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Deutscher Islam? Die Gefahr der ­negativen Dialektik

Kommentar: Immer häufiger gilt „deutsch“ bei manchen als negatives Gegenbild zu „muslimisch“. Hier wird Zugehörigkeit zu Allahs Din kulturalisiert

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Foto: Stefan Melzig, Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 4.0

(iz). Vor Beginn der Sommerferien ließ ein Ministerialer aus dem Hause Seehofer verlautbaren, das Innenministerium wolle die in die Jahre gekommene Deutsche Islamkonferenz (DIK) „neu aufstellen“. Demnach sollten auch wieder „kritische muslimische“ Einzelstimmen zugelassen werden. Die Aufgabe der nächsten Islamkonferenz werde sein, so der Verantwortliche Kerber, der auch das Ressort Heimat unter sich hat, dass die deutschen Muslime einen Islam definierten, „der zu Deutschland gehört“. In seinen Augen sei das „ein deutscher Islam (…) auf dem Boden unserer Verfassung“.

Angesichts der hiesigen Gemengelage sowie des Verlaufs bisheriger Sitzungsperioden ist es nicht unverständlich, wenn Vertreter des organisierten Islam in Deutschland hier kritisch bis allergisch reagierten. Zumal in diesen das Konzept der Anwesenheit von „kritischen, muslimischen“ Einzelpersonen sich eher nicht bewähren konnte, solange es vorhanden war. Und es ist wohl auch nicht verwunderlich, wenn Teile der migrantisch-muslimischen Community gereizt auf Vorstellungen eines „deutschen Islam“ reagieren, wie sie aus dem Ministerium kommen. Liest man das Statement von Staatssekretär Kerber mit einem kritischen Auge, kann die Idee nach staatlicher Einhegung des Islam riechen.

Selbst wenn man die Argumentation nicht in Gänze mitgeht und Raum für Wandel und ­Diskussion zugestehen will, ist das Konzept eines „deutschen Islam“ – im Gegensatz zum sonstigen – auf jeden Fall erklärungsbedürftig. Steht doch der Begriff bei vielen reflexartig für eine esoterische Variante ohne verbindliche Lebenspraxis. Dabei geht hier leider unter, dass nicht nur das Konzept eines „Staatsislam“ von bundesrepublikanischen Gnaden ein fragwürdiges ist. Das Gleiche sollte aber auch für alle anderen nationalen oder ethnisch konnotierten Varianten gelten. In der Vergangenheit hat der Zugriffwunsch eines politischen Islamverständnisses mehr Schaden als Nutzen gebracht. Da spielt es keine Rolle, welche Behörde sich die Definitionshoheit über Allahs Din vereinnahmen möchte.

Wenn nun ein langjähriger, verdienter muslimischer Vertreter in Deutschland, der persönlich zu Beginn der Islamkonferenz eine unabhängige Figur machte, seine legitime Kritik an der nega­tiven Assoziation des wertfreien Begriffs „deutsch“ äußert, betritt er einen neuen Bereich. Sprache ist verräterisch. Diese Grundregel gilt auch für uns Muslime. Wird eine negative Markierung von „deutsch“ durch die Assoziation mit islamisch verpönten Dingen (hier: Salami und Schinken) vorgenommen, betreten wir ­einen neuen Bereich: den des Ressentiments.

Es besteht Erklärungsbedarf in den Gemeinschaften Deutschlands sowie in dem, was man als muslimische Öffentlichkeit bezeichnen könnte. Immer häufiger gilt „deutsch“ bei manchen als negatives Gegenbild zu „muslimisch“. Hier wird Zugehörigkeit zu Allahs Din kulturalisiert. Dass diese – wohl unbewusst entstandene – ­Rhetorik des Gegensatzes die Sprechgewohnheit der rechten Islamkritik nachahmt, scheint ihren Nutzern nicht bewusst zu sein.

Spätestens seit 9/11 stehen Deutschlands Muslime vor der gemeinschaftlichen Aufgabe, ein positives Selbstverständnis zu formulieren sowie konkret zu sagen, was sie sein und was sie tun wollen. Solange aber die geistig und spirituell anspruchsvolle Aufgabe der Erlangung eines klaren Selbstbildes, von Definitionshoheit und positiven Konzepten ausbleibt, ist es kein wirkliches Wunder, dass andere diese Funktion – klar, aus eigennützigen Motiven heraus – an sich reißen. Hierzu gehört auch die banale Tatsache, dass es deutsche Muslime gibt und dass ein Deutscher Muslim sein kann. Daran müssen sich alle ­Seiten gewöhnen.

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Sulaiman Wilms

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