IZ News Ticker

Der Weg zur Barmherzigkeit liegt in der Nachfolge des Propheten. Von Hassina Khan, Braunschweig

Zwischen Vergebung und Gerechtigkeit

Werbung

(iz). Der Prophet bat um Vergebung für seine Gemeinschaft und erhielt die Antwort: „Ich habe ihnen allen vergeben, mit Ausnahme von Handlungen der Unterdrückung. Denn Ich werde im Namen des Geschädigten Wiedergutmachung von seinem Unterdrücker einfordern.“ (Tirmidhi)

Im Qur’an finden wir, dass Allah gerecht ist und Gerechtigkeit einfordert, aber Er ist gleichermaßen vergebend und ermutigt zu Vergebung. Tatsächlich findet die Erwähnung der letzten Eigenschaft im Vergleich zur ersten häufiger statt. Zwischen beiden entsteht eine dynamische Spannung. Bekannt ist die Göttliche Aussage „Meine Barmherzigkeit übersteigt meinen Zorn“ (Bukhari), aber trotzdem sollten wir den Göttlichen Zorn nicht außer Acht lassen. Tatsächlich ist die Abscheu vor Ungerechtigkeit ein Bestandteil der prophetischen Darstellung der Eigenschaften Allahs. An vielen Stellen wird bestätigt, dass diejenigen, die in dieser Welt Allahs Gerechtigkeit nicht aufrecht erhalten, in der nächsten die Konsequenzen dafür ziehen müssen. „Es gibt eine Sadaqa, die für jeden Teil des menschlichen Körpers gegeben wird. Und für jeden Tag, über dem die Sonne aufgeht, gibt es eine Belohnung für eine Sadaqa desjenigen, der Gerechtigkeit unter Menschen schafft.“ (Bukhari)

Gerechtigkeit (‘Adl) ist angemessene Unparteilichkeit. Das gleiche Wort wird verwendet, um die Harmonie der verschiedenen Körpersäfte zu beschreiben. Sind beide im Gleichgewicht, sind richtiges Denken und Gesundheit die Folgen. Ist dies nicht der Fall, heißt es im Qur’an über den Jüngsten Tag, dass „ihre Zungen und ihre Hände und ihre Füße gegen sie das bezeugen werden, was sie getan haben.“ (An-Nur, 24)

Durch den Din der Fitra schenkt Allah uns mit der Offenbarung ein Verhaltensmuster der Anbetung, welches erlaubt, uns als Ganzes von der Unordnung zu reinigen, die sich aus falschen Taten ergibt. Das höchste Zeichen davon ist die Niederwerfung und die Platzierung der Stirn – dem Symbol menschlichen Stolzes – auf der Erde. Der Prophet bezeichnete das Gebet als reinigenden Fluss, in den der Betende fünf Mal täglich steigt. Die reinigende Sadaqa hat eine soziale Folge. Ihr höchster Aspekt ist die Etablierung der Gerechtigkeit. Nicht von ungefähr bezeichnete der Prophet das deutliche Wort gegen einen ungerechten Herrscher als einen Teil der Anstrengung auf dem Wege Allahs. Das Modell dafür war der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, der sich selbst gefährdete, um im von Bürgerkrieg zerrissenen Arabien Gerechtigkeit zu schaffen, und dessen Leben in der spirituellen Form der Armut endete.

In einem Hadith Qudsi (die Ansprache Allahs an den Gesandten außerhalb der qur’anischen Offenbarung) sagte Allah dem Propheten: „Ich habe Mir Ungerechtigkeit verboten; und habe sie unter euch verboten, also seid nicht ungerecht untereinander.“ (Muslim)

Das „gesellschaftliche“ Leben lässt sich in diesem Hinblick (trotz moderner Missverständnisse) nicht vom „religiösen“ trennen. Und zwar nicht nur, weil die Muslime einen wesentlich Bestand an „Werten“ in allem, was sie tun, anerkennen, sondern auch, weil wir durch Kultivierung dieser „gesellschaftlichen“ Tugenden jene guten Eigenschaften erlangen , die Allah für den Menschen ermöglicht hat.

