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Deutsche und Europäer sind ihrer historischen Herkunft entfremdet. Von Eberhard Straub

Der Islam gehört doch dazu

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Sprechen unsere Politiker davon, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, reflektieren sie zweifelsohne einen Teil ihrer Basis und verbreitete Ansichten unter der Bevölkerung. Sie reflektieren vor allem – oft ohne eigenes Zutun – ein Zerrbild des Islam, welches ihnen durch Medien und – leider auch – durch das Verhalten von Muslime (siehe die Ereignisse der letzten Wochen) präsentiert wird.

Man möchten ihnen allen zurufen, dass der Islam in dieser Art gar nicht verstanden werden kann beziehungs­weise sich hier noch nicht ereignet hat. Umso wertvoller sind daher jene Stimmen wie der Autor dieses Textes, die sich dem Thema mit offenem Blick widmen und die schrillen Töne der heutigen Debatten meiden.

(iz). Im angeblich finsteren Mittelalter war man viel weiter als heutzuta­ge. Denn im Gegensatz zu früher ist die Erinnerung verlorengegangen, dass Orient und Okzident zu einer gemeinsamen Welt mit einer gemeinsame Geschichte seit dreitausend Jahren gehören.

Wer dafür streitet, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört, ­bestreitet Goethe das Recht, ein deutscher Dichter zu sein. Er lehnte den Verdacht gar nicht ab, selber ein Muselmann zu sein. Er verehrte den Koran als göttliches ­Gesetz. „Im Koran leben wir alle, unter welcher Form wir uns auch Mut ­machen“.

Ihm behagte ein sich Wiegen zwischen zwei Welten, dem Westen und dem Osten, das heute ausgerechnet selbst ernannten Weltbürgern unter den Deutschen Angst und Schrecken einjagt. Diese fürchten sich vor dem ­Osten, vor Islamisierung. Goethe hingegen freute sich, wie herrlich übers Mittelmeer der Orient in den Okzident gedrungen; „nur wer Hafis liebt und kennt, weiß, was Calderon gesungen“. Dieser klassische Dichter Spaniens, kommt aus dem Land, das am gründlichsten vom Islam und arabischen Sitten geprägt worden war.

Da Deutschland zu Europa gehört, waren Berührungen mit dem Islam, der arabischen und türkischen Kultur unvermeidlich. Auch Deutsche brauchten Weihrauch, Spezereien, Seidenstoffe und Süßigkeiten. Das Marzipan kam aus Andalusien an die Ostsee, der Kaffee über den türkischen Balkan nach Wien.

Der Stauferkaiser Friedrich II., um 1200 in Palermo aufgewachsen, sprach fließend arabisch und kannte sich auch theologisch sehr gut im Islam aus. Er brauchte keine Islamkonferenzen. König Alfons VII. von Kastilien ließ sich 1160 als der Kaiser der drei Religionen, der Christen, Muslime und Juden, feiern. Aus den Übersetzerschulen in Toledo kamen die Werke des Aristoteles zu den Deutschen, aber auch des Averroes, mit denen die Deutschen auf eine neue Art zu denken lernten.

Höhere Lebensart suchten Barbaren aus Bonn und Paris im islamisierten und arabisierten Palermo, Sevilla oder Cordoba. Der Orient war das Reich des Luxus und der Moden.

Dorthin lässt Wolfram von Eschenbach zu Beginn seines Ritterepos Parzi­vals Vater Gachmuret aufbrechen, der die muslimische Königin Belakane heiratet. Ihr Sohn Feirefiz, ein Muslim, bewährt sich als edler Ritter im christlichen Abendland. Anstand, Höflichkeit und elegante Geistesgegenwart hingen nicht von der Religion ab. Im angeblich finsteren Mittelalter war man viel weiter als wir in unseren von vielen Lichtern erleuchteten Zeiten. Die gute Gesellschaft und deren Dichter und Denker – allesamt aufrechte Christen – kamen nie auf den Gedanken, Kultur und Religion heillos miteinander zu vermischen.

Wo die Religion trennte, half die Kultur, um das Zusammenleben zu erleich­tern. Die Erinnerung ging nie verloren, dass Orient und Okzident zu einer gemeinsamen Welt mit einer gemeinsame Geschichte seit dreitausend Jahren gehören. Die Grundlagen unserer Kultur sind älter als Christentum und Islam, von Ägyptern, Persern, Griechen, Arabern, Afrikanern oder Römern wechselnd gehegt und geprägt. Im kaiserlichen Rom mischten sich die Sprachen, die Religio­nen, die Völker.

Der Islam hat die Einheit in der Vielfalt rund um das Mittelmeer überhaupt nicht beseitigt. Die Muslime fanden sich mit dem Pluriversum ab, in dem sie sich eingemeindeten, wie zuvor die Christen. Diese Alte Welt von Gibraltar bis zum Hindukusch und über den Ural hinaus, lebte im dauernden Austausch und war aufeinander ­angewiesen.

Vieles, was heute Westeuropäern orientalisch vorkommt, war noch vor ein paar Jahrzehnten Recht und Brauch auch bei uns, weil wir Teil der Alten Welt waren, die von der Neuen Welt aus allerdings immer dramatischer in Frage gestellt wird.

Die USA begreifen sich als die bibli­sche Stadt auf dem Berge, die mit ­ihrem Licht die noch im Dunkel Weilenden erhellt und zur Wahrheit führt. Sie sind seit ihrer Gründung ein aktiv missionierender Gottesstaat, um ihren politisch-theologischen „american way of life“ in den fernsten Winkel der Erde zu tragen, wenn es sein muss mit ­Feuer und Schwert. Ihre Ideale brauchen die Einfalt, damit wir alle in ein und der gleichen Welt wie Amerikaner ­leben und denken können.

Die Europäer haben sich dieser Missionierung nicht verweigert. Sie sind selber als Mitglieder der NATO in diesem Sinne Missionare geworden. Ihrer historischen Herkunft entfremdet, ist ihnen die eigene Welt zur ­irritierenden Fremde geworden. Deutsche und ande­re Europäer bedürften deshalb dringend einiger Integrationskurse, um in der Alten Welt wieder heimisch werden zu können.

Der Artikel erschien am 27. April beim Deutschlandfunk. Der Nachdruck geschieht mit Genehmigung des Autors.

Biografische Notizen zum Autor:
Eberhard Sträub studierte von 1962 bis 1968 Geschichte, Kunstgeschichte und Archäologie an den Universitäten Bonn, München, Turin und Wien. 1968 promovierte er an der LMU München, 1977 habilitierte er dort.

Anschließend war er bis 1986 Feuilleton-Redakteur bei der FAZ, danach bis 1989 bei der Stuttgarter Zeitung, schließlich für ein halbes Jahr bei der Welt. Von 1970 bis 1974 führten ihn Forschungsreisen nach Spanien, New York und Wien. Seit 1998 lebt und arbeitet er als freier Autor in Berlin. Als Journalist schreibt Eberhard Straub unter anderem für die Berliner Zeitung, die FAZ und die Süddeutsche Zeitung. Er gehörte lange Jahre zum festen Autorenstamm des Siedler-Verlages.

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Eberhard Straub

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