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Destruktive Dekonstruktion

Der Trend zur Dekonstruktion bedroht Freiheit und Glauben – und spielt China in die Hände

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Foto: PAS China, The White House

(iz). Die COVID-19-Pandemie hat umstürzend gewirkt. Nicht nur auf Gesundheit und Wirtschaft, sondern auch auf die politische Kultur. In ihrem Windschatten nämlich konnten weltweit zwei Themen in bis dahin ungewohnter Lautstärke diskutiert werden: Postkolonialismus und Identitätspolitik.

Sowohl Postkolonialismus als auch Identitätspolitik verstehen sich als politisch linke Denkrichtungen. Sie wollen vermeintliche oder tatsächliche geronnene Machtstrukturen aufdecken und dekonstruieren.

Dagegen wäre nichts zu sagen, wären nicht beide Bewegungen, die postkoloniale und die identitätspolitische, in ihrer jeweils dominanten Strömung radikal subjektivistisch. Kinder des Poststrukturalismus, negieren sie nicht nur die jeweilige objektivistische Verkleidung subjektiver Machtpositionen, sondern das Prinzip und die Möglichkeit von Objektivität überhaupt.

So kommt es zu der paradoxalen Situation, dass niemand heute im Kern a-moralischer ist als gerade die „moralischen“ Bewegungen, also die globale Linke. Lässt sich das Dogma der globalen Rechten in dem Satz Carl Schmitts zusammenfassen, wer Menschenrechte sage, wolle betrügen, so kann man die globale Linke auf diesen Nenner bringen: wer Moral sage, wolle unterdrücken. Das hindert die eine so wenig, moralisch zu argumentieren, wie die andere, aufs Recht zu pochen.

Der Vorwurf der „Hypermoral“, den rechte Publizisten wiederholt gegen die Linke erheben, entspringt so einer vollkommenen Verkennung der Tatsachen. Vielmehr ist es die Rechte, sind es Wertkonservativen und „Traditionalisten“, denen „Moral“ zugeordnet sein sollte; tatsächlich aber prahlt die globale Rechte mit dezidierter Amoral und hat in Donald Trump, der Fratze des globalen Wirtschaftsbürgertums, die passende Galionsfigur hierfür; die globale Linke ist nicht moralisch, sondern moralistisch. Ihr Medium ist nicht der verständnisvolle Dialog, sondern der vorverurteilende Schauprozess.

Denn die globale Linke ist ein Kind der aggressiven Säkularisierung des 19. und 20. Jahrhunderts. Ihr Markenzeichen ist nicht das Bewusstsein des Guten im Sinne einer höheren, allumfassenden Idee, sondern der generelle Ideologieverdacht (Helmuth Plessner), dem noch die eigenen Überzeugungen (und Neigungen, und Haltungen) unterworfen werden. Die Linke weiß eben – ganz anders als etwa Hannah Arendt, die das entweder sehr naiv oder sehr herrschaftswissend voraussetzte – nicht um bonum et malum (ja, sie würde es ablehnen, darum zu wissen!), sondern sie hält die Annahme einer Gegebenheit von Gut und Böse schlechthin für ein überholtes Konstrukt.

Und so will die Cancel Culture – deren „konservative“ Kritiker dies freilich nicht einmal sehen – nicht etwa das Gute befördern, sondern nur das konkret Schlechte beziehungsweise was sie dafür hält aufdecken und mit möglichstem Gepolter anprangern (in diesen Kontext gehört die rührende Wissenschaftsgläubigkeit der Linken).

Das Dogma der globalen Linken ist ein nackter Subjektivismus, der sich in dem Schlagwort der Neunzigerjahre anything goes emblematisch manifestiert. Der Trumpismus aber, die globale Rechte, ist nur die primitive, fratzenhafte Extrapolation dieses radikal subjektivistischen, nihilistischen Kerns linker Ideologie.

Die globale Linke ist nicht etwa deshalb antifreiheitlich, weil sie „so viel verbieten“ wolle, wie – intellektuell meist sehr beschränkte – rechte Kolumnisten unken, die sich um ihr Menschenrecht auf Nackensteak und Kohlekraft gebracht sehen; nein, die globale Linke ist deshalb antifreiheitlich, weil sie sich vom Fluchtpunkt der Freiheitlichkeit, nämlich der Behauptung und Setzung eines absoluten Werts „Freiheit“ und dessen universeller, göttlicher Legitimierung, radikal verabschiedet hat. Wo die globale Rechte zynisch ist (so sie sich ohnehin nicht schon an Russland und China verkauft hat), ist die globale Linke „zynisch“ im Sinne einer Achtzehnjährigen-„Ich weiß eh nicht, was nach dem Tod mit mir passiert“-Coolness; im Einzelfall verhält es sich auch umgekehrt.

Das alte Bündnis zwischen Freiheit und Religion, das unsere westliche Freiheitsordnung konstituiert hat von der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung bis zur Präambel des Grundgesetzes („Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen“), wird aufgegeben zugunsten einer subjektivistischen Beliebigkeit im Namen einer „mehrwertigen Logik“, die sich übrigens aus konkreten esoterischen Strömungen ableiten lässt. Dabei erleben Welt- und Geistesgeschichte eine merkwürdige Parallelführung: so wie 1990 die politische Bipolarität angeblich aufhörte, so wurde zeitgleich (genannt sei Judith Butler) auch die Binarität in der Logik aufgekündigt zugunsten einer Polynormativität. Der Liberalismus aber, der entgegen einem beliebten Vorurteil nicht gegen, sondern mit Gott entstanden war, wurde abgelöst vom Pluralismus, und der Glaube an Gott vom Glauben an homo deus.

Ob 1990 die Bipolarität und das binäre Prinzip freilich wirklich überwunden wurden, darüber ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Politisch ist das Bild klarer: 2001 war nicht der große Auftakt zum Clash of Civilizations, jedenfalls nicht so, wie Samuel Huntington es vorausgesagt hatte und wie viele – Linke, Rechte und Muslime allerorten – es bis heute glauben. 2001 war der Auftakt zum Clash zwischen der westlichen, freiheitlich-religiösen und der fernöstlichen, leninistisch-diktatorialen Kultur, für die westlicher Liberalismus und Religion ein und dasselbe sind. Das sollte uns zu denken geben.

Und es sollte uns verstärkt nachdenken lassen über die Rolle, die der Islam bei uns im Westen im Verein mit dem Christentum spielen könnte und vielleicht sollte. Es war ein christdemokratischer, katholischer Bundespräsident, Christian Wulff, der sagte, der Islam gehöre zu Deutschland, und es war sein Vorgänger, der schwäbische Protestant Horst Köhler, der vor der Gefährdung unserer Handelswege im Mittleren Osten warnte (und der dabei vielleicht nicht ein paar versprengte Islamisten in den afghanischen Bergen im Sinn hatte).

Zwanzig Jahre lang hat die globale Linke vor den bösen USA gezittert und gezetert, während in China eine neue Supermacht heranwuchs. Nun zittert die Welt ein halbes Jahr lang unter einem Virus, das zuerst in einer chinesischen Großstadt ausbrach, und zerbricht sich den Kopf über eine koloniale und imperiale Vergangenheit, die zwar vielleicht noch nicht in allen Köpfen, wohl aber in den Gesetzbüchern längst vergangen ist (abgesehen davon, dass sich Kolonisierte und Kolonisierende in der très longue durée am Ende vielleicht nichts schenken).

Jeder aufgeklärte Muslim sollte heute wissen, dass er von einer Weltmacht China nichts zu erwarten hat. Und jeder aufgeklärte Bürger des Westens sollte wissen, dass es das freiheitlich-konservative westliche System ist, das, so mangelbehaftet es sein mag, individuelle Freiheit und sozietale Stabilität garantiert. Es ist das poststrukturalistische, radikalsubjektivistische, esoterische Dogma von der nichtbinären, mehrwertigen Logik, das sich als idealer Türöffner des Totalitarismus erweisen könnte.

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Konstantin Sakkas

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