Hier unterscheiden sich das heutige Christentum und der Islam voneinander. Der ‘Isa (Jesus) der offiziellen Evangelien, trotz Beispielen wie der „Reinigung des Tempels“, predigt eine passive Zeugenschaft. Der Prophet des Islam ertrug seine Verfolgung geduldig, aber bemühte sich andererseits um die gemeinschaftliche Schaffung von Gerechtigkeit. Dies mit einer Barmherzigkeit, die sich nicht von einem erkennbaren Lebensweg in dieser Welt trennen lässt. Ohne Zweifel ist dies kein Widerspruch von Idealen, sondern eher die Folge von zwei unterschiedlichen Kontexten. Im Islam gilt, insbesondere in der Schule von Medina und namentlich bei Imam Malik, der Bürgerkrieg gegen einen ungerechten Herrscher als ablehnenswert, und auch die Christen haben sich vom Pazifismus des Evangeliums entfernt. Und doch ist die Betonung in den grundlegenden Ereignissen unterschiedlich.

Der Prophet selbst gab Rat im Rahmen einer solchen schwierigen Situation: „Wer in seiner Autorität etwas sieht, das ihm missfällt, sollte geduldig sein, denn wer die Gemeinschaft (Dschama’a) verlässt, sei es nur in einem Teilbereich, und dann stirbt, der stirbt den Tod des Zeitalters der Unwissenheit (Dschahilija).“ (Muslim) Dieses Hadith und die Position der Leute von Medina scheint politische Passivität angesichts des Fehlverhaltens der Herrscher zu bedeuten. Zweifelsohne entwickelte sich eine Kontroverse. Die allermeisten muslimischen Gelehrten waren der Ansicht, dass – sobald ein Khalif bestimmt wurde – es für die Muslime verboten war, gegen diesen zu rebellieren. Die hanafitische Position namentlich besagt, dass die Autorität, sollte sie ungerecht oder korrupt sein, nicht abgesetzt werden dürfe – aus Furcht vor Bürgerkrieg (Fitna), der nicht nur als ein Zeichen aus Zeiten der Ignoranz bekannt war, sondern auch die muslimische Gemeinschaft für eine kurze Zeit in ihrer Frühphase heimsuchte. Diese Mehrheitsmeinung der Muslime wurde von den Sekten der Mu’taziliten, Kharidschiten, Rafiditen sowie von einigen schafi’itischen Gelehrten abgelehnt.

Aus diesem Grund ist es wichtig zu erwähnen, dass die Imame und Gelehrten finanziell von der Politik unabhängig sein müssen. Die Trennung der Gelehrten, die von Stiftungen (Auqaf) bezahlt wurden, von Politik und Militär gab den Wissenden trotzdem die Freiheit, Missbräuche der Regierenden zu kritisieren und die Interessen der Armen und Schwachen zu verteidigen.

Im letzten Teil des 20. Jahrhunderts kam diese klassische Position – gerade auch, weil es auf einer Massenbasis immer weniger unabhängige Ulama gab – unter Druck von Extremen. Einerseits beförderte Khomeini im Iran die zutiefst un-traditionelle Theorie von der Regierung durch die religiösen Gelehrten, während im Mehrheits-Islam frustrierte Individuen bewaffnete Militanz gegen ihre eigenen Regierungen propagierten. Wie Navid Kermani („Dynamit des Geistes“) und John Grey („Die Geburt Al-Qaidas aus dem Geist der Moderne“) nachwiesen, wurde dieser Gezeitenwechsel in Teilen der muslimischen Welt ironischerweise auch durch westliches Denken und Handeln hervorgerufen oder sogar aus ihm heraus gebildet.

Hier und anderswo auch steht der Prophet Muhammad für eine Auflösung der hier scheinbar widersprüchlichen Eigenschaften. Deutlich wird dies bei der Öffnung Mekkas durch die Muslime. Nachdem er das Haus Allahs umrundet und zwei Gebetseinheiten (Rak’at) verrichtet hatte, sagte er zu den Mekkanern: „Ich erkläre, wie es Jusuf getan hatte: ‘Auf euch liegt an diesem Tag keine Schuld. Allah wird euch vergeben. Und Er ist der Barmherzigste der Barmherzigen.’ (Jusuf, 92)“ (Baihaqi)

Die mekkanische Elite, die versuchte, den Gesandten Allahs zu ermorden, erwartete in Übereinstimmung mit den arabischen vorislamischen Rachebräuchen ihre Auslöschung. Stattdessen wurde sie befreit und nicht für ihre Handlungen zur Rechenschaft gezogen. Im Gegensatz zum Rachegedanken geht es im Din des Islam um die Etablierung von gerechten Verhältnissen und nicht um ein neurotisches System von Schuld und Strafe. Wie ein Gefährte des Propheten Muhammad es einmal im Falle einer schwerwiegenden Tat bezeichnete: „Ich hasse nicht meinen Bruder, sondern das, was er getan hat.“

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen