sind Handlungen, die wiederholt im eigenen Leben vollzogen werden. Wenn es die Umstände zulassen, hat jeder Muslim darüber hinaus die Pflicht, einmal im Leben die Pilgerreise nach Mekka zu unternehmen. Das arabische Wort für diesen Ritus ist „Hadsch“. Einige Gelehrte setzen dieses Wort in Beziehung zu „Qasd“ (das Bestreben, einen Weg zu gehen) und der Erkenntnis, dass Männer und Frauen Reisende auf der Erde sind. Im westlichen Verständnis von Religion ist das Pilgern verkümmert; ein vergangenes, folkloristisches Konzept, dass auf eine Metapher reduziert wurde. Unter Muslimen auf der anderen Hand verkörpert die Hadsch für Millionen neuer Pilger alljährlich eine lebendige Erfahrung. Trotz des modernen Gehalts ihres Alltags bleibt sie ein Akt des Gehorsams, eine Bezeugung ihres Glaubens und ein sichtbarer Ausdruck einer spirituellen Gemeinschaft.

Als neuer Muslim fühlte ich mich verpflichtet, nach Mekka zu gehen. Als Reise-Süchtiger konnte ich mir kein unwiderstehlicheres Ziel vorstellen.

Das jährliche, einen Monat dauernde Fasten im Ramadan geht der Hadsch ungefähr hundert Tage voraus. Der Zeitraum zwischen beiden stellt eine Periode des erhöhten Bewusstseins innerhalb der muslimischen Gemeinschaft dar. Genau diese Phase wollte ich nutzen. Ich las über den Islam, besuchte eine Moschee in der Nähe meines Hauses in Kalifornien und begann mit der islamischen Lebenspraxis. Nun hoffte ich, das Erlernte dadurch zu vertiefen, dass ich in eine Region reiste, in der der Islam mit allen Aspekte der Existenz verwoben ist.

Ich begann in Marokko, denn ich kannte dieses Land gut, das einem traditionellen Islam folgt und relativ stabil ist. Das letzte, was ich wollte, war, in der tiefsten Provinz voller aufständischer Sektierer zu beginnen. Ich wollte im Hauptstrom schwimmen – einem weiten und ruhigen Gewässer.

Der US-Amerikaner Michael Wolfe, geb. am 03. April 1945, ist Dichter, Autor, und Präsident der Unity Produktion Foundation.

